Schwebende Wunderwerke – Die Innsbrucker Nordkettenbahnen

Aktualisiert am 19.12.2017Gregor MahringerGregor Mahringer

Mit dem Seilbahntrio Hungerburgbahn, Seegrubenbahn und Hafelekarbahn kommt man in nur 20 Minuten von der Innsbrucker Innenstadt direkt in die hochalpine Welt des Karwendelgebirges.

Nur ein paar Meter von unserem Hotel mitten in der Innsbrucker Innenstadt entfernt fährt die Hungerburgbahn los, die erste Bahn auf dem Weg ins Skigebiet Nordkette-Seegrube. Auf den ersten Blick gleicht die Hungerburgbahn eher einer modernen U-Bahn, aber sie ist tatsächlich eine Seilbahn – genauer gesagt eine Standseilbahn. Zwei Züge verkehren im 15-Minutentakt zwischen der unterirdischen Station Congress und der 288 Meter höher gelegenen Station Hungerburg.

Wir steigen in die erste Kabine und kommen ins Gespräch mit Schaffner Thomas Keil. Er war schon in einigen Skigebieten beschäftigt, aber bei der Hungerburgbahn ist er hängen geblieben: „Die meisten Standseilbahnen fahren einfach gerade auf den Berg rauf. Bei uns geht‘s bergauf und bergab und in den Kurven drehen sich die Waggons. Das ist schon eine faszinierende Technik.“

Wir überqueren den Inn und fahren in den 445 Meter langen Weiherbergtunnel, in dem die beiden Bahnen an einer Ausweiche aneinander vorbeirauschen. Besonders beeindrucken uns die Stationsgebäude, deren Dächer an abschmelzende Eisplatten erinnern. Die hat die irakische Star-Architektin Zaha Hadid entworfen, inspiriert von den eisigen Gletscherformen der Alpen. Kurz vor der Endstation Hungerburg erkennen wir rechts neben der Trasse die überwucherten Reste des Viadukts, auf dem die alte Hungerburgbahn gefahren ist. Die nahm bereits 1906 den Betrieb auf und wurde erst 2005 stillgelegt.

„Bei uns geht‘s bergauf und bergab und in den Kurven drehen sich die Waggons.“

Wir fahren noch ein paar Mal mit der Bahn, um zu filmen und sind überrascht, wie viele Mountainbiker sich unter die Skifahrer mischen. Sie fahren den Hungerburgtrail hinunter, denn der ist – je nach Wetter auch im Spätherbst und ab Februar – schneefrei. Für die Innsbrucker ist ihre Nordkette ein Abenteuerspielplatz, auf dem jeder auf seine Kosten kommt.

Einen ersten Kaffee gönnen wir uns im stylischen Cafe „Hitt und Söhne“ direkt neben der Hungerburgstation. „Frau Hitt“, so heißt auch einer der Gipfel der Nordkette. Der Sage nach war Frau Hitt eine geizige Riesenkönigin. Als sie einer Bettlerin nur einen Stein zu essen angeboten hat, verwandelte sie sich zur Strafe in Stein. Wir geben vorsichtshalber ein großzügiges Trinkgeld und fahren weiter mit der Seegrubenbahn. Die zwei Kabinen, der im Dezember 2006 neu eröffneten Pendelbahn, sind riesig. 95 Personen plus Wagenbegleiter passen hier rein – oder ganz bequem ein Filmteam mit komplettem Equipment. Das Stationsgebäude, welches der Architekt Franz Baumann 1927/28 geplant und verwirklicht hat, galt anno dazumal bereits als besonders radikale Neuformulierung des Bauens in den Bergen und beeindruckt noch heute. Vor allem, weil auch die neue Seilbahntechnik perfekt in die historischen Gebäude integriert werden konnte.

„Wo sonst kommst du innerhalb von 20 Minuten mit geringstem Aufwand aus dem Stadtzentrum in hochalpines Gelände?“

Auf der Sonnenterrasse vom Restaurant Seegrube treffen wir Werner Haberfellner. Werner ist schon seit 16 Jahren bei der Pistenrettung und Mitglied der Lawinenkommission. Gemeinsam mit ihm fahren wir mit der zweiten Pendelbahn aufs 2.300 Meter hohe Hafelekar. Kaum treten wir aus dem Stationsgebäude, bleibt uns fast die Luft weg: Der Wind pfeift so dermaßen über den Grat, dass wir erst einmal den Reißverschluss bis über die Nase ziehen. Werner dagegen bleibt ganz cool in seiner weit geöffneten Fleecejacke: „Kalt? Mir? Da muss es schon noch gute zehn Grad kälter werden.“

Wir folgen Werner auf den Grat und lassen den Blick schweifen: Auf der einen Seite das dicht besiedelte Inntal und die wuselnde Stadt Innsbruck, auf der Anderen der ungezähmte und ursprüngliche Alpenpark Karwendel. In Werners Worten: „Besser geht‘s doch nicht. Wo sonst kommst du innerhalb von 20 Minuten mit geringstem Aufwand aus dem Stadtzentrum in hochalpines Gelände? Das macht die Nordkettenbahn so einzigartig.“ Und natürlich die gute Stimmung hier oben: „Jeder kennt hier jeden und für einen Kaffee oder ein Feierabendbier kommt an schönen Tagen halb Innsbruck hier rauf.“ Mit uns in der Gondel runter fahren? Für Werner undenkbar. Sind es neben der Bahn doch gerade die vielen Abfahrtsvarianten im Gelände, die die Nordkette für ihn so einzigartig machen. Werner verabschiedet sich: „Ich fahr die Direttissima, da findet man immer noch ein paar Powderstellen und man hat den besten Blick auf die Stadt. Viel Spaß noch!“

Als wir wieder runter zur Seegrube kommen, hat sich die Sonnenterrasse vor der Cloud 9 Iglu Bar schon gut gefüllt. Ein bunt gemischtes Publikum genießt die Sonne, die gute Luft und den perfekten Blick auf die Tiroler Landeshauptstadt. Wie anziehend diese Nähe von Stadt und Berg ist, erleben wir bei unseren Interviews in den Liftkabinen: Studierende aus Deutschland und Italien erzählen uns, dass man als leidenschaftlicher Skifahrer keinen besseren Ort zum Studieren findet. Eine Frau aus Dänemark, die ihren Sohn gerade zum Skikurs bringt, verbringt jeden Winter hier in Innsbruck und braungebrannte Snowboarder aus Graz sind hierher gezogen, weil man nirgends sonst so schnell zu seinen „Runs“ kommt.

Bei der Abfahrt mit der Hungerburgbahn treffen wir noch mal Schaffner Thomas Keil – er ist diesmal schwer beschäftigt: Eben noch half er ein paar Mountainbikerinnen, ihre Räder aus der Bahn zu bugsieren, da ist er schon wieder im angeregten Gespräch mit japanischen Touristinnen, die wissen wollen, wo sie die beste Tiroler Küche in Innsbruck finden. Kurz vor der Endstation wendet er sich nochmal uns zu: „Und, zu viel versprochen? Es ist einfach die Mischung die hier so gut passt. Jeden Tag trifft man neue und interessante Menschen. Das erlebst du in keiner anderen Bergbahn in Tirol.“ Das können wir nur bestätigen. Wir waren überrascht wie gut alle miteinander auskommen, egal ob Tourist, Skifahrer, Profiboarder oder Mountainbiker. Auf diese schöne Erfahrung wollen wir anstoßen und lassen den Drehtag gemeinsam mit den Japanerinnen im Gasthof Weisses Rössl bei hervorragendem Tiroler Gröstl ausklingen.

Die Erfindung von Lift und Seilbahn hat viele Gipfel auch für Nicht-Bergsteiger zugänglich gemacht. In dieser Serie zeigen wir sechs außergewöhnliche Bergbahnen, die bis heute Begeisterung wecken können.

Schwebende Wunderwerke
Gregor Mahringer

Draußen sein, Natur und Berge durch Film und Sport erleben – das ist die Leidenschaft, die Filmemacher Gregor Mahringer so oft es geht in die Tiroler Berge zieht. Ob bei Videoproduktionen im Auftrag der Tirol Werbung oder in seiner Freizeit mit Mountainbike oder Snowboard.

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