Die Sängerknaben in „ihrer“ Kirche, der Wiltener Basilika. © morefeatures

Rotkehlchen aus Tirol: die Wiltener Sängerknaben

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Glasklare Stimmen, rote Uniformen, der Jüngste vier, der Älteste über 60 Jahre alt. Und ein Repertoire, das sich sehen und hören lassen kann. Die Wiltener Sängerknaben sind als einer der weltbesten Knabenchöre klingende Botschafter Tirols.

Fabienne

Fabienne ist Tirol Werberin aus Leidenschaft. War früher ständig... Zum Autor

Es traf mich völlig unvermittelt. Ich war auf der Suche nach einem geeigneten Geschenk zum Muttertag – meine Wahl fiel auf ein Konzert der Wiltener Sängerknaben. Natürlich habe ich meine Mama dorthin begleitetet, und dann war es auch schon um mich geschehen. Ich hatte mir zwar schon gedacht, dass ein Knabenchor ganz nett anzuhören ist, aber das, was dort auf unsere Ohren traf, war mehr als ein Konzert. Die reine Emotion. Das pure Vergnügen. Und: ein klangvolles Stück Tiroler Kulturgut.

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Rote Joppen vor Schwarzen Mandern in der Innsbrucker Hofkirche © Rupert Larl

Singen für Schulbildung

Schließlich sind die Wiltener Sängerknaben nicht nur einer der ältesten, sondern auch einer der besten und bekanntesten Knabenchöre Europas. Ihre Geschichte geht bis ins 13. Jahrhundert zurück. Die „Singknaben des Stift Wilten“, wie sie damals noch hießen, wurden von der Kirche „rekrutiert“, um den täglichen Gottesdienst musikalisch zu untermalen. Dafür bekamen die Buben eine kostenlose Schulbildung. Keine Selbstverständlichkeit im Jahre 1238 … Die Geschichte der Sängerknaben wurde immer wieder von Kriegen und Säkularisierungstendenzen unterbrochen. Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte die Wiederbegründung in ihrer heutigen Form, neben den heute noch verbliebenen jährlich rund zehn Auftritten bei Gottesdiensten singen die Buben bei vielen anderen prominenten Veranstaltungen. Aber alles der Reihe nach.

 Vom „Land im Gebirg“ ins „Reich der Mitte“

Ich treffe mich mit Johannes Stecher, dem langjährigen Chorleiter und Erfolgsmacher der Wiltener Sängerknaben, um mich mit ihm über Tirols berühmtesten Chor zu unterhalten. Es ist noch gar nicht lange her, dass er mit seiner Truppe nach der großen China-Tournee wieder zurück in der Heimat ist. Bereits zum dritten Mal wurden die Wiltener Sängerknaben von einer Pekinger Agentur gebucht, um die Reise vom „Land im Gebirg“ ins „Reich der Mitte“ anzutreten und dort das Publikum mit Tiroler Volksliedgut und den Werken von Schubert, Strauss, Ziehrer und anderen großen Österreichern zu begeistern. „Heuer haben wir 15 Konzerte in knapp vier Wochen gegeben. Wir haben viele große Metropolen besucht – von Shanghai, Shenzhen, über Guangzhou bis auf die tropische Insel Hainan.“ Die Chinesen waren begeistert ob der 40 Knaben und Männer, die in ihren roten Joppen für ausverkaufte Säle sorgten. „Für die Kinder ist das schon ein riesiges Abenteuer, vier Wochen von zu Hause weg und jeden zweiten Tag in einer anderen Stadt …der Jüngste ist elf Jahre alt, das ist schon eine große Sache“ erklärt Johannes. Ich frage ihn, wie denn die Auswahl erfolgt, wer mit auf Tournee darf? „Müssen tut niemand, weil vier Wochen China, das muss man sich schon trauen. Die meisten Sänger suchen wir aus dem Kammerchor aus, das ist der Kern unseres Chors. Hier wird geschaut, wer Zeit und Interesse hat. Die ganz die Kleinen, die kommen noch nicht in Frage, die sind ja erst fünf Jahre alt, und auch die jüngsten Männerstimmen nicht.“ Begleitet werden sie von Johannes‘ Frau und einer weiteren Dame. „Eine reine Männergesellschaft finde ich auf Reisen nicht so toll. So können die Präfekten und ich streng sein, und die Damen können den netten Part übernehmen. Denn ab und zu muss man einfach sagen „jetzt ist Schluss“. Alkohol und Party sind während der Tournee tabu. Schließlich sollen sich die Burschen aufs Singen konzentrieren. Diese strengen Regeln stoßen natürlich nicht bedingungslos auf Gefallen, insbesondere bei den jungen Männern, aber sie werden akzeptiert. Ich unterschreibe ja auch einen Letter of Guardianship, in dem ich mich für das Wohlergehen und das Wohlverhalten der Knaben verpflichte.“

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Chorleiter Johannes Stecher

Schule, Sport und Singen

Wie schaut denn das Leben eines Sängerknaben aus, wenn er nicht gerade durch die Weltgeschichte tingelt?, will ich wissen. Die Kinder gehen zur Schule, zum Sport, und ein- bis mehrmals pro Woche eben auch zum Singen. Je nachdem, in welcher Chorstufe sie sich befinden. Die Kleinsten beginnen zwischen vier und sieben Jahren im Chor 5 mit einer wöchentlichen Probe, ab dem Chor 4 kommen sie bereits zweimal in die Proberäumlichkeiten des Stift Wilten, zusätzlich gibt’s noch ein Stimmtraining. Im Repertoirechor lernen die Kinder das Grundrepertoire, welches die Sängerknaben brauchen. Danach kommt der Konzertchor – das ist die stärkste Truppe mit Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen zehn und vierzehn Jahren. Je nachdem, wann der Stimmbruch einsetzt …

Stimmbruch ist keine Krankheit

„Der Stimmbruch ist ja keine Krankheit. Früher war man der Meinung, dass man im Stimmbruch pausieren soll. Diese Ansicht teile ich nicht. Es verändert sich ja nicht nur die Stimme, sondern der ganze Körper. Wenn man während dieser Zeit von einem Fachmann betreut singt, kann dies eine große Chance sein. In den letzten 25 Jahren sind viele große Sänger aus dem Chor hervorgegangen, die haben alle im Stimmbruch durchgesungen. Da singen die Burschen halt eine Zeitlang Tenor oder Alt, und ein paar Monate später sind sie vielleicht schon im Bass. Die Jungs wechseln dann von den Knaben- zu den Männerstimmen, dort brauchen die meisten dann zwei, drei Jahre, bis sie sich mit ihrer Stimme und dem umgestellten Gehör zurechtgefunden haben. Die meisten bleiben den Sängerknaben treu, bis sie entweder studieren gehen – häufig Gesang – oder eine Familie gründen.“

Der Chor als Clique

Dabei ist das Singen das Eine, die soziale Komponente das andere. Denn wenn ich dem Johannes so zuhöre, scheint es mir, als wären die Sängerknaben wie eine große Clique oder eine Familie. Konzertauftritte werden deshalb auch oft mit Aktivitäten verbunden, die den Kindern Spaß machen und das Gemeinschaftsgefühl stärken – Skifahren, Schwimmen, Sommerrodeln … der Chorleiter lässt sich immer wieder etwas Neues einfallen, um die Kinder für ihre Leistungen und ihre Disziplin zu belohnen. Diese Ausflüge sind für die Kinder kostenlos, dafür bekommt auch niemand ein Honorar für Auftritte ausbezahlt. Das Geld, das die Sängerknaben für Konzerte und Solos erhalten, wandert in die Gemeinschaftskasse, um die Ausbildung und das Chorleben zu finanzieren.

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Coole Jungs mit großer Stimme. © Gerhard Berger

Musikalische Elite ohne Elitendenken

Apropos: Wie finanzieren sich die Sängerknaben eigentlich? „Die Sängerknaben müssen sich im Wesentlichen selbst finanzieren. Wir gehören zum Stift Wilten, was die Auftritte und CD-Produktionen betrifft, und wir bekommen auch die Proberäumlichkeiten vom Stift zur Verfügung gestellt. Das ist schon eine sehr große Erleichterung. In Sachen Ausbildung sind die Sängerknaben ab dem Konzertchor beim Tiroler Landeskonservatorium für Musik angesiedelt. Deshalb entrichten die Kinder bzw. ihre Eltern bis zu dieser Stufe einen Semesterbeitrag an die Sängerknaben, danach geht der Beitrag ans Landeskonservatorium im Sinne eines Musikschulbeitrages. Uns ist aber wichtig, dass wir das preislich alles sehr human gestalten. Andere Chöre verlangen 200 Euro im Monat, ich glaube, das können sich viele Eltern heute nicht mehr leisten. Wir wollen zwar Best-Of sein, was die Qualität unserer Musik anbelangt, aber keinesfalls wollen wir die Teilnahme am Chor vom Geld abhängig machen.“

Auf geschichtsträchtigem Boden am Bergisel.

Auf geschichtsträchtigem Boden am Bergisel.

Wiederauferstehung nach der Krise

Die Qualität der dargebotenen Musik ist Johannes und seinen Kollegen zu verdanken – er unterrichtet die Kinder und Jugendlichen, Unterstützung bekommt er von einigen teilzeitbeschäftigten, aber nicht minder engagierten Gesangslehrern. Und während er den Chor mit seinem Team zu gesanglichen Höchstleistungen führt, bleibt er selbst völlig am Boden. 25 Jahre ist es her, dass er mit der Chorleitung betraut wurde – zu einer Zeit, in der die Sängerknaben in einer ziemlichen Krise steckten und nur mehr aus drei Mitgliedern bestanden. Das ist heute anders, der Chor ist so groß und so erfolgreich wie noch nie. Ihm gehören 180 Sängerknaben an, Gastauftritte an der Mailänder Scala oder bei den Salzburger Festspielen sind längst keine Seltenheit mehr.

Strenger Wertekodex

Natürlich können da nicht alle auf die Bühne. Und unter Jungs ist ein gewisser Konkurrenzkampf ja kein Fremdwort. Wie schaut das bei den Sängerknaben aus? „Eine gesunde Konkurrenz schadet nicht. Aber wir haben einen strengen Wertkodex. Mir ist es wichtig, den Kindern das Gefühl zu vermitteln, dass wir nur zusammen stark sind. Einer allein macht keinen Chor, und jeder weiß, dass er ein paar gute Jahre hat, und wenn er dann eine junge Männerstimme ist, muss er wieder runter vom Podest, wieder von vorne anfangen und drei, vier Jahre üben, bis er wieder da anschließen kann, wo er als Knabe war. Und auch die Toleranz untereinander ist mir sehr wichtig. Es darf keine Rolle spielen, welcher Religion man angehört, woher man kommt und wie man ausschaut. Wir gehören zum Stift Wilten, bei uns sind aber Kinder aller Religionen willkommen. Und ein guter Umgang miteinander, darauf lege ich sehr großen Wert. Mobbing oder Diskriminierung werden nicht akzeptiert. Und im Idealfall gönnt der eine dem anderen trotz aller gesunden Konkurrenz seinen Auftritt an der Mailänder Scala. Und wenn dem mal nicht so ist, dann reden wir halt darüber, damit ein Kind das versteht, warum wer anderer den großen Auftritt bekommt und ich versuche, ihm eine neue Perspektive zu geben.“

Der Chorleiter als Psychologe

Ich habe den Eindruck, dass Johannes Stecher nicht nur Chorleiter ist, sondern auch eine Art Lebenslehrer. „Das eine gehört mit dem anderen voll und ganz zusammen. Du kannst im Singen nur Topleistungen bringen, wenn es auch sonst passt. So wie es hinter der Bühne ist, so ist es auch auf der Bühne. Wenn die Kinder vor einem Auftritt miteinander streiten, dann wird es auch kein gutes Konzert. Oder wenn alle total überdreht sind, dann merkt man das auch auf der Bühne. Die Atmosphäre untereinander muss passen, und das geht nicht ohne Disziplin.“

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© Günther Clementi

Singen gegen Albträume

Das ist aber ganz schön schwierig für die Kinder, oder? Sich nach Schule und Hausaufgaben auch noch stundenlang aufs Üben von Tonleitern zu konzentrieren? „Für die meisten ist Singen ein Hobby. Ich vergleiche es gerne mit dem Berggehen. Da musst du dich davor vielleicht auch aufraffen, aber wenn du dann oben am Gipfel stehst, fühlst du dich vielleicht zwar müde, aber erfüllt und glücklich. Das ist beim Singen ähnlich. Denn Singen gibt Energie. Ich erlebe es regelmäßig, dass die Kinder ausgelaugt zur Chorprobe kommen und beschwingt und aufgeladen nach Hause gehen. Das gelingt nicht immer, aber sehr häufig – sonst würden die Kinder ja nicht so gerne und regelmäßig kommen.“ Ein Bursche ist sogar drei Mal die Woche zur Probe gekommen, obwohl er nur zweimal kommen hätte müssen. „Als ich ihn gefragt habe, warum er das tut, sagte er mir: Weißt du, ich habe so viele Albträume. Aber immer, wenn ich beim Singen war, dann hab ich keine.“

Große Werke für kleine Kinder

Vielleicht liegt es an der erlesenen Auswahl der Stücke, die die Kinder proben? Diese erfolgt vom Chorleiter mit hoher Sorgfalt. Eine große Tradition hat mittlerweile das Werk von Johann Sebastian Bach erlangt, beispielsweise die Matthäus Passion oder das Weihnachtsoratorium. „Bach hat diese Musik ja für so einen Bubenchor geschrieben. Da tut sich eine unglaubliche Welt für die Kinder auf. Mit so viel Tiefgang und Spiritualität. Ich finde, wenn man sich als Kind mit so einer Musik beschäftigt, dann ist das eine Bereicherung fürs ganze Leben. Die Kinder spüren das auch. Deshalb kann das, was wir machen, gar nicht gut genug sein. Denn wenn man das Qualitätsbewusstsein in der Musik schult, dann hat man das vielleicht auch in anderen Bereichen des Lebens – beim Essen, der Kleidung, in der Architektur … Wir wählen unser Repertoire ganz genau aus, und unter eine bestimmte Qualität gehen wir nicht. Wir wollen uns ja nicht prostituieren. Wenn wir einmal etwas Oberflächliches singen, was wirklich kaum vorkommt, schauen mich die Kinder mit einem großen Fragezeichen in den Augen an. Dann lachen wir und sagen ok, dann machen wir das halt ausnahmsweise.“ Aber diese Ausnahmen sind sehr selten, Johannes Stecher ist ein Mann mit Prinzipien. Deshalb hat er auch schon mehrere Einladungen zu großen Auftritten abgesagt – sei es in einer Fernsehshow, die ihm zu banal erschien, oder bei Konzerten, deren Rahmenbedingungen ihm nicht gefielen.

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Stolz, ein Sängerknabe zu sein.

Mädchen? Keine Chance!

Gar keine Ausnahmen gibt es in Puncto Mädchen. Die Wiltener Sängerknaben waren, sind und werden wohl immer eine rein männliche Domäne bleiben. „Dafür gibt es neben der Tradition zwei Gründe. Erstens ist der Klang eines Knabenchores ein anderer – nicht besser, nicht schlechter, einfach anders und für eine bestimmte Musik besonders gut geeignet. Und der zweite Grund: über kurz oder lang mutieren die Buben in jedem gemischten Chor zum schwachen Geschlecht. Am Ende sind es 90 % Mädchen und drei bis vier tapfere Buben. Da betrachten diese das Singen als Mädchensache und finden es nicht mehr cool. Wenn die Jungs unter sich sind, ist das was anderes, da haben sie einen anderen Zugang. Selbstverständlich braucht es für Mädchen aber das gleiche Angebot in einem anderen Chor!“

Tracht statt T-Shirt

Und wie schaut es mit der Tracht der Sängerknaben aus? Finden die Burschen diese cool? Schließlich kleidet sich der Großteil ja für gewöhnlich doch eher mit Jeans, T-Shirt und Turnschuhen … Auftritte erfolgen aber ausnahmslos in „Uniform“ – je nach Anlass entweder in den roten Trachten bei weltlichen Konzerten, geistliche Konzerte werden im roten Pullunder über weißem Hemd absolviert. „Die meisten tragen unsere Tracht gerne und mit großem Stolz. Deshalb ist der Moment der Einkleidung für viele auch ein ganz besonderer, da sind die Buben richtig euphorisch. Es gibt vielleicht die eine oder andere Situation, in der einer unserer Burschen mit der Straßenbahn zum Konzert fährt und sich von anderen Jugendlichen komisch beäugt fühlt, wenn er so in seiner roten Joppe, der schwarzen Lederhose und den weißen Stutzen dasitzt. Aber das ist wirklich selten.“ Der finanzielle Aufwand für die Trachten ist auch nicht unerheblich –eine Garnitur kostet um die Tausend Euro … Aber der Aufwand lohnt sich, sind die Uniformen doch auch eine Art Markenzeichen der Sängerknaben. „In China brauchen die Buben nur in ihren roten Jacken daherkommen, da sind schon alle ganz aus dem Häusl.“

Weihnachten beginnt mit dem Oratorium

Und ich freue mich schon sehr auf den 17. Dezember. Da geben die rotgewandeten Wiltener Sängerknaben wieder das traditionelle Weihnachtsoratorium zum Besten. Und spätestens, wenn ich in der Wiltener Basilika sitze und der berührenden Musik lausche, weiß ich – jetzt ist Weihnachten!

 

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