Helden am Berg

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Sommers wie winters, Tag und Nacht. Rund 4000 Tiroler Bergretter stehen auf Abruf bereit, wenn Menschen am Berg in Not geraten. Ihre Ausbildung und Einsätze absolvieren sie unbezahlt. Eine Tätigkeit, die nur dank großer Leidenschaft möglich ist.

Fabienne

Fabienne ist Tirol Werberin aus Leidenschaft. War früher ständig... Zum Autor

Der Berg ruft! Und diesem Ruf folgen Jahr für Jahr unzählige Wanderer, Kletterer, Skifahrer oder Skitourengeher. Wenn bei diesen Freizeitaktivitäten etwas nicht so läuft wie geplant, ist rasche Hilfe garantiert: die Tiroler Bergretter zählen zu den besten der Welt. Ich habe den Ausbildungsleiter und Geschäftsführer der Tiroler Bergretter, Peter Veider, zum Interview getroffen:

Ein Koch als oberster Bergretter

Sonnengegerbtes Gesicht, verschmitzte Augen, durchtrainierter Körper. Ja, so stellt man sich einen Tiroler vor, der den Großteil seiner Zeit am Berg verbringt. Peter Veider ist in Personalunion Geschäftsführer und Ausbildungsleiter der Bergrettung Tirol. Dazu noch Erfinder, Reisender und Qualitätsfanatiker.

Eigentlich ist er gelernter Koch, doch seit 1987 Jahren schlägt sein Herz für die Bergrettung. Vor zwanzig Jahren übernahm er die Verantwortung über das Ausbildungswesen, seit 15 Jahren führt er auch die Geschäfte der Bergrettung Tirol. Ein ziemlich „sportliche“ Kombination, was die zu bewältigenden Aufgaben anbelangt, aber das passt zu ihm. Denn gemütlich wird das Große nicht vollbracht. Und das hat er: Im von ihm veröffentlichten Buch „Rasterfahndung im Schnee“ wurden neue Standards bei der Suche nach verschütteten Lawinenopfern gesetzt. Er tüftelt ständig an der Weiterentwicklung von Ausrüstung und Material – als Beispiel sei die Entwicklung von hoch reißfesten Seilen, einer leichtgewichtigen Titantrage oder von Outdoor-Funktionsbekleidung mit Tiroler Schafwolle genannt. Die jeweils besten Zutaten für seine Projekte findet er zwischen Tiroler Schafbauern und US-amerikanischen Hightech-Firmen.

Bergretter: Berufung statt Beruf. Teamplayer statt Einzelkämpfer.

Das, was Peter Veider aber am allerbesten findet, ist sein Team. Er koordiniert sommers wie winters die Einsätze von rund 4000 Bergrettern, die alle rein ehrenamtlich tätig sind. Da bedarf es schon einer großen Portion Motivation und Leidenschaft jedes Einzelnen, schließlich versehen die Bergretter ihren Dienst neben ihrem eigentlichen Beruf in der Freizeit. Immer wieder werden sie auch mitten in der Nacht zu einem Einsatz gerufen und müssen stundenlang durch Regen, Sturm oder Eiseskälte marschieren, um in Bergnot geratene oder im Gebirge verunfallte Menschen zu retten. „Wenn ich um zwei Uhr in der Früh eine Alarmierung auf meinem Handy bekomme, und ich sehe, wie rasch und wie viele unserer freiwilligen Mitglieder sich melden, da erfüllt mich das mit Freude und Stolz zugleich“, sagt Peter Veider. Über Nachwuchsmangel kann er sich auch nicht beklagen, der Zustrom ist ungebrochen. Pro Jahr bewerben sich rund 170 Interessierte. Im Rahmen einer sogenannten Anwärterüberprüfung werden die Bewerber auf ihre Bergkompetenz getestet: So müssen die potentiellen Bergretter ein Minimum von 500 Höhenmetern pro Stunde mit Tourenschi überwinden, im Klettern den vierten Schwierigkeitsgrad problemlos bewältigen oder einen Tiefschneehang im Parallelschwung abfahren können. „Als wir das eingeführt haben, wurde uns ein Ausbleiben der Interessenten prophezeit, aber das Gegenteil ist der Fall. Gerade die jungen Leute schätzen ein professionelles Rekrutierungsverfahren. Und es melden sich eigentlich eh nur solche, die über eine gewisse Grundkondition und Erfahrung am Berg verfügen. Wir wollen auch niemanden vorführen, sondern sind ja froh über jeden einzelnen, der zur Bergrettung will.“

Manchmal zeigen die Damen den Herren, wo es langgeht

Bis vor gar nicht allzu langer Zeit war die Bergrettung eine rein männliche Domäne, seit dem Jahr 2002 sind auch Frauen zugelassen und mittlerweile hoch geschätzte Kolleginnen. „Frauen sind eine Bereicherung für unser Team. Sie strengen sich oft doppelt so an, weil sie sich den Männern gegenüber keine Blöße geben wollen. Es passiert auch immer wieder, dass die Damen den Herren zeigen, wo es langgeht“, so Veider. Das Verhältnis zwischen Jung und Alt ist ein sehr ausgeglichenes, es gibt Mitglieder, die schon in sehr jungen Jahren zur Bergrettung stoßen, aber auch solche, die bereits ein stolzes Alter um die Achtzig erreicht haben und im Rahmen ihrer Möglichkeiten noch voller Begeisterung dabei sind.

Bergretterschule in der ehemaligen Zollwache

Die Schwere der Einsätze variiert sehr stark und reicht von der Rettung erschöpfter oder schlecht ausgerüsteter Wanderer über die Versorgung nach einem Herzinfarkt im alpinen Gelände bis hin zur nervenaufreibenden Bergung von Opfern aus einer Lawine oder einer Gletscherspalte. Kein Wunder, dass die Rettungsmannschaften oft größten psychischen und physischen Belastungen ausgesetzt sind und über eine Vielzahl an Kompetenzen verfügen müssen. Deshalb werden alle Mitglieder in regelmäßigen Aus- und Weiterbildungen auch für alle erdenklichen Extremsituationen geschult. Das Herzstück der Ausbildung liegt im Jamtal in der Nähe von Galtür. Die Jamtalhütte hat eine wechselhafte Geschichte hinter sich – bevor die Bergrettung diese als hochalpines Zentrum ihrer Aus- und Weiterbildung etablierte, wurde sie unter anderem von der Zollwache als Hochgebirgsschule genutzt. Mit dem Ausbildungszentrum Jamtal auf 2165 Meter Seehöhe können die unterschiedlichsten Szenarien unter realen Bedingungen geübt werden: sei es die Evakuierung von Passagieren aus einem defekten Sessellift, die Bergung aus der Schlucht eines Wildbachs oder einer Gletscherspalte – bei vielen Einsätzen entscheiden wenige Augenblicke über Leben und Tod. Pro Jahr werden rund 35 Kurse mit zirka 700 Teilnehmern, Fortbildungen und Übungen durchgeführt, die Teilnehmer in Theorie und Praxis geschult, damit jeder Handgriff sitzt und die Retter in auch noch so brenzligen Situationen einen kühlen Kopf bewahren.

Ganz besonderes Engagement müssen die rund 60 Mitglieder der Lawinenhundestaffel an den Tag legen – hier wird das perfekte Zusammenspiel zwischen Hund und Hundeführer ausgiebig trainiert, das mindestens dreijährige, mehrstufige Ausbildungsprogramm zur Suche nach verschütteten oder vermissten Personen verlangt Mensch und Tier viel ab. Wenn es im Ernstfall aber gelingt, dank solch eingespielter Teams Menschen lebend aus einer Lawine zu retten, ist dies der schönste Lohn für die investierte Zeit und Mühe.

Helfen, nicht urteilen

Die Gründe für Alpinunfälle sind so vielfältig wie unterschiedlich: Überschätzen der eigenen Fähigkeiten und Konstitution, mangelhafte Ausrüstung, Leichtsinn, Unvernunft, aber auch unvorhersehbare körperliche Gebrechen oder die letztendlich nie ganz beherrschbaren Naturgefahren sorgen dafür, dass die Bergretter in Tirol rund 4.000 Mal pro Jahr zu einem Einsatz gerufen werden. Die Frage, ob manchmal auch Ärger oder gar Zorn über zu leichtsinnige, verunfallte Bergsportler bei den Rettern aufkommt, verneint Peter Veider. Schließlich kommt es nicht selten vor, dass sich die Retter bei der Bergung von Opfern auch selbst in heikle Situationen begeben müssen. „Unsere Aufgabe ist es, Menschenleben zu retten und nicht, über ein bestimmtes Verhalten zu urteilen. Neben der Bergung des Verunfallten hat aber die Sicherheit unserer Mitglieder oberste Priorität, und wenn diese nicht gewährleistet werden kann, müssen wir den Einsatz im Zweifelsfall abbrechen“ erklärt der Bergrettungs – Geschäftsführer.

Besser einmal zu oft umkehren als einmal zu wenig

Im Sommer werden die Bergretter etwas häufiger gerufen als im Winter, das überrascht mich – ich hätte gedacht, dass beim Skifahren und Skitourengehen mehr passiert als beim Berggehen: „Wandern ist ja an und für sich ein einfacher Sport, er kann aus den oben genannten Gründen aber auch fatal enden. An der Ausrüstung mangelt es heute nur mehr in den seltensten Fällen, die meisten Bergsportler investieren viel ins Material, aber das kann eine vorausschauende Tourenplanung nicht ersetzen. Im Winter sind Lawinenairbags zum Beispiel eine super Sache, aber nur, wenn sie die Leute nicht dazu verleiten, mehr zu riskieren als ohne. Deshalb gilt es im Zweifelsfall, egal ob beim Wandern oder bei der Skitour, einmal zu oft umzudrehen als einmal zu wenig“, mahnt Veider zur Umsicht. Und gerade Menschen, die im Flachland wohnen und nicht an die Höhe gewöhnt sind, empfiehlt er, sich zu Hause schon ein wenig auf den Aufenthalt in den Bergen vorzubereiten: „Ein paar Mal mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren oder öfters eine flotte Runde spazieren zu gehen, das ist schon besser als nichts“, sagt er. Und: „Es ist ja richtig und wichtig, dass die Leute raus in die Bergnatur gehen und sich bewegen, denn die positiven Effekte überwiegen bei Weitem. Aber trotzdem sollte man im Kopf behalten, dass der Alpenraum bei aller Schönheit auch immer ein wenig ein Gefahrenraum bleibt und sich im Gebirge dementsprechend verhalten. Dann steht einem genussvollen Naturerlebnis nichts mehr im Weg und die Wahrscheinlichkeit, dass man uns braucht, ist sehr gering.“

Für den Fall der Fälle …

… hat die Bergrettung Tirol eine Notfall-App eingerichtet. Diese ist kostenlos downloadbar, im Notfall genügt ein Knopfdruck und man wird sofort mit der Leitstelle Tirol verbunden, die die Rettungskette in Gang setzt. Eine Rettungsaktion im Gebirge kann teuer werden, vor allem, wenn diese mit einer ausgiebigen Suche oder einer Hubschrauberbergung verbunden ist. Deshalb empfiehlt sich der Abschluss einer Bergekostenversicherung: um 24 Euro bekommt man nicht nur einen umfassenden Versicherungsschutz für Bergunfälle für die ganze Familie, sondern unterstützt die Bergrettung damit auch gleichzeitig bei der Beschaffung von Ausrüstung.

Copyright: alle Fotos © Bergrettung Tirol, Gletscherspaltenbergung beide Fotos © Thomas Zluga

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