Hütten in Nahaufnahme: Die Erlanger Hütte im Ötztal

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Auf der Erlanger Hütte in den Ötztaler Alpen kocht ein Könner. Christian Rimml hat den Chefkoch-Posten in einem Vier-Sterne-Hotel gegen 17-Stunden-Tage in 2.500 Metern Seehöhe getauscht.

Irene Heisz

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Vor das Vergnügen haben die Götter, frei nach dem alten Griechen Hesiod, bekanntlich den Schweiß gesetzt. Das heißt auf die Ötztaler Alpen im 21. Jahrhundert übersetzt: Um die ausgezeichnete Küche von Christian Rimml auf der Erlanger Hütte genießen zu können, muss der Gast zunächst einmal einen fünfstündigen Anstieg von Umhausen oder Tumpen aus in Kauf nehmen.

Christian Rimml tauschte 2008 seine zweifellos ebenfalls anspruchsvolle und anstrengende Arbeit als Souschef und später Chefkoch in 4-Sterne-Häusern freiwillig und gern gegen eine Herausforderung der ganz anderen Art: 17-Stunden-Tage als Hüttenwirt auf der Erlanger Hütte.

Christian Rimml tauschte 2008 seine zweifellos ebenfalls anspruchsvolle und anstrengende Arbeit als Chefkoch in 4-Sterne-Häusern freiwillig und gern gegen eine Herausforderung der ganz anderen Art: 17-Stunden-Tage als Hüttenwirt auf der Erlanger Hütte.

Nicht ganz so ambitionierte bzw. konditionsstarke Wanderer nützen den Ötztaler Hütten-Taxidienst bis zum Leierstalweg oder zur Gehsteighütte und haben dann trotzdem noch immerhin drei Stunden Aufstieg vor sich. Auch das reicht allemal, um einen rechtschaffenen Appetit zu entwickeln. Und die Mühe lohnt sich jedenfalls. Denn Pächter Christian ist gelernter Koch und verfolgt auf seiner Hütte die strikte Philosophie, stets frische Produkte aus der nächsten Umgebung zu verarbeiten.

„Alles, was wir einkaufen, von Erdäpfeln bis zum Fleisch, kaufen wir bei umliegenden Bauern“, erklärt Christian. Die Spezialität des Hauses ist Lamm, zum Teil aus der Landwirtschaft von Christians Vater, zum Teil von anderen Bauern. Außerdem kommt immer wieder Wild auf den Tisch. Wenn Grauvieh-Spezialitäten auf der Speisekarte stehen, dann ebenfalls vom Rimml-Hof. Und zum Hütten-Frühstück, in Form eines verlockenden Buffets serviert, empfiehlt sich das selbst gebackene Brot von Christians Ehefrau Anita.

Rimml kauft alle Produkte bei umliegenden Bauern ein. Immer wieder kommt auch Wild auf den Tisch.

Rimml kauft alle Produkte bei umliegenden Bauern ein. Immer wieder kommt auch Wild auf den Tisch.

Christian ist Jahrgang 1979 und hat das Küchenhandwerk in der Luxushotellerie erlernt. 2008, mit Ende 20, tauschte er die zweifellos ebenfalls anspruchsvolle und anstrengende Arbeit als Souschef und später Chefkoch in 4-Sterne-Häusern freiwillig und gern gegen eine Herausforderung der ganz anderen Art: 17-Stunden-Tage auf der Erlanger Hütte. Im Hochgebirge, wo die Luft schon merklich dünner wird, lebt es sich nicht nur anders als im Tal, auch die Bedingungen in der Küche gestalten sich unter anderem wegen des Luftdrucks in großer Höhe anders. Aber: „Das war immer mein Ziel“, erzählt Christian. „Ich bin einfach gern in der Natur und war schon als Kind immer viel auf Hütten unterwegs.“ In St. Leonhard im Pitztal, wo Christian aufgewachsen ist, haben die Rimmls nach wie vor ihre Basis außerhalb der Hüttensaison, die auf 2.500 Metern Seehöhe maximal von Mitte Juni bis Ende September dauert. Im Winter arbeitet Christian bei den Pitztaler Gletscherbahnen.

Die Erlanger Hütte, 1931 von der gleichnamigen DAV-Sektion erbaut und seit vielen Jahren immer wieder mit diversen österreichischen und deutschen Umweltgütesiegeln bedacht, bewirtschaften in der Hochsaison drei Generationen von Rimmls: Christian und Anita, die 17-jährige Tochter Madeleine und der sechsjährige Sohn Jakob sowie Christians Mutter. Dazu kommt noch eine Studentin, die dabei hilft, die 40 Matratzen- und acht Zimmerlager auf der Erlanger Hütte in Schuss zu halten. Und wenn das sommerliche Wetter einmal anhaltend schlecht ist? „Ein paar Gäste sind sowieso immer da“, weiß Christian. „Und tatsächlich sind wir fast froh, wenn es einmal ein paar Tage regnet, weil wir dann zu Arbeiten kommen, die sonst aufgeschoben werden.“

40 Matratzen- und acht Zimmerlager müssen täglich auf der Erlanger Hütte in Schuss gehalten werden.

Eine Hüttenbewirtschaftung im Hochgebirge ist mühsam – „Zach ischs scho!“, sagt Christian auf gut Pitztalerisch –, wenn auch nicht mehr ganz so mühsam wie noch vor einigen Jahrzehnten. Der Wettersee oberhalb der Hütte sorgt für Trinkwasser und Strom. Vorräte und frische Lebensmittel werden heutzutage vergleichsweise bequem mit dem Hubschrauber geliefert; allein zu Beginn der Saison fliegt der Hubschrauber bis zu 15 Mal schwer beladen hinauf.

Während die beiden Kinder zwischendurch auch gern in ihren Alltag im Tal zurückkehren, bleiben Anita und Christian durchgehend auf ihrem Posten. „Ausweichen kann man da natürlich nicht, aber das ist alles Einstellungssache. Wenn du weißt, das machst du jetzt eben dreieinhalb Monate so, dann hast du ein Ziel vor dir.“ Auch der Pächter der Erlanger Hütte sagt, was so oder ähnlich alle Hüttenwirte einräumen: „Da muasch eben der Mensch dazu sein.“

Wandern und Bergsteigen boomt. In seiner zehnten Saison als Hüttenwirt beobachtet Christian Rimml zweierlei Trends: „Die Gäste werden anspruchsvoller und wollen mehr Luxus am Berg – von Duschen bis WLan.“ Andererseits: „Es werden immer mehr junge Leute. Und interessanterweise sind es gerade die Jungen, die den Luxus nicht brauchen. Man meint ja oft, dass die jungen Leute nicht mehr ohne Handy können, weil sie eben damit aufgewachsen sind. Aber tatsächlich taugt das denen sogar, die sagen: ,Sch…Handy!’ und sind direkt froh, wenn sie einmal nicht online sein müssen.“

Tausche WhatsApp und Instagram gegen Brettspiel und Liegestuhl: Hüttenwirt Rimml beobachtet, dass immer mehr junge Leute kommen, die mal ganz froh sind, wenn sie nicht online sein müssen.

Tausche WhatsApp und Instagram gegen Brettspiel und Liegestuhl: Hüttenwirt Rimml beobachtet, dass immer mehr junge Leute kommen, die mal ganz froh sind, wenn sie nicht online sein müssen.

Nicht zuletzt sportliche Lehrende und Studierende der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg nützen auf mehrtägigen Exkursionen und Seminarwochen immer wieder gern die Gelegenheit, herausfordernde Wanderungen und Lernstoffe mit herausragender Gastronomie und dem unvergesslichen, auf eine ganz spezielle Art schicken Erlebnis Hüttenurlaub zu verbinden.

Was nervt besonders am Hüttenleben? Christian muss kurz nachdenken und sagt dann: „Selbstversorger, die ihren Müll einfach zurücklassen.“ Nachsatz: „Aber das sind eigentlich wenige Ausnahmen, die meisten Gäste wissen schon ganz gut, wie man sich am Berg benimmt.“ Wirklich an die Nieren geht dem Hüttenwirt nur, „wenn ein Unfall passiert. Das ist das Schlimmste“.

Insgesamt fällt Christian Rimmls aktuelle Zwischenbilanz eindeutig aus. „Hüttenwirt ist immer noch mein Traumjob“, sagt er mit Nachdruck. „Mir gefällt daran vor allem, dass die Aufgabe sehr vielseitig ist. Von der Gastronomie bis zur Technik – du musst flexibel sein und dir überall selbst zu helfen wissen.“ Von hoher Bedeutung für den Gesamteindruck, den Gäste von einer Hütte mitnehmen, ist neben der Qualität der Verpflegung auch, dass der Hüttenwirt eine kompetente Ansprechperson für Fragen ist. Zeit, seiner Leidenschaft zu frönen und die Berge auf eigene Faust zu durchkämmen, bleibt Christian zwar während der Saison nicht. „Aber du musst dich auskennen, den Gästen die richtigen Tipps und Ratschläge geben können. Kurz gesagt: Du musst einfach selber ein guter Alpinist sein.“

Oberhalb der Hütte liegt der Wettersee. Dieser sorgt für Trinkwasser und Strom. Alle Fotos: Tirol Werbung/Jens Schwarz

Oberhalb der Hütte liegt der Wettersee. Dieser sorgt für Trinkwasser und Strom. Alle Fotos: Tirol Werbung/Jens Schwarz

Die Erlanger Hütte ist von Umhausen über die Vordere Leierstalalm in ca. 4,5 Stunden Gehzeit oder mit dem Taxi bis zur Vorderen Leierstalalm und von dort zu Fuß zur Hütte in ca. 2 Stunden erreichbar. Von Tumpen aus geht es über die Gehsteigalm in 5 Stunden Gehzeit oder mit dem Taxi zur Gehsteigalm und von dort in ca. 2 Stunden Gehzeit zur Erlanger Hütte. Mehr Infos zur Hütte: www.tirol.at

Von der Stüdlhütte am Fuße des Großglockers über die Berliner Hütte in den Zillertaler Alpen bis hin zur Pfeishütte im Karwendel: In der achtteiligen Serie „Hütten in Nahaufnahme“ erzählen wir diesen Sommer die Geschichten von Tiroler Alpenvereinshütten und den Menschen, die sie bewirtschaften.

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