Lernen mit dem Drachen: Kinderskikurs am Wilden Kaiser

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Skifahren ist cool? Tatsächlich ist Skifahren mehr als das: Es fordert und fördert – und soll sogar schlau machen. Zu Besuch bei einem Kinderskikurs von Gerhard Tolds Skischule in Scheffau am Wilden Kaiser.

Maximilian Gerl

Maximilian Gerl lebt in München – und nimmt sich jedes Jahr aufs... Zum Autor

Gerhard Told wirft den Drachen an. Röhren, Kindergeschrei. Langsam fährt Told los. Hinter sich zieht er einen Schlitten, der aussieht wie ein Zugwaggon, nur steht er auf Kufen statt auf Rädern. Ein Dutzend Kinder hängt an den offenen Seiten, winkt, lacht. „Das lieben sie“, hatte Told vorhin versichert. Jetzt, auf dem mit Holz und Pappmaché als Drache verkleideten Ski-Do, mehr Karneval- als Pistengefährt, lächelt er. Auch Told scheint diese Momente zu lieben. Mit den Kindern im Schlepptau dreht er eine Runde über den verschneiten Gipfel. Dann hält er an. Aussteigen! Der Skiunterricht geht weiter.

Die Ausflüge auf dem Drachen sollen vor allem eines machen: Spaß. „Das ist für die Kinder das Größte“, sagt Skischulleiter Gerhard Told.

Die Ausflüge auf dem Drachen sollen vor allem eines machen: Spaß. „Das ist für die Kinder das Größte“, sagt Skischulleiter Gerhard Told.

Früher waren Skikurse für Kinder fast eine Selbstverständlichkeit. Inzwischen hat sich das geändert, seit Jahren sinkt die Zahl junger Menschen, die den Sport erlernen. Was schade ist: Denn Skifahren fordert und fördert. Manche Experten sagen sogar: Macht schlau.

Willkommen im Kinderparadies

Gerhard Tolds Skischule hat ein eigenes Areal am Gipfel des Brandstadl, ein abgesperrter Bereich direkt neben der Seilbahnstation. 1650 Meter über Null, Blick über den Wilden Kaiser. Unten im Tal liegt Scheffau. Vor bald zwanzig Jahren ist Told mit seiner Schule auf den Gipfel gezogen und hat ihn in ein Kinderparadies verwandelt. Er hat Skikarusselle aufgestellt, bunte Figuren und Fließbänder, die Nachwuchsskifahrer ein paar Höhenmeter hinaufbefördern. Kurze, flache Hangstücke dienen als Parcours, Slalomstangen oder kleine Buckel als Hindernisse. Weil das gesamte Gebiet umzäunt ist, können die Kinder in aller Ruhe üben, hier kommt ihnen niemand in die Quere. Skifahren in geschützter Umgebung. Das Verletzungsrisiko: gering. „Sicherheit geht vor“, sagt Told. Ein bisschen Rumrutschen, ein Gefühl für die Skier bekommen, Pflug fahren – reicht für den Anfang. Nur wer sicher auf den Brettern steht, darf „raus“, wie Told es nennt, mit einem Kurs auf die richtige Piste, üben unter Realbedingungen. Die Ausflüge mit dem „Drachen“, dem verkleideten Ski-Do, zählen nicht als Übung. Sie sollen die Kurseinheiten auflockern. „Skifahren macht Spaß“, sagt Told. „Das zu vermitteln, ist das Wichtigste.“

Das Kinderkaiserland Scheffau befindet sich direkt am Gipfel des Brandstadl. Ein abgesperrtes Areal mit bunten Figuren, Skikarusselen, Transportbändern und Mini-Abfahrten. Hier können die Kleinen ungestört üben.

Das Kinderkaiserland Scheffau befindet sich direkt am Gipfel des Brandstadl. Ein abgesperrtes Areal mit bunten Figuren, Skikarusselen, Transportbändern und Mini-Abfahrten. Hier können die Kleinen ungestört üben.

Überdachte Fließbänder sind eine von Tolds Ideen.

Überdachte Fließbänder sind eine von Tolds Ideen.

Gerhard Told ist der Chef. Er ist 73 Jahre alt. Als Skilehrer arbeitet er seit seinem 16. Lebensjahr. Wie vielen Menschen er seitdem das Skifahren beigebracht hat? „Oh mei“, sagt er und lacht.

Gerhard Told ist der Chef. Er ist 73 Jahre alt. Als Skilehrer arbeitet er seit seinem 16. Lebensjahr. Wie vielen Menschen er seitdem das Skifahren beigebracht hat? „Oh mei“, sagt er und lacht.

Eine Frage der Motorik

In Spitzenzeiten trainieren jede Woche bis zu 200 Kinder am Brandstadl. Die meisten beginnen das Skifahren mit etwa vier Jahren. Ein gutes Alter, sie stehen dann schon recht sicher auf den Beinen, lernen gleichzeitig schnell neue Bewegungsabläufe. Und die zu beherrschen, ist beim Skifahren entscheidend. Schon ein einfacher Parallelschwung erfordert eine Menge Motorik: Der Fahrer muss im richtigen Moment die Hüfte knicken und den Stock einsetzen, ohne dabei Balance und Geschwindigkeit zu verlieren.

Skischulleiter Told hilft einer kleinen Schülerin. Sie soll auf Skiern durch einen Parcours aus Hütchen manövrieren. „Ein bisschen Rumrutschen, ein Gefühl für die Skier bekommen – mehr braucht es am Anfang nicht“, sagt Told.

Skischulleiter Told hilft einer kleinen Schülerin. Sie soll auf Skiern durch einen Parcours aus Hütchen manövrieren. „Ein bisschen Rumrutschen, ein Gefühl für die Skier bekommen – mehr braucht es am Anfang nicht“, sagt Told.

Bis zu 200 Kinder betreuen Told und seine Kollegen hier in der Woche. Die meisten beginnen mit vier Jahren mit dem Skifahren. Das Wichtigste dabei ist: Spaß. Erfolge, und manchmal auch das eigene Stofftier, motivieren zum Weitermachen.

Mediziner verweisen außerdem darauf, dass sich beim Skifahren schnell Muskulatur aufbaut, in den Schultern, im Rücken, in den Beinen und im Gesäß. Vor allem starke Rücken- und Gesäßmuskeln sind wichtig: Sie können Haltungsschäden vorbeugen, weil sie helfen, den Oberkörper in einer aufrechten Position zu halten. Die Bewegung an der frischen Luft kurbelt den Kreislauf an und wirkt damit zu hohem Blutdruck entgegen. Ob man beim Skifahren auch abnehmen kann, hängt von der Fahrweise ab: Bei einer einzelnen Abfahrt ist der Kalorienverbrauch gering, verglichen mit anderen Sportarten. Der Kalorienverbrauch steigt mit der Anzahl der Abfahrten – und mit der Geschwindigkeit, weil dann mehr Druck auf die Skier nötig wird.

Wer sich bewegt, ist besser in der Schule

Skifahren soll sogar schlau machen. Sagt jedenfalls Frieder Beck, Hirnforscher und Lehrer. Man erwischt ihn, als er gerade auf dem Heimweg vom Skifahren ist, er war spontan mit Freunden für ein paar Tage in Tirol. Wenn es im Telefon rauscht, steckt er wieder im Tunnel. Beck war Trainer der deutschen Nationalmannschaft im Ski-Freestyle und ist überzeugt: „Wer sich bewegt, ist besser in der Schule. Das ist statistisch erwiesen.“ Warum das so ist, liegt laut Beck am Aufbau des menschlichen Gehirns, das sich seit der Urzeit nicht mehr nennenswert verändert habe. Unsere Vorfahren seien immer in Bewegung gewesen, sie mussten raus aus ihrer Höhle, eine Wasserstelle suchen, Beeren oder Wild. Wer sich dabei ganz auf seine Aufgabe konzentrieren konnte, hatte einen evolutionären Vorteil, sagt Beck. Das führte dazu, dass Gehirnleistung und Bewegung quasi Hand in Hand gingen. „So wie damals reagiert unser System heute noch auf Bewegung.“ Heißt: Eine Sportart wie Skifahren, in der komplexe Bewegungsabläufe gesteuert werden müssen, hilft dabei, die Leistungsfähigkeit des Arbeitsgedächtnisses zu steigern – und damit die Konzentration. „Kinder, die sich besser konzentrieren können, können besser lernen und schreiben bessere Noten“, sagt Beck.

Viele der Figuren im Kinderland hat Told extra anfertigen lassen – etwa diesen Kopf mit aufgerissenem Mund, der als Tunneleinfahrt dient.

Viele der Figuren im Kinderland hat Told extra anfertigen lassen – etwa diesen Kopf mit aufgerissenem Mund, der als Tunneleinfahrt dient.

Die Kinderskischule Scheffau hat ein eigenes Maskottchen: Snoki. Bei den Kindern ist es sehr beliebt, in der Pause singen und tanzen sie gemeinsam.

Die Kinderskischule Scheffau hat ein eigenes Maskottchen: Snoki. Bei den Kindern ist es sehr beliebt, in der Pause singen und tanzen sie gemeinsam.

 

Mit Schlauwerden allein ist es aber für Beck nicht getan. Er sieht im Skifahren noch einen weiteren Vorteil: die Umgebung. „Ein Wintertag mit Bergpanorama und glitzerndem Schnee steckt voller Glücksmomente, das gibt es so nirgends“, sagt er. Deshalb helfe Skifahren dabei, im Alltagsleben organisierter und psychisch aufgeräumter zu werden. „Wenn wir auf der Piste unterwegs sind, beschäftigen wir uns selten mit schulischen oder anderen Problemen. Trotzdem unterstützt uns der Sport bei deren Lösung“ – eben wegen der positiven Effekte auf unser Arbeitsgedächtnis.

Rücksichtnahme und Vertrauen

Physisch fitter, psychischer aufgeräumter – und sozial? Auch da können Kinder was dazulernen, sobald sie sich die Bretter anschnallen. Etwa Rücksichtnahme auf andere Menschen, schließlich sind sie selten allein auf der Piste unterwegs. Wer nicht schaut, wohin er fährt, riskiert Crashs. Auch Vertrauen in sich selbst, in die eigenen Fähigkeiten kann man aus dem Skifahren mitnehmen. Mit jeder Abfahrt schätzen Kinder ihr Können und ihre körperlichen Möglichkeiten realistischer ein. Erfolge stärken zudem das Selbstbewusstsein und motivieren zum Weitermachen.

Wie am Fließband: Über Bänder geht es wieder den Berg hinauf. Gerade für kleinere, ungeübte Kinder wäre Schleppliftfahren für den Anfang zu schwer.

Wie am Fließband: Über Bänder geht es wieder den Berg hinauf. Gerade für kleinere, ungeübte Kinder wäre Schleppliftfahren für den Anfang zu schwer.

In Scheffau bei Gerhard Told lässt sich das gut beobachten. Anfangs weinen manche Kinder noch, sie fremdeln mit der unbekannten Umgebung, ihnen fehlen die Eltern. Nach den ersten Übungen ändert sich das in der Regel schnell. Sie freuen sich über jede gelungene Fahrt, über jedes Lob des Skilehrers. Manche kommen dann aus dem Strahlen gar nicht mehr heraus. „Spaß ist das Wichtigste“, wiederholt Told. „Wer die Lust am Skifahren verliert, ist mindestens für die Saison verloren.“ Vielleicht auch für immer. Dann geht Told noch einmal zu seinem umgebauten Ski-Do hinüber, wirft den Drachen an. Röhren. Die Kinder antworten mit begeistertem Geschrei. Noch eine Runde. Skifahren macht ja auch Spaß.

Die Skischule von Gerhard Told ist eine von rund 20 qualitätsgeprüften Tiroler Skischulen, die den  jüngsten Pistenzwergen unter dem Motto „Spielplatz Schnee“ den Spaß im Schnee vermitteln und Kinder ab drei Jahren auf spielerische Art und Weise ihre ersten Versuche auf Skiern machen lassen. Alle Infos und Skischulen im Überblick: www.tirol.at

Bergsport, Familie

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