Die Schafe kommen heim! Ein Almabtrieb der etwas anderen Art.

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Die herbstliche Schafscheid ist in Tirol lebendiges Brauchtum geblieben. Kein Wunder, bei diesen putzmunteren Akteuren, die beim Almabtrieb aufgeregt blökend und mit fröhlichem Glöckchengebimmel in Richtung Heimathöfe zockeln und springen. Ein stimmungsvolles Volksfest für Schafe, Lämmer, Hirten und Zuschauer!

Irene Prugger

Irene Prugger ist Schriftstellerin und freie Journalistin. Neben... Zum Autor

Mittendrin in einer Herde hat man keine Wahl: Da läuft man als blökendes Schaf zwangsläufig dorthin, wohin auch die anderen laufen. Möglichkeiten für Ausreißversuche gibt es nur am Rand, aber Hirten und Hütehunde sind schnell zur Stelle und zeigen den Weg. Die Lämmlein, die auf der langen Wegstrecke von der Alm ins Tal ein bisschen schwächeln, erhalten auf der Schulter eines Hirten einen Logenplatz. Und so kommen am Ende zur Freude der Bauern und Zuschauer alle Schafe und Lämmer dort an, wo sie hin sollen: Im Dorf, bei den Koppeln der Schafscheid, wo sie nach einem langen Almsommer wieder ihren Besitzern zugeteilt werden.

Rund 1.000 Lämmer und Schafe kehren jährlich am zweiten Sonntag im September von der Hinterberg-Alm nach Tarrenz heim.

Rund 1.000 Lämmer und Schafe kehren jährlich am zweiten Sonntag im September von der Hinterberg-Alm nach Tarrenz heim.

Heißt es eigentlich Schafschied, Schafscheid oder Schafschoad? Und heißt es der oder die? Tirolerisch sollte man können! Aber so einfach ist es nicht, in jeder Region fällt die Bezeichnung ein bisschen anders aus. Der Ursprung des Wortes ist jedenfalls eindeutig: die Schafe, die auf der Alm noch eine Herde gebildet haben, egal aus welchem Stall sie kommen, werden nun wieder voneinander geschieden, also auseinander dividiert und in ihre Heimathöfe zurück gebracht.

Schofschied in Tarrenz

Einer der größten Schaf-Almabtriebe findet jährlich am zweiten Sonntag im September in der Gurgltaler Gemeinde Tarrenz im Tiroler Oberland statt. Dieses Jahr ist das der 10. September. An die 1.000 Lämmer und Schafe kehren jährlich von der Hinterberg-Alm heim und fast doppelt so viele Zuschauer sind immer als Festgäste dabei.

Die Spannung steigt: Bis zu 2.000 Einheimische und Gäste lassen sich die Ankunft der Schafe und Lämmer nicht entgehen.

Die Spannung steigt: Bis zu 2.000 Einheimische und Gäste lassen sich die Ankunft der Schafe und Lämmer nicht entgehen.

Die Schafe werden schon am Samstag auf der Alm in einer Koppel zusammengetrieben und nochmals kontrolliert. Die neugeborenen Lämmer und die schwächeren Tiere transportiert man mit Fahrzeugen ins Tal, die anderen machen sich am nächsten Tag, am Sonntag um halben sieben Uhr in der Früh, in Begleitung ihrer Hirten auf den Weg. Dreieinhalb Stunden sind sie bis zum großen Zwischenstopp in Obtarrenz unterwegs, wo sie Wasser bekommen und rasten dürfen. Die Bauern von Obtarrenz holen ihre Schafe gleich dort ab. Die übrige Herde wird nun für den Weitermarsch nach Tarrenz aufgebuscht – mit Fichtenbüscheln und bunten Blumengirlanden aus Krepp-Papier. Echte Blumen wären auch schön, aber diese würden sich die Schafe gegenseitig vom Kopf fressen und dann wäre es schnell vorbei mit dem hübschen Schmuck.

Auch die Kugelscheckigen sind dabei!

Es ist jedesmal ein großes Hallo und gleichzeitig ein berührender Anblick, wenn die Schafe um die Mittagszeit in Tarrenz eintreffen und durch die schmale Trujegasse strömen wie ein übermütiger, wellenschlagender Bergbach. In die vorwiegend weiße Masse mischen sich hübsche Farbtupfer, denn in Tarrenz gibt es einen Zuchtverein für „kugelscheckige Bergschafe“, die man an ihrer markanten Fellzeichnung aus dunklen Flecken und kreisrunden Kugeln auf hellem Grund erkennt. Auch Vertreter dieser gefährdeten Tierrasse sind beim Almabtrieb dabei.

Wie ein übermütiger, wellenschlagender Bergbach strömen die Schafe und Lämmer um die Mittagszeit durch die schmale Trujegasse.

Wie ein übermütiger, wellenschlagender Bergbach strömen die Schafe und Lämmer um die Mittagszeit durch die schmale Trujegasse.

Unter dem Gasthof Sonne findet die Schafscheid statt. In Tarrenz sagt man übrigens Schafschied. Oder besser: Man schreibt Schafschied und viele sagen Schofschoad. Zu diesem Zweck ist ein großer Hag (eingezäuntes Gelände) eingerichtet, dort werden alle Schafe zusammengetrieben und dann „geschoadet“: Jeder Bauer sucht sich seine Schafe heraus, die alle eine bestimmte Markierung tragen, und bringt sie in seinen eigenen kleinen Hag, der ebenfalls vorbereitet wurde. Hat er alle Schafe zusammen, fährt er mit ihnen nach Hause. Es kommt immer wieder vor, dass ein paar Schafe fehlen. „Die hat der Berg gefressen“, sagen die Bauern.

Mittlerweile werden in Tarrenz alle Schafe zuhause auf den Höfen geschoren, weil sich die Anstellung eines Scherers nicht mehr auszahlt, aber es gibt Tiroler Gemeinden, wo das Scheren gleichzeitig mit der Schafschied bewerkstelligt wird. Vor Publikum sind die geschickten Scherer noch mehr als sonst gefordert, Präzision und Schnelligkeit zu zeigen.

68.000 Schafe auf Tiroler Hoch-Almen

In Tirol wurden in diesem Sommer fast 68.000 Schafe gealpt, wobei es sich hauptsächlich um Tiroler Bergschafe handelt, die sich wegen ihrer Steig- und Trittsicherheit bestens für das hochalpine Gelände eignen. Außerdem machen ihnen Kälte und Nässe nicht viel aus, wegen ihrer dichten Wolle sind sie sehr widerstands- und strapazierfähig, was übrigens auch für die Produkte gilt, die man aus Schafwolle herstellt: Teppiche, Patschen, Taschen und noch vieles mehr. Im Ötztal, ebenfalls ein Zentrum der Tiroler Schafzucht, kann man im Laden der Familie Regensburger in Umhausen vielfältige Schafwollprodukte in wunderbaren Farben erwerben und beim Weben der Teppiche zuschauen.

Bei der Tarrenzer Schafschied werden die Schafe zuhause auf den Höfen geschoren. In einigen Tiroler Gemeinden wird das Scheren gleichzeitig mit der Schafschied bewerkstelligt – teilweise sogar von eigens angestellten Scherern.

Bei der Tarrenzer Schafschied werden die Schafe zuhause auf den Höfen geschoren. In einigen Tiroler Gemeinden wird das Scheren gleichzeitig mit der Schafschied bewerkstelligt – teilweise sogar von eigens angestellten Scherern.

Schafwolle wurde in den letzten Jahren immer beliebter. Aber macht sich bei so einem Almabtriebsfest eigentlich noch jemand über das „Schöpserne“ und den Lammbraten her, der während der „Schaferwochen“ in den Tiroler Gasthäusern als Spezialität in vielen köstlichen Varianten angeboten wird? Ja, die Nachfrage ist groß. Mit dem Lamm auf dem Teller hat man ja schließlich noch nicht Bekanntschaft geschlossen. Außerdem kann man gewiss sein, dass es einen schönen, glücklichen Almsommer auf weiten Tiroler Bergeshöhen mit dem Genuss delikater Futtergräser verbracht hat.

Eine Übersicht der schönsten Almabtriebe in Tirol gibt es hier: www.tirol.at

 

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