Hütten in Nahaufnahme: Die Neue Prager Hütte am Fuße des Großvenediger

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Bei Wilfried Studer, dem Wirt der Neuen Prager Hütte am Großvenediger, und seiner Familie dreht sich alles ums Bergsteigen – und das in einem globalen Maßstab. Das Motto lautet: „Was wir auf der Hütte und als Bergführer verdienen, geben wir auch in den Bergen wieder aus.“

Irene Heisz

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Wilfried Studer meldet sich am Telefon, während er gerade in der Gondelbahn sitzt. Moment… Eine Gondelbahn zur 2.800 Meter hoch gelegenen Neuen Prager Hütte direkt am Schlatenkees im Nationalpark Hohe Tauern? Wilfried lacht: „Na na, wir reden hier von der neuen Materialseilbahn, mit der wir Vorräte auf die Hütte bringen. Die Wahrheit ist: Früher ist man halt illegal mitgefahren. Die neue Bahn mit 400 Kilogramm Nutzlast dürfen ganz offiziell auch bis zu zwei Personen benützen.“

Familiensache: Wilfried Studer betreibt die Neue Prager Hütte gemeinsam mit seiner Frau Sylvia (unten), der jüngsten Tochter Claudia und fallweise auch deren Schwestern sowie Wilfrieds jüngerem Bruder.

Familiensache: Wilfried Studer betreibt die Neue Prager Hütte gemeinsam mit seiner Frau Sylvia (unten), der jüngsten Tochter Claudia und fallweise auch deren Schwestern sowie Wilfrieds jüngerem Bruder.

Das erleichtert die Versorgung der Neuen Prager Hütte. Herausforderungen und Schwierigkeiten bleiben in dieser Höhe am Fuße des Großvenedigers aber immer noch mehr als genug zu meistern. 15 Zentimeter Neuschnee Ende Juli, wie es heuer war, gibt es nicht jedes Jahr, sind aber auch kein Jahrhundertereignis. Alltäglich für den Hüttenwirt und seine Familie ist der Umgang mit knappen Ressourcen. „Wir sind hier komplett autark“, berichtet Wilfried, „Strom kommt von unserer Photovoltaik-Anlage. Wir kämpfen um jeden Liter Wasser: sammeln, pumpen, filtrieren, Abwasser klären. So eine Hütte erfordert einfach ständige Aufmerksamkeit, selbst wenn einmal keine Gäste da sind.“

Vor allem aber bietet so eine Hütte einen alles entscheidenden Vorteil, findet Wilfried: „Du hast zwar konzentriert ein paar Monate lang viel Arbeit – dann aber auch viel Zeit für deine eigenen Expeditionen.“ Dafür leben Wilfried, seine Ehefrau Sylvia und längst auch die drei Töchter Nicole, Sandra und Claudia. Wilfried ist aus Wolfurt in Vorarlberg gebürtig, hat Bauschlosser gelernt und „war nebenbei immer schon mehr oder weniger Bergführer“. Sylvia und er haben einander beim Skirennsport auf Landeskader-Niveau kennengelernt und 1978 geheiratet. Ihre Hochzeitreise führte das junge Paar auf den höchsten Berg Amerikas, den fast 7.000 Meter hohen Aconcagua in den argentinischen Anden.

Als die Töchter ins berufsfähige Alter kamen, „haben wir uns als Familie entschieden, Hüttenwirte zu werden und zunächst zwei Hütten im Rätikon übernommen.“ Nach acht Jahren „haben wir ein Jahr lang Pause gemacht, aber das hat nicht funktioniert“. Seit vier Jahren nun betreiben die Studers – Wilfried und Sylvia, die jüngste Tochter Claudia und fallweise auch deren Schwestern sowie Wilfrieds jüngerer Bruder – die Neue Prager Hütte als reinen Familienbetrieb.

Herausforderungen und Schwierigkeiten gibt es auf 2.800 Metern Seehöhe genug zu meistern. 15 Zentimeter Neuschnee Ende Juli, wie es heuer war, gibt es nicht jedes Jahr, sind aber auch kein Jahrhundertereignis. Alltäglich für den Hüttenwirt und seine Familie ist der Umgang mit knappen Ressourcen.

Herausforderungen und Schwierigkeiten gibt es auf 2.800 Metern Seehöhe genug zu meistern. 15 Zentimeter Neuschnee Ende Juli, wie es heuer war, gibt es nicht jedes Jahr, sind aber auch kein Jahrhundertereignis. Alltäglich für den Hüttenwirt und seine Familie ist der Umgang mit knappen Ressourcen.

Bei den Studers dreht sich prinzipiell jedes Tischgespräch ums Bergsteigen. Ein- bis zweimal wöchentlich führt Wilfried auch selbst noch Bergsteiger auf den Großvenediger. Alles Geld, das die Studers auf ihrer Hütte verdienen, stecken sie in ihre eigenen Expeditionen in die Anden oder den Himalaya. Das Bergsteigen sei ihm zwar nicht in die Wiege gelegt worden, meint Wilfried, irgendwie aber doch. Der Vater war Schuhmacher, Wilfried das mittlere von fünf Kindern und verdingte sich früh als Hirtenbub in Galtür.

Schon als Jugendlicher unternahm er extreme Touren wie eine Winter-Durchquerung der Eiger-Nordwand. 1994, Wilfried war 38, wäre er von einer Tour auf den Illimani in Bolivien fast nicht mehr zurückgekommen: Zwei Bergsteiger starben, er selbst überlebte mit erfrorenen Füßen, die im Mittelfuß-Bereich amputiert wurden. „Ich musste mit verkürzten Spezialschuhen komplett neu gehen lernen“, erzählt Wilfried. „Aber ein Jahr später bin ich auf meinem nächsten Sechstausender, dem Mount McKinley, gestanden. Da wusste ich, es geht wieder. Und seither bin ich unterwegs wie eh und je.“

Klar ist aber: „Ich vergleiche Bergsteigen immer mit Schach. Man muss sehr viel daran arbeiten, vor allem im Kopf, das Wichtigste ist nämlich eine gute Vorbereitung. Den Weg, den man einschlägt, muss man verfolgen – aber vorher durchdacht haben. Kurz gesagt: Bergsteigen muss man von Grund auf erlernen, und wenn man es kann, wird man wahrscheinlich auch alt dabei.“ Und im Fall von Wilfried Studer und den Seinen wird man auch ein bisschen berühmt.

Wilfrieds jüngste Tochter Claudia ist im Sommer auch auf der Hütte. Gemeinsam mit ihren Eltern hat sie am 23. Mai 2010 als erste Familie der Welt gemeinsam den Everest bezwungen.

Wilfrieds jüngste Tochter Claudia ist im Sommer auch auf der Hütte. Gemeinsam mit ihren Eltern hat sie am 23. Mai 2010 als erste Familie der Welt gemeinsam den Everest bezwungen.

Der Mount Everest, als höchster Berg der Welt das immer schlagzeilenträchtige Ziel zahlloser Rekordversuche, war viele Jahre und elf gescheitere Versuche lang auch ein Sehnsuchtsort der Studers. Am 23. Mai 2010 haben Wilfried, Sylvia und Claudia als erste Familie der Welt gemeinsam den Everest bezwungen. Oft umzukehren, mitunter erst knapp unterhalb des Gipfels, erfordert große Selbstsicherheit. „Aber so schwierig ist es dann wieder nicht“, sagt Wilfried. „Meine Frau und ich haben den Everest-Plan gemeinsam entwickelt. Einmal sind wir auf 8.600 Metern umgekehrt, weil Sylvia einfach noch nicht so weit war – das war eine Zeit, in der am Everest viele Unfälle passiert sind und wir hatten drei Kinder zu Hause… Ich hätte den Gipfel geschafft, aber wir wollten das nicht. Geklappt hat es, als Claudia dabei war und das Tempo vorgab. Wir wollten das gemeinsame Erlebnis, nicht irgendeinen Rekord oder die Schlagzeilen.“

Was kann man sich noch vornehmen, wenn man einmal auf dem Everest war? „Das hab ich mir lang überlegt“, gibt Wilfried zu. „Und dann habe ich vor zwei Jahren den Plan gefasst, bis zu meinem 60. Geburtstag 60 Sechstausender zu machen.“ Das ist sich zwar knapp nicht ausgegangen, „aber bis Ende Jänner 2018 bin ich noch 60 und mir fehlen nur noch sechs Gipfel, die will ich im Herbst schaffen.“ Das Projekt firmiert auf Wilfrieds Homepage unter dem Titel „Loco“, „Verrückter“.

Bei den Studers dreht sich prinzipiell jedes Tischgespräch ums Bergsteigen. Ein- bis zweimal wöchentlich führt Wilfried auch selbst noch Bergsteiger auf den Großvenediger.

Bei den Studers dreht sich prinzipiell jedes Tischgespräch ums Bergsteigen. Ein- bis zweimal wöchentlich führt Wilfried auch selbst noch Bergsteiger auf den Großvenediger.

War’s das dann mit den extremen Touren? Eher nicht, meint Wilfried. „Vielleicht geht sich noch einmal ein Achttausender aus, der Dhaulagiri eventuell. Als Trekkingführer umrundet habe ich ihn ja schon mehrmals. Die Idee ist noch nicht ganz spruchreif, aber jedenfalls in meinem Kopf.“

Zurück auf der Neuen Prager Hütte am Großvenediger. „Natürlich gibt’s auch hier wie in jedem Beruf Momente, in denen du dich fragst, warum du dir das antust und eigentlich hinschmeißen möchtest“, räumt Wilfried ein. „Aber da musst du schon so viel sein, dass du dich selbst sofort zurückholst und nicht hineinsteigerst.“ Aufhören? In Pension gehen? „Nicht vor 70. Einmal Hüttenwirt, immer Hüttenwirt. Etwas anderes will man dann nicht mehr.“

In Pension gehen will Wilfried Struder noch lange nicht. „Einmal Hüttenwirt, immer Hüttenwirt. Etwas anderes will man dann nicht mehr.“ Alle Fotos: Tirol Werbung/Jens Schwarz

In Pension gehen will Wilfried Struder noch lange nicht. „Einmal Hüttenwirt, immer Hüttenwirt. Etwas anderes will man dann nicht mehr.“ Alle Fotos: Tirol Werbung/Jens Schwarz

Die Neue Prager Hütte ist vom Matreier Tauernhaus über das Innergschlöß (Venedigerhaus) und vorbei an der Alten Prager Hütte in rund 4,5 bis 5 Stunden Gehzeit erreichbar. Mehr Infos zur Hütte: www.tirol.at

Von der Stüdlhütte am Fuße des Großglockers über die Berliner Hütte in den Zillertaler Alpen bis hin zur Pfeishütte im Karwendel: In der achtteiligen Serie „Hütten in Nahaufnahme“ erzählen wir diesen Sommer die Geschichten von Tiroler Alpenvereinshütten und den Menschen, die sie bewirtschaften.

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