Almgeschichten: die Fallerschein Alpe im Lechtal/Namlostal

Aktualisiert am 08.11.2017Irene PruggerIrene Prugger

Was läuft in einem Almdorf anders als in einem Dorf im Tal? Die Zeit! Sie läuft nicht schneller oder langsamer, denn die Uhren gehen überall gleich. Sie läuft ruhiger und bewusster. Und manchmal auch ein bisschen parallel. Wenn Vergangenheit und Gegenwart aufeinandertreffen und sich in verschwiegenen Winkeln ein Stelldichein geben, wie im hübschen Lechtaler Almdorf Fallerschein.

Fallerschein macht es den Besuchern leicht: Man schlendert über einen moderat ansteigenden, kinderwagentauglichen Fahrweg ganz gemütlich zum Almdorf. Nach ungefähr einer Dreiviertelstunde Gehzeit quert man den Bach über die kleine Brücke mit dem verschlungenen Ast-Geländer und schon ist man angekommen. Tatsächlich?

Man hat ja noch den Alltagsstaub auf der Seele, Stresshormone im Blut und vielleicht ein paar Sorgen im Gepäck. Diese lassen sich nicht einfach abstellen wie ein Rucksack. Aber dann vergisst man doch ziemlich schnell, was zuvor noch bedrückt hat. Nicht umsonst heißt es in einem Volkslied: „Wann i auf d’Alm geh, lass i die Sorg’n dahoam…“

40 ansehnliche Hütten: Fallerschein war vor langer Zeit Dauersiedlungsgebiet.

40 ansehnliche Hütten: Fallerschein war vor langer Zeit Dauersiedlungsgebiet.

Fallerschein auf 1.300 Meter Seehöhe gilt als größtes Almdorf Tirols und als eines der größten der Alpen. Es ist mit seinen 40 Blockhütten so einladend, dass man am liebsten gleich eine Ehrenrunde dreht, um die vielen Details zu bewundern: Wände aus Holzschindeln, zarte Spitzenvorhänge, bunte Blumenarrangements, geschnitzte Edelweiß. Dann locken Appetit und Durst in eine der beiden Gastwirtschaften und man genehmigt sich auf der Sonnenterrasse ein kühles Sommergetränk. Muss ja nicht unbedingt Milch sein.

Zur Auswahl stehen das gemütliche „Sennerstüberl“ der Familie von Hans Greuter und „Michl’s Fallerscheinstube“, die im letzten Jahr bei der Wahl zu „Mei liabste Hütt´n“ den sensationellen zweiten Platz belegte. Hüttenwirt Michael Knitel und seine Frau Melanie aus Holzgau können verstehen, dass es den Gästen hier so gut gefällt: „Die Landschaft und die Natur sind einzigartig, für die Kinder gibt es einen großen Spielplatz mit Streichelzoo und unsere Hausmannskost schmeckt den Leuten hoffentlich auch.“ Ja, schmeckt vorzüglich! Und wenn man bedenkt, dass hier mit Strom sehr sparsam gehaushaltet werden muss, weil nur Aggregate zur Verfügung stehen, wundert man sich, dass die Wirte hier täglich so viele schmackhafte Gerichte auf die Tische zaubern.

Die Großen klettern auf die umliegenden Berge, die Kleinen üben am Spielplatz.

Die Großen klettern auf die umliegenden Berge, die Kleinen üben am Spielplatz.

Blick in die Vergangenheit

Bei der Frage, ob die Zeit hier heroben schneller oder langsamer vergeht als im Tal, muss Michael nicht lange nachdenken: „Sie vergeht viel schneller!“ – „Warum?“ – „Alles, was schön ist, vergeht immer viel zu schnell!“

Andererseits bleibt die Zeit hier auch manchmal stehen, weil die Alm so viele Einblicke in die Welt von früher gewährt: Die einfache Ausstattung der Hütten, die grasenden Kühe, da und dort werden noch alte Arbeits-Gerätschaften eingesetzt. Für die Besucher ist die Begegnung mit den Gepflogenheiten des Almlebens eine willkommene Abwechslung von den aufwändigen Erfordernissen des Alltags. Die Bauern sehen jedoch auch die harte Arbeit und die schweren Zeiten, die das Almdorf geprägt haben.

Früher gehörte Fallerschein zur kleinen Gemeinde Namlos. Deren Einwohner waren so arm, dass sie ihre Bergwiesen Anfang des 17. Jahrhunderts an die Bewohner von Stanzach verkaufen mussten. Fallerschein war damals noch ein eigenes ganzjährig bewohntes Gemeinwesen. Ab 1612 war es vor allem wegen der starken Bedrohung durch Lawinen kein Dauersiedlungsraum mehr, 1629 verließ der letzte Bauer Fallerschein und wanderte nach Stanzach ab. Die Familien zogen nur noch im Sommer für acht Wochen hierher, um mühevoll die steilen Wiesen für die Heugewinnung zu mähen.

Einkehr halten auch bei Maria

Mitte der 1950er Jahre gab es auf Fallerschein die erste Konzession für ein Gastgewerbe, einige Wohnhütten wurden für Gäste ausgebaut. Heute können fünf Hütten gemietet werden, einige sind dauervermietet, der Rest wird von den Besitzern selbst genutzt. In Fallerschein befindet sich auch eine schöne Kapelle. Sie wurde im Jahr 1844 errichtet und ist „Maria zum guten Rate“ geweiht.

Allerdings holen sich heutzutage viele Menschen den guten Rat lieber bei einem Therapeuten als bei der Heiligen Maria. Aber vielleicht wissen ja beide „Fachabteilungen“ ganz gut, wie man am besten zur Ruhe kommt. Der bekannte Neurobiologe Gerald Hüther fasste es so zusammen: „Lieber einen Sommer auf der Alm, als ein Leben lang auf Ritalin.“ Die Heilige Maria in der Kapelle neigt zustimmend den Kopf. Das würde auch sie der Menschheit raten, schließlich ist sie eine Alm-Madonna.

Spirituelle Einkehr: Die kleine Almkapelle ist „Maria zum guten Rate“ geweiht.

Spirituelle Einkehr: Die kleine Almkapelle ist „Maria zum guten Rate“ geweiht.

Alle Fotos: Jörg Koopmann

Sein im Hier und Jetzt

Einen guten Rat gab Maria wohl auch der Familie von Hans Greuter aus Tarrenz-Strad, die heuer bereits den zwölften Sommer auf der Alm verbringt. Die Greuters sprangen im Jahr 2005 für einen Hirten ein, der nach 14 Tagen aus Überforderung das Handtuch warf. 2006 pachtete Sohn Stefan Greuter als Hofnachfolger die Almwirtschaft samt „Sennerstüberl“. Seine 25 Milchkühe, 6 Mutterkühe und 30 Stück Jungvieh weiden mit dem Vieh anderer Bauern auf der Alm. Die Milch wird jeden Tag nach Stanzach gefahren und dort von der Reuttener Molkerei Wildberg abgeholt.

Stefans Mama, Rosa Greuter, hatte nie geplant, so viele Sommer auf einer Alm zu arbeiten. Jetzt gefällt es ihr aber doch ganz gut, obwohl sie vom übrigen Almleben nicht viel mitbekommt. Sie steht den ganzen Tag in der Küche und kocht für die Gäste. Die Frage nach dem Besonderen der Almzeit beantwortet sie zuerst mit einem Achselzucken. Aber dann sagt sie: „Wenn man do isch, isch man do“, und drückt damit aus, warum das Leben hier eine ganz spezielle Dimension hat: Weil man das Dasein im Hier und Jetzt so intensiv spürt wie selten sonst.

Das Almdorf Fallerschein ist von der Abzweigung Fallerschein auf der Bundesstraße zwischen Stanzach und Namlos in rund 50 Minuten Gehzeit erreichbar. Eine genaue Tourenbeschreibung findet ihr hier: www.tirol.at

Almgeschichten
Irene Prugger

Irene Prugger ist Schriftstellerin und freie Journalistin. Neben ihren literarischen Publikationen (Romane, Kurzgeschichtenbände, Hörspiele) veröffentlichte sie auch drei erfolgreiche Almbücher, darunter: „Almgeschichten – vom Leben nah am Himmel“ (Löwenzahn Verlag).

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2 Kommentare

Hans Hartl

Is des a idyllisches Plätzchen..............

Udo Hunsdiek u-hunsdiek@t-online.de

Ist im Namlostal !!!!

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