„Ich musste alles von Null an lernen“: Schafprodukte vom Mallnhof bei Innsbruck

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Die Zeiten, in denen Andrea Schreiner als Quereinsteigerin ins bäuerliche Metier ein wenig belächelt wurde, sind vorbei. Heute füllt die Innsbruckerin mit Schafmilchprodukten und Lammfleisch von ihrem Mallnhof eine Lücke im Angebot an hochwertigen Nahrungsmitteln.

Irene Heisz

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Ostfriesen sind für die Innsbruckerin Andrea Schreiner alles andere als bevorzugte Zielobjekte halblustiger Klischees und Witzchen über unterdurchschnittliche Intelligenz. „Die Ostfriesen“, schwärmt Andrea, „sind sehr sozial, es gibt sie in Schwarz und Weiß und sie sind einfach schön mit ihrem unbewollten Kopf – ich hab Schafe eben immer schon gern gemocht.“

Die hellblauen Augen der zarten Blondine strahlen mit dem Himmel um die Wette. Und das, obwohl sie, als wir uns frühmorgens in ihrer Küche auf dem Mallnhof in Arzl auf einen Kaffee treffen, schon eine lange, harte Nacht hinter sich hat. Gleich drei Lämmer sind zur Welt gekommen, dem Mutterschaf geht es nicht gut, es ist schwach. Ablammen? Das ist heute Alltag für die gelernte Buchhalterin Andrea, die im Zuge von gröberen Umwälzungen in ihrem Privatleben eines Tages beschloss, ihr Leben überhaupt neu aufzustellen.

Andrea Schreiner und ihre Ostfriesischen Milchschafe: Sowohl die Innsbrucker Bäuerin als auch ihre Tiere sind anpassungs- und widerstandsfähig.

Andrea Schreiner und ihre Ostfriesischen Milchschafe: Sowohl die Innsbrucker Bäuerin als auch ihre Tiere sind anpassungs- und widerstandsfähig.

Sie holte die Ausbildung zur landwirtschaftlichen Facharbeiterin nach, stellte den Mutterkuhbetrieb ihrer Eltern auf Milchschafhaltung um und entschied sich für die eingangs erwähnten Ostfriesen. Das ist in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich in Tirol: Hierzulande werden zwar recht viele, aber überwiegend Bergschafe gehalten und Schafmilchprodukte füllen eine vergleichsweise nach wie vor sehr exotische Nische. Außerdem gibt es nur sehr wenige alleinstehende Frauen unter den Schafbauern.

„Ich musste alles von Null an lernen, hab mir Betriebe in Salzburg und Oberösterreich und die Sennereien in Rotholz und im Zillertal angeschaut“, erzählt Schreiner. „Irgendwann hab ich dann endlich in meiner privaten Küche mit Joghurt angefangen, und meine zwei Kinder fanden, das schmeckt gar nicht so schlecht.“ Der nächste Schritt: auch andere Konsumenten davon zu überzeugen, dass Schafjoghurt tatsächlich „gar nicht so schlecht“ schmeckt.

Selbst ist die Frau: Was als Experiment in Andreas Privatküche begann, hat sich zu einer kleinen, aber professionellen Käserei entwickelt.

Selbst ist die Frau: Was als Experiment in Andreas Privatküche begann, hat sich zu einer kleinen, aber professionellen Käserei entwickelt.

„Anfangs hab ich viel verschenkt, meine erste Kundenliste hatte auf einem mickrigen A4-Zettel Platz“, erinnert sich Andrea. Dass die Bauernkiste, ein Abonnement-System der Direktvermarktung bäuerlicher Produkte, auf Andreas Produkte aufmerksam wurde, gab ihr den entscheidenden Schub zur Professionalisierung ihres Betriebs. „Die Bauernkiste ist ein ganz wichtiger, verlässlicher Partner für mich, der sicher dazu beigetragen hat, dass ich heute bin, wo ich bin“, betont Andrea. „Das ist ein ideales Modell. Die Kunden bekommen regionale, saisonale Lebensmittel unkompliziert vors Haus geliefert. Und umgekehrt ermöglicht es mir als kleiner Bäuerin, zu überleben und sogar eine gewisse Reichweite zu erzielen.“

Nach und nach wurde die Kundenliste länger und Andrea Schreiners Fachwissen größer. Georg Moser, Obmann des legendären und wichtigen Brixlegger Bauernmarkts erfuhr von der Innsbruckerin und schlug ihr einen Handel vor: „Ich zeig dir, wie man Schafspeck macht und du kommst dafür mit deinem Joghurt zu uns auf den Markt!“ Ein Innsbrucker Gourmetrestaurant, der Thaurer Bauernladen und ein Feinkostgeschäft folgten. Und irgendwann wurde Andreas Küche zu klein für die die große Nachfrage nach allem, was ihre Ostfriesen hergeben.

Der Mallnhof in Arzl: Andrea hat die Mutterkuhhaltung auf dem Hof ihrer Eltern und ihr eigenes Leben als Buchhalterin radikal umgestellt.

Der Mallnhof in Arzl: Andrea hat die Mutterkuhhaltung auf dem Hof ihrer Eltern und ihr eigenes Leben als Buchhalterin radikal umgestellt.

Vor knapp eineinhalb Jahren hat Andrea ihr Betätigungsfeld erneut erweitert und auf ihrem Mallnhof das Arzler Bauernladele eingerichtet. Der Mallnhof liegt direkt an der Arzler Straße, mitten in diesem nach wie vor dörflichen Stadtteil von Innsbruck. Den Respekt anderer Arzler Bauern musste sich Andrea Schreiner hart erarbeiten. Die Zeiten, in denen die Schafbäuerin nicht für ganz voll genommen wurde, sind allerdings vorbei.

Das schmucke Arzler Bauernladele glänzt auch mit einem auffällig gut gemachten, von Andrea gestalteten Facebook-Auftritt, der unter anderem den wöchentlichen „Arzler Küchenzettel“, die bäuerlich-kulinarische Variante eines Newsletters, beinhaltet. Und schließlich ist da noch Andreas Kaninchenzucht, ebenfalls mit dem Prädikat „Seltenheitswert in Tirol“ zu versehen.

Ideen, Projekte und Arbeit gehen Andrea Schreiner definitiv nicht aus. Die Energie anscheinend auch nicht. „Wenn man mit dem Herzen bei einer Sache ist, rentiert sie sich auch“, lacht sie. „Schlafen? Das mach ich dann im Herbst…“

Andrea Schreiners Produkte sind in ihrem Arzler Bauernladele immer freitags von 8 bis 12 Uhr und von 15 bis 19 Uhr sowie samstags von 8 bis 12 Uhr erhältlich. Zudem ist eine kleine Selbstversorgerstation 24/7 geöffnet. Andrea ist außerdem eine von zahlreichen Produzentinnen und Produzenten der Bauernkiste. Über das Abonnement-System werden wöchentlich mehrere tausend Kunden in ganz Tirol mit Gemüse, Obst, Fleisch, Milchprodukten und vielem mehr von Tiroler Bäuerinnen und Bauern direkt beliefert.

Anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Bauernkiste erscheint am 23. September das Buch „Gutes Essen, gutes Leben“, in dem die interessantesten Geschichten und Rezepte von Tiroler Bäuerinnen und Bauern nachzulesen sind. Infos zum Buch: info@bauernkiste.at oder telefonisch unter +43 5238 88188

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