Bergführer im Porträt – Kilian Scheiber und die Wildspitze

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Der Mann aus dem Eis heißt nicht Ötzi. Er heißt Kilian Scheiber. Der Bergführer aus Vent im Ötztal stand über 400 Mal am Gipfel der Wildspitze – auch wenn es keine Liebe auf den ersten Blick war zwischen ihm und dem höchsten Berg Nordtirols.

Michael

Michael Gams ist in seiner Freizeit viel im Land unterwegs: Beim... Zum Autor

Wer Kilian Scheiber nach seiner liebsten Jahreszeit fragt, bekommt stets dieselbe Antwort: „Der Winter.“ Vielleicht ist das der Grund, weshalb wir ihn Mitte August bei nahezu winterlichen Verhältnissen in 2.755 Metern Höhe treffen. Das Außenthermometer der Vernagthütte im Venter Tal, einem Seitental ganz hinten im Tiroler Ötztal, klettert an einem Tag wie heute nur knapp über die Null-Grad-Marke. Frühmorgens brechen wir mit Bergführer Kilian, einem sehnigen Mann um die Fünfzig in Richtung Wildspitze auf. Er liebt Schnee und Eis – schließlich ist er damit aufgewachsen. Schon als Siebenjähriger war er zum ersten Mal am Gipfel der Wildspitze, damals gemeinsam mit seinem Vater – natürlich auch ein Bergführer. Der sei der Berge und der Liebe wegen von Sölden nach Vent gezogen, erzählt Kilian, „weil er meine Mutter auf den Venter Rofenhöfen kennengelernt hat.“ Die Rofenhöfe waren damals schon die höchstgelegenen, dauerhaft besiedelten Bergbauernhöfe Tirols. Kilians Eltern kauften sich ein kleines Grundstück in Vent und bauten darauf Anfang der sechziger Jahre eine Frühstückspension – das heutige Bergführerbüro.

Um sechs Uhr morgens mit Kilian Scheiber unterwegs in Richtung Vernagtferner.

Kilians langer Weg zur Wildspitze

Kilian bestand 1996 die Abschlussprüfung zum Bergführer und übernahm das Bergführerbüro. Gut 400 Mal war er inzwischen auf der Wildspitze. Aber sein Lieblingsberg war eigentlich mal ein anderer: „Ich bin früher sicher lieber und öfter auf den Similaun gegangen. Für mich ist das einer der schönsten Skitourenberge. Dort habe ich auch schon meine tollsten Skiabfahrten gemacht. Ich kann mich noch erinnern, da bin ich mit einem Herrn aus Innsbruck zum Schafübertrieb hochgegangen. Bis zur Martin-Busch-Hütte mussten wir die Skier schultern, danach konnten wir sie gleich mal anziehen. Zuerst haben wir noch den Schafübertrieb beobachtet, sind dann hoch auf den Similaun gegangen und hatten noch eine sensationelle Firnschneeabfahrt. Die Abfahrt hat keinerlei Kraft gekostet, es ist dahingegangen wie auf der sprichwörtlichen Butter.“

Dennoch gehen wir heute mit Kilian nicht auf den Similaun, sondern auf die Wildspitze. Mit 3.768 Metern Höhe markiert sie den höchsten Punkt Nordtirols und ist schon deshalb etwas Besonderes – mittlerweile auch für Kilian. Man könne sie nicht so einfach abtun als „ja, die Wildspitze halt“, sagt er. „Am Anfang war ich absolut nicht der Wildspitz-Fan. Ich kann auch gar nicht sagen, warum. Vielleicht, weil immer alle auf die Wildspitze wollten, wollte ich gerade woanders hin. Aber irgendwann, je öfter ich hochgekommen bin, hat die Liebe richtig angefangen. Mittlerweile mag ich sie richtig gern, die Wildspitze.“

Kilian zeigt uns heute seine Lieblingsroute zur Wildspitze. Dabei wird vor allem eines deutlich: Abkürzungen mag er gar nicht. Es gäbe nämlich einige kürzere Routen auf diesen Berg. Er zeigt uns lieber den längsten Weg. Der führt ausgehend von der Vernagthütte mit Steigeisen über den Vernagtferner zur Brochkogelscharte, dann nordseitig um den Hinteren Brochkogel herum über den Taschachferner zum Südgipfel der Wildspitze. Von dort quert Kilians Route hinüber zum Nordgipfel und über den Rofenkarferner hinunter nach Vent. Das bedeutet mehrere Stunden Fußmarsch mit Steigeisen auf Gletschereis und Schnee. Genau das sei es auch, was er an dieser Route über die Wildspitze so mag, sagt Kilian. „So haben wir drei Gletscher, über die wir gehen.“

Der Vernagtferner – hier im Bild – werde in 25 Jahren verschwunden sein, meint Kilian.

„Das Wetter ist entscheidend“

Kilian marschiert, unbeeindruckt von tiefhängenden Wolken, voran. Der Begriff „Schlechtwetter“ bekommt eine andere Bedeutung, wenn man sich mit ihm unterhält. Einmal hat ihm ein halber Meter Neuschnee mitten im Sommer einen Strich durch die Rechnung gemacht. „Das war einfach zu mühsam und zu tiefe Stapferei. Normalerweise braucht man von der Breslauer Hütte vier Stunden hoch. Wir waren schon drei Stunden unterwegs und hatten noch nicht mal die Hälfte des Weges.“ Und erst vor drei Tagen sei er im Schneesturm gegangen, bis auf 3.500 Meter Höhe. „Wirklich grausig.“ Also kehrte er auch da mit den Leuten wieder um. So gesehen ist das Wetter bei unserer heutigen Tour mit Kilian ausgezeichnet.

Etwa 150 Höhenmeter unterhalb von uns fließt der Vernagtbach, wir gehen entlang einer sogenannten Gletschermoräne. „Moränen zeugen ja von den Gletscherhochständen vor 150, 160 Jahren. Um 1850 herum war das ganze Tal, das man einsehen kann, voll mit Eis.“ Kilian schaut hinunter zu einer kleinen Hütte am Vernagtbach, die als Basisstation für Gletscherforscher dient. Der verbliebene Rest des Vernagtferners werde voraussichtlich in den nächsten 25 Jahren verschwinden. Kilians Sohn Ronald ist dann schon längst erwachsen. Wir haben den zwölfjährigen Bub auf der Vernagthütte kennengelernt, er hilft dort während der Sommerferien aus. Ronald sei schon im August 2010 als Sechsjähriger mit auf der Wildspitze gewesen, „der musste mich sogar noch unterbieten“, erzählt Kilian. Das war ein besonderer Tag für Kilian – in doppelter Hinsicht. Denn an diesem Tag montierte er gemeinsam mit Kollegen ein neues Gipfelkreuz, welches das 77 Jahre alte Vorgängermodell ersetzen sollte. Ein Manöver mit Risiko. Kilian musste das neue Kreuz millimetergenau in den Sockel des alten Kreuzes bugsieren. Ein Fehler oder eine ungünstige Windböe – und das am Helikopterseil hängende Kreuz hätte Kilian vom schmalen Gipfelaufbau in die Tiefe geschleudert. Aber alles ging gut.

„Steine gibt’s auf jedem Berg. Wir haben Gletscher.“

Querung am Taschachferner.

„Bei Hochtouren hängt alles von den Verhältnissen ab.“

Unterwegs verliert Kilian nur wenige Worte und stapft weiter. Am Vernagtferner seilt er uns an und manövriert uns durch ein Labyrinth aus Gletscherbächen, Gletschermühlen und kleinen Gletscherspalten bis zu einem Felsriegel. Ein Steig führt dort rund fünfzig Höhenmeter hinauf, zum Brochkogeljoch. Die Steigeisen kratzen am Fels wie Kreide auf einer Schultafel. Oben an der Kante fährt uns der Wind scharf ins Gesicht, dahinter verliert sich der Blick in einer einzigen Masse aus Schnee und Eis, dem Taschachferner. Wir bewegen uns laut Kilian im größten vergletscherten Gebiet der Ostalpen. „Das ist das Schöne an unserem Gebiet. Steine gibt’s auf jedem Berg. Aber wir haben Gott sei Dank noch viele Gletscher.“ Es fühlt sich an wie im Winter – und genau das liebt Kilian.

Er verspricht uns einen sagenhaften Ausblick auf den Gipfel der Wildspitze, sobald wir unter dem Brochkogel gequert sind. Als wir am besagten Punkt ankommen, sehen wir: Nichts. Wolkenschwaden blockieren die Sicht, als schwarze Punkte in einer weißen Wüste machen wir eine Gruppe Bergsteiger vor uns aus. Kein Gipfel in Sicht. Der Hang bäumt sich auf, Kilian erhöht das Tempo, um den Zeitverlust durch unsere vielen Fotostopps zu kompensieren. Wenn man über 3.400 Meter hoch hinauf gehe, merke man das einfach, sagt Kilian. So wie sein Gast bei der Wildspitz-Besteigung am Vortag. „Der musste am Weg nach oben schon ein paar Mal stehen bleiben und Atem holen. Man muss schon relativ gut drauf sein, auch trittsicher und schwindelfrei.“

Wir stoppen bei einer Gletscherspalte, in die man problemlos ein Einfamilienhaus versenken könnte. Ein Loch in den Wolken tut sich auf. Wir sehen zum ersten Mal das Gipfelkreuz der Wildspitze. „Bei Hochtouren hängt alles von den Verhältnissen ab. Zumindest vieles“, sagt Kilian. „Das Wetter ist da entscheidend. Wenn Du von der Breslauer Hütte das vierzig Grad steile Stück hochgehst und da blankes Eis hast, dann ist das natürlich schon sehr anspruchsvoll. Wenn es – so wie momentan – noch genug Schnee hat und man darauf hochstapfen kann, geht das natürlich schon viel leichter.“

„Bei Hochtouren hängt alles von den Verhältnissen ab.“

Sein Vater sei das erste Mal mit 19 Jahren oben gewesen, erzählt Kilian. 60 Jahre später wollte er noch einmal hinauf.

Zwei Gruppen sind vor uns am Weg zum Gipfel der Wildspitze.

Oben im Hintergrund zu erkennen: Das Gipfelkreuz der Wildspitze.

Wenn das Eis bricht

Wenige Meter unterhalb des Gipfels kommt uns eine Gruppe entgegen. Zu beiden Seiten stürzen die Felswände senkrecht hinab, eine letzte Engstelle trennt uns noch vom Gipfel. Nach wenigen Schritten stehen wir oben. Kilian packt seinen Flachmann aus, wir nehmen nacheinander einen Schluck daraus und betrachten das von ihm und seinen Bergführerkollegen 2010 montierte Gipfelkreuz. Sein Vater sei das erste Mal im Alter von 19 Jahren oben gewesen, erzählt Kilian. 60 Jahre später, als 79-Jähriger, wollte er noch einmal hinauf. Diesmal ging sein Sohn voran. „Ich war nach so vielen Jahren der Bergführer von meinem Vater und bin mit ihm hochgegangen. Das war natürlich ein sehr tolles Erlebnis.“

Kilian wendet sich dem Nordgipfel zu. „Der besteht aus Schnee und Eis. Wenn man in alten Karten nachschaut, war er noch höher eingetragen.“ Dadurch, dass er abschmelze, sei er heute niedriger als der felsige Südgipfel. Wir stehen alleine am Gipfel, das durchwachsene Wetter hat auch seine Vorteile. Wolkenlücken geben für kurze Momente den Blick über den Gipfelgrat frei. Wir queren vorsichtig über den schmalen Grat zum Nordgipfel und stapfen durch den Tiefschnee bergab. An einem Gletscherbruch vorbei steigen wir über den „Martins-Boulevard“ hinunter zum Rofenkarferner. Ein Bergführerkollege habe ihm diesen Steig gezeigt. „Was tut der denn da, dachte ich mir zuerst“, erzählt Killian, „da hinten bricht es ja steil ab im Fels. Plötzlich tat sich da ein kleiner Weg auf. Und weil der Bergführerkollege Martin hieß, der mir den Weg gezeigt hat, nenne ich das jetzt eben den Martins-Bouldevard.“ Killian zeigt mit dem Stock auf einen mächtigen Abbruch aus Eis: „Und das nenne ich den Schanzentisch. Weil da wahrscheinlich die nächsten Skiflugweltmeisterschaften ausgetragen werden.“ Er lacht. Das Eis ist tatsächlich gebrochen, zwischen Kilian und der Wildspitze.

„Was tut der denn da, dachte ich mir zuerst.“

Der „Schanzentisch“. Fotos: Tirol Werbung / Jens Schwarz

Vom Großglockner bis zur Wildspitze, vom Großvenediger und dem Wilden Kaiser bis zum Olperer: In einer fünfteiligen Porträtserie erzählen wir diesen Sommer die Geschichten von fünf Tiroler Bergführern und ihren Hausbergen.

Falls ihr auch mit Kilian Scheiber auf Tour gehen möchtet, findet ihr hier den Kontakt: www.bergfuehrer-vent.at

Bergsport, Gletscher, Ötztal

2 Kommentare

  • Gerhard Gams
    Hab gerade deinen Beitrag über Kilian und die Wildspitze gelesen, wieder sehr interessant mit tollen Bildern !! Gratuliere !!
  • Reinhard Köfler
    cooler artikel, da bekommt man richtig lust lozuziehen....