Vom Leben im Tal: So viel Leben auf so wenig Raum

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Wer an Tirol denkt, der denkt zuerst an die Alpen. An abweisende Felszacken, ungestüm, ja trotzig gen Himmel ragende Gipfel, messerscharf gezogene Grate, noch nicht von der unendlichen Zeit verschliffene Landschaftsformen, die diesen erdgeschichtlich so jungen Gebirgszug bilden und sich immer weiter verändern. Doch wo hohe Berge sind, da sind auch tiefe Täler. Das Antlitz des Landes ist von markanten Furchen durchzogen.

Irene Heisz

Die Journalistin, Autorin und Moderatorin Irene Heisz schreibt am... Zum Autor

Vom Inntal, der Lebensader Tirols, aus verzweigen sich zahlreiche Einschnitte in dieses Gebirge, dem die Menschen seit Tausenden von Jahren unter härtesten Bedingungen ein Leben abgerungen haben. Weideflächen für das Vieh, Ackerland, einigermaßen sichere Plätze für bäuerliche Wohnhäuser. Nicht einmal ganz zwölf Prozent der Fläche Tirols sind besiedelbar, Tirol bietet so wenig Lebensraum wie in kein anderes Alpenland und ließ über Jahrtausende wenig Spielraum für Veränderungen kultureller und ökonomischer Gewohnheiten. Doch vor etwa 200 Jahren begannen fremde Intellektuelle aus urbanen Gegenden, die Alpen als romantischen Sehnsuchtsort zu betrachten und als Sommerfrischler und Wintersportler zu bereisen. Das hat das Leben hier verändert, radikal spätestens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Was bleibt, ist die Tatsache: Die Landschaft prägt die Menschen, die sich mit ihr auseinandersetzen und in ihr einrichten. Man sagt den Tirolerinnen und Tirolern, speziell jenen am Oberlauf des Inn und in den dortigen Seitentälern, nicht ganz zu Unrecht nach, dass sie als Menschenschlag ihrer Umgebung ähneln: karg und tendenziell ernst, weder leut- noch redselig, mitunter irritierend schroff und eigensinnig. Die Dialekte unterscheiden sich stark von Tal zu Tal, mitunter sogar innerhalb eines Tales von Ortschaft zu Ortschaft.

Im Tiroler Oberland (im Bild: Blick ins Ötztal) sind die Berge höher und die Täler enger.

Im Tiroler Oberland (im Bild: Blick ins Ötztal) sind die Berge höher und die Täler enger.

Im so genannten Unterland hingegen sind die Täler breiter, der Blick kann – vergleichsweise! – weit schweifen, bis er an das nächste gebirgige Hindernis stößt. Die Menschen sind weicher, von Natur aus leichteren Sinnes (um nicht zu sagen: leichtsinniger) und so sprechen sie auch. Wieder anders, und das mit stolzem Nachdruck, sind die Menschen in den Osttiroler Tälern, die gut mit dem Paradoxon leben, dass sie zu Tirol gehören und irgendwie auch nicht, dass sie zum Teil wie Kärntner klingen und zum Teil wie Südtiroler…

Im Tiroler Unterland (im Bild: Kitzbüheler Alpen) hingegen sind die Täler breiter, der Blick kann weiter schweifen.

Im Tiroler Unterland (im Bild: Kitzbüheler Alpen) hingegen sind die Täler breiter, der Blick kann weiter schweifen.

 

In der Reihe „Vom Leben im Tal“ porträtiere ich diesen Sommer verschiedene Tiroler Täler und erzähle Geschichten von viel Leben auf wenig Raum. So will ich Gästen aus aller Welt Tirol ans Herz legen und Einheimischen die Augen für das Besondere am Vertrauten öffnen.

Teil 1: Paznaun
Teil 2: Ötztal
Teil 3: Oberinntal
Teil 4: Unterinntal
Teil 5: Brixental
Teil 6: Lechtal
Teil 7: Stubaital
Teil 8: Zillertal
Teil 9: Villgratental
Teil 10: Pitztal

Leben in Tirol

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