Der Luxus der Erhabenheit auf der Kristallhütte im Zillertal

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Wer im Wörterbuch den Begriff „Koketterie“ nachschlägt, könnte dort den Verweis: „siehe Kristallhütte, Kaltenbach im Zillertal“ finden. Denn von einer ärmlichen Hütte im landläufigen Sinn ist das kleine, feine Gourmetrestaurant und Luxushotel im Hochzillertal weit entfernt.

Irene Heisz

Die Journalistin, Autorin und Moderatorin Irene Heisz schreibt am... Zum Autor

Will Kristallhütten-Wirt Stefan Eder für ein paar Augenblicke mit sich allein sein, dann zieht er sich mit einem Teller Kaiserschmarren auf den Hochsitz vor der Hütte zurück. „Dort finde ich Ruhe und habe den Überblick“, lacht der quirlige Zillertaler, während er genüsslich ein paar Gabeln der flaumigen Köstlichkeit verspeist – gern auch in der Deluxe-Variante mit einer Kugel Vanilleeis, Apfelmus und Zwetschgenröster.

Das Bedürfnis, sich von der geschäftigen Welt mitten im Skigebiet Hochzillertal zurückzuziehen, überkommt den 37-Jährigen allerdings nur selten. „Ich bin einfach immer noch liebend gern unter Menschen“, sagt er mit Überzeugung, „auch nach bald elf Jahren. Unser außergewöhnliches Konzept perfekt umzusetzen, ist nämlich jeden Tag wieder eine lässige Herausforderung.“ Dass das „a diamal“ (zu Deutsch: mitunter) sehr viel Arbeit sei, gehöre eben dazu.

Der Hochsitz vor der Hütte ist Lieblingsplatz vieler Gäste, und auch jener von Hüttenwirt Stefan Eder.

Der Hochsitz vor der Hütte ist Lieblingsplatz vieler Gäste, und auch jener von Hüttenwirt Stefan Eder.

Skihütten in einer neuen Dimension

Die ursprüngliche Einfachheit einer Hütte in den Bergen übte immer schon eine ungeheure Faszination auf zivilisationsgewöhnte (und -verwöhnte) städtische Menschen aus. Mehr oder weniger auf sich selbst und eine überwältigende Natur zurückgeworfen zu sein, hat mitunter etwas Verstörendes, Bedrohliches gar. Aber auch das Potenzial, die Seele aufatmen zu lassen und den Kopf zu klären. Das gilt auch für klassische Skihütten. Und erst recht für das Premium-Hüttenangebot im Hochzillertal, das die traditionelle Skihütte in eine neue Dimension katapultiert hat.

Wo der Gast einkehrt, um an einem befriedigend anstrengenden Skitag Rast zu machen, ein mehrgängiges Überraschungsmenü zu genießen oder sich mitten im Hochgebirge den Luxus eines noblen Hotels zu gönnen, bleibt letztlich Geschmacksache: Die Wedelhütte ist das höchstgelegene Tiroler Wirtshaus mit Gourmet-Ansprüchen, die Schneekarhütte am Penken lädt zum Übernachten in eine futuristisch anmutende Pyramide ein, in der urig-entspannten Atmosphäre der Platzlalm fühlen sich auch Familien mit Kindern wohl.

Und da reden wir, zurück in der Kristallhütte, noch gar nicht von einem Vollbad mit Rundumblick auf zahlreiche Dreitausender oder ein paar trägen Stunden im Spa, die Übernachtungsgäste (noch vor dem 500-Gramm-Steak) genießen, wenn die Tagesgäste zu ihrer letzten Abfahrt aufgebrochen sind. „A diamal“ beschleicht in einem solchen Moment selbst abgebrühte Agnostiker ein Gefühl der Erhabenheit.

Kein Laden um die Ecke

Diese große Emotion ist Kristallhütten-Wirt Stefan Eder auch selbst sehr vertraut. Sein Alltag freilich ist geprägt von der sehr prosaischen und durchaus beträchtlichen Herausforderung, eine Hütte zu führen, die den Anspruch einlöst, gleichzeitig traditionelle Skihütte, hochklassiges Gourmetrestaurant und ein kleines, feines Hotel zu sein. Die Gastronomie und Hotellerie sind Stefan Eder, dem „Gasthauskind“, wie er selbst sagt, in die Wiege, die im elterlichen Hotel drunten im Zillertal stand, gelegt worden. In der Kristallhütte auf 2.147 Metern Meereshöhe allerdings arbeiten Stefan, seine Lebensgefährtin Verena und das Team um Küchenchef Christian Hotter unter verschärften Bedingungen.

Das beginnt bei der Einkaufslogistik. „Wir sind im Hochgebirge“, erinnert Eder, „wenn da in der Küche ein Produkt fehlt, kann ich nicht schnell einmal in den Laden um die Ecke laufen.“ Das setzt sich fort mit der Tatsache, dass in dieser Höhe speziell im Winter große Trockenheit und permanent ein Luftdruck wie in einem Flugzeug herrschen. Das erfordert unter anderem, dass Speisen kräftiger gewürzt werden müssen, damit sie schmecken wie im Tal. Und das führt dazu, dass Lebensmittel extrem schnell austrocknen. Von Kleinigkeiten, dass das klassische Vier-Minuten-Frühstücksei im Hochgebirge sieben Minuten braucht, bis es die exakt richtige Konsistenz hat, gar nicht zu reden.

Gemütlicher Ausklang

Weil Eder eben gern Menschen um sich hat, hält er sich fast noch lieber als auf seinem Hochsitz in der immer gut frequentierten Lounge oder am spektakulär großen, offenen Kamin mitten in der Kristallhütte auf. Zum warm lodernden Holzfeuer passt dann auch ein 500 Gramm schweres Ribeye-Steak vom Black Angus, auf dem Holzbrett serviert und klassisch von einem gegrillten Maiskolben und einem Folienkartoffel begleitet. „An sich ist die Portion ja für zwei gedacht“, erklärt Eder. „Es gibt aber auch Steakfreunde, die das nach einem langen Skitag allein schaffen.“

Zu einem mehrgängigen Gourmetmenü gehört unabdingbar die passende Weinbegleitung; der Weinkeller der Kristallhütte wartet schwerpunktmäßig mit Österreichern und Italienern auf, hat aber auch aus allen anderen wichtigen Weinregionen der Welt ausgewählte Flaschen zu bieten. „Manchmal muss es eben ein schöner Bordeaux sein“, sagt Eder schlicht. Und er erzählt, dass sich selbst Wein in der Höhe anders verhält als im Tal: „Bei gewissen Weißweinen etwa kommt am Berg heroben die Säure viel stärker zur Geltung. Das kann unter Umständen ein Vorteil sein, muss es aber nicht.“ Die Konsequenz: Verkostet werden Weine, bevor sie in den Keller der Kristallhütte wandern, nur noch dort, wo sie dann auch von den Gästen genossen werden: auf dem Berg.

Mehr Infos zur Kristallhütte: www.kristallhuette.at

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