Trainingsmethoden gestern und heute: Die jährliche Wiedergeburt des Fußballs

Aktualisiert am 31.05.2016LucaLuca
Fußballer des CFC Genua beim Training in Tirol.

Die Gletschertouren des Hamburger SV, die Canyoning- und Abseilaktionen von Jürgen Klopp mit dem FSV Mainz und mit Borussia Dortmund: Sind die Berge tatsächlich der einzige Grund, warum moderne Fußballmannschaften zum Traininslager in die Alpen fahren? Ein Essay über die Evolution der Trainingsmethoden im Fußball – und was das für Tirol bedeutet.

Für viele Fußballfans ist der Frühsommer eine Zeit trostloser Melancholie. Wenn Ende Mai alle internationalen Ligen ihre Stadien schließen, Relegationsspiele, nationale und internationale Cups ausgespielt wurden und die Perspektive neuer Fußballwochenenden und Champions League Abende weit weg im fernen September liegen, dann verspürt man oft eine schauerhafte Leere. Man zählt bereits die Wochen, die Tage, die bis zum ersten Spieltag der neuen Saison fehlen.

Zugegeben: es gibt noch Großveranstaltungen. Fußball-Europameisterschaften und Weltmeisterschaften. Wahre Highlights und gleichzeitig eine willkommene Ablenkung für jene Fußballfans, die neun Monate lang jede Woche ins Stadion spazieren und in deren Alltag Fußball den wahren Sinn des Lebens einhaucht. Denn Großereignisse verkürzen die fast dreimonatige Wartezeit auf die neue Saison ungemein.

Erfolg oder Niederlage – darüber entscheiden auch die Trainingslager

Was sonst die spielfreieste und trostloseste Zeit des Jahres ist, wird überbrückt. Ab Mitte Juli geht es dann schon langsam wieder los. Die neue Saison klopft vorsichtig an. Die Transferzeit ist bereits voll im Gange und die Klubs begeben sich endlich in die Sommervorbereitungsphase mit Trainingslagern und Freundschaftsspielen. Was für den Laien eher unspektakulär klingen mag, ist für den Fan von unglaublicher Spannung. Hier werden die Weichen für die neue Saison gestellt. Hier wird entschieden, ob die kommenden neun Monate eine Zeit des Leidens oder des Jubelns sein wird.

Fußballtrainingslager Ajax Amsterdam Stubaital 1 (c) TVB Stubai Tirol

Neue Spieler als Attraktion

In der Tat sind die Sommercamps der Profimannschaften eine Zeit der Wiedergeburt, des Neuanfangs, der Hoffnung. Neuzugänge werden fast wie Geschenke ausgepackt. Man will sie im neuen Trikot sehen, ihre ersten Interviews hören, sie auf ihrer neuen Position im Zusammenspiel mit den neuen Mitspielern beobachten. Die Vorfreude steigt und die Melancholie vom letzten Saisonende schwindet immer mehr.

Topclubs und Nationalteams trainieren in den Alpen

Nicht selten assoziiert man diese jährlich wiederkehrende Zeit der „fußballerischen Wiedergeburt“ mit Bildern grüner Trainingsplätze inmitten sonniger alpiner Landschaften. Das liegt daran, dass die meisten europäischen Topclubs ihre Vorbereitungsphasen tatsächlich in den Alpen absolvieren. Alleine nach Tirol sind in den letzten Jahren Teams wie Borussia Dortmund, Manchester City, Werder Bremen, FC Genua, Olympiakos Piräus oder Dynamo Kiew gekommen. Im Sog großer Nationalmannschaften, die sich in Tirol erfolgreich auf ihre Großereignisse vorbereitet hatten – wie etwa Spanien, Holland oder heuer eben Frankreich und Tschechien – scheint Tirol immer mehr ein idealer Ort für renommierte Trainingscamps zu werden.

Fußballtrainingslager Ajax Amsterdam Stubaital 3 (c) TVB Stubai Tirol

Das Auslaufmodell im Training: Der Waldlauf

Doch wie erfolgt solch eine Vorbereitung wirklich? Und warum ist gerade Tirol ein perfektes Pflaster dafür? Die wesentlichen Inhalte sind eigentlich immer die gleichen: Kondition, Taktikkunde und Teambuilding. Wie diese Inhalte verfolgt werden, hat sich aber in den letzten Jahren radikal verändert.

Bis vor kurzer Zeit hat es jahrzehntelang ein einzig bewahrtes Erfolgsrezept gegeben: Den Waldlauf. Generationen von Fußballprofis sind jedes Jahr im Hochsommer stundenlang durch die Wälder gelaufen. Oft bis zum Erbrechen.

Vor allem bei Trainern wie z.B. Felix Magath, dessen militärische Trainingsmethoden immer noch berüchtigt sind. Diese führten einen konstanten Kampf um Leistungswille und Leidensfähigkeit. Mittels Stoppuhr und Bußkataloge. Vorwiegend Wörter wie „Qualen“, „Schweiß“ und „Strapazen“ füllten die Schlagzeilen rund um ihre Teams.

Teambuilding in Gletscherspalten und auf glühenden Kohlen

Manchmal gab es auch Abwechslung: nicht selten haben Trainer wie Huub Stevens oder Jürgen Klopp abenteuerreiche Berg- und Wildnistouren in ihr Programm gepackt. Konditionstraining trifft auf Teambuilding. Alpines Abenteuer oftmals, vor allem bei Neuzugänge aus Südamerika, auf pure Todesangst. Legendär berüchtigt sind die Gletschertouren des HSV 2007 im Ötztal und die zahlreichen Canyoning- und Abseilaktion des FSV Mainz und Borussia Dortmund unter Jürgen Klopp.

Am abwechslungsreichsten bleiben aber die Methoden von Christoph Daum: um Charakterstärke und Motivation zu stärken ließ er seine Spieler über Scherben und glühende Kohlen laufen.

Training wird zur Wissenschaft

Heutzutage sind diese Trainingsmethoden eher unüblich geworden. Durch den konstanten Fortschritt trainingswissenschaftlicher Methoden, gekoppelt mit einer rasanten technologischen Entwicklung, ist die heutige Gestaltung der meisten Trainingslager vor allem modern, effizient und exakt. Sensoren, GPS-Daten und Drohnen bestimmen den Alltag. Daten werden gesammelt und Muster berechnet. Es soll nichts mehr dem Zufall überlassen werden. Selbst das Schlafverhalten der Profis wird genauestens überwacht. Manche Teams stellen sogar Schlafboxen auf, damit die Spieler zwischen Trainingseinheiten ihre kontrollierten „Power-Naps“ machen können.

Klassische Konditionstrainings, die traditionellen Waldläufe, haben längst ausgedient: die Spieler müssen bereits mit einer guten Grundkondition ins Trainingslager kommen. Ihre Dauerläufe müssen sie bereits während den Ferien gemacht haben. Im Lager wird nur mehr daran gefeilt, positionsspezifisch gearbeitet und vor allem Regenerationszeiten zwischen hohen Belastungen verkürzt.

Ergänzt wird das Ganze noch mit koordinativen Übungen, die die eigenen Körperwahrnehmung und Konzentration erhöhen sollen. Die Gehirntätigkeit soll leistungsmäßig verbessert werden. Beim Techniktraining wird verstärkt auf Stressresistenz und Antizipation gesetzt. Der Spieler muss perfekt werden: schneller, fitter, technisch versierter und intelligenter. Damit er im Team funktionieren kann, wird auf sportpsychologischer Ebene gearbeitet. Gruppendynamiken und gemeinsame Ziele müssen studiert und visualisiert werden.

High-Tech Training in Tirol

Wie man sieht, wird Fußballtraining auf allerhöchstem Niveau immer mehr eine absolute High-Tech Angelegenheit, wo für Folklore nur mehr wenig Platz übrig bleibt. Nichtsdestotrotz ist eine alpine Umgebung nach wie vor das bevorzugte Ambiente, um Sommervorbereitungen durchzuziehen.

So bietet Tirol eben nicht nur tolle Wälder um Pfade zum Laufen. Tirol bietet auch beste Bedingungen, um modernste trainingswissenschaftliche Prozesse erfolgreich umzusetzen. Und das ist gut so, denn dadurch kann man auch zukünftig die abstinenten und fußballhungrigen Fans aus ganz Europa mit Bildern aus dem alpinen Bergsommer verzücken und den einen oder anderen vielleicht auch mal dazu motivieren, die von den Profis zunehmend verlassenen Laufpfade im Wald selber mal zu laufen.

Weitere Infos:  Trainingslager der französischen Nationalmannschaft im Stubaital

Luca

Als Tiroler und Italiener in einem legt Luca besonders viel Wert auf das Schöne im Leben. Dem ist man nirgends so nah wie in Tirol. Man findet Luca auf zahlreichen Konzerten und Skipisten, wo er unermüdlich am perfekten Telemarkschwung feilt.

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