Schwebende Wunderwerke – Die Eisgratbahn am Stubaier Gletscher

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Am Stubaier Gletscher ist im Oktober 2016 die wohl exklusivste Seilbahn Tirols in Betrieb gegangen: Die neue Eisgratbahn, die längste und derzeit sicherlich komfortabelste 3S-Bahn der Alpen.

Gregor Mahringer

Draußen sein, Natur und Berge durch Film und Sport erleben – das... Zum Autor

Um kurz vor sieben Uhr biegen wir auf den riesigen Parkplatz bei der Talstation der neuen Eisgratbahn ein. Außer uns ist weit und breit noch niemand zu sehen. Es pfeift ein eisiger Wind und das Tal liegt unter einer Nebelschicht. Eine fast apokalyptische Atmosphäre, so ganz alleine zwischen den massiven, zehn Meter hohen Lawinendämmen. Das einzige Anzeichen von Leben ist ein schemenhaft erkennbarer Schneepflug, der einsam seine Runden dreht.

Wir bleiben erst mal im warmen Auto sitzen und lassen die Talstation auf uns wirken: Elegant und unaufdringlich fügt sie sich ins Gelände ein. Ich erinnere mich an meinen letzten Besuch am Stubaier Gletscher im Winter 2015. Damals haben wir auch hier irgendwo geparkt, mussten dann aber noch mit dem Pendelbus zur Station fahren. Dort hieß es dann erst mal warten auf die alte Eisgratbahn. Die hat immerhin 44 Jahre lang gute Dienste geleistet, aber nun ist die neue Generation dran – und was für eine! Noch nie hat ein Skigebiet so viel in eine einzige Bahn investiert: 64 Millionen Euro hat die neue Eisgratbahn gekostet.

Plötzlich reißt uns ein Klopfen an der Scheibe aus unseren Gedanken. Es ist Andreas Kleinlercher. Der Seilbahndirektor vom Stubaier Gletscher persönlich wird uns die derzeit Exklusivste aller Tiroler Bergbahnen vorstellen. Inzwischen sind auch die Rolltore am Eingang zur Station halb hochgefahren. Schnell bringen wir unser Equipment rüber und sitzen auch schon neben gut gelaunten Liftlern in der ersten Gondel des Tages.

„Die neue Eisgratbahn macht das ganze Skigebiet viel ruhiger und stressfreier“, sagt Andreas Kleinlercher.

Kaum verlassen wir die Station, ist es wieder da: Dieses typische 3S Feeling, das wir auch schon in Kitzbühel/Kirchberg genießen durften. Nichts wackelt, nichts ruckelt. Wir gleiten wie auf Schienen – und das trotz der heftigen Windböen. Andreas hat unsere Gedanken erraten: „Zwischen 10 und 15 Windsperrtage im Jahr hatten wir bei der alten Seilbahn. Manchmal passt das Skifahren am Vormittag super, aber dann kommt der Föhnwind und die alte Bahn hat schon bei 60 km/h Probleme gemacht. Jetzt können wir bis zu 130 km/h den Betrieb aufrechterhalten und das Skigebiet schnell leeren.“ Wir passieren die Mittelstation. Auch hier ist alles weitläufig, hell und Stressfrei. Umsteigen? Das war einmal. Entspannung in den bequemen Ledersitzen ist angesagt. Nach zwölf Minuten erreichen wird die Bergstation auf 2.900 Metern Höhe, wo wir uns im Bergrestaurant am Frühstücksbuffet für die Mitarbeiter stärken dürfen.

Das Wetter ist noch zu schlecht, um draußen zu filmen und so steigen wir zusammen mit Andreas wieder in eine der Luxusgondeln. Was heute so einfach ist, war eine riesige Herausforderung für das Bergbahn-Team vom Stubaier Gletscher. Als sie nach jahrelangen Planungs- und Genehmigungsphasen endlich mit dem Bau beginnen konnten, kamen die schlechten Bodenverhältnisse bei der Mittelstation dazwischen: Damit die Station nicht irgendwann absackt, mussten 50 zehn Meter lange und einen Meter dicke Pfähle in den Boden gerammt werden. Und das alles in einer extrem kurzen Bauzeit. Baustart war im Juni 2015. Im Oktober 2016 konnten schon die ersten Wintersportler damit fahren.

„Aber es hat sich mehr als gelohnt“, Erzählt Andreas mit leuchtenden Augen, „die neue Eisgratbahn macht das ganze Skigebiet viel ruhiger und stressfreier. Die Wintersportler kommen entspannt und ohne Wartezeiten auf die Pisten und verteilen sich viel schneller im Skigebiet.“

Zufriedene und entspannte Gäste, das bedeutet auch für die Mitarbeiter weniger Stress.

Zumindest die Handvoll Wintersportler, die sich trotz Kamera in unsere Kabine getraut hat, bestätigt das: Entspannt sitzen sie in den bequemen Ledersitzen, nutzen das kostenlose W-LAN-Netz mit ihren Smartphones oder genießen das Panorama durch die riesigen, leicht getönten Scheiben.

Eine dieser stressfreien Mitarbeiterinnen ist Eva-Maria Schulze. Sie ist die wohl einzige weibliche Maschinistin an einer so großen Anlage. Wir treffen die 28-jährige Seilbahnfachfrau in der futuristischen Schaltzentrale der Mittelstation. Alles läuft hier über Monitore mit Touch-Technologie. „Das hier ist sozusagen die Master-Zentrale der ganzen Bahn–moderner geht‘s nicht. Ich war schon beim Bau der Bahn mit dabei und jetzt darf ich diese tolle Technik steuern“, sagt sie. Eva ist auf dem zweiten Bildungsweg zu den Seilbahnen gekommen. Zuerst hat sie Konditorin gelernt. „Aber das war nichts für mich. Ich brauche die Technik und die Natur, das Draußen sein. Das liegt mir einfach und wer weiß, vielleicht werde ich ja eines Tages die erste Betriebsleiterin an so einer großen Bahn.“

Hier ist Eva-Maria Schulze ganz in ihrem Element.

Gemeinsam klettern wir nach oben, wo uns Eva die moderne Fördertechnik zeigt. Während wir ganz vorsichtig über die schmalen Stege balancieren, bewegt sich Eva traumwandlerisch. Checkt hier ein Ventil, da den Ölstand – man merkt, dass die neue Eisgratbahn bei ihr in guten Händen ist. Dann betreten wir die Stützen vor der Station. Die Gondeln rauschen unter unseren Füßen durch und wirken aus dieser Perspektive nochmal um ein Vielfaches größer. 48 Stück sind es insgesamt. Damit kann die Bahn über 3.000 Personen pro Stunde transportieren.

Inzwischen genießen wir weißblauen Himmel und der Wind hat auch nachgelassen. Zeit für die Kameradrohne – perfekt, um die gewaltigen Dimensionen der Luxus-Bahn einzufangen: 4,7 Kilometer sind es von der Talstation auf 1.697 Meter bis zur 2.900 Meter hoch gelegenen Bergstation. Dabei kommt die Bahn mit nur sieben Stützen aus. Zum Vergleich: Die alte Zweiseil-Eisgratbahn hat bei 4,1 Kilometern Streckenlänge elf Stützen benötigt.

Wir machen Drehschluss. Dieses Mal haben wir unsere Skiausrüstung mitgenommen und genießen die letzten Sonnenstrahlen des Tages auf der Piste. Nicht ohne einen Einkehrschwung bei Wolfgang von der Skischule Neustift. Im Büro an der Bergstation Gamsgarten kann man köstliche Brände verkosten und kaufen. Wir entscheiden uns für einen Marillenbrand, laut Wolfgang „Das Parfüm des Mittelalters“. Na dann Prost. Aber in Maßen, denn morgen früh geht’s weiter nach Sölden. Hier steht die Bahn mit der weltweit größten Förderkapazität – die Giggijochbahn.

Die Erfindung von Lift und Seilbahn hat viele Gipfel auch für Nicht-Bergsteiger zugänglich gemacht. In dieser Serie zeigen wir sechs außergewöhnliche Bergbahnen, die bis heute Begeisterung wecken können.

Architektur

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