Hütten in Nahaufnahme: Die Berliner Hütte im Zillertal

------

Eine Sauerländerin und ein Pinzgauer auf der Berliner Hütte in Tirol. Klingt kompliziert, ist es aber gar nicht. Kerstin Schöneborn und Rupert Bürgler bewirtschaften seit eineinhalb Jahrzehnten die größte Schutzhütte Tirols und sind nicht nur immer noch ein Paar, sondern auch immer noch begeistert von diesem Leben in Extremen.

Irene Heisz

Die Journalistin, Autorin und Moderatorin Irene Heisz schreibt am... Zum Autor

Rupert „Rupp“ Bürgler lächelt wissend, wenn seine Lebenspartnerin die Frage beantwortet, woher denn ihre ausdauernde Liebe zu den Alpen komme. „Du wachst morgens auf und guckst in die Berge“, sagt Kerstin Schöneborn, als ob das Erklärung genug wäre. Und für sie ist es das wohl auch. Denn „das hier sind wenigstens richtige Berge. Bei mir zu Hause im Sauerland gibt’s ja nur Hügel.“ Sie stammt aus einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen und hat im elterlichen Elektrobetrieb gearbeitet, bevor sie und der Pinzgauer Anfang der Nullerjahre beschlossen, ihre seit mehreren Jahren bestehende Fernbeziehung zu vertiefen und zusammenzuziehen.

Rupert „Rupp“ Bürgler schnauft einen Moment lang durch: Rupp, seine Lebenspartnerin Kerstin Schöneborn und ein 15-köpfiges Team halten den komplexen Hüttenbetrieb in Gang.

Rupert „Rupp“ Bürgler schnauft einen Moment lang durch: Rupp, seine Lebenspartnerin Kerstin Schöneborn und ein 15-köpfiges Team halten den komplexen Hüttenbetrieb in Gang.

Doch da war noch mehr: Dass die beiden heute noch ein Paar sind, ist weniger aus statistischen Gründen bemerkenswert als wegen der ganz besonderen Umstände, unter denen Kerstin (50) und Rupp (47) miteinander leben und arbeiten. Gut vier Monate im Jahr verbringen die zwei zusammen mit Ruperts erwachsenem Sohn Michael und in der Hochsaison bis zu 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf der Berliner Hütte. Kerstin, eine zierliche, meist gut gelaunte Blondine, ist die Sonne dieses Mikrokosmos. Sie hält aber dezidiert nichts davon, das auch bildlich festzuhalten. „Ich bleibe lieber im Hintergrund“, sagt sie und vermeidet es tunlichst, sich in der Nähe einer Kamera aufzuhalten. „Ein Bild von mir? Das braucht’s nicht!“

Eine Art von Leben, die nicht jeder kann

Die Berliner Hütte ist zwar die größte ihrer Art in ganz Tirol; gut 180 Bergsteiger finden hier ein Bett bzw. zumindest eine Matratze für die Nacht. Aber einander einmal auszuweichen, wenn man sich genervt fühlt und Abstand braucht, ist schwierig bis unmöglich. „Das ist ja auch für die Mitarbeiter nicht ganz leicht“, hält Kerstin fest. „Denn am freien Tag eben mal ins Tal runter gehen ist eben nicht.“ Sie fügt hinzu: „Ich persönlich brauche das sowieso nicht. Ich gehe im Frühling einmal rauf und — sofern nicht gesundheitlich irgendwas ist — erst im Herbst das erste und letzte Mal in der Saison wieder runter. Aber das kann nicht jeder, das muss man schon mögen.“

Diese Art von Leben, die man nicht nur gerade so aushalten, sondern sehr mögen muss, spielt sich in einem mehrstöckigen steinernen Ensemble von zusammengewachsenen Gebäuden in mehr als 2.000 Metern Seehöhe ab. Die Berliner Hütte gleicht einer Trutzburg, die aus manchen Blickwinkeln mit Erkern und Vordächern fast herrschaftlich anmutet, dann aber doch wieder wie ängstlich hingeduckt in einer Senke zwischen mächtigen Dreitausendergipfeln wirkt… Der bemerkenswerte, fast kuriose Eindruck eines Herrschaftsansitzes verstärkt sich im Inneren der Hütte, die mit hallenartigen Räumen, fünf Metern Deckenhöhe und Kronleuchtern protzt.

Eine Trutzburg mit dunklen Vertäfelungen und hochherrschaftlichen Kronleuchtern: Die Berliner Hütte symbolisierte zur Zeit ihrer Errichtung (auch) Glanz und Gloria des deutschen Kaiserreichs.

Eine Trutzburg mit dunklen Vertäfelungen und hochherrschaftlichen Kronleuchtern: Die Berliner Hütte symbolisierte zur Zeit ihrer Errichtung (auch) Glanz und Gloria des deutschen Kaiserreichs.

Die Berliner Hütte auf der Schwarzensteinalm im oberen Zemmgrund ist die älteste des Zillertals und erzählt die mehr als 140-jährige Geschichte einer ganzen Region, die heute ein ausgesprochen beliebtes Ziel für Menschen mit dem Drang nach Höherem ist. Nicht zuletzt deshalb war die Berliner Hütte Ende der Neunzigerjahre des vorigen Jahrhunderts die erste Schutzhütte Österreichs, die unter Denkmalschutz gestellt wurde. Das macht es nicht unbedingt einfacher, die Anlage zu bewirtschaften und in Schuss zu halten, erzählt Rupp Bürgler.

Gegenläufige Trends: Luxus und Einfachheit

Dazu kommen zwei gegenläufige Trends, die das Pächterpaar im Laufe von 15 Jahren beobachtet hat: Einerseits kommen immer mehr Rucksacktouristen, die am liebsten ein Zimmer mit WC und eigener Nasszelle hätten. „Luxus ist immer mehr gefragt, aber das können wir halt nicht bieten“, sagt Rupert. Andererseits gibt es auch eine erhebliche Zahl von Gästen, die es gern noch einfacher, naturnäher, weniger zivilisationsverweichlicht hätten. Rupp hat sich angewöhnt, das Ganze pragmatisch zu betrachten: „Wir bemühen uns, aber gar jeden kann man nie zufriedenstellen. Wir mögen alle Gäste, die nett sind — und das sind eigentlich die meisten.“

Schon 1873 errichteten die Mitglieder der Sektion Berlin des damaligen Deutschen und Österreichischen Alpenvereins auf diesem Fleckchen Tiroler Erde die ursprüngliche Berliner Hütte. Bei ihrer Einweihung lag die Hütte noch direkt am Zusammenschluss von Hornkees und Waxeggkees. Die Gletscher haben sich im Laufe von eineinhalb Jahrhunderten deutlich zurückgezogen. Ebenfalls bereits in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts datiert die Errichtung eines ausgedehnten Netzes von Wanderwegen und weiteren Hütten in der Gegend. Die Alm nahe der Hütte, auf der Kühe, Schweine und Pferde ihre paradiesische Sommerfrische verbringen, bewirtschaften die Hüttenpächter mittlerweile nicht mehr selbst; alles geht sich selbst für die fleißigsten, zähesten Leute nicht gleichzeitig aus.

Zur Berliner Hütte gehört auch eine Alm, auf der Kühe, Schweine und Pferde Energie und Widerstandskraft für die langen Wintermonate tanken.

Zur Berliner Hütte gehört auch eine Alm, auf der Kühe, Schweine und Pferde Energie und Widerstandskraft für die langen Wintermonate tanken.

Kleine Auszeiten unterm Sternenhimmel

Einen Betrieb wie die Berliner Hütte zu führen, erfordert heutzutage eine andere, aber nicht weniger ausgeklügelte Art der Logistik als in der Frühzeit des Alpentourismus. Irgendetwas für die Hütte zu tun und zu organisieren ist sowieso immer, auch im Winter, wenn Rupert bei der Pistenrettung arbeitet und Kerstin als Kellnerin im Salzburger Maria Alm, wo die beiden abseits der Hüttensaison leben. Anfang Juni, wenn die Pächter schon seit Wochen ihr hochalpines Quartier bezogen, geputzt und gästefertig gemacht haben, werden 16 Tonnen Lebensmittel per Hubschrauber angeliefert; kleinere Nachkäufe während der Saison werden per Materialseilbahn, Quad und zu Fuß geholt bzw. gebracht.

Dann kann es losgehen und bis ungefähr Ende September wird kaum noch Zeit zum Verschnaufen sein. „Als reinen Job kann man das nicht betrachten“, sind sich Kerstin und Rupert einig. „Ohne Leidenschaft geht da gar nichts.“ Aber auch nicht ohne die kleinen privaten Auszeiten, die sich das Pächterpaar nach einem intensiven, turbulenten Arbeitstag gern nimmt: „Wenn abends um zehn die Türen zugehen, setzen wir uns auf die Terrasse und gucken noch ein bisschen in den sternenklaren Himmel. Das ist der schönste Moment an so einem Hüttentag.“

Der offizielle Name des Dreitausenders, an dessen Fuß die Berliner Hütte liegt, ist III. Hornspitze. Seit mehr als 100 Jahren allerdings bevorzugen gletschergängige Bergsteiger den Namen Berliner Spitze.

Der offizielle Name des Dreitausenders, an dessen Fuß die Berliner Hütte liegt, ist III. Hornspitze. Seit mehr als 100 Jahren allerdings bevorzugen gletschergängige Bergsteiger den Namen Berliner Spitze.

Fotos: Tirol Werbung/Jens Schwarz

Von der Stüdlhütte am Fuße des Großglockers über die Berliner Hütte in den Zillertaler Alpen bis hin zur Pfeishütte im Karwendel: In der achtteiligen Serie „Hütten in Nahaufnahme“ erzählen wir diesen Sommer die Geschichten von Tiroler Alpenvereinshütten und den Menschen, die sie bewirtschaften.

2 Kommentare

  • Manfred Höfken, Frankfurt am Main
    Mein Favorit ist die Nördlinger Hütte auf der Reitherspitze !!! Unschlagbares Team !!! Meine Erfahrung mit dieser Hütte hat seinen Ursprung in meiner "Erstbesteigung" mit meinem Vater über Reith b. Seefeld im Juni 1959 !!!
  • Joe
    Danke für die Blogreihe, Hüttenpächter sein ist schon was spezielles, das meist nur mit Hilfe der Familie geht :) Berliner Hütte, i kim amol!