Wie ich Langlaufen lernte – Ein Selbstversuch auf 42 Millimetern

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Es gibt Dinge, die bringen einen ambitionierten Freizeit-Alpinskifahrer wie mich recht schnell auf den Boden der Tatsachen. Im wahrsten Sinne. Langlaufski zum Beispiel.

Jan Kirsten Biener

Jan Kirsten Biener fährt seit seiner Jugend Ski und Snowboard und... Zum Autor

Rainer, einer meiner beiden Coaches an diesem Wochenende, hatte mich gerade stehen gelassen, am ersten Anstieg unserer gemeinsamen Langlaufrunde, gleich hinter der Skisprungschanze in Seefeld, wo die vorher sanft im Tal verlaufende Loipe eine erste harmlose Steigung hinlegt. „Auf geht’s“, rief Rainer als es bergauf ging, dieser sympathische, vollbärtige, bis in hinter den Ohrenmuskel durchtrainierte 51-Jährige und auf ganz und gar positive Art Langlauf-Besessene. Er legte einen eleganten – ach was: formvollendeten – Schritt im klassisch nordischen Stil hin. Sekunden später hörte ich nur noch den Sound seiner Ski und Stöcke im Schnee, während er hinter den Fichten verschwand. Tak-Zisch … Tak-Zisch … Tak-Zisch … und weg war er.

Schneesicher bis in den Frühling: Jan wagte sich Ende März in die Loipen von Seefeld. Ihn erwarteten Sonnenschein und immer noch zahlreiche perfekt präparierte Loipen.

Schneesicher bis in den Frühling: Jan wagte sich Ende März in die Loipen von Seefeld. Ihn erwarteten Sonnenschein und immer noch zahlreiche perfekt präparierte Loipen.

Als mich Rainer stehen ließ, wurde mir klar: Die ersten Erfolge stellen sich tatsächlich unmittelbar ein, wenn man Langlaufen lernt. Dieser nur scheinbar bedächtige Sport schafft es, selbst einem alten Hasen im Wintersport auf völlig überraschende Art kleine, süße Adrenalinschübe zu versetzen. Das Gleiten! Der Rhythmus! Und ja: die Geschwindigkeit! Schon am ersten Tag meint man: Jetzt habe ich es raus, jetzt kann die rote Loipe kommen. Und dann tun sich Schwerkraft, Wachs und der perfekt modellierte Schnee einer frisch präparierten Loipe zusammen für die erste Lektion in Demut.

Rainer tak-zischte davon, ich konzentrierte mich, setzte die Stöcke im rudimentär erlernten Skating-Stil alle zwei Schritte in den Schnee, verlor erst den Takt, dann meinen ruhigen Atem, ackerte, schwitzte, schnaufte und setzte schließlich den linken Stock ein paar Zentimeter zu weit vorne in den Schnee, nämlich vor und nicht neben den Ski. Klassischer Anfängerfehler. Ich blieb hängen, stolperte, machte eine Ausgleichbewegung, dachte noch an Charlie Chaplin. Und fiel nach vorne in den Schnee. Klare Abzüge in A- und B-Note.

Früher war Rainer Renauer nach eigenen Angaben „faul ohne Ende“. Dann entdeckte er das Langlaufen. Heute sagt er: „Ich liebe die Ruhe, das Meditative an dem Sport. Und die Tatsache, dass er den Körper so komplett trainiert.“

Früher war Rainer Renauer nach eigenen Angaben „faul ohne Ende“. Dann entdeckte er das Langlaufen. Heute sagt er: „Ich liebe die Ruhe, das Meditative an dem Sport. Und die Tatsache, dass er den Körper so komplett trainiert.“

Eine der ganz frühen Erkenntnisse: Es ist alles eine Frage des richtigen Rhythmus. Wer als Anfänger einmal aus dem Takt ist, verbraucht viel zu viel Energie. Das Ergebnis: Zwangspausen.

Eine der ganz frühen Erkenntnisse: Es ist alles eine Frage des richtigen Rhythmus. Wer als Anfänger einmal aus dem Takt ist, verbraucht viel zu viel Energie. Das Ergebnis: Zwangspausen.

„Ja, was machen Sie denn da?“, fragte eine 70-Jährige, als sie mich überholte. „Langlaufen lernen“, sagte ich. Ich zwang mich zu einem Lächeln und suchte meine Rennradbrille, die eben noch auf meiner Nase saß.

„Na, da müssen Sie aber auch wieder aufstehen.“ Auch sie tak-zischte davon.

Ich war am Tag zuvor in Seefeld angekommen. Einem der vielen Orte in Tirol, in denen Langlauf eben nicht bloß ein Wintersportangebot unter vielen ist, sondern ein echtes Charaktermerkmal, die Nummer eins noch vor Alpinski und Snowboard. Der Sport prägt das Bild der gesamten Region. Loipen beginnen vor den Haustüren und führen über offene Auenfelder bis in abgelegene, wunderbar stille Talschlüsse. Man denkt: Hier gibt es mehr Loipen als Straßen. Vermutlich stimmt das auch. Es ist eine Region, in der Menschen wie Doris leben und arbeiten, eine bis zur letzten noch so naiven Anfängernachfrage freundliche Langlauf-Expertin, die mir eine scheinbar unbenutzte, da perfekt hergerichtete Leihausrüstung zusammenstellte und mir nebenbei noch alle Rennski der Langlauf-Cracks zeigte, die sie hier im Geschäft von Hannes Norz für Wettkämpfe oder halbprofessionelle Skimarathons präparieren. Die Loipe? Klar: Beginnt exakt eineinhalb Meter vor dem Eingang des Geschäfts.

In Hannes Norz' Sportgeschäft erhält man die perfekte Ausrüstung und Beratung für den ersten Langlaufversuch: Und das Beste: Die Loipe beginnt exakt eineinhalb Meter vor dem Eingang des Geschäfts.

In Hannes Norz‘ Sportgeschäft erhält man die perfekte Ausrüstung und Beratung für den ersten Langlaufversuch: Und das Beste: Die Loipe beginnt exakt eineinhalb Meter vor dem Eingang des Geschäfts.

Langlaufen – das merkte ich sofort – ist hier perfekt organisiert. Es gibt Langlaufhotels, Langlaufschulen, spezielle Loipenbullys, sogar einen eigenen Loipennotruf (140). Langlauftrainer Nick von der XC Academy sagte mir gleich am ersten Tag, während unserer ersten Unterrichtsstunde. „Pass auf, es geht vor allem um eins: Wenn du einmal den Schritt raus hast, musst du dran bleiben! Und Kilometer sammeln.“ Die ersten Versuche sind wackelig. Mein Ski ist 42 Millimeter schmal. Ein moderner Tiefschneeski, mit dem ich sonst auf Schnee stehe, hat ungefähr die dreifache Breite. Der Anfang ist ein Balanceakt, aber dann geht es erstaunlich schnell. Eben erklärte Nick noch, warum das Wachsen eines Langlaufskis eine Wissenschaft für sich sein kann, er sprach davon, dass Wachs wie ein Schutz ist, keine Pflicht, aber je nach Schneebeschaffenheit ein enormer Gleitvorteil; dass der Ski immer „gesättigt“ sein soll, dass die Prägung vor allem bei warmen Temperaturen wichtig ist, damit Wasser und Feuchtigkeit besser ablaufen können. Und dann ging es los. Nick zeigte mir den korrekten Anfängerstockeinsatz. Gar nicht so schwer. Und dann ging es ab. Es ist ein Gefühl, vergleichbar mit dem Geschwindigkeitsrausch, den man auf den ersten Metern mit einem Rennrad spürt, wenn man es sonst gewohnt ist, mit alten Stadträdern zur Arbeit oder zum Einkaufen zu fahren. Wir skateten auf der Übungsloipe in der Casino Arena, in der 2019 die nächste Nordische Ski-WM stattfinden wird. 200, 500, dann 1.000 Meter am Stück und ich merkte: Dieser Sport hat Suchtpotential. Dann wagten wir uns auf die erste Rundloipe.

Seefeld ist die (!) Adresse zum Langlaufen in Tirol, 2019 finden hier sogar die Nordischen Ski-Weltmeisterschaften statt. Die Top-Infrastruktur zeigt sich unter anderem bei speziellen Loipenbullys oder dem eigenen Loipennotruf.

Seefeld ist die (!) Adresse zum Langlaufen in Tirol, 2019 finden hier sogar die Nordischen Ski-Weltmeisterschaften statt. Die Top-Infrastruktur zeigt sich unter anderem bei speziellen Loipenbullys oder dem eigenen Loipennotruf.

Der erste Tag endete mit echten Glücksgefühlen und etwas Übermut – vielleicht skaten wir morgen schon von Seefeld nach Mösern oder einen anderen Ort im Tal? Der zweite Tag beginnt mit einem saftigen Muskelkater – an überraschenden Körperstellen. Bauch, Nacken, Gesäß. „Gut so!“, sagt Rainer, der mir an diesem Tag nicht nur weitere elementare technische Tricks, sondern ein Gespür für die Leidenschaft zum Langlaufen vermittelte. „Du wirst merken, mit jedem Kilometer, den du läufst, wirst du Fortschritte machen“. Und das ist tatsächlich so. Rainer erzählte beim Warmlaufen, dass man ein Gespür für das Material bekommen sollte, dass selbst der Griff am Stock einen riesigen Unterschied machen kann, wenn er perfekt in der Hand liegt. Ich bekam zunehmend ein Gefühl für den Ski, den richtigen Winkel, mit dem ich den Stockeinsatz machen sollte. Und versuchte währenddessen, mir nicht anmerken zu lassen, dass ich jetzt schon Schwierigkeiten hatte, mit ihm mitzuhalten. Rainer sagte noch, dass er noch nie eine Verletzung vom Langlaufen hatte. Dann kamen die ersten Steigungen.

Während sich auf ebenen Loipen schnell die ersten Erfolgserlebnisse einstellen, sorgen spätestens die Anstiege und Abfahrten für einen realistischen Blick auf das eigene Verbesserungspotential.

Während sich auf ebenen Loipen schnell die ersten Erfolgserlebnisse einstellen, sorgen spätestens die Anstiege und Abfahrten für einen realistischen Blick auf das eigene Verbesserungspotential.

Als wir in der Nachmittagssonne noch bei einem Cappuccino zusammen saßen, sagte Rainer: „Mitte Jänner 2018 findet der Kaiser-Maximilian-Lauf hier in Seefeld statt. Die Kurzdistanz geht über 30 Kilometer.“ Ich kam ins Grübeln. Es klang nach einer verrückten Herausforderung. „Unmöglich ist das nicht“, redete mir Rainer zu. „Du kannst hier auch im Sommer trainieren, auf Roll-Ski, es gibt in Seefeld spezielle Sommerrouten auf perfektem Asphalt. Und dann sehen wir uns im Jänner wieder.“ Man muss dazu wissen: Rainer kam gerade vom Vasa-Lauf in Schweden zurück, eins der größten Langlauf-Events der Welt, 90 Kilometer in klassischer Technik, ein ganzen Tag lang laufen ohne Pause, schieben, Fersen hoch, Stöcke in den Schnee, immer wieder, immer weiter. Unvorstellbar. Aber ich bekam eine Ahnung für die Faszination Langlaufen. Für die Einzigartigkeit dieses Sports – und für die unendlich vielen kleinen und großen Herausforderungen, denen man sich stellen kann. Ich verabschiedete mich von Rainer und von Seefeld und dachte: Wir sehen uns im Jänner. Wenn ich bis dahin raus habe, wie man Steigungen bewältigt.

Zum Autor: Jan Kirsten Biener, 39, fährt seit seiner Jugend Ski und Snowboard, ist heute begeisterter Skitourengeher und Rennradfahrer, stand jedoch noch nie auf Skating-Langlaufski – bis zu diesem Selbstversuch.

Zum Autor: Jan Kirsten Biener, 39, fährt seit seiner Jugend Ski und Snowboard, ist heute begeisterter Skitourengeher und Rennradfahrer, stand jedoch noch nie auf Skating-Langlaufski – bis zu diesem Selbstversuch.

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