„Im richtigen Moment muss sich alles zu einem großen Gesamtkunstwerk zusammenfügen“

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Er betreibt sein Studio in Londons In-Viertel Shoreditch und ist einer der gefeiertsten Designer Europas: der in den Niederlanden geborene Tord Boontje. Gemeinsam mit dem legendären britischen Modedesigner Alexander McQueen hat er bereits 2003 den glitzernden Christbaum „Silent Light“ für Swarovski kreiert. Jetzt ist er ein weiteres Mal zurück in Wattens und hat überdimensionale Skulpturen für den Garten der Kristallwelten geschaffen. Ein Interview über Design und wie Tord Boontje die Besucher in ein „Winterwunderland“ entführen will.

Ines

Große Städte, helle Lichter: In Großstädten fühlt sich Ines... Zum Autor

Sehen Sie sich eher als Künstler oder Designer?
Ich würde sagen, ich bin eine Mischung aus beidem. Ich komme aus dem Design, aber die Grenze zwischen Kunst und Design ist in den letzten Jahren zunehmend verschwunden. Künstler machen mittlerweile Design, und Designer machen Kunst. Alles ist ineinander verschwommen.

Lichtinstallationen, Möbel, Textildesign… Sie entwickeln die verschiedensten Produkte. Wie schafft man es, so unterschiedliche Objekte zu kreieren und trotzdem so erfolgreich zu sein?
Ich weiß nicht, ob man es als Erfolg bezeichnen kann, viel zu machen. Manchmal ist es besser, sich zu fokussieren. Ich jedoch mag es, ständig neue Erfahrungen zu machen. Ich will mich nicht wiederholen. Ich liebe es, immer mit neuen Leuten – Künstlern, Technikern, Grafikdesignern – zusammenzuarbeiten oder neue Materialien und Technologien zu entdecken.

Sie haben in einem Interview einmal erwähnt, dass Sie viel von der Modeindustrie gelernt haben. Wie fließen diese Erfahrungen in Ihre Projekte ein?
In der Zeit, als ich viel mit Alexander McQueen gearbeitet habe, war ich bei zahlreichen Modeschauen. Die Vorbereitungen, die Kleider, die Models, die Musik, die Leute: Es war sehr faszinierend, wie sich bei Modeschauen alles im richtigen Moment zu einem großen „Gesamtkunstwerk“ zusammenfügt. Im Gegensatz dazu waren Produktpräsentationen zu der Zeit stinklangweilig. Ich weiß dass ich keinesfalls ein Modedesigner sein möchte, aber ich habe damals viel mitgenommen für meine Arbeit – vor allem, wie man seine Arbeiten dem Publikum präsentiert.

Also verschwimmt nicht nur die Grenze zwischen Kunst und Design, sondern auch jene zwischen verschiedenen Designdisziplinen?
Genau, der Designprozess selber ist schließlich immer derselbe – egal ob man Briefmarken, Mode oder Stühle designt. Nur die Technik ändert sich. Deshalb arbeiten Designer stets mit Leuten zusammen, die auf etwas spezialisiert sind. Als Designer ist man eigentlich nicht wirklich ein Spezialist.

Wie entwickeln Sie neue Ideen?
Ich arbeite immer mit anderen Personen. In meinem Studio sind wir zu viert, dann gibt es bei jedem Projekt einen Kunden, einen Handwerker und Techniker. Für die neueste Installation hier in Wattens habe ich zum Beispiel mit dem Innsbrucker Unternehmen „MK Illumination“ zusammengearbeitet. Die sind international die Spezialisten im Beleuchtungsdesign. Sie haben eine fantastische Arbeit geleistet! Alle meine Entwürfe waren zwei-dimensional und MK Illumination hat sie in drei-dimensionale Skulpturen verwandelt. Das Endergebnis schaut exakt gleich aus wie meine Zeichnungen. Das zeigt, dass eine gute Zusammenarbeit der Schlüssel zum Erfolg ist.

´Das Innsbrucker Unternehmen “MK Illumination” hat die zwei-dimensionalen Zeichnungen von Tord Boontje in Skulpturen verwandelt.

Das Innsbrucker Unternehmen „MK Illumination“ hat die zwei-dimensionalen Zeichnungen von Tord Boontje in Skulpturen verwandelt.

Sie arbeiten nun seit mehr als zehn Jahren mit Swarovski zusammen, das eben angesprochene „Winterwunderland“ ist Ihr neuestes Projekt. Was ist die Idee hinter diesen riesigen Tierfiguren und Objekten, die im Garten der Kristallwelten verstreut sind?
Ich mag Dinge, die groß sind, weil sie einen in die Kindheit zurückversetzen. Stellen Sie sich das Gefühl vor, wenn Sie neben dem Steinbock und der Maus sitzen – da fühlt man sich doch sofort wieder klein wie ein Kind. Und denkt sofort an eine Zeit, in der man weniger Probleme hatte und sich freier gefühlt hat. Das ist für mich der „Winterwunderland“-Effekt. Außerdem würden kleine Installationen in diesem riesigen Kristallwelten-Garten nicht dieselbe Wirkung erzielen wie diese überdimensionalen Objekte.

„Wenn man zwischen dem riesigen Steinbock und der Maus sitzt, soll man sich in die Kindheit zurückversetzt fühlen“, beschreibt Tord Boontje die Idee hinter seinen neuesten Installationen im Garten der Swarovski Kristallwelten.

„Wenn man zwischen dem riesigen Steinbock und der Maus sitzt, soll man sich in die Kindheit zurückversetzt fühlen“, beschreibt Tord Boontje die Idee hinter seinen neuesten Installationen im Garten der Swarovski Kristallwelten.

Japan, Abu Dhabi, Mailand: Sie haben schon in den verschiedensten Ländern der Welt gearbeitet. Schauen Sie gerne auf vergangene Werke zurück?
Normalerweise ist das spannendste Projekt immer jenes, an dem ich gerade arbeitete. Aber meine vergangenen Projekte sind ein wichtiger Teil von mir und ich schaue gerne auf sie zurück. In Mailand habe ich vor einigen Jahren etwa die Installation „Happy Ever After“ umgesetzt. Das war der Beginn meiner Zusammenarbeit mit dem italienischen Möbelhersteller „Maroso“. Die Installation war ein riesiges Experiment was die Arbeit mit Textilien betrifft – wie man Textilien und Möbel kombinieren kann. Möbeldesign war zu dem Zeitpunkt derart minimalistisch, dass es langweilig wurde. Ich wollte eine neue Art der Emotion in die Möbelwelt bringen. Es hat funktioniert. Die Besucher haben den Raum betreten und sofort unsere Energie und die spezielle Atmosphäre gespürt. Das Design, die Musik, die Farbe: Alles hat zusammengespielt – wie damals bei den Modeschauen von Alexander McQueen.

Tord Boontje ist 1968 im niederländischen Enschede geboren. Er entstammt einer kunstaffinen Familie. Seine Mutter, eine Textildesignerin und Lehrerin in Textildesign und Kunstgeschichte, hat ihn bereits im Kindesalter dazu angespornt, Objekte zu entwerfen und bauen. Obwohl der Platz im Elternhaus begrenzt gewesen sei, waren die Räume voll mit Materialien und Büchern. Der Do-it-yourself-Ansatz wurde bei den Boontjes schon im Kindesalter gelebt. „Wenn ich etwas für mein Kinderzimmer wollte, dann habe ich es selbst bauen müssen“, erzählt der Designer. Boontje hat schließlich an der Design Academy in Eindhoven und am London Royal College of Art studiert. Seit 1996 betreibt er sein Studio in London, seine Werke wurden in internationalen Ausstellungen gezeigt und mehrfach preisgekrönt. Unter anderem erhielt er 2013 bereits zum zweiten Mal den begehrten Red Dot Award.

Seine Installation „Winterwunderland“ ist noch bis 21. Jänner 2017 in den Swarovski Kristallwelten zu sehen.

Fotos: un attimo Photographie

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