Foto: Rene Riller

Die Timmelsjoch Erfahrung – wenn vermeintlich Trennendes verbindet.

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Kristina

Kristina Erhard war schon viel unterwegs, am liebsten in Afrika.... Zum Autor

Dort wo der Mensch in der Natur auf Extreme stößt, wird er oft zu Höchstleistungen inspiriert. Diese Wechselseitigkeit findet man auch, oder vor allem in der Architektur. Wo bei sich die Höchstleistungen nicht nur auf die Bauweise des Gebäudes unter schwierigen Umweltbedingungen beschränken, sondern auch die Gestaltung von eben jenem Gebäude darüber entscheidet, ob es in seiner Umgebung Bestand haben wird. Ein gelungenes Beispiel für den Spagat von hochalpiner Bergwelt, schwierigen baulichen Bedingungen und spannendem Design findet sich im hinteren Ötztal, am Timmelsjoch,  an und über der Grenze zu Südtirol.

Nahe Ferne.

Pfeifender Wind, der über den kurzen, bockigen Rasen fegt. Wolkenfetzen, dazwischen Blau und überall weites Land mit hohen schneebedeckten Gipfeln. Man bildet sich ein, die Erdkrümmung sehen zu können, spüren zu können, so empfindet man es zumindest, hoch oben hier am Timmelsjoch, dem höchsten umvergletscherten Passübergang der Alpen auf 2.509 Metern über dem Meer vor Triest. Ein Ort jahrhundertealter Tragödien und Beschwernisse, gleichzeitig ein Ort der Verbindung und Zusammengehörigkeit, des gelebten Austausches zwischen Ötz- und Passeiertal, der sich in einer sich windenden, grauen Straße wieder findet.

Das Aussehen und Weitsehen.

Genauso kontrovers und ambivalent wie die Geschichte dieses Passes ist die Architektur des Passmuseums am Timmelsjoch, das im Juni 2010 eröffnet wurde. Fast als wollten sich Architektur und Geschichte des Museums zum einen und die des Passes zum anderen gegenseitig erklären. Sie folgen einleuchtend einer Räson, als gingen sie auseinander hervor. Wobei das Wort „Museum“ als Gebäude auf das Passmuseum nicht zutrifft: Insgesamt fünf rätselhafte Skulpturen begleiten den Grenzgänger von der einen Seite des Jochs tief hinunter auf die andere Seite. Sie tragen klingende Namen: Steg, Schmuggler, Passmuseum, Fernrohr und Granat – zusammen ergeben sie die „Timmelsjoch-Erfahrung“.

Eine der fünf Skulpturen der "Timmelsjoch-Erfahrung": der Schmuggler. Jahrhundertelang war das Timmelsjoch ein "bekannter" Pass für Schmuggler.

Eine der fünf Skulpturen der „Timmelsjoch-Erfahrung“: der Schmuggler. Jahrhundertelang war das Timmelsjoch ein „bekannter“ Pass für Schmuggler. Foto: Alexa Rainer

Der erste Gedanke des Südtiroler Architekten Werner Tscholl – am Pass stehend – war: „Man darf hier nicht bauen, ich darf hier nicht bauen.“ Er sah das Joch und die umliegende Bergwelt bis zu den hohen Gletschern hinauf als in sich abgeschlossene Skulptur, andere Gebäude fänden kein Bestehen. Tscholl fand, er habe keine Berechtigung hier einzugreifen.

Das Fernrohr und das Passmuseum.

Eines ist sicher, Tscholl hat sich mit Hilfe von dunklem Beton und rostigem Stahl alle Mühe gegeben, allen Aspekten der Tiroler Geschichte, der Geschichte der Berge, in fünf architektonischen Gebilden Ausdruck zu verleihen, den guten als auch den negativen. Und der erste Eindruck des Außenstehende entscheidet wohl darüber: Schaut das Fernrohr – neben dem Passmuseum sicherlich der markanteste Bau – nun aus wie ein Fernrohr oder erinnert es den Betrachter mehr an ein überdimensionales Geschütz? Das Fernrohr besteht aus zwei im 60-Grad-Winkel zueinander stehenden, begehbaren Betonobjekten. Die grauen Baukörper weiten sich in das Panorama wie ein Fernglas aus – und richten ihren Blick zum einen der Grenze entlang auf den Gletscher, zum anderen tief nach Südtirol hinein, auf kontrastreiche Almwiesen und kleine Dörfer. „1000 Erfahrungen macht ein Reisender hier,“ erklärt Scholl, „aber erst durch den bewussten Zwang, sich die Landschaft zielgerichtet durch die Fernrohre anzuschauen, kann der Reisende seine Erfahrungen einordnen.“

Das Fernrohr eröffnet zielgerichtete Perspektiven. Foto: Alexa Rainer

Das Passmuseum stellt den Betrachter vor eine emotionale Entscheidung: Bedrohung? Immerhin ragt der markante Betonbau des Museums 16 Meter über den steinernen Berggrat hinaus. Sicherheit? Tatsächlich fügt sich seine Materialität und proto-kubistische Form in die Gebirgslandschaft ein und stellt auch einen Unterschlupf vor den Gefahren des umliegenden Berglandes dar. Einen „Findling“ nennt Werner Scholl sein Passmuseum. Tatsächlich befindet sich das Museum auf einer Gletschermoräne, jahrtausendelang ausgespuckt und angeschoben durch die Eismassen, erodiert zur heutigen Form. „Der Schliff des Gebäudes wiederum soll an die Trapezform vieler Pflanzen der Berge erinnern,“ erzählt er, „und dabei die Grenzen überwinden, denn das Fundament des Museums liegt in Nordtirol, das Gebäude an sich apert aber quasi nach Südtirol aus.“

Bedrohung oder Unterschlupf? Das Passmuseum liegt wie ein Findling auf einer Gletschermoräne – die Grenze zwischen Nord- und Südtirol verläuft dabei genau durch das Museum. Foto: Werner Tscholl

Frei der Empfindungen – signifikant sind sie auf jeden Fall, diese Skulpturen, die ein großes Ganzes ergeben wollen. Aber vor allem das Museum und das Fernrohr besetzen ihre Position innen als auch außen mit gewissenhaftem Ernst, eine Verdichtung der umgebenden Natur im Geröllfeld.

Weniger plastisch noch ein Tipp der Autorin: Das Timmelsjoch ist eine Erfahrung für sich. Nur in den Sommermonaten geöffnet, bietet es eine einzigartige Kulisse der Hochalpen. Ein Besuch der „Timmesjoch-Erfahrungen“ sollte man in jedem Falle einplanen, neue Perspektiven auf das scheinbar Offensichtliche sind den Stop in jedem Falle und bei jedem Wetter wert.

Mehr Informationen zu den Öffnungszeiten von Timmelsjoch und Passmuseum findet ihr hier: www.timmelsjoch.com
Falls ihr mehr über den Architekten Werner Tscholl erfahren wollt, empfehle ich euch seine Webpage: www.werner-tscholl.com

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