Hochkultur im Heustadl

Aktualisiert am 17.05.2018KlausKlaus
Ein alte Scheune als Theater-Location. Foto: Bert Heinzlmeier

15.000 Theaterfreunde pilgern jeden Sommer in den kleinen Ort Uderns. Mit Qualität und Charme hat sich das Steudltenn-Festival zum kulturellen Aushängeschild des Zillertals entwickelt.

Ein verwittertes Scheunentor an einem Bauernhaus. Nur ein oranger Banner weist darauf hin, dass hier keine Kühe mehr gemolken werden. Bernadette Abendstein öffnet eine Nebentür und huscht in die Dunkelheit voraus. Es riecht nach Holz, nichts ist zu sehen. Plötzlich tauchen unzählige Bühnenlampen den Raum in ein warmes Licht. „Wow“, denke ich mir. Alte, sandgestrahlte Bretter an den Wänden – die Bühne in greifbarer Nähe zum Publikum. „Viele sagen, dass der Ort eine besondere Kraft hat. Gar nichts Esoterisches. Aber so viele Menschen haben hier so viel positive Energie reingesteckt und das spürt man“ sagt Abendstein, die Gründerin des Theater-Festivals Steudltenn.

Die Zillertalerin wuchs auf dem elterlichen Bauernhof auf. Mithelfen musste sie oft, auch im Lebensmittelgeschäft, welches die Familie noch nebenher betrieben hat. Irgendwann beschloss Bernadette, Schauspielerin zu werden. „Ich habe einen tollen Papa. Er ist ein Visionär und ein offener Mensch. Er wollte immer studieren, durfte aber nicht. Er hat gesagt: ‚Meine Kinder sollen lernen, was sie wollen‘“. Zuerst ging es nach Innsbruck, dann studierte sie in Wien bei Elfriede Ott. Sie bekam einen der begehrten Posten im Ensemble der Josefstadt und machte sich bald auch in der Berliner Theaterszene einen Namen.

Bernadette Abendstein – Mitbegründerin des „Steudltenn Theaterfestivals“. Foto: Bert Heinzlmeier

„Als wir dann zum ersten Mal im Tenn gespielt haben, das war ein magischer Moment“.

Kunst trifft Tradition

Die talentierte Tirolerin war auf den großen Bühnen angekommen, dennoch war da diese Unruhe. Eigentlich wollte sie ihre Leidenschaft mit den Menschen im Zillertal teilen. Ihr Lebensgefährte – der Regisseur Hakon Hirzenberger – hat sie bei ihrem Vorhaben unterstützt, Profitheater nach Uderns zu bringen. Ursprünglich dachten die beiden an eine Open-Air-Veranstaltung, die Idee wurde wegen der Unberechenbarkeit des Wetters aber wieder verworfen. So kamen sie auf die unbenutzte Scheune am Hof der Familie Abendstein.

„Tenne nennt man in Tirol den Ort, wo das Heu aufbewahrt wird. Und ‚Steudler‘ ist der Name unseres Bauernhofes“, erklärt Bernadette. Zunächst musste das siebenhundert Jahre alte Heulager aber erst einmal ausgeräumt und renoviert werden. „Als wir dann zum ersten Mal im Tenn gespielt haben, das war ein magischer Moment. Es gab eine öffentliche Generalprobe und es kam das ganze Dorf. Es hat alles zusammengepasst. Das Traditionelle und wir mit der Idee ‚Wir machen jetzt Kunst‘“, erinnert sich Abendstein an die Geburtsstunde im Jahr 2011.

Regionale Geschichten großartig inszeniert: Die stillen Nächte des Ludwig Rainer. Foto: Christian Wind

Hoi, mir ham iaz a Theater

Im Interview springt die Schauspielerin immer wieder zwischen Zillertalerisch und Hochdeutsch hin und her. Fast so, als wolle sie ihre beiden Lebensrealitäten auch sprachlich vereinen. Bernadettes Vater habe – wie so oft in ihrem Leben – eine entscheidende Rolle gespielt, als das Festival aus der Taufe gehoben wurde. „Er ist sehr bekannt bei uns im Tal, die Leute schätzen ihn. Wie ein Botschafter hat er überall unsere Flyer verteilt und gesagt: ‚Hoi, mir ham iaz a Theater‘“.

Neben der hohen Qualität des Gezeigten schätzen Besucher und Künstler die räumliche Nähe zueinander. „Ich finde es ist hier schwieriger zu spielen, als in der Josefstadt. Man ist ständig im Austausch mit dem Publikum“, sagt Abendstein. Von Komödien, Lesungen und Kabarett bis hin zu Kindertheater und Symposien wird eine große Bandbreite abgedeckt. Die Eintrittspreise bleiben dabei stets moderat. „Man darf nicht müde werden, sich immer neu zu erfinden. Wir sind mit einem hohen Niveau eingestiegen und müssen das natürlich halten“, sagt die Festival-Chefin.

Profitheater im Zillertal. Foto: Christian Wind

„Wenn die Leute dann wieder glücklich rausgehen, dann weiß man, wofür man es tut“.

Kulturplattform & Künstlertreff

„Steudltenn“ ist inzwischen weit über Tirol hinaus bekannt. Neben den Vorstellungen in der Scheune gibt es auch Open-Air-Theater, Ausstellungen, Tanz und sogar einen Bauernmarkt. Das stillgelegte Geschäft der Familie Abendstein wurde zum Atelier und Künstlertreff umfunktioniert. Mit der Zillertalbahn kommen klassenweise Kinder nach Uderns und als „Green Event“ dürfen sich soziale Einrichtungen so manche Vorstellung gratis ansehen. Organisiert wird das (fast) alles als Familienbetrieb.

Bernadette betont, wie viel Arbeit und Herzblut in dem Festival steckt. „Schlussendlich geht es um den Moment, wenn das Theater voll ist und eine Vorstellung gut funktioniert. Wenn die Leute dann wieder glücklich rausgehen, dann weiß man, wofür man es tut. Oder wenn tolle Produktionen geprobt werden, und du vergisst, dass du in einem Heustadl bist.“ Die frischen Ideen gehen Bernadette Abendstein und Hakon Hirzenberger wohl nicht so schnell aus. Man sieht sich in der Scheune!

Das aktuelle Steudltenn-Programm findet ihr hier:

www.steudltenn.com

Klaus

Nach beruflichen Jahren in Übersee erkundet Klaus Brunner mit Kamera und Mikrofon seine alte Heimat Tirol. Home is where your heart is.

Zum Autor »

1 Kommentar

Eckart zum Tobel

Nach Ihrer Beschreibung bewahrt der Theaterbetrieb Steudeltenn ein wesentliches Stück der Tiroler Heimat,
eine Mischung aus der Tiroler Landverbundenheit mit modernem Theater. Als 14 jähriger kam ich Anfang 1945
auf einen Bauernhof im Tiroler Unterland und lernte die harte Arbeit in der Landwirtschaft kennen, die mich
in meinem Leben sehr geprägt hat. Vor zwei Jahren kam ich für 1 Woche wieder in den damaligen Ort und
fühlte trotz vieler Veränderungen, dass ich mich noch zu hause fühlte. Dass man sich duzte wie früher, dass trotz
aller Diskussionen die Kirche noch sehr einflussreich ist, obwohl der Tourismus sehr stark zugenommen hat,
hat man das Gefühl, die Tiroler Atmosphäre ist nicht verloren gegangen. Sorgen Sie dafür, dass es so bleibt,
dass Tirol für mich ein Stück Heimat bleiben kann.

nach oben
nach unten