Hütten in Nahaufnahme: Die Stüdlhütte am Fuße des Großglockners

Aktualisiert am 13.12.2017Irene HeiszIrene Heisz

Dass Georg Oberlohr vor 20 Jahren die Stüdlhütte im Schatten des Großglockners übernahm, entsprach eigentlich nicht seinem Lebensplan. Zu vermeiden war es angesichts seiner Familiengeschichte allerdings nicht. Geschichten von einem intensiven Leben in 2.801 Metern Seehöhe.

Manchmal, das gibt Georg Oberlohr unumwunden zu, fühlt er sich doch ein wenig angestrengt. Aber alles andere wäre auch ein Wunder. Schließlich betreibt der Mann mit den hellen blaugrauen Augen seit mittlerweile 20 Jahren die Stüdlhütte, einen jener hochalpinen Stützpunkte, von denen aus sich alljährlich Tausende Bergsteiger aufmachen, den Großglockner zu erobern. Allein der ständige Aufenthalt in der dünnen Luft in 2.801 Metern Seehöhe ist nicht ohne. Da ist von dem, was Georg und sein Team dort oben täglich leisten, noch gar nicht die Rede.

Eine lange Saison unter extremen Bedingungen: Georg Oberlohr ist seit 20 Jahren Hüttenwirt auf der Stüdlhütte.

Eine lange Saison unter extremen Bedingungen: Georg Oberlohr ist seit 20 Jahren Hüttenwirt auf der Stüdlhütte.

Den Glockner von der Stüdlhütte aus zu besteigen, ist eine von mehreren und jedenfalls eine der härteren und anspruchsvolleren Möglichkeiten, auf den Gipfel des mit 3.798 Metern höchsten Berges Österreichs zu gelangen. In der Stüdlhütte im Schatten des Großglockners zu leben, bedeutet für den Hüttenwirt und seine Leute, sieben Tage die Woche fast rund um die Uhr harte Arbeit mit täglich rund 120 durchaus auch anspruchsvollen Gästen.

Saisonbeginn schon im März

Die Stüdlhütte am Stüdlgrat oberhalb von Kals wurde 1996 in ihrer heutigen Form neu errichtet. Die große Hütte sticht vor allem dank ihrer ausgesprochen markanten Silhouette sofort ins Auge. Im Querschnitt wirkt die Hütte wie ein an einer Seite und unten abgeschnittenes, liegendes Ei. Zur Windseite hin ist die gebogene, schützende Aluminiumsfassade bis zum Boden gezogen, alle anderen Fassaden der Hütte sind mit hierzulande höchst traditionellen Holzschindeln gedeckt, die pittoresk verwittern.

Ein angeschnittenes, auf der Seite liegendes Ei: Die markante Architektur vereint Hightech-Wetterschutz und sehr traditionelle Baumaterialien wie Holzschindeln.

Ein angeschnittenes, auf der Seite liegendes Ei: Die markante Architektur vereint Hightech-Wetterschutz und sehr traditionelle Baumaterialien wie Holzschindeln.

Die Saison am Glockner beginnt früh. Schon im März öffnet die Stüdlhütte für Skitourengeher. Und die sommerliche Hochsaison hat es ohnedies in sich. Wenn Georg um 7 Uhr aufsteht, haben seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das Frühstück für die meisten Bergsteiger schon abgewickelt, denn Bergsteiger leben nach dem Motto: Wer hoch hinaus will, muss früh damit anfangen. „Mein Arbeitstag beginnt mit den Reservierungen und den Einteilungen für die Zimmer“, erzählt Georg. „Lagervorbereitung und Vorbereitung der Organisation in der Küche und mit den Servicemitarbeitern, Bestellungen, Lieferungen, die Kassen für die Registrierchips der Gäste vorbereiten…“ Und dann sind da natürlich noch diverse Wehwehchen der Gäste und Mitarbeiter, die versorgt werden wollen, diverse Reparaturen, diverse kleine Pannen, bei denen der Chef zur Stelle sein muss. Georg ist gelernter Maschinenbauer, berichtet er. „Und ein bisschen technisches Verständnis hab ich auch von Zuhause mitbekommen. Wir haben hier heroben mittlerweile auch ziemlich viel Technik. Ob es um eine undichte Spülmaschine oder ein elektrisches Problem geht – es braucht hier jemanden, der abrufbereit ist. Wenn nämlich etwas nicht gleich repariert wird, dann steht unter Umständen der ganze Betrieb.“

Das Team der Stüdlhütte verarbeitet täglich Unmengen an möglichst frischen Lebensmitteln für die hungrigen Bergsteiger. Hüttenwirt Georg ist für alle technischen Details zuständig.

Das Team der Stüdlhütte verarbeitet täglich Unmengen an möglichst frischen Lebensmitteln für die hungrigen Bergsteiger. Hüttenwirt Georg (unten) ist für alle technischen Details zuständig.

Georg hat den Betrieb direkt am Berg im Griff, seine Ehefrau Elvira „Elli“ Sieber arbeitet Anfragen und Bestellungen vom Tal aus ab. Buchhaltung und Tagesabrechnung? „Das mache ich alles spätabends, weil ich untertags keine Zeit dazu habe“, berichtet Georg. „Und dann ist es meistens Mitternacht oder ein Uhr und der Tag ist für mich auch wieder fertig.“

Was aus einem Jahr Probezeit wurde

Als sich Georg und Elli vor 20 Jahren kurzfristig und schnell entschlossen, die Stüdlhütte zu übernehmen, kam das nicht ganz von ungefähr. Die Familie Oberlohr, im Ködnitztal, einem Seitental des Kalsertals beheimatet, lebt seit Generationen in einer engen, fast symbiotisch zu nennenden Verbindung mit dem berühmten Großglockner. „In der Lucknerhütte bin ich praktisch aufgewachsen“, erzählt Georg. Georgs Großvater hat Lucknerhütte und Lucknerhaus gebaut, Georgs Bruder Florian betreibt die Hütte heute. Vor Georg war sein Cousin zehn Jahre lang Wirt der Stüdlhütte, wiederum davor ein Onkel, und das sagenhafte 35 Jahre lang. „Man muss wohl sagen: Ich habe immer schon eine Verbindung hierher gehabt“, lacht Georg. Als er und Elli nach dem Ende ihres Psychologiestudiums in Innsbruck eigentlich „weggehen und ganz etwas anderes tun“ wollten, holte Georg seine Familiengeschichte ein. „Während einer Skitour hier, eh auch mit meinem Bruder, hat er erzählt, dass die neue Stüdlhütte noch frei ist und die Alpenvereinssektion Oberland, der die Hütte gehört, ihn gefragt hat, ob er nicht jemanden kennt. Er kannte mich, ich hab gesagt: Probieren wir es einmal ein Jahr und schauen, wie das geht.“

Wie beim Essen steht auch bei der Inneneinrichtung die Regionalität im Vordergrund: Sie wurde ausschließlich aus unbehandelten Hölzern der Region gebaut.

Wie beim Essen steht auch bei der Inneneinrichtung die Regionalität im Vordergrund: Sie wurde ausschließlich aus unbehandelten Hölzern der Region gebaut.

Es ging und geht immer noch, auch wenn Georg sich mitunter fragt, wie lange es noch gehen wird. „Man muss schon zugeben, dass man nicht jünger wird. Und das alles hier ist sehr intensiv.“ Diese Intensität ergibt sich nicht zuletzt daraus, dass das Bergsteigen in der Glocknergruppe beliebt ist. Hüttenwirt Oberlohr spricht auch für seine Kollegen in den anderen Hütten der Region, wenn er sagt: „Wir haben in den letzten Jahren darauf geschaut, das Ganze zahlenmäßig in Grenzen zu halten bzw. eher sogar zu reduzieren.“ Restlos überfüllte Hütten und noch Notzeltlager davor – „das war natürlich ein Chaos und für den Glockner und die anderen Berge einfach zu viel“.

Qualität vor Quantität

Eine Einigung unter den Hüttenwirten, mehr auf Qualität als auf Quantität zu setzen, hat sich aus Georgs Sicht als goldrichtig erwiesen. „Wir sind zwar voll, können unsere Hütten aber geordnet führen. Es geht am Berg vernünftig zu und die Leute haben alle eine positive Erinnerung an ihre Touren. Und das ist es ja, weshalb sie kommen und was sie mitnehmen wollen. Da kannst du dich unten bemühen wie du willst, wenn es am Berg oben nicht passt, ist das fatal.“

Mit ein Grund für den guten Ruf der Glockner-Hütten ist die Betonung von Qualität auch bei der Verpflegung der Gäste und im Service. Das Abendessen, zum Beispiel, wird in Form eines Buffets angeboten. Die Vorteile liegen auf der Hand: „Jeder nimmt sich, was er wirklich will und isst normalerweise auch auf. Dadurch müssen wir viel weniger Essen wegwerfen als früher.“ Fleisch kommt aus der unmittelbaren Umgebung, das Bier aus Lienz. Nicht in erster Linie billig muss die Verpflegung sein, sondern gut. Georg Oberlohr denkt mit und voraus: „In Osttirol müssen wir sowieso immer schauen, dass nicht noch mehr Leute abwandern. Wir stärken unsere regionale Wirtschaft, und mittlerweile kommen viele Leute sogar nur zum Abendessen zu uns herauf.“

Unvergessliche Eindrücke in extremer Umgebung: Bei der wohlverdienten Rast auf der Terrasse der Stüdlhütte lassen Bergsteiger die Erlebnisse des Tages noch einmal Revue passieren.

Unvergessliche Eindrücke in extremer Umgebung: Bei der wohlverdienten Rast auf der Terrasse der Stüdlhütte lassen Bergsteiger die Erlebnisse des Tages noch einmal Revue passieren.

Alle Fotos: Tirol Werbung/Jens Schwarz

Update

Nach 20 erfolgreichen Jahren haben Georg und seine Frau Elvira Oberlohr die Stüdlhütte an neue Pächter übergeben. Ab 9. März 2018 heißen Matteo Bachmann (26) und Veronika Tikvic (27) aus Lienz und Nußdorf-Debant die ersten Skitourengeher auf der Stüdlhütte willkommen. Trotz ihrer Jugend bringen die beiden bereits viel Erfahrung im Hüttenmanagement mit – die letzten drei Jahre haben sie das Hannoverhaus am Ankogel in Kärnten geführt.

Von der Stüdlhütte am Fuße des Großglockers über die Berliner Hütte in den Zillertaler Alpen bis hin zur Pfeishütte im Karwendel: In der achtteiligen Serie „Hütten in Nahaufnahme“ erzählen wir diesen Sommer die Geschichten von Tiroler Alpenvereinshütten und den Menschen, die sie bewirtschaften.

Hütten in Nahaufnahme
Irene Heisz

Die Journalistin, Autorin und Moderatorin Irene Heisz schreibt am BlogTirol scharfsinnig und mit dem ihr typischen Augenzwinkern über Tirol, die Tiroler und deren kuriose Eigenheiten.

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