Von Krapfenschnappern und Schlittenköpfen – 10 überraschende Exponate im Tiroler Volkskunstmuseum

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Das Tiroler Volkskunstmuseum in Innsbruck ist wegen seiner Bedeutung und Vielfalt unschätzbar wertvoll, um mehr über Tirol, seine Bräuche, Menschen und Besonderheiten zu erfahren. Aufgrund der Größe des Museums ist es gar nicht so leicht, die interessantesten Ausstellungsobjekte zielsicher anzusteuern. Deshalb habe ich Karl Berger, Leiter des Museums, nach seinen Lieblingsexponaten gefragt.

Eckard

Eckard Speckbacher ist viel unterwegs: in großen Städten, fernen... Zum Autor

Eine der schwierigsten Aufgaben für einen Museumsdirektor ist, sich auf wenige Objekte zu beschränken. Die Geschichten zu jedem Objekt, die Karl Berger zu erzählen weiß, machen einen Museumsbesuch zu einer sehr kurzweiligen Tour.

Karl Berger, Leiter des Tiroler Volkskunstmuseum, zeigt mir seine zehn Lieblingsobjekte im Museum.

I) Hochzeits-Mitgift im Jahr 1807

Geheiratet wurde im 19. Jahrhundert wegen der Feldarbeit üblicherweise im Winter und nicht im Frühjahr wie heute. Bett, Wäsche und Truhe waren ein wichtiger Teil der Mitgift der Braut und wurden aufgrund des Schnees häufig mit dem Schlitten ins neue Haus des Ehemanns transportiert.

Die Mitgift der Braut wurde im Winter mit dem Schlitten transportiert, in diesem Fall ein ganzes Ehebett mit den gemalten Szenen einer Ehe.

Bei diesem Bettgestell hat ein unbekannter Maler passend zur Hochzeit zwei Szenen aufgemalt: Einerseits das Idealbild der Ehe in Eintracht und dann das Schreckensbild mit Streit. Diese Dualität von Gut und Böse wurde aus dem Barock abgeleitet und auch in der Volkskultur übernommen.

Eine der beiden Abbildungen auf dem Ehebett. Eine Beschreibung der schlechteren Tage nach der Hochzeit mit Zwietracht und Streit.

II) Schlittenkopf aus dem 18. Jahrhundert

Die Figur „Vogel Selbsterkenntnis“ war ein beliebtes Motiv zur Zeit der Aufklärung: Erkenne dich selbst und führe dich aus deiner Abhängigkeit. Die Figur wurde als Verzierung auf einem großbürgerlichen Schlitten vorne angebracht und demonstriert recht offensichtlich eine Haltung des Besitzers, wie mir der Museumsdirektor Karl Berger erzählt.

Ein sehr beliebtes Motiv des aufgeklärten Bürgertums: Vogel Selbsterkenntnis

III) Votivbild aus dem Jahr 1679

Votivbilder wurden traditionell Wallfahrtskirchen aus Dankbarkeit gestiftet. Warum fasziniert Karl Berger gerade dieses Bild so? Weil das, wofür man im 17. Jahrhundert dankbar war, ganz andere Dinge als heutzutage waren. Auf dem Bild ist links eine Mutter mit ihrem Neugeborenen zu sehen und ich nehme spontan an, dass die Mutter dankerfüllt für die Geburt eines gesunden Kindes ist. Karl Berger liest die Erklärung im Bild vor, in der von einer Zwillingsgeburt zu erfahren ist. Ebenso, dass ein Kind verstorben ist, welches aber noch getauft werden konnte. Damit war dem Kind eine Bestattung auf dem Friedhof bei der Kirche möglich. Die Mutter war also außerordentlich erleichtert, dass die Taufe noch möglich war. Durch die Taufe war dem verstorbenen Kind – dem Glauben nach – die Erlösung und die Aufnahme bei Gott möglich.

Votivbilder wurden aus Dankbarkeit gestiftet – im Text stehen die Hintergründe der Schenkung.

In der Szene ist  die Mutter mit dem verstorbenen Kind erkennbar.

IV) Kalenderblatt aus dem 15. Jahrhundert

Dieses kleine Exponat verrät viel über die Bedeutung und die Einteilung der Kalendertage vor 500 Jahren. Die beiden ausgestellten Kalenderblätter zeigen den Juni und den Juli. Zu dieser Zeit gab es noch keine Wochen- und Feiertage, sondern sogenannte Lostage. In jedem Monat war die Anzahl dieser Lostage, welche Heiligen gewidmet waren, sehr unterschiedlich. Bei diesen beiden Kalenderblättern sind es im Juni vier und im Juli sieben Lostage. Insofern gaben nicht wie heute die einzelnen Wochen- und Feiertage Orientierung, sondern man sagte beispielsweise „drei Tage vor dem Lostag“, so der Museumsdirektor. Die Schutzheiligen, wie der Heilige Jakobus oder die Heilige Magdalena waren zu jener Zeit die Garanten für arbeitsfreie Tage und damit erfüllten sie laut Karl Berger schon fast gewisse „gewerkschaftliche Funktionen“. Die Dominanz der Religion und des Aberglaubens wurde im Zuge der Aufklärung besonders unter Josef II. bekämpft und abgeschafft.

Ein Kalenderblatt aus dem 15. Jahrhundert mit den „Feiertagen“ – die Zeichen ganz oben sind Heiligen gewidmet.

V) Drandl aus dem 19. Jahrhundert

An diesem Spielbrett sieht man, dass Spiele immer schon eine große Faszination auf Menschen ausgeübt haben. Das Drandl-Spiel ist ein bisschen mit dem Roulette vergleichbar – eine drehbare Nadel – montiert auf einer flachen Scheibe – steuert zufällig verschiedene Motive an, auf die vorher der Wetteinsatz gestellt wurde. Das Glücksspiel war an Tagen kirchlicher Feste im Gasthaus eine willkommene Unterhaltung, manchmal auch an anderen Tagen – bis zur Besessenheit. Heute würde man wohl von Spielsucht sprechen. Verbote wirkten nur beschränkt, weil Tischler das Spielbrett sehr geschickt  in den Wirtshaustischen verbauten, sodass es nicht gleich entdeckte. Auf der Tafel neben dem Exponat sieht man noch die Liste der Schuldbeträge von den Verlierern.

Eine Art Tiroler Roulette – das Glücksspiel war im 19. Jhdt. sehr beliebt, dahinter sieht man die Schuldnertafel.

VI) Brautschau im 19. Jahrhundert

Wie junge Männer das Werben um eine Braut organisiert haben, zeigt ein Schaukasten im Tiroler Volkskunstmuseum. Im 19. Jahrhundert wurde auf Bildern häufig das Motiv des „Fensterln“ dargestellt. Ein junger Mann stellte dafür eine Leiter an ein Haus und versuchte, damit das Fenster seiner Angebetenen zu erreichen. Der Bauer, Vater der Braut, beobachtete die Szene misstrauisch. Laut Karl Berger sind diese romantisierenden Vorstellungen in der Malerei des 19. Jahrhunderts weit verbreitet, haben sich aber in der Realität überhaupt nicht so abgespielt. Die Abbildungen sind inhaltlich seiner Meinung nach dem Minnesang entlehnt. Vielmehr zogen die jungen Männer in kleinen Gruppen durch das Dorf und versuchten die jungen Damen mit aufgesagten Reimen oder dem Spielen der Maultrommel zu beeindrucken. Und zwischen den Männergruppen kam es häufig zu Konflikten, besonders zwischen jenen aus unterschiedlichen Dörfern. Zur Verteidigung trugen die Männer sogar Schlagringe, um im Kampf siegreich zu sein – einige davon sieht man in den Vitrinen.

Mit der Maultrommel (vorne im Bild) wurde in der Gruppe Musik gemacht, um die jungen Damen zu beeindrucken.

Und die Konkurrenten wurden im Zweikampf mit recht schönen Schlagringen in die Flucht geschlagen.

VII) Krapfenschnapper aus dem 20. Jahrhundert

Dieser Stock, an dem eine Art Zange zum „Schnappen“ einer Süßigkeit angebracht ist. Das war das wichtigste Hilfsmittel fürs Krapfenschnappen, das einige Ähnlichkeiten mit dem heutigen Halloween aufweist, meint Museumsleiter Karl Berger. Die Verstorbenen Seelen, welche noch im Fegefeuer auf eine Erlösung warten, versetzten die Bevölkerung an Allerheiligen in Angst, weil die armen Seelen genau an diesem Tag laut abergläubischer Vorstellung die Hinterbliebenen besuchen. Deshalb hat man früher am ersten November in Tirol die Haustür zugesperrt und Lebensmittel wie Brot, Milch und Krapfen auf das Fensterbrett gestellt – zur Besänftigung der Geister. Weil Lebensmittel sehr kostbar waren, holten sozial schlechter gestellte Schichten – in Vertretung der Verstorbenen – das Essen in der Dämmerung mittels der Krapfenschnapper von den Fensterbrettern. Dabei wurde auch etwas Lärm gemacht, um sich in der Dunkelheit bemerkbar zu machen. Den Brauch, Essen vor die Tür zu stellen gibt es laut Karl Berger heute noch besonders in einigen Gemeinden in Osttirol wie zum Beispiel in Kals. Dort sammeln die Kinder mit dem Krapfenschnapper Süßigkeiten ein und stimmen folgenden Ausspruch an:“Vergelts Gott für die armen Seelen“. Sie bedanken sich so im Namen der Verstorbenen für die Süßigkeiten.

Der Brauch des „Krapfen schnappen“ wird mit dieser Vorrichtung auch heute noch in Osttirol gepflegt.

VIII) Strumpfwirkstuhl aus dem Jahr 1773

Dieses Herstellungsgerät für Strümpfe – eine Art Strickmaschine – ist ein Vorläufer der Industrialisierung. Erstmals war mit diesem Apparat eine Serienproduktion möglich. In dieser Zeit entstanden zahlreiche Manufakturen – eine Bezeichnung übrigens, die heute marketingtechnisch wieder modern wird. Bedient wurde dieses Maschine immer von Männern, in diesem Fall vom „Oberländer Anton Tschiderer“, wie auf dem Gerät vermerkt ist.

Ein Vorläufermodell der industriellen Fertigung: Damit wurden im 18. Jahrhundert Strümpfe hergestellt.

Die Strümpfe wurden diesen Holzmodellen angepasst.

IX) Türklopfer vom 16. bis zum 18. Jahrhundert

Karl Berger erzählt, dass der Eingang zum Haus, also die Schwelle eines Hauses, in früheren Jahrhunderten eine bedeutungsvolle Linie war. Die Schwelle eines Hauses war eine Art „geweihte“ und definierte Grenze. Der Hausherr versuchte so, den Hausfrieden zu wahren. Ein Türklopfer symbolisierte, dass alle Eintretenden drei mal klopfen mussten, damit alles Böse vor der Tür blieb. Auf den im Tiroler Volkskunstmuseum ausgestellten Exponaten aus reichen Bürgerhäusern sieht man noch Figuren wie beispielsweise den Hund oder den Basilisk (Fabelwesen), welche durch das Ansehen des Eintretenden die bösen Schwingungen abfangen sollten. Das dreimalige Klopfen hat ebenfalls eine symbolische Bedeutung und wird bis heute so ausgeführt – auch wenn wir ihm nicht mehr eine solche Bedeutung zuschreiben.

Klopf, Klopf, Klopf. Türklopfer bergen bei fast jedem Haus sehr viele Geheimnisse.

X) Trachten aus dem 19. Jahrhundert

Um kein Kleidungsstück in Tirol gibt es wohl mehr Mythen, als um die Tracht. Ich erfahre von Karl Berger in der Ausstellung der Tiroler Trachten sehr viel Neues. Beispielsweise, dass die Trachten früher den Stand symbolisierten und nicht die regionale Zugehörigkeit, wie das heute bekannt ist. Die Tracht als Standeskleidung legte genau fest, wer welche Farben und Elemente – zum Beispiel eine Feder – tragen durfte. So wurde die Zugehörigkeit geregelt. Im späten 19. Jahrhundert und am Anfang des 20. Jahrhunderts war die klassische Tracht mit einer Schnürung für Frauen aus der Mode gekommen. Junge Frauen bevorzugten die schwarze Tracht. In den Schaukästen sieht man ein Exemplar, welches beinahe zeitgenössisch wirkt – wie von einem  heutigen Modedesigner. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wandelte sich die soziale Bedeutung der Tracht zu einer regionalen. Die einzelnen Täler in Tirol reklamierten für sich bestimmte Elemente der Tracht wie Farben, Muster und Stoffe, die ihre regionale Zugehörigkeit deutlich machen sollten.

Die einfache, schwarze Tracht war besonders bei jüngeren Frauen im 19. Jahrhundert sehr gefragt.

Die Modelle zum Schnüren wurden hingegen eher von älteren Damen bevorzugt.

Und die Herrn waren teilweise im bürgerlichen Gehrock gekleidet – eine Tracht aus Zams bei Landeck.

Auch wenn Karl Berger schon 10 Exponate erklärt hat, so muss er mir noch zumindest eine der vielen Stuben zeigen – sozusagen als kleine Zugabe zum Rundgang.

XI) Stube aus Fiss um 1886

Das Volkskunstmuseum zeigt auf zwei Stockwerken eine beeindruckende Ausstellung von Stuben, dem traditionellen Wohnraum von Bürger- und Bauernhäusern aus Nord- und Südtirol. Karl Berger erzählt mir, dass dieser zentrale Raum in Tiroler Häusern sich seit dem Mittelalter nur geringfügig verändert hat. Eine umlaufende Bank, Tisch und Freiraum in der Mitte – im Winter wurde beispielsweise ein Spinnrad aufgestellt – sind bis heute unverändert. Dazu kommt noch ein wärmender Kachelofen. Die meisten Stuben im Museum stammen aus adeligen Häusern oder Schlössern. Die Stube auf dem Bild ist aus einem Bürgerhaus in der Oberländer Gemeinde Fiss.

Die Stube ist einfach der gemütlichste Raum im Haus und bildet das Zentrum.

Schöner kann man in Tirol wohl kaum zum Träumen einladen.

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