Schwebende Wunderwerke – Die Giggijochbahn in Sölden

Aktualisiert am 14.11.2017Gregor MahringerGregor Mahringer

Tirols Seilbahn mit der höchsten Förderleistung steht in Sölden im Ötztal: Die Giggijochbahn. Sie kann bis zu 4.500 Personen pro Stunde transportieren – das ist Weltrekord! Wie das möglich ist, wollen wir von Betriebsleiter Thomas Santer erfahren.

Es ist stockdunkel, als wir durch das Ötztal Richtung Sölden fahren. Um 6:30 Uhr will Betriebsleiter Thomas Santer sich mit uns treffen. „Seid unbedingt pünktlich, dann bekommt ihr super Aufnahmen, wenn es oben los geht“, hat er uns zuvor am Telefon versprochen. Natürlich sind wir pünktlich und vor allem gespannt, was es um diese Zeit in der Bergstation schon zu sehen gibt.

Thomas Santer über die neue Talstation: „Die haben wir mit dem Ziel gebaut, einen möglichst bequemen Zustieg zu ermöglichen.“

Wir treffen Thomas vor der neuen Talstation mitten im Dorf. Uns beeindruckt die schlanke und elegante Form des 26 Meter hohen Stationsgebäudes. „Die Station haben wir mit dem Ziel gebaut, einen möglichst bequemen Zustieg zu ermöglichen. Das war eine große Herausforderung, weil wir hier im Dorf nur ein begrenztes Platzangebot haben“, erzählt Thomas. Mit der ersten Gondel des Tages fahren wir hinauf und sind überrascht über die ruhige Fahrt der Einseil-Umlaufbahn. Nicht ganz auf 3S-Niveau, aber nahe dran. Vor allem das Platzangebot überzeugt: 20 Zentimeter mehr Platz als in vergleichbaren 10er-Kabinen. Aber irgendwie kommen wir uns am Seil alleine vor. Wo sind die anderen Gondeln? Die erblicken wir, als wir nach knapp neun Minuten in die 920 Meter höher gelegene Bergstation einfahren: Über unseren Köpfen, unter dem Dach der mit transparenter Folie bespannten Bergstation, hängen die restlichen 133 Gondeln. Zehn Minuten gibt uns Thomas, um die besten Plätze zum Filmen zu finden, dann legt er den Schalter um und das faszinierende Schauspiel beginnt: Wo man hinschaut, bewegen sich Gondeln hin und her. Während die Sonne über den Gipfeln auftaucht, spiegeln sich die umliegenden Berge in den Gondelfenstern. Wir sind wie hypnotisiert und können uns gar nicht satt filmen. Nach 20 Minuten ist das Spektakel vorbei und alle Gondeln befinden sich am Seil.

Für uns geht es wieder runter zur Talstation. Thomas will uns zeigen, wie gut das innovative Zustiegsverfahren bei dieser Bergbahn funktioniert. Darauf haben er und sein Team beim Bau besonders viel Wert gelegt, immerhin muss die Giggijochbahn als wichtigste Zubringerbahn über 60 Prozent der Wintersportler ins Skigebiet transportieren. Die alte Bahn ist dabei oft an ihre Grenzen gestoßen.

Bequemer Zustieg ohne lange Schlange bei der Giggijochbahn in Sölden.

Wir bereiten uns auf ein Gedränge vor den Gondeln vor, aber davon ist nichts zu sehen. Es sind zwar sehr viele Wintersportler unterwegs, aber nirgends staut es sich: Ebenerdig kauft man in der großzügigen Kassenhalle seinen Skipass und kommt per Rolltreppe oder Aufzug bequem zur 13 Meter höher gelegenen Einstiegsebene. Die erreicht man auch direkt von der Piste oder vom Parkhaus aus. Und hier sehen wir die größte Verbesserung im Vergleich zur alten Bahn: Fünf Gondeln reihen sich dicht an dicht aneinander und ermöglichen den gleichzeitigen Zustieg.

Zusammen mit Thomas steigen wir hoch zur Technikebene. Während wir die Kamera für den Zeitraffer installieren, zählt Thomas die vielen Neuerungen auf: „Erstmals kommt ein Seil mit einem Querschnitt von 62 Millimetern zum Einsatz. Dafür brauchen wir natürlich auch eine völlig neue Rollentechnik und eine neue Klemmentype für die Kabinen. Nur so ist die hohe Geschwindigkeit bei gleichzeitig ruhiger Fahrt und extremer Windstabilität möglich.“

Nachdem der größte Ansturm vorbei ist, fahren wir wieder nach oben und Thomas fasst zusammen, was diese extreme Förderleistung von 4.500 Personen pro Stunde überhaupt möglich macht: „Zum einen haben wir mit 52 Metern einen extrem kurzen Kabinenabstand am Seil. Dann fahren wir mit dem Einseilsystem erstmals eine Geschwindigkeit von 6,5 Metern pro Sekunde. Damit schaffen wir die 920 Höhenmeter in unter neun Minuten. Dazu kommen unsere XXL-Stationen, die dreimal so lang sind wie normale Stationen. 40 Sekunden haben die Gäste dadurch Zeit zum Einsteigen und so können wir den Platz in den Kabinen optimal ausnutzen.“ An der Bergstation macht uns Thomas auf die Knochenform des Ausstiegsbereiches aufmerksam – ein bisher einzigartiges Ausstiegskonzept. Hier stehen sogar zehn Kabinen nebeneinander bereit für den ebenerdigen Aus- und Einstieg.

Wir folgen Thomas in den Maschinenraum unter der Bergstation. Fast schon ehrfürchtig präsentiert er uns das größte, jemals in einer Seilbahn verbaute Getriebe: 16 Tonnen wiegt dieses Ungetüm. Betrieben wird es von vier Elektromotoren, von denen jeder eine Leistung von 630 kW liefert. Bemerkenswert ist auch die nachhaltige und aufwändige Rückgewinnung der Abwärme von Motor, Getriebe und der Elektroschränke, mit der die Bergstation beheizt wird.

Wieder an der Oberfläche verabschieden wir uns von Thomas und setzen uns erst mal auf die Sonnenterrasse vom Wirtshaus Giggijoch. Unsere Köpfe schwirren vor lauter Zahlen und Superlativen. Mit der Giggijochbahn hat die Seilbahntechnik sicherlich erst mal eine Grenze erreicht, wo man sich fragen muss: Macht noch komfortabler und noch schneller überhaupt noch Sinn? Aber diese Frage haben sich sicherlich schon viele vor uns gestellt – jedes Mal, kurz nachdem eine der mittlerweile drei Generationen der Giggijochbahn in Betrieb gegangen ist. Wir bleiben noch lange sitzen und schauen den unermüdlich ein- und ausfahrenden Gondeln zu. Unsere nächste Station ist der Pitztaler Gletscher. Dünne Luft erwartet uns morgen bei der höchsten Seilbahn in ganz Österreich, der Wildspitzbahn.

Die Erfindung von Lift und Seilbahn hat viele Gipfel auch für Nicht-Bergsteiger zugänglich gemacht. In dieser Serie zeigen wir sechs außergewöhnliche Bergbahnen, die bis heute Begeisterung wecken können.

Gregor Mahringer

Draußen sein, Natur und Berge durch Film und Sport erleben – das ist die Leidenschaft, die Filmemacher Gregor Mahringer so oft es geht in die Tiroler Berge zieht. Ob bei Videoproduktionen im Auftrag der Tirol Werbung oder in seiner Freizeit mit Mountainbike oder Snowboard.

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