Über Stock, Stein und Wasserfall – mein erstes Mal beim Canyoning

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Ich muss ja verrückt sein, mich von einem Felsen zu stürzen. Ich mach es trotzdem und erzähle, wie es sich anfühlt.

Julia

Julia Probst kommt aus einem kleinen Dorf jenseits des Fernpasses... Zum Autor

Auf dem Weg des Wassers

Heute also ist es soweit. In einer schwachen Minute hatte ich mit einem Freund ausgemacht, den „Stopfer“, eine Canyoning Route im Kühtai, zu erkunden. Dabei habe ich keinerlei Erfahrung im Canyoning. Und eigentlich ganz schön Angst davor. Überzeugt hat mich, dass Richard Sturm geprüfter Tiroler Schluchtenführer und Canyoning Guide ist.

Ich prüfe nochmals meine Packliste: gute Schuhe, einen Badeanzug, Kleidung zum Wechseln und Herzklopfen. Die restliche Ausrüstung wie Helme und Seile hat Richard dabei. Über das Sellraintal fahren wir ins Kühtai, vorbei an grasenden Kühen und Hängen voller Almrosen. Unser erstes Ziel ist der Parkplatz irgendwo zwischen Kühtai und Ötz, der auch der Endpunkt der Tour sein wird.

Vorbereitung ist alles

Bevor es losgeht, prüfen wir nochmals die Ausrüstung und lassen alles im Auto, was wir in den nächsten 2,5 Stunden nicht mehr brauchen. Der Tourenrucksack besteht aus einer Plane, die in zwei Kammern aufgeteilt ist. In den oberen Teil wird das Seil ordentlich reingelegt, damit wir während der Tour immer genügend unverknotetes Seil parat haben. Wenn ich „wir“ sage, dann meine ich Richard. Er beantwortet geduldig alle meine neugierigen Fragen. Wir wandern zum Start, vorbei an Schafen, Pferden und bunten Blumenwiesen. Der Aufstieg dauert ca. 30 Minuten, die letzten Meter führen abwärts über eine Straße und ich sehe schon eine andere Canyoning-Gruppe, die sich gerade über eine Brücke abseilt.

Wie ein Teletubbie

Wir ziehen die Neoprenanzüge, Helme und Klettergurte an. Ich sehe jetzt aus wie ein Teletubbie. Richard erklärt mir, wie ich mich in der Schlucht verhalten soll, wie das Abseilen funktioniert, welche Körperhaltung ich beim Rutschen einnehmen soll, wie ich den Karabiner, der mich gleich halten wird, wieder lösen kann und wie stabil die Materialien sind. Ich bin skeptisch, mein Blick spricht bestimmt Bände. Mein Vertrauen in Richard hilft mir, weiter zu machen.

Die Brücke

Diese Brücke habe ich mir die letzten beiden Tage immer wieder vorgestellt. 18 Meter Abseilen in die Schlucht! Mein Wohnhaus hat 4 Stockwerke mit Altbau-Wohnungen. Das entspricht ca. den 18 Metern. Eine unmögliche Vorstellung, mich vom Dachboden in den Garten abseilen zu lassen! Aber genau so etwas Ähnliches habe ich gleich vor. Richard befestigt das Seil mit einem Karabiner am Geländer. Ich darf erst darüber klettern, wenn der Karabiner am Ende des Seiles an meinem Klettergurt befestigt und zugeschraubt ist. Noch geht es mir gut. Ich klettere über das Geländer, stehe hüftbreit auf der Brückenkante und klammere mich mit beiden Händen an die roten Eisenstangen. Richard sagt mir, ich soll mich ein wenig zurücklehnen, damit ich den Klettergurt spüre. Das ist noch kein Problem für mich. Jetzt soll ich meine Hände von der Brücke lösen und auf das Seil legen. Der einzige Kontakt zu festem Boden sind nur noch meine Füße an der Brückenkante. Jetzt merke ich meine steigende Nervosität. Ich weiß, dass ich beim Blick in die Tiefe Angst bekomme, also konzentriere ich mich auf Richard und seine Anweisungen. Plötzlich spüre ich, wie mich nur noch das Seil trägt und meine Füße nur noch dazu da sind, die Richtung beim Abseilen zu unterstützen. Es geht wie von selbst. Nur einmal benötige ich meine Konzentration, um die untere Betontraverse mit meinem Fuß zu erreichen. Langsam habe ich Vertrauen in das Seil. Was gut ist, denn ich hätte jetzt gar keine Zeit mehr, um mir Sorgen zu machen. Ich bin viel zu sehr damit beschäftigt, mich umzusehen und zu staunen.

Eine Wunderwelt in der Schlucht

Der Nederbach, ein Abfluss aus dem Stausee, bahnt sich seinen Weg durch dunkelgraue Felsen, vorbei an saftig grünen Sträuchern. Es durftet nach Wald und Moos. Fast bin ich ein bisschen enttäuscht, dass ich so schnell unten bin. Brr! Bei der Landung stehe ich gleich mit beiden Beinen im kalten Wasser. Die Neoprensocken füllen sich mit Wasser, ich löse den Karabiner und Richard seilt sich selbst ab. Bei ihm sieht das aus wie in einem Actionfilm. Er steht 10 Sekunden später neben mir und verstaut das Seil im Rucksack. Wir wandern los – durch den Bach. Die Klamm sieht ein bisschen verwunschen aus, ich komme mir vor wie in den Tropen – nur kälter. Das strömende Wasser gibt meinen Beinen die Richtung vor. Nach ein paar Minuten stehen wir vor einem Wasserfall, der mir schon beim Hochwandern aufgefallen ist. Ich will mich unbedingt darunter stellen. Eine Wasserfalldusche wie in der Werbung! Mit dem Helm auf dem Kopf fühlt sich das Prasseln nicht so hart an. Das Wasser ist trotzdem saukalt. Gleich danach lassen wir uns in einem kleinen Gumpen treiben, damit sich der Neoprenanzug ordentlich mit Wasser ansaugen kann.

Von Lemmingen und Rutschen

Waschelnass aber inzwischen relativ gut gewärmt durch den Anzug, bahnen wir uns den Weg durch die Schlucht. Die erste vom Wasser geformte Rutsche wartet auf mich. Da ich mir überhaupt nicht vorstellen kann, wie ich den Felsen da am sichersten runterkommen soll, rutscht Richard einmal vor und kraxelt wieder zu mir hoch. Ich sitze an der Felskante und bin so schnell im Wasser, dass ich mir nicht mal überlegen kann ob mir das gerade gefällt, Angst macht oder einfach nur super ist. Nachdem ich wieder an der Oberfläche bin entscheide ich mich für „voll super“.

Die nächste Herausforderung steht an: Ein Sprung von einem 4 Meter hohen Felsen in einen Gumpen. Richard erklärt mir, wohin ich springen muss, damit mir nichts passiert. Oh mein Gott, ich hätte im Sportunterricht beim Weitspringen nicht schwänzen sollen, das wird mir schlagartig klar. Mich packt die Angst. Ich will losspringen, aber ich trau mich einfach nicht! Ich blicke mich um, hinter uns wartet eine Gruppe von 9 Männern in quietschgrünen Anzügen. Dieser Anblick ist so komisch, dass mein mulmiges Gefühl einem lauten Lachen weicht. Wie erleichternd!

Wir lassen die Gruppe vor. Richard meint, dass sich keiner der Männer trauen würde, bei einer Station nicht mit zu machen. Die Gruppendynamik und der Testosteron-Überschuss hindern sie daran. Wie gut, dass ich feige sein darf. Die Gruppe legt los: zack, zack, einer nach dem anderen springt den Felsen runter – wie die Lemminge. Nachdem die ganze Männergruppe wieder heil aus dem Wasser aufgetaucht ist, packe ich all meinen Mut zusammen und springe. Meine neuen grünen Freunde honorieren meine Überwindung mit Applaus. Ich bin erleichtert und ein bisschen stolz. Richard fragt mich, ob ich noch einmal springen möchte, ich lehne dankend ab. Man muss nicht gleich übertreiben.

Eintauchen und Auftauchen

Nach diesen ersten Mutproben bekomme ich immer mehr Spaß an der Sache. Wir laufen weiter zu einer anderen Wasserrutsche. Hier lege ich mich rein und nach zwei Kurven drückt mich die Strömung unter Wasser. Durch den Neoprenanzug werde ich nach oben getrieben. Trotz gefühlten 10 Litern Wasser in meiner Nase will ich unbedingt noch einmal rutschen. Dieses Mal bin ich vorbereitet und halte mir die Nase zu. Ich komme mir vor wie als Kind im Schwimmbad, Richard muss mich richtig überreden zu gehen. Es war einfach genial!

Wir wandern aus der Schlucht heraus zum Parkplatz. Hier ziehen wir uns trockene Sachen an und setzen uns auf eine Bank. Die vielen Eindrücke können etwas sacken. Ich bin fast ein wenig traurig, diese Wunderwelt in der Schlucht hinter mir lassen zu müssen. Ich bin froh, diese Erfahrung gemacht zu haben. Ich bin dankbar, dass Richard mir die Zeit gegeben hat, die ich gebraucht habe. Und ich bin hungrig. Nach soviel frischer Luft, Schweißausbrüchen und Adrenalinkicks, beschließen Richard und ich, essen zu gehen.

Bei einem Bier vereinbaren wir das nächste Experiment: Klettern. Dieses Mal habe ich keine Angst davor. Was kann schon jemanden passieren, der quasi von einem 16 Meter hohen Haus gesprungen ist? Eben. Meine Superman-Socken und ich freuen uns drauf.

Wer Canyoning auch einmal selbst ausprobieren möchte, dem kann ich Richard als Guide wärmstens empfehlen: http://tirolcanyoning.com
Weitere Informationen zum Canyoning in Tirol, findet ihr auf unserer Webseite: www.tirol.at

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