Foto: Bergkult Productions

Heimschnee. Die Geschichte eines ungewöhnlichen Skifilms

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„Heimschnee“ erzählt die Geschichte einer Gruppe von Aussteigern, die sich frustriert von Naturzerstörung und Kommerz in die Berge zurückziehen. Sie machen Balloon- statt Heliskiing und verwenden Husky- statt Motorschlitten. Kann dieses Aussteigerleben auf Dauer gutgehen?

Michael

Michael Gams ist in seiner Freizeit viel im Land unterwegs: Beim... Zum Autor

Im Ofen knistert das Holz, ein Typ mit langem, dunklem Bart schaut zum Fenster hinaus und erzählt die Geschichte von seinem „Rudel“. Ein Hipster, der mal raus wollte? Ein Bergbauer? Beides falsch, es handelt sich um Stephan Keck, einen Bergführer und Weltenbummler, der im Film „Heimschnee“ von Beginn an die Rolle des Leitwolfs übernimmt.

Keck hat die höchsten Berge der Erde bestiegen, war bereits in Nepal, Südamerika und anderen entlegenen Winkeln der Erde. Dann wollte er mal einfach mal „zur Gaude“ einen zehnminütigen Skifilm über seine Heimat Tirol produzieren. „Schnell wurde das Projekt immer größer, immer mehr Leute machten mit. Nach drei Jahren Produktionszeit feierte der 56 Minuten lange Film „Heimschnee“ im Oktober 2016 in Innsbruck seine Weltpremiere und tourt seither durch über 40 Städte im deutschsprachigen Raum.

Höher. Schneller. Oder?

Heli-Skiingaufnahmen in Alaska? Fernreisen ins Pulverschneeparadies Japan? Genau darum sollte es in diesem Film nicht gehen, sondern um eine spannende Geschichte. Um fünf Menschen, die ihren Traum vom Aussteigerleben wahr machen und auf die Zivilisation verzichten. Allerdings scheitern sie schlussendlich.

Auch während der Produktion stieß das Filmteam immer wieder an seine Grenzen. Sämtliche Dreharbeiten zu „Heimschnee“ sollten in Tirol stattfinden, und das möglichst nachhaltig. Diese selbst gestellten Ansprüche trieben die Heimschnee-Crew dazu, aus der Not eine Tugend zu machen, wie Kameramann und Regisseur Johannes Aitzetmüller erklärt: „Da machst du lieber Einbußen, indem du nicht so viel Abfahrten hast, weil du selbst hinaufgehen musst. Dafür aber lebst Du es echt selbst.“ Um den Aufstieg und Kameratransport dennoch ein wenig zu erleichtern, suchte das Filmteam Alternativen zu Helikoptern und Motorschlitten.

Wenn weniger mehr ist: Die Heimschnee-Crew steigt auf.

Wenn weniger mehr ist: Das Filmteam steigt selbst auf. (Foto: Andreas Vigl)

Im Heißluftballon zur Tiefschnee-Abfahrt

Über dem verschneiten Skiort Hochfügen im Zillertal steigt ein Heißluftballon auf. Drei Seile baumeln vom Ballonkorb hinunter. Die Seile sind straff gespannt, an ihnen hängen ein Snowboarder und zwei Skifahrer, mit Klettergurten gesichert. Der Ballon verliert an Höhe, schwebt nur noch gute zwei Meter über einem schneebedeckten Berghang. Dann der Moment der Wahrheit. Drei. Zwei. Eins. Die drei Sportler klinken sich aus, alles muss auf die Sekunde genau passen. Wäre einer von ihnen zu langsam, würde ihn der plötzlich um 200 Kilogramm erleichterte Ballon mit nach oben reißen.

„Das Absetzen war immer der spannendste Moment vom Balloonskiing“, erzählt Andreas Gumpenberger, der Snowboarder im Team. Der erste Versuch im Karwendelgebirge sei schiefgegangen, erzählt Regisseur Johannes Aitzetmüller, „weil uns der Wind irgendwohin getragen hätte.“ Dann der zweite Versuch in Hochfügen im Zillertal. Dort wollte der Wind die Freerider einfach nicht zum anvisierten Berggipfel tragen, auf dem bereits das Kamerateam wartete. Die Freerider mussten woanders aufsetzen, außer einigen GoPro-Aufnahmen war der Drehtag im Eimer.

Dann der letzte Versuch, vom Kaunertal hinauf auf den Ötztaler Gletscher bei Sölden. Dort klappt endlich alles wie geplant, die Balloonskiing-Filmaufnahmen sind im Kasten. „Jetzt dürfen wir uns Balloonskiing-Pioniere nennen“, sagt Stefan Ager, einer der fünf Protagonisten im Film.

Balloonskiing (Official Trailer) from Heimschnee on Vimeo.

 „Wir waren Jäger. Wir waren ein Rudel.“

Sätze wie diese spricht die Erzählstimme des Protagonisten Stephan Keck im Film. Und tatsächlich passt die Bezeichnung „Rudel“, denn mit Hilfe von Huskyschlitten gleiten er und die anderen Freerider im Film ihren Bergabenteuern entgegen. Die Tiere von Martin Eigentlers Huskyranch in Angerberg bei Kufstein spielen dabei eine tragende Rolle.

Auch im echten Leben wurde aus dem bunt zusammengewürfelten Filmteam ein eingeschworener Haufen, von der Wirtschaftswissenschaftlerin über den Bergführer bis hin zum Snowboardlehrer. Profi-Freerider wie Nadine Wallner und Matthias Haunholder sowie der Alpinist Hans Kammerlander treten nur in Nebenrollen auf, denn die Geschichte des Aussteiger-Rudels hat im Film Vorrang.

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Zum Heimschnee-Rudel gehören Menschen genauso wie Huskys. (Foto: Andreas Vigl)

Heimschnee, ein Heimatfilm?

Nein, es sei kein Heimatfilm, erklären die Filmemacher Andreas und Johannes unisono. Stimmt, denn eine für dieses Filmgenre typische Liebesgeschichte kommt hier nicht vor. Auch übertriebener Patriotismus liege ihnen fern, sagen die beiden Filmer. Sie reisen für ihr Leben gern in ferne Länder, und den Rest der Filmcrew kann man ebenso als Weltenbummler bezeichnen. Aber sie wollen mit ihrem Film zeigen, „dass wir eigentlich gepriesen sind“, wie Andreas es formuliert. „Du gehst vor die Haustür und hast Pisten und Berge und Schnee nicht weit. Man muss nicht immer in die Ferne schweifen.“ Der gebürtige Oberösterreicher Johannes fügt hinzu, es gehe um „die Geschichte vom Schnee dahoam.“ Insofern vielleicht doch ein Heimatfilm.

Das Motto Heimat zieht sich auch wie ein roter Faden durch die Begleitmusik. Für den Soundtrack konnten die Heimschnee-Filmer fünfzehn österreichische Bands gewinnen, unter anderem Clara Luzia mit The Drugs Do Work, Leyya mit Butter, Avec mit Granny oder Giantree mit Densests Blacks. Mitgrund dafür war auch das von Anfang an begrenzte Budget der Produktion. Ein Glücksfall für Andreas und Johannes, denn „viele sagen uns, dass der Soundtrack perfekt zum Film passt.“

„Wir waren die letzten in der Eishöhle“

Vielleicht sind es nicht nur die österreichischen Songs, sondern auch die Drehorte, die diesen Film sehenswert machen. Wie zum Beispiel eine natürliche Eishöhle nahe des Pfitscher Jochs im hintersten Winkel des Zillertals. Drei Stunden Fußmarsch benötigte das Filmteam, um dort hinzukommen. Neben der obligatorischen Ski-Action wohl eine der spektakulärsten Szenen im Film.

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In der Eishöhle feiert das „Rudel“ im Film eine Zeremonie, um die Schneegötter günstig zu stimmen. (Foto: Jan Eric Euler)

Inzwischen ist die Eishöhle beinahe zur Gänze eingestürzt, aber im Film verewigt. „Ich glaube wir waren die letzten Menschen dort drin“, sagt Andreas. Ihn haben auch die Dreharbeiten in den Lienzer Dolomiten besonders beeindruckt. Zu den weiteren Drehorten der Actionszenen zählen das Zillertal, das Ötztal, der Stubaier Gletscher, die Wildspitze, die Kitzbühler Alpen, das Karwendelgebirge und das Pitztal. Weitere Szenen für die Filmstory drehte das Team im Regionalmuseum Zell, bei der Postalm Kaltenbach im Zillertal, im Skigebiet Hintertux und auf der Stallenalm bei Stans.

Aussteigen für eine Stunde

Wie endet der Film nun? Lebt das Aussteiger-Rudel glücklich bis an sein Lebensende in den Bergen und geht dort Freeriden? Natürlich nicht. Aber „Heimschnee“ spricht eine Sehnsucht aus, die viele von uns antreibt: Was wäre, wenn wir alles hinschmeißen und einfach aussteigen? Selbst wenn wir das nicht wagen sollten, können wir unserer Sehnsucht nach Freiheit zumindest eine knappe Stunde lang freien Lauf lassen. Das ist doch schon mal ein Anfang.

HEIMSCHNEE – Official Trailer from Heimschnee on Vimeo.

Mehr Infos zum Film: www.heimschnee.at

Heimschnee läuft im Rahmen der Alp-Con Outdoorfilmtour in 40 Kinos im deutschsprachigen Raum. Hier findet ihr die Termine: www.alp-con.net/trip/tourtermine

 

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