Einer von 739 Tausend: Wie Benoît von Frankreich nach Tirol kam

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Es klingt wie ein modernes Märchen: Ein junger Franzose, der das Snowboarden liebt, findet einen guten Job als Luft- und Raumfahrtingenieur in Tirol. Dann passiert ein Unglück, das ihn dazu bringt, seinen wahren Traum zu leben. Das ist die Geschichte von Benoît Caillaud, einem der 739.000 Einwohner Tirols.

Michael

Michael Gams ist in seiner Freizeit viel im Land unterwegs: Beim... Zum Autor

Benoît spricht über Biegelinien und Holzarten. Esche, Buche, Pappel, Kork. Er hält ein selbst gebautes Skateboard in der einen Hand, fährt sich mit der anderen durch die kurzen, schwarzen Locken am Kopf. Wir stehen in seiner unterirdischen Werkstatt, irgendwo in Hall in Tirol. Ich nicke und tue so, als ob ich sein Fachchinesisch verstehen würde. Dieser Mann brennt für etwas. Er baut Snowboards und Skateboards.


„Eigentlich wollte ich nur zwei Jahre bleiben“

Der 31-jährige Franzose Benoît Caillaud hatte eigentlich eine klassische Ingenieurslaufbahn eingeschlagen. In seiner Heimatstadt Annecy studierte er Maschinenbau und Materialwissenschaften. Als er ein Praktikum bei einer österreichischen Firma absolvierte, lernte er einen Tiroler Unternehmer kennen, der Flugzeugteile für Airbus und Boeing entwickelt. Der machte Benoît ein Jobangebot. Im Oktober 2008 übersiedelte der französische Jungingenieur schließlich nach Innsbruck. Sein Job: Die Berechnung von Flugzeugteilen. „Eigentlich wollte ich nur zwei oder drei Jahre bleiben“, sagt Benoît heute, neun Jahre später. „Die Zeit ist einfach schnell vergangen.“

Benoit biegt eine Kante zurecht, die er später in eines seiner Snowboards einbauen wird.

Statt Flugzeugteilen berechnet Benoit nun die Biegelinien von Snowboards.

Neben der Arbeit verfolgte Benoît auch in Tirol weiterhin seine große Leidenschaft, das Snowboarden. Was hier sogar noch besser funktionierte als in seiner alten Heimat. „Also in Annecy musste ich schon mal das Auto nehmen, um ins Skigebiet zu kommen, dort gibt es keinen Gratis-Skibus oder sowas. Die Berge sind nicht so nah wie hier in Tirol, hier ist es wirklich perfekt.“ Benoît hatte seinen guten Job in einem Ingenieurbüro nahe Innsbruck, gute Freunde und Freizeit. Sein geheimer Traum war aber ein anderer: Er wollte sich seine Snowboards selbst bauen. Benoît schob diesen Traum immer wieder vor sich her, bis zum Jahr 2010.

Dieses Poster in seiner Werkstatt verbindet Benoît mit einer tragischen Geschichte.

„Warum nicht jetzt?“

Das Schwarzweißfoto eines Snowboarders hängt an der Wand von Benoîts Werkstatt. Es hält einen Moment der scheinbaren Schwerelosigkeit beim Snowboarden fest. Ich frage Benoît, ob er das am Foto sei. Er bejaht und erzählt mir eine traurige Geschichte. Der Fotograf, der das Bild gemacht hatte, war ein guter Freund von ihm. Er starb 2010 in einer Lawine. Das brachte Benoît zum Nachdenken: „Nach diesem Unfall habe ich mir gesagt: Wenn du das machen willst, Snowboards bauen, dann musst du es jetzt machen. Morgen ist es vielleicht zu spät, denn das Leben kann so schnell vorbei sein. Ich wusste, ich will das machen. Also warum nicht jetzt?“

Die Holzkerne seiner Snowboards hobelt Benoît von Hand zurecht.


Benoît suchte eine Werkstatt und fand 2011 ein Kellerabteil in der kleinen Stadt Hall in Tirol. Genau dort stehe ich nun und unterhalte mich mit ihm. Unter dem Namen Baguette Boards verkauft er handgemachte, individuell abgestimmte Snowboards und Skateboards. Warum er sie Baguette Boards nennt? Vielleicht in Erinnerung an seine alte Heimat Frankreich. Abgesehen von seiner Familie seien französische Baguettes und Stinkekäse so ziemlich das Einzige was er hier vermisse, sagt Benoît und lacht. „Aber ein guter Reblochon, Tomme de Savoie oder Camembert – das fehlt mir schon ein bisschen.“ Seine Vermutung: Der stinkige, weiche Käse aus Frankreich entspreche wohl nicht ganz dem Geschmack der Leute hier. Nur der Tiroler Graukäse kann seiner Meinung nach mit dem französischen Stinkekäse mithalten.

Gekonntes Spiel mit Klischees: „Baguette Boards“ nennt der Franzose Benoît seine handgemachten Produkte.

Anstatt essbarer Baguettes bäckt Benoît lieber fahrbare Baguettes. Seine selbst gebaute Snowboardpresse funktioniert mit Pressluft, Aluminiumplatten und einer Heizdecke, auch die meisten Möbel in seiner Kellerwerkstatt hat er selbst angefertigt. Im Nebenzimmer hängen Surfboards zum Wellenreiten an der Decke, neben Snowboards reihen sich Skateboards fein säuberlich an der Wand auf. Seine Hobbies: Im Winter Snowboarden, im Sommer Skateboarden und Wellenreiten. Wellenreiten? „Ja, hier in Tirol gibt es ein paar Flusswellen,“ sagt er. Wo genau, verrät er lieber nicht, „sonst kommen zu viele Leute dorthin.“

Auf seine selbst gebaute Snowboardpresse ist Benoît besonders stolz.

„Jede Stadt sollte einen Snowboardshaper haben“

Das Surfen ist auch ein gutes Stichwort für Benoîts Arbeitsweise. Er sieht sich keineswegs als Einzelkämpfer, sondern als Teil einer Gemeinschaft, er verwendet gern das Wort „Community“ dafür. Sein Vorbild sei die Surf-Community, erklärt er mir. „An allen Küstenlinien gibt es in jeder Stadt einen Surfboard-Shaper.“ Das sind Leute, die Surfboards entwerfen und von Hand bauen. „So sollte auch die Snowboard-Community sein. Es sollte auch in Innsbruck einen Shaper geben, und auch in Graz, und in Wien. Meine Motivation ist, diese Handshaper-Community zu unterstützen.“

Er wolle nicht einfach nur eine Firma gründen, die Snowboards baut. „Wie ich Baguette sehe, wäre das mehr eine Shaping-Community, um den Leuten zu zeigen, wie es funktioniert. Wie baut man sein Brett und was ist wichtig dabei.“ Der Mann glaubt hundertprozentig an das, was er sagt und will andere motivieren, es ihm gleichzutun. „Vielleicht davon leben zu können, das wäre mein Traum.“ Nebenbei jobbt er weiterhin für seinen alten Arbeitgeber und gibt gelegentlich Snowboardunterricht.

„Das ist wirklich eine andere Sprache“

Um andere zu motivieren, organisierte er gemeinsam mit Freunden ein kleines Snowboard-Event im Skigebiet der Innsbrucker Norkettenbahnen, wo Interessierte seine Boards testen konnten. In einem Projekt mit dem Institut für Materialwissenschaften der Uni Innsbruck testete er verschiedene Holzarten auf ihre Biegelinie und Torsionssteifigkeit. Außerdem hielt er in einem Kulturzentrum mit dem treffenden Namen Die Bäckerei seinen ersten öffentlichen Vortrag in deutscher Sprache. „Vor 100 Leuten“, sagt Benoît und grinst. Das sei der Punkt gewesen, an dem er wusste, er könne endlich Deutsch sprechen. „Und jetzt sagen die Leute, ich habe einen komischen Tiroler Französisch-Akzent.“ Manchmal stößt er dennoch an seine sprachlichen Grenzen, zum Beispiel in Tiroler Dorfgasthäusern: „Das ist wirklich eine andere Sprache.“

Benoît zu Besuch im Atelier eines guten Freundes, Lukas Goller.

„Ich hatte Poster von ihm an der Wand“

Benoît zeigt mir eine Grafik, auf der die Stadt Innsbruck zu erkennen ist, der Landhausplatz, die Nordkette. Schaut man genauer hin, erkennt man zwei Katzenköpfe: Ein niedliches Kätzen unten in der Stadt, eine fauchende Katze oben am Berg. Die Grafik stammt von Lukas Goller, einem guten Freund von Benoît. „Lukas ist einer der Künstler, mit denen ich arbeite. Ich bin froh, dass ich ihn kennengelernt habe.“ Grafiken wie diese druckt Lukas für Benoît auf Holzfurniere, welche die Oberfläche der Snowboards verschönern.

Lukas ist in der Snowboardszene bekannt, fuhr lange Zeit als Profi für den Snowboardhersteller Nitro. Benoît kennt ihn schon lange, zumindest aus Snowboardvideos: „Als Jugendlicher hatte ich Poster von ihm an meiner Zimmerwand, habe mir die Videos von ihm angeschaut. Und jetzt arbeiten wir zusammen.“

Lukas bedruckt Holzfurniere für die Snowboards von Benoît.

Im Untergeschoß der Innsbrucker Siebdruckerei Shirt24.at entwirft Lukas Grafiken für T-Shirts und Snowboard-Accessoires. Seine Kunstwerke verschönern unter anderem auch die Innsbrucker Skateboardhalle. Ich besuche ihn gemeinsam mit Benoît, denn er bedruckt auch dessen Snowboards und Skateboards im Siebdruckverfahren. „Erst mal mussten wir ausprobieren, ob das überhaupt geht“, sagt Lukas, „wir drucken ja sonst mit wasserlöslichen Farben.“ Das sei bei T-Shirts üblich, funktioniere aber nicht auf Holzfurnier. Nach einigen Fehlversuchen klappte es schließlich mit dem Druck auf Benoîts Holzfurnieren, die nur einen halben Millimeter dünn sind. Dazu verwendet Lukas alkoholbasierende Farben. Die bedruckten Furniere verpresst Benoît schließlich gemeinsam mit Holzkern, Snowboardbelag, Fiberglasmatten und Metallkanten zu fertigen Boards.

Benoit baut Boards jeglicher Art und hat damit seinen Traum verwirklicht.

Dann folgt die erste Testfahrt – mit Skateboards am Asphalt, mit Snowboards im Schnee. Als begeisterter Splitboarder bewegt sich Benoît auch gerne abseits der Skigebiete, zum Beispiel am Rosskogel, seinem Lieblingsberg. „Ich finde es schön, dort raufzugehen und die Fahrt runter ist dann unglaublich. Diesen Berg finde ich einfach superästhetisch und ich gehe dort auch im Sommer gern mal rauf.“

Benoît testet ein selbst gebautes Longboard.

„Ich spüre wenig Stress hier“

Abseits der Berge liebt Benoît das gemütliche Leben in Tirol. Was genau er damit meine? „Wie ruhig und respektvoll die Leute hier sind. Ich spüre wenig Stress hier. Zum Beispiel die letzten beiden Wochen war ich in Frankreich – nur zwei Wochen – und ich fühlte mich gestresst.“ In Tirol sei es besser, sagt er, es sei mehr Zusammenarbeit da. Sei es, mit Künstlern wie Lukas oder auf ganz anderer Ebene. Als Beispiel nennt er einen Bauernladen in Ranggen, der 24 Stunden täglich offen hat, „du kannst einfach reingehen, es gibt niemanden dort. Du kannst deine Milch, deinen Käse, deine Wurst mitnehmen und hinterlässt einfach das Geld dafür in einer Box.“ Das sei es, was ihm hier gefalle, dieses Vertrauen in die Leute: „Ich vertraue dir, du vertraust mir und wir beide gewinnen.“ Die Sturheit mancher Leute hier gefalle ihm weniger, sagt Benoît. „Es ist schwierig für manche hier, zu sagen: Da war ich falsch, das war mein Fehler. Ich habe das Gefühl, manche Leute würden nie sagen: Ich bin schwach.“

Ruhiger sei er auf jeden Fall geworden, seit er in Tirol lebt, sagt Benoît zu mir. Wenn er Kinder hätte, welchen Ratschlag er ihnen wohl fürs Leben mitgeben würde, frage ich ihn abschließend. „Wenn du eine Leidenschaft hast, mach es voll und ganz. Mach es zu hundert Prozent. Es macht Spaß und macht dich lebendig. Und versuche, irgendeinen Weg zu finden, wie du davon leben kannst. Ich glaube, das ist das Rezept von Glück, oder?“

Fotos: Tirol Werbung, Carlos Blanchard

Interview zum Nachhören: Was ein handgemachtes Snowboard ausmacht

In diesem Interview erzählt Benoît, was ein gutes Snowboard/Skateboard ausmacht. Außerdem erklärt er, wie und mit welchen Materialien er seine „Baguette Boards“ herstellt. Und warum er keine Ski bauen könnte.

1 Kommentar

  • chossat Agnés et Mike
    salut Benoit on est content d'avoir de tes nouvelles à travers cet article même si je l'avoue on y comprend rien mais les photos sont super jolies on espère que tu vas bien et que la vie est belle pour toi on espère te revoir un de ces quatre dans les Alpes du Sud bises Agnés et Mike PS les boards ont l'air super jolies !!!!!!!