So geht Telemark! Der Könner Marc Künkele in Hintertux. (Foto: Martin Rainer)

Tele ho! So werdet ihr zu Telemarkern

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Im Ausfallschritt gleiten Telemarker elegant um die Kurve, während wir uns fragen: Wie machen die das bloß? Und wie lernt man das? Ich habe Telemark-Guru Marc Künkele getroffen, um der Urform des Skifahrens auf die Spur zu kommen.

Michael

Michael Gams ist in seiner Freizeit viel im Land unterwegs: Beim... Zum Autor

Der gebürtige Allgäuer Marc Künkele fährt Telemark, seit er denken kann. Rund fünfzehn Jahre arbeitete er als Telemark-Lehrer im Stubaital und eine Zeitlang auch als Telemark-Ausbilder der British Royal Marines. Außerdem gewann Marc die Freeheel Masters 2009, wurde mehrfacher deutscher Meister in der Disziplin Telemark Sprint Classic und war von 1997 bis 2005 Mitglied der deutschen Telemark-Nationalmannschaft. Er überquerte die Alpen zwischen München und Meran auf seinen Telemarkskiern. Mit Marcs Hilfe beantworte ich euch zehn häufig gestellte Fragen rund um diesen coolen Wintersport und wir klären am Ende auch, was das Wörtchen „Tele ho!“ zu bedeuten hat.

So cool kann Telemarken sein. Marc in Action am Stubaier Gletscher. (Foto: Manuel Nagel)

So cool kann Telemarken sein: Marc im Tiefschnee am Stubaier Gletscher. (Foto: Manuel Nagel)

1) Wer hat’s denn eigentlich erfunden, das Telemarken?

Nein, kein Österreicher, sondern ein Norweger namens Sondre Auersen Norheim. Er lebte um 1860 in der norwegischen Provinz Telemark. Beim Springen mit seinen elendslangen Holskski bemerkte er, dass er mit einem Ausfallschritt sicherer landen konnte und außerdem schöner um die Kurve kam. Gewalzte Pisten, wie wir sie heute aus Skigebieten kennen, gab es damals nicht. Norheim würde man heute wohl einen „Freerider“ nennen. „Telemarken ist nicht kreiert worden, weil‘s cool aussieht“, sagt Marc Künkele, „sondern weil der Ausfallschritt eine natürliche Position ist, die jeder Mensch einnimmt, um nicht zu stürzen oder um das Gleichgewicht zu halten.“ Diese Bewegung ist im Grunde bis heute dieselbe geblieben, zum Beispiel wenn Skispringer zur Landung ansetzen.

2) Was macht echte Telemarker aus?

Ähnlich wie die Snowboard-Community in ihrer Anfangszeit sind auch die Telemarker eine kleine, eingeschworene Gemeinde. Rennfahrer mit engen Anzügen wie im Alpinskizirkus sind eher selten, obwohl es mittlerweile sogar FIS Telemark-Weltcuprennen gibt, zum Beispiel am Hintertuxer Gletscher in Tirol. Die Mehrheit der Telemarker bewegt sich am liebsten im Tiefschnee oder auf Buckelpisten, wie Marc erklärt: „Wir haben Freunde aus der Schweiz, die kommen regelmäßig ins Stubaital. Dort treffen wir uns ganz ungezwungen, ohne Verein. Es ist einfach nur der Sport, der uns verbindet.“ Übernachtet wird eher günstig, zum Beispiel „bei der Maria am Bauernhof“. Marc sagt von sich selbst, dass er früher mal ein „Telemark-Punk“ war, der wochenlang mit Freunden im VW-Bus am Parkplatz des Stubaier Gletschers hauste und telemarken ging: „Man ist miteinander Telemarken gegangen und that’s it.“

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3) Warum sollten Alpinskifahrer auch mal Telemarken ausprobieren?

Beinahe philosophisch wird Marc, wenn er mich davon überzeugen will, mal Telemarken zu versuchen. Da fallen dann Worte wie „Bewegungsästhetik“ oder „Freiheitsgrad“ und „Kreativität“. Fakt ist, dass die freie Ferse mehr Bewegungsfreiheit gibt und „dass es einfach lässig aussieht“, wie Marc es beschreibt. Für gute Skifahrer ist es eine neue Herausforderung. Der ehemalige Skirennläufer Hermann Maier zum Beispiel zeichnet seine Schwünge privat schon seit Jahren gern im Telemark-Stil in den Schnee. Sogar der Österreichische Skiverband hat Telemarken als alternative Trainingsmethode entdeckt, erzählt Marc: „Die alpinen Skirennläufer nutzen Telemark, weil es koordinativ sehr anspruchsvoll und eine willkommene Abwechslung zum harten Trainingsalltag ist.“

4) Wie lerne ich Telemarken am schnellsten?

Am schnellsten lernt man es wohl von den Profis, also von Telemark-Lehrern. Die findet ihr zum Beispiel über die Vereinigung österreichischer Telemarker, genannt „Telemark-Austria“. Eine Möglichkeit, es in Tirol mal auszuprobieren, bieten Workshops beim Telemark Weltcup-Opening am Hintertuxer Gletscher Ende November. Während des Winters kann man in Hintertux bei „Sport Nenner“ oder am Stubaier Gletscher beim „Intersport Gamsgarten“ Telemarkski ausleihen. „Wenn du da mal zwei Stunden hineinschnupperst, hast du schon mal eine erste Idee vom Telemarken“, meint Marc: „Es wird am Anfang ein hartes Brot sein, aber recht schnell wirst du mit dem Aha-Effekt belohnt und sagst: Ist ja geil!“

5) Wie sieht ein richtiger Telemarkschwung aus?

Vom Prinzip her ähnelt ein Telemarkschwung durchaus dem alpinen Skilauf. Man kommt aus einer Schrägfahrt, bewegt den Oberkörper nach oben, dreht in die Falllinie. Der wesentliche Unterschied: Telemarker können durch den Ausfallschritt – die Telemarkposition – viel tiefer nach unten gehen, der Talski ist weiter vorn, der Bergski weiter hinten. „Der innere Ski wird nur durch den Vorderfuß und die Bindung geführt“, erklärt Marc.

So sieht ein richtiger Telemark-Schwung aus. Ganz einfach, oder? (Foto: Martin Rainer)

So sieht ein richtiger Telemark-Schwung aus. Ganz einfach, oder? (Foto: Martin Rainer)

6) Welche Sportarten helfen als Training fürs Telemarken?

Natürlich Alpinskifahren, denn Skifahrer bringen das nötige Gefühl für die zwei Bretter und die Abfahrt im Schnee mit. Die Herausforderung ist für sie vor allem die frei bewegliche Ferse. Beim Alpinskifahren komme es aber vor, dass man auch mal lax auf dem Ski stehe, erklärt Marc. Das funktioniert beim Telemarken nicht so gut, denn für den Ausfallschritt braucht es ständig Körperspannung. Snowboarder haben den Vorteil, dass sie sich bei einem Frontside-Turn in einer ähnlichen Fahrposition wie Telemarker befinden und daher schon ganz gut mit der Balance beim Telemarken umgehen können. Langläufer bringen Erfahrung mit den nicht fixierten Fersen mit, müssen sich allerdings an die höhere Geschwindigkeit beim Telemarken gewöhnen. Abgesehen von diesen offensichtlich ähnlichen Sportarten kann man sich auch abseits des Schnees gut auf das Telemarken vorbereiten. Zum Beispiel beim Rudern (gut für die Körperspannung) oder beim Inlineskaten (gut für die Koordination und Grundlagenausdauer), einer von Marcs Lieblingssportarten im Sommer.

7) Was unterscheidet Telemark- von alpiner Skiausrüstung?

Telemark-Ski sehen gleich aus wie normale Ski, der größte Unterschied ist die Bindung. Denn während Alpinskibindungen den Skischuh vorne und hinten fixieren, kann sich bei Telemarkbindungen die Ferse frei nach oben bewegen, nur der vordere Teil des Schuhs ist in der Bindung fixiert. So können die Telemarker ihren typischen Ausfallschritt in der Kurve machen. Klassische Telemarkbindungen haben vorne eine 75 Millimeter breite Aufnahme für den „Schnabel“ des Telemark-Skischuhs. Ihr Prinzip geht bis in die Zeit von Telemark-Pionier Sondre Norheim zurück. Auch Skispringer verwenden 75-Millimeter-Bindungen. Im Vergleich dazu recht neu am Markt sind NTN-Bindungen, dieses Kürzel steht für „New Telemark Norm“.  Dort hat der Schuh keinen Schnabel, sondern wird durch eine Aufnahme unter der Sohle gehalten. Diese Bindung sei eher für kraftvolle Fahrer geeignet, erklärt Marc Künkele. Anfängern rät er zur 75-Millimeter-Bindung, weil der Ausfallschritt damit leichter zu meistern sei.

Old school vs new school. #SpreadTelemark

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8) Kann ich mit Telemark-Ausrüstung auf Skitour gehen?

Ja, kann man, denn die Ferse ist ja frei beweglich. Inzwischen gibt es auch spezielle Telemark-Tourenbindungen mit Steighilfen.

9) Ich habe Ski mit einer Tourenbindung. Kann ich damit auch Telemarken?

Nein! Normale Tourenskibindungen haben ein sehr leichtgängiges Scharniergelenk, das bergauf ein Vorteil ist, aber beim Bergabfahren kann man damit keinen Druck auf den Ski ausüben und fällt im schlimmsten Fall vornüber. Beim Telemarken wird der Vorfuß durch die Bindung fixiert, die den Druck bei der Abfahrt bestmöglich an den Ski weitergibt. Marc rät nicht zuletzt wegen der Verletzungsgefahr von Telemark-Versuchen mit normalen Tourenbindungen ab.

10) Was bedeutet es eigentlich, wenn Telemarker „Tele ho!“ zueinander sagen?

„Tele ho!“ ist einfach ein beliebter Gruß unter Telemarkern. Marc hat ihn „vermutlich auf irgendeiner Telemark-Party“ (O-TON Marc) vor vielen Jahren das erste Mal gehört.

Viele Namen, eine Leidenschaft: Telemarking, FreeHeeling, Freiferseln, Ferschnheba, Skilauf mit freier Ferse, FreeHeelSkiing, Telemarkskilauf… (Foto: Manuel Nagel)

Viele Namen, eine Leidenschaft: Telemarking, FreeHeeling, Freiferseln, Ferschnheba, Skilauf mit freier Ferse, FreeHeelSkiing, Telemarkskilauf… (Foto: Manuel Nagel)

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