Angerer Alm in St. Johann

Chefinnensache auf der Angerer Alm

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Die Angerer Alm in St. Johann in Tirol ist eine urige Berghütte und gleichzeitig ein renommiertes Gourmetrestaurant. Möglich machen dieses Kunststück zwei Frauen: Annemarie und ihre Tochter Katharina Foidl.

Irene Heisz

Die Journalistin, Autorin und Moderatorin Irene Heisz schreibt am... Zum Autor

Frauengestalten kommt in der Tiroler Sagenwelt eine besondere Rolle zu: Die Saligen, zum Beispiel, tauchen in unzähligen Geschichten als weise, hilfsbereite, aber im Bedarfsfall auch sehr energische und durchsetzungsstarke Geisterwesen auf. Wenn sich ein Mensch, ein Mann zumal, den Saligen gegenüber dumm oder respektlos verhält, bekommt ihm das üblicherweise gar nicht gut. Ätherische Geisterhaftigkeit ist Annemarie und Katharina Foidls Sache nicht, aber zupacken können Mutter und Tochter, die Chefinnen der Angerer Alm allemal. „Wir führen hier eine Weiberwirtschaft“, lacht Annemarie, die im eleganten Business-Kostüm eine ebenso gute Figur macht wie in der volkstümlichen Tracht. Dass sie im Winter das Dirndlkleid gern gegen eine zünftige Lederhose und einen Trachtenjanker tauscht, spricht einerseits für Foidls Lust an der modischen Verspieltheit und hat andererseits durchaus Symbolcharakter: Auf der Angerer Alm haben nun einmal die Frauen die Hosen an.

Die energetische Mittvierzigerin mit der jugendlichen Ausstrahlung führt die Angerer Alm seit mehr als 25 Jahren, damals war sie selbst noch nicht einmal 20 Jahre alt. Über hexerische Fähigkeiten verfügt Foidl natürlich nicht, aber unangestrengt wirkende Kunststücke aller Art sind durchaus eine Spezialität der Almwirtin. Sie hat die mehr als 200 Jahre alte Hütte am Kitzbüheler Horn mit 13  Gästezimmern in ihrer Urigkeit erhalten, was unter anderem bedeutet, dass die Badezimmer nach wie vor am Gang sind und der Panoramablick den Fernseher ersetzt. Gleichzeitig aber hat Foidl die Hütte zu einem erstklassigen Restaurant entwickelt, das Gourmets gern in ihren Notizbüchern stehen haben. Und dass im Keller der Angerer Alm an die 6.000 Flaschen feinster Weine aus aller Welt lagern, hat seinen Grund darin, dass Foidl seit acht Jahren Präsidentin des Österreichischen Sommelierverbandes ist. Keine Selbstverständlichkeit, denn auch die Welt der hochklassigen Berufs-Weinkenner verzeichnet einen deutlichen Männerüberhang.

Foidls Nebenjob als Österreichs oberste Weinfachfrau zeitigt den für Gäste der Angerer Alm angenehmen Effekt, dass sich dort immer wieder Spitzenwinzer mit ihren Produkten einfinden, etwa um einen Winzer-Wandertag zu verbringen. Und dass die Spitzen-Sommelière weiß, wie wichtig das richtige Glas dafür ist, einen Wein in seiner Vollendung genießen zu können, hat sich 2016 auch in einem ganz anderen Teilgebiet der Trinkkultur als nützlich erwiesen: Die ARGE Heumilch, ein Zusammenschluss von 8.000 heimischen Heumilch-Bauern und  Molkereien, beauftragte Foidl damit, das perfekte Trinkgefäß für Heumlich zu finden. Foidls Lösung: In einem bauchigen Trinkgefäß kommen die Aromen auch der besten Milch noch besser zur Geltung. Ausprobieren kann man das natürlich auf der Angerer Alm, wo der Weg von der mit Heu gefütterten Kuh ins Milchglas besonders kurz ist.

Die Küche des Hauses ist das Reich von Tochter Katharina. Tagsüber ist traditionelle Hausmannskost angesagt. Vom Kaiserschmarren bis zu Speckknödeln gibt die Speisekarte alles her, was hungrige Wintersportler glücklich macht. Abends dann schlägt die Stunde der kulinarischen Kreativität. Zusammen mit ihrem Mann Gerald zaubert Katharina drei bis fünfgängige Menüs aus allem, was die Umgebung bietet, von Wildkräutersüppchen bis Crépinette vom Hasen. Eine Speisekarte gibt es abends nicht, sie gestalten ihre „Bergfestivals der lukullischen Freuden“ ständig neu und überraschend anders. Ein spezieller Tipp ist das Bergvitalfrühstück mit selbstgebackenem Brot, hausgemachten Marmeladen, Müsli, Milchprodukten von den eigenen Kühen, frischem Obst und und und …

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