Schwebende Wunderwerke – die Kitz 3S-Bahn in Kitzbühel

Aktualisiert am 18.12.2017Gregor MahringerGregor Mahringer

Im Skigebiet Kirchberg-Kitzbühel im Osten von Tirol ist eine der spektakulärsten Bergbahnen Tirols – nirgendwo sonst schwebt man höher über dem Boden. Und das nicht nur in Tirol, sondern in ganz Europa!

Betriebsleiter Markus Thaler will uns die Bahn zeigen. Er war beim Bau 2004 mit dabei und bereits am Telefon merke ich, dass die Kitz 3S Bahn für ihn etwas ganz Besonderes ist: „Den Sonnenaufgang brauchen wir, da kommt die Bergstation super zur Geltung. Seid Morgen um halb sechs an der Talstation der Pengelsteinbahn.“ Noch vor Sonnenaufgang brettern wir auf Skidoos über die frisch präparierten und menschenleeren Pisten. Eiskalte Luft peitscht in unsere Gesichter und vertreibt den letzten Rest von Müdigkeit. Oben angekommen können wir gerade noch rechtzeitig die Kamera auslösen, während sich die Sonne hinter dem Großglockner hervor schiebt und die Bergstation der Kitz 3S-Bahn ins schönste Licht des Tages taucht.

Unterdessen klettert Markus schon auf die Stütze vor der Station. Hier wird täglich kontrolliert, ob sich alle Rollen problemlos drehen und das Seil richtig läuft. Mit der Wasserwaage überprüft Markus dann noch den Tragseilwinkel. „Der verändert sich immer ein bisschen, abhängig von der Temperatur. Aber bisher mussten wir noch nie nachjustieren. Alle sechs Jahre untersuchen wir die Seile mit Magnetinduktion und stellen alles wieder neu ein.“

Dann wird’s hektisch, denn unsere Dreharbeiten haben die tägliche Routine verzögert. Jetzt müssen die Gondeln fix aufs Seil. Das passiert per Hand und ist trotz der Kälte ganz schön schweißtreibend. Inzwischen haben sich die ersten Wintersportler vor den Rolltoren versammelt. Doch die bleiben noch verschlossen, zuerst steht die Kontrollfahrt an. Markus wartet extra für uns auf die Gondel mit der Nummer 1 – die mit dem Glasboden.

Wir gleiten aus der Station und genießen erst mal die überraschend ruhige Fahrt und den ungewohnten Blick direkt nach unten. Die einzige – 80 Meter hohe – Stütze reißt uns aus unserer Trance. Der Plan war eigentlich, mit Markus da hinauf zu steigen. Jetzt sind wir froh, dass wir das aus Zeitgründen verwerfen mussten. Ab nun hängen wir 2,4 Kilometer lang ohne jegliche Abstützung über dem Saukasergraben und nähern uns der höchsten Stelle. Dort, wo sich der Bach am Talboden entlangschlängelt, schweben wir exakt 400 Meter hoch über dem Boden – ein tolles Gefühl! Aber was passiert bei einem Stillstand? Abseilen aus dieser Höhe? „Nein“, erklärt Markus „das können wir den Gästen nicht zumuten. Im Notfall fahren wir mit einer Bergebahn auf den Tragseilen zu den Gondeln und ziehen sie in die Station. Zur allergrößten Not können wir die Bergebahn sogar mit Pedalen wie ein Fahrrad bewegen.“ Wir sind jedenfalls froh, als wir nach neun Minuten sicher in die Talstation einfahren. Wobei Talstation etwas übertrieben ist, denn die Station auf der Jochberger Seite liegt nur 137 Meter tiefer.

Inzwischen ist fast jede Gondel gut mit Wintersportlern gefüllt. 3.154 Personen kann die Kitz 3S-Bahn pro Stunde zwischen den beiden Skigebieten hin und her transportieren. Damit ist sie die wichtigste Verbindungsstrecke im gesamten Skigebiet Kitzbühel/Kirchberg. Bis zum Bau der Bahn gab es nur eine zeitaufwändige und umweltbelastende Busverbindung zwischen den beiden Gebieten. Die Überraschung bei unseren Interviews in der Glasbodengondel: Den Meisten ist gar nicht bewusst, wie hoch sie tatsächlich über dem Boden hängen – immerhin fast 80 Meter höher als die Spitze des Eiffelturms! Manch Einem wäre ohne diese Info vielleicht wohler gewesen, aber der Großteil ist fasziniert und fühlt sich unter den zwei 54 Millimeter dicken Tragseilen und dem 42 Millimeter dicken Zugseil absolut sicher. Diese drei Seile, die der Bahn auch ihren Namen geben, sorgen für den ruhigen Lauf der Gondeln und die extreme Windstabilität.

Um die gewaltigen Dimensionen der Kitz 3S Bahn aufs Bild zu bekommen, lassen wir die Kameradrohne fliegen und fliegen und fliegen… Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis wir die gewaltige 3,7 Kilometer Spannweite der Kitz 3S-Bahn komplett auf dem Monitor sehen.

Am Ende des Drehtages treffen wir uns wieder mit Markus. Er will uns noch ein paar Bilder aus dem Bautagebuch zeigen. Im gemütlichen Aufenthaltsraum erzählt er über die extremen Herausforderungen, die sie beim Bau bewältigen mussten: Etwa als beim Transport des 90 Tonnen schweren Zugseils die drei gekoppelten Transporter von der rutschigen Forstpiste abgerutscht sind – Gott sei Dank in den Graben auf der Bergseite. „Da haben wir innerhalb von zwei Stunden den gesamten Weg mit Schotter und Stützen saniert, damit es weitergehen konnte.“ Oder die verrückte Truppe von Schweizer Monteuren, welche die Stütze montiert und die Seile gezogen haben: „Das war ein ganz eigener Schlag Menschen. In 80 Metern Höhe auf dem Bauch das Seil entlang rutschen und dabei keine Angst haben–unglaublich waren die!“ Markus kann zu jedem Bild etwas erzählen und es wird klar, dass die Kitz 3S-Bahn nicht nur eine wichtige Bereicherung für das Skigebiet ist, sondern auch ein ganz besonderer Teil im Leben aller Beschäftigter bei den Bergbahnen Kitzbühel. Wir sitzen noch lange zusammen und fahren erst ins Tal zurück, als die Sonne hinter den Gipfeln verschwunden ist und die Pisten wieder uns ganz alleine gehören.

Die Erfindung von Lift und Seilbahn hat viele Gipfel auch für Nicht-Bergsteiger zugänglich gemacht. In dieser Serie zeigen wir sechs außergewöhnliche Bergbahnen, die bis heute Begeisterung wecken können.

Schwebende Wunderwerke
Gregor Mahringer

Draußen sein, Natur und Berge durch Film und Sport erleben – das ist die Leidenschaft, die Filmemacher Gregor Mahringer so oft es geht in die Tiroler Berge zieht. Ob bei Videoproduktionen im Auftrag der Tirol Werbung oder in seiner Freizeit mit Mountainbike oder Snowboard.

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