Alte, neue Hütten: Eine Reise zurück in die Zukunft der Schutzhütten am Berg

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Warum das höchste Haus Hamburgs eine Hütte ist und wie moderne Architektur mit alpenländischen Klischees bricht. Eine kurze Reise von der ersten Schutzhütte der Ötztaler Alpen in die Zukunft der Bergsteiger-Herbergen. Denn die hat schon begonnen.

Michael

Michael Gams ist in seiner Freizeit viel im Land unterwegs: Beim... Zum Autor

Sie streckt sich 110 Meter weit in den Himmel und wurde 2016 endlich fertig: die Elbphilharmonie, das höchste Haus Hamburgs. Einen Wellenberg soll das Zackendach des neuen Hamburger Konzerthauses in der HafenCity symbolisieren. Hochkultur mit Meerblick. Ein anderes Haus macht der Elbphilharmonie allerdings ernsthafte Konkurrenz, zumindest was den Titel „höchstes Haus Hamburgs“ angeht. Es klammert sich mehr als 800 Kilometer weiter südlich, im hintersten Winkel des österreichischen Ötztales, an einen Felsvorsprung. Wer im 3.006 Meter hoch gelegenen Ramolhaus aus dem Fenster schaut, entdeckt ebenfalls ein Meer – aus Gletschereis. Manche bezeichnen diese Schutzhütte als das „höchste Haus Hamburgs“. Die Erklärung dafür ist einfach: Im Jahr 1921 kaufte nämlich die Alpenvereinssektion Hamburg das Ramolhaus, als nach dem ersten Weltkrieg ihre beiden anderen Hütten im Südtiroler Ortlergebiet Eigentum des italienischen Staates wurden.

Pionierleistung des Bergtourismus

Erbaut hat das Ramolhaus bereits im Jahr 1881 ein gewisser Martin Scheiber. Hier legte er den Grundstein für die erste Schutzhütte der Ötztaler Alpen – und damit auch für den florierenden Bergtourismus dieser Region.

Bis heute bewirtschaften Nachkommen von Martin Scheiber das Ramolhaus; sie prägen das Hotelbusiness im Ötztal nach wie vor. Die Hütte gehört mittlerweile der Hamburger Alpenvereinssektion und wurde mehrfach modernisiert. Eine Solaranlage liefert Wärme und Strom, eine Abwasseranlage schont die Umwelt. Seit 2003 transportiert eine Materialseilbahn frische Lebensmittel, Rucksäcke und was man sonst so in 3.000 Metern Höhe zum Leben braucht, bergauf. Die Küche, die Sanitäranlagen und auch das Treppenhaus wurden renoviert, die alte Stube mit ihren Lärchenböden, den alten Holzmöbeln und dem Kachelofen blieb unangetastet. 2017 wurde das Ramolhaus vom Tiroler Denkmalamt unter Schutz gestellt.

Öko-Architektur ohne Kompromisse

Am anderen Ende von Tirol, genauer gesagt in Osttirol, schützt ein rundes Blechdach wie eine Eischale die Nordseite der Stüdlhütte, während die offene, mit großen Glasfrontenversehene Südseite Wärme und Energie liefert.

Die Konstrukteure verwendeten für den Bau vorgefertigte Holzelemente. In Zeiten des Klimawandels verzichtet die Stüdlhütte vollständig auf fossile Energieträger, ihre Elektrizität bezieht sie von einer Solaranlage, die Heizung funktioniert mit Pflanzenöl. Viele Bergsteiger, die Österreichs höchsten Berg, den Großglockner, erklimmen wollen, übernachten in dieser 2.801 Meter hoch gelegenen Schutzhütte. Ihr Namensgeber war der Prager Kaufmann Johann Stüdl, der die Vorgängerin der heutigen Stüdlhütte im 19. Jahrhundert als Stützpunkt für Besteigungen des 3.798 Meter hohen Großglockners erbauen ließ.

Markante Hülle: Ein rundes Blechdach schützt die Nordseite der Stüdlhütte.

Markante Hülle: Ein rundes Blechdach schützt die Nordseite der Stüdlhütte.

Ein Jahrhundert später, während der ökologischen Krise der 1970er-Jahre, formulierte der österreichische Alpenverein ein „Grundsatzprogramm für Naturschutz und Umweltplanung im Alpengebiet“. Für den selten gewordenen Neubau von Schutzhütten bedeutete das vor allem, dass diese möglichst ressourcenschonend erbaut und betrieben werden sollten. Die Stüdlhütte war die erste, bei der dieses Grundsatzprogramm tatsächlich umgesetzt wurde. Das erklärt auch die eigenwillige Form dieser 1996 neu gebauten Hütte. Der Architekt Albin Glaser optimierte seinen Entwurf konsequent im Sinne der Energieeffizienz, auch zulasten des Komforts. Große Matratzenlager, reduzierte Waschräume ohne Duschen und ein einziger, großer Essbereich erinnern Bergsteiger daran, dass sie hier in einer Hütte übernachten, nicht in einem Berggasthof.

Zurück in die Hüttenzukunft

Wie die Zukunft der Architektur im hochalpinen Raum aussehen könnte, zeigt die erst zehn Jahre alte, neue Olpererhütte im Zillertal. Keck streckt sie sich in 2.388 Metern Höhe über ihr Natursteinfundament hinaus und begrüßt aufsteigende Wanderer mit einem südseitig ausgerichteten Panoramafenster, das beinahe die gesamte Breite des Gastraumes einnimmt. Satteldach, Holzschindeln und ein rechteckiger Grundriss erinnern bei dieser 2007 neu errichteten Unterkunft nur noch entfernt an ihre 1881 errichtete Vorgängerin. Die neue Olpererhütte besteht beinahe vollständig aus leichtem und präzise vorgefertigtem Brettsperrholz, was die Anzahl der für den Bau nötigen Hubschrauber-Transportflüge auf ein Minimum reduzierte. Photovoltaikanlagen und ein rapsölbetriebenes Blockheizkraftwerk liefern Strom und Warmwasser, eine vollbiologische Kläranlage filtert das Abwasser.

Aussichtsreich: Die Plätze am südseitig ausgerichteten Panoramafenster der Olperer Hütte sind besonders begehrt.

Aussichtsreich: Die Plätze am südseitig ausgerichteten Panoramafenster der Olperer Hütte sind besonders begehrt.

Bisher beauftragten den Neubau von Hütten in der jeweiligen Sektion tätige Baumeister oder Architekten. Bei der neuen Olpererhütte war das anders. Ihr Entwurf ging 2006 als Sieger aus einem Architektur-Wettbewerb des Deutschen Alpenvereins hervor. Eine Jury aus Architekten und Mitgliedern der Alpenvereinssektion Neumarkt/Oberpfalz kürte das beste Projekt anhand qualitativer Kriterien, was im Hüttenbau bislang keine Selbstverständlichkeit war. Die Olpererhütte erfüllt Umweltschutzvorgaben und überwindet „festgefahrene Bilder von Heimatschutzvorstellungen und Materialklischees“, wie es die 2016 erschienene Alpenvereins-Publikation „Hoch Hinaus! Wege und Hütten in den Alpen“ (2016, Böhlau Verlag) treffend formuliert. Außerdem führe sie „tatsächlich zu einer dem Ort angemessenen, mit ihm arbeitenden, alpinen Architektur, welche die Beziehung zwischen Standort, Form und Material, den Bezug also zwischen Architektur und Landschaft über die klimatischen Bedingungen neu formuliert.“

136 Jahre sind vergangen, seit Martin Scheiber den Grundstein für das Ramolhaus legte. In Hamburg und in den Tiroler Bergen blieb seither kein Stein auf dem anderen.

Von der Stüdlhütte bis zur Berliner Hütte, von der Falkenhütte bis zur Neuen Prager Hütte: In einer achtteiligen Porträtserie erzählen wir diesen Sommer die Geschichten von Tiroler Alpenvereinshütten und den Menschen, die sie bewirtschaften. Die Serie „Hütten in Nahaufnahme“ startet im Juni 2017 hier am BlogTirol.

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