Diamant im Glück – Saisonstart in Hochgurgl-Obergurgl, Ötztal, Tirol

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Ein Beitrag von Gastautor Michael Domsalla:

Ein Diamant ist verdichtete Erde. Nicht die Erde des Bauern, die Krume. Die Erde an sich. Als Landmassen durch die Oberfläche des Urmeeres stiessen. Erde, deren Spitzen heute die Berge bilden. Ein Diamant ist verdichteter Berg. Unter unglaublichem Druck, mit unvorstellbarer Kraft entstanden. Der Höhste der Edelsteine, klar, leuchtend, einzigartig. So ist das Skigebiet Hochgurgl-Obergurgl, der Diamant der Alpen, verdichtetes Tirol.

Im Hochtal auf 2000 Metern liegen die Orte, das Skigebiet geht über 3000 Meter hinauf. Hier beginnt der Winter früher und dauert länger, als anderswo. Hier hat es pünktlich von Donnerstag auf Freitag durchgeschneit. Mitte November! Wilde Schneeflocken, ungezähmt wie die Frisur am Sonntag Morgen. Unendliches Funkeln in den warmen Lichtern des Abends. Verheißung pur. Grundlage, für ein unglaubliches Wochenende. Der erste Start in die Wintersaison in Tirol, wenn man von den Gletschern absieht. Offensichtlich ein Günstling der Skigötter. Opening ganz oben.

Schneefall in der Nacht Neuschnee am Morgen Blick aus Hotelzimmer

Der Freitag war chillig. Diffuses Licht im nebligen Berg, knisternd, knuffiger Neuschnee, sehr wenig Leute auf den Pisten. Oberschenkelwarmup. Erstes Rantasten für mich Flachlandindianer. Die Luft wird dünn auf 3000 Meter. Aber der Schnee, dieser Schnee, dieser frische, perfekte Schnee. Ach, ein Bögelchen geht noch. Dazwischen gemütliche Pausen auf den Hütten. Die Personal-Gast-Ratio auf den Hütten wie im Schlaraffenland. Das sollte sich allerdings ändern. Am Freitag Abend und Samstag kamen die meisten Gäste für das Saisonopening. Merke: Mittwoch anreisen = Donnerstag + Freitag viel Platz. ABER: mit den Gästen kam auch die Sonne. Ab Samstag früh bis Montag Abend durchgehend blauer Himmel und Sonnenschein. Merke: Sonnencreme nicht vergessen!

Ein Bild, das alles sagt, aufgenommen am Samstag, das unvergleichliche Panorama vom Top of the Mountain in Hochgurgl (klick vergrößert):

Panorama am Samstag

Auf diesen Anblick hatte ich mich schon Wochen vorher gefreut. Wer dort einmal gestanden hat, vergisst ihn nicht. Nirgends sind sie Alpen so greifbar und doch so unvorstellbar ewig und unnahbar, wie dort oben. Natürlich kenne ich ähnliche Ausblicke, aber dieser Standort hat seine eigene Magie. Schwer zu beschreiben, Ihr wisst schon, man muss es selbst erlebt haben ;-)

Direkt von 3000-und-ein-bisschen-Meter geht es endlose Pisten den Berg hinunter. Sie sind breit, sie sind schön, der Schnee ist hier oben immer einen Hauch besser, griffiger, schneeiger. Eingebettet in hochalpines Flair kann man fahren und fahren und fahren und mit dem Top Express rüber nach Obergurgl und weiter fahren und fahren und … Der Top Express ist eine Gondel. Die fährt um die 10 Minuten am Bergkamm entlang, sehr hoch über unberührte Landschaften. Woanders wäre das die Attraktion selber. Eine Ausflugsfahrt durch die Welt der Berge. Hier verbindet es die linke mit der rechten Skihirnhälfte: genussvolles Gleiten und rasante Performance. Aber wer will schon immer nur fahren, wenn die Sonne scheint.

Breite Pisten Aussichten Sonnenanbeter

Kaiserwetter. Um die 10 Grad. Wie im Frühling. Dabei fällt dir immer wieder ein und auf: Hey, das ist erst der Anfang! Weihnachten ist in 5 Wochen und du bist hier. Endless Winter. Wie können die Bedingungen Mitte November schon so perfekt sein? 
Dabei fällt dann noch etwas auf: das liegt nicht nur am Glück mit dem Wetter. Beim Skiservice wurde es mir bewußt. Wachs und Kantenschliff passten perfekt zu den Bedingungen vor Ort. Das Brett war geschmeidig und ließ sich ganz harmonisch kontrollieren. Früher hatte es sich nach dem Service immer im Schnee verbissen und mir einige Stürze eingebracht. Nun aber ganz das Gegenteil. (-> Spontanservice Talstation Roßkarbahn). Das ist professionelle Qualität. Ruhig, bescheiden, perfekt. Das gleiche gilt für die Präparierung der Pisten. Zu Beginn der Saison keine leichte Aufgabe, aber selbst auf steilsten Strecken mit viel Verkehr, war der Belag griffig, entspannt, beliebig steuerbar. Weiter gings mit dem Personal auf den Hütten. Ruhig, bescheiden, perfekt. Diese ganz bestimmte Tiroler Freund- und Gastlichkeit. Egal, wie viele just gleichzeitig Pause machen wollten. Dabei die Speisen frisch, knackig, lecker, kein 0815-Fließband-Schmaus. Die Hüttengäste tiefenentspannt. Angenehmes Völkchen, daß sich da die Tage vergnügt hat. Neben mir meinte jemand: Super, die spielen sogar Pink Floyd. Also kein Uftata. „Super Party“ geht auch ohne Unmengen Alkohol und Bassline. Das hier ist ein Sonntagmorgen aus dem Bilderbuch auf der Hohen Mut:

Ich nenn‘ es das Obergurgl-Gefühl: viel Lebensfreude und umfassende Qualität. Möge es immer so bleiben. Mein Quartier passte dazu. Das The Crystal am Ortseingang Obergurgl und direkt an der Festkoglbahn. „Schönes Team, schöner Service, schönes Hotel“ – so mein Fazit beim Auschecken an der Rezeption. „Herrlich“ wäre auch gegangen, oder „Super Perfekt“. Aber bei Dauer-Super-Lative braucht es auch sprachlich eine Pause. Andererseits haben es die Mitarbeiter mehr als verdient, fettes Lob zu bekommen.

Bewahren Zimmer Sauna

Vieles von dem, was Tirol ausmacht, findet sich hier an einem Ort und an einem Wochenende. Aber Eines gab es für mich ganz persönlich noch obendrauf. Vor 20 Jahren blieb ich völlig angewurzelt vor einem Ufo-ähnlichem Objekt stehen. Nach einigen Recherchen lernte ich, daß sein Erfinder mit sich und dem Berg und dem Schnee sein wollte. Dafür war es gebaut. Der Wunsch nach einer tiefen Verbundenheit. Meine Faszination war geweckt. 20 Jahre später ist dieser Traum in Erfüllung gegangen. Mit Führer & Snowboard die dicke, weiche Schneehaut des Bergs streicheln. Abseits der Pisten. Das Gefühl unendlich frei zu sein. Der Augenblick, wo Geduld und Training und Mut sich auszahlen. Wenn nach 20 Jahren ein tiefer Wunsch in Erfüllung geht. Mein erster Freeride in den Alpen. (Und das in meinem Alter ;-) Es ist nie zu spät für Träume. Das ist mein ganz persönlicher Diamant. Den trage ich nicht am Ringfinger, sondern in meinem Herzen. Da soll er strahlen. Wisst ihr, was ich meine?

Hohe Mut Panorama

1 Kommentar

  • Sybille Kuhls
    Wunderschön geschrieben, vielen Dank, als wäre ich dabei gewesen. Ich fahre selbst seit über 20 Jahren mit Unterbrechung (andere Skigebiete) nach Gurgl und finde, es gibt nichts Schöneres - außer einem Skiopening vielleicht -, das blieb mir nämlich bisher verwehrt. Aber was nicht ist...