Vom Leben im Tal: das Zillertal

Aktualisiert am 11.12.2017Irene HeiszIrene Heisz

Wer hat, der tut. Und gewisse Unterschiede zwischen Gleichen und noch Gleicheren lassen sich nicht nur nicht verbergen, sondern werden bei Bedarf sogar stolz betont. So kommt es, dass die Türme der – wie überall in Tirol zahlreich vorhandenen – katholischen Gotteshäuser westlich des Flusses Ziller vorwiegend in Ziegelrot gedeckt sind, während östlich das Grünspanige von Kupfer dominiert. Für das kleine Land Tirol sind nämlich gleich zwei Bistümer zuständig und mitten im Zillertal verläuft die Grenze: Alle Gemeinden östlich des Flusses gehören seit jeher zur reichen Erzdiözese Salzburg, die mit Kupfer prunken konnte, während für das Seelenheil aller westlich davon beheimateten Tiroler Katholiken der Bischof der ärmeren Diözese Innsbruck zuständig ist. Diese musste traditionell billigere Dachziegel verbauen.

Dass das Zillertal heute insgesamt eine ärmliche Gegend wäre, kann man allerdings beim schlechtesten Willen nicht behaupten. In dem weiten, ziemlich flachen Tal, das bei Jenbach in südlicher Richtung vom Inntal abzweigt, lebt ein Menschenschlag, der sich darauf versteht, jeweils das Beste aus einer Situation zu machen. Es lässt sich herrlich Skifahren, Bergsteigen und Wandern im Zillertal, es ist ein guter Platz zum Leben und zum Urlaub machen.

Der Erfindungsreichtum der Zillertaler hat aber auch eine historische Dimension. Noch im 19. Jahrhundert sahen sich viele der Bauern gezwungen, in den Wintermonaten mit Lederwaren und ähnlichem durch Europa zu ziehen, um das damals schier lebensbedrohlich karge Familieneinkommen aufzubessern. Irgendwann stellten sie fest, dass sich ihr Exotentum in den urbanen Zentren und an den Fürstenhöfen noch besser verkaufen ließ, wenn sie es mit alpenländischer Musik garnierten. Das einst buchstäblich weltberühmte Zillertaler Nationalsängertum war geboren und sorgte unter anderem für den unsterblichen Rum des Liedes „Stille Nacht“. Bis heute gilt im volkstümlichen Schlager alles, was das Prädikat „Zillertal“ trägt, als Garant für kreuzfidele alpenländische Musikalität.

Originalstich der Ur-Rainer Sänger

Stille Nacht, Heilige Nacht: Am Weihnachtstag 1839 sang die Zillertaler Sängergemeinschaft Rainer das wohl bekannteste aller Weihnachtslieder vor der Trinity Church in New York. Von dort an trat das Lied seinen Siegeszug in den Rest der Welt an. Bis heute wurde es in mehr als 300 Sprachen und Dialekte übersetzt.  Ein Originalstich der Rainer-Sänger sowie eine ausführliche Dokumentation zur Verbreitung von „Stille Nacht“ ist im Museum in der Widumspfiste in Fügen zu sehen. Foto: Heimatmuseum Fügen

 

In der Reihe „Vom Leben im Tal“ porträtiere ich diesen Sommer verschiedene Tiroler Täler und erzähle Geschichten von viel Leben auf wenig Raum. So will ich Gästen aus aller Welt Tirol ans Herz legen und Einheimischen die Augen für das Besondere am Vertrauten öffnen.

Irene Heisz

Die Journalistin, Autorin und Moderatorin Irene Heisz schreibt am BlogTirol scharfsinnig und mit dem ihr typischen Augenzwinkern über Tirol, die Tiroler und deren kuriose Eigenheiten.

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