Eine von 739 Tausend: Wie Vreni von Holland nach Tirol kam

11.06.2018MichaelMichael

Eine junge Frau macht ihren Traum vom Leben in den Bergen wahr und findet ihren neuen Lebensmittelpunkt im Ötztal. Das ist die Geschichte von Vreni Meijerink, einer von 739.000 Einwohnerinnen und Einwohnern Tirols.

Von der holländischen Küste mitten in die Ötztaler Alpen hat es Vreni Meijerink verschlagen. In Holland war Eiskunstlauf ihr Lieblingshobby, in Tirol wurde sie zur Skilehrerin. Und zum Mountainbike-Guide, der anderen Tricks am Bike beibringt. Selbst einheimische Eltern vertrauen ihre Kinder der über die Trails fliegenden Holländerin an. Dabei hätte das Leben eigentlich Anderes für Vreni vorgesehen.

Vreni liebt Skifahren, Snowboarden und Mountainbiken – gute Gründe, um ihr Leben in die Berge zu verlegen.

Wir treffen Vreni in einem der vielen Söldener Sportshops. Blonde Locken, ein Lächeln auf den Lippen und coole Bikeshorts. Woanders würde Vreni als Surflehrerin durchgehen, doch ihr auf den Rucksack geschnallter Helm verrät, dass sie Anderes im Sinn hat: Sie möchte uns heute einen der vielen Singletrails zeigen, welche an den Berghängen vor ihrer Haustür verlaufen. Vreni begrüßt uns mit einem Ötztaler „Griaß Enk“, von ihrer holländischen Herzkunft ist bei unserer ersten Plauderei kaum etwas zu merken. Sie zeigt dem Fotografen sein E-Bike für den heutigen Tag. Er dreht juchzend eine erste Proberunde damit.

Auf den Berg statt in den Hörsaal

Eiskunstlauf war Vrenis Leidenschaft als Mädchen – sie brachte es sogar zu einer Teilnahme an den holländischen Meisterschaften. Als Zehnjährige stand sie zum ersten Mal auf Skiern und wurde süchtig danach. Nach dem Schulabschluss absolvierte Vreni eine Skilehrerausbildung und verbrachte drei Wintersaisonen im Tiroler Skiort Ischgl. „Mega“ sei das gewesen. Dennoch: Ein Studium in Amsterdam musste sein, denn Vrenis Eltern wollten, dass ihre Tochter eine solide Ausbildung macht.

Im Winter stieg Vreni – wann immer es möglich war – Donnerstags in Amsterdam ins Auto und fuhr von dort direkt ins tausend Kilometer weit entfernte Ischgl. Am Sonntag fuhr sie wieder zurück. Nach ihrem Bachelor-Abschluss hielt Vreni schließlich nichts mehr in Holland, sie wusste genau, wohin sie wollte: In die Berge. Gemeinsam mit einer Freundin, die ein Jobangebot bei einer renommierten Consultingfirma in den Wind schlug, inskribierte sie sich für ein Masterstudium in Innsbruck: „Ich habe eigentlich immer gewusst, dass ich hier wohnen möchte. Das Studium habe ich eher als Alibi gesehen.“

Vrenis neue Heimat: Sölden

Das alles erzählt mir Vreni, während wir bergauf radeln. Auch im Sommer transportieren in Sölden Gondelbahnen Mountainbiker und Wanderer auf den Berg, wir bewegen uns allerdings auf der anderen, ruhigeren Seite des Tals. Hier führt kein Lift hinauf. Die rund 600 Höhenmeter bis zum Traileinstieg müssen wir aus eigener Kraft bergauf treten. Vreni will uns den Kleble Alm Trail zeigen, einen „Shared Trail“ für Mountainbiker und Wanderer.

Es war Vrenis Freund, ein Ötztaler, wegen dem sie hierher übersiedelte. Den ausgebildeten Ski- und Bergführer lernte Vreni während ihrer Studienzeit in Innsbruck kennen. Mittlerweile sind die beiden auch beruflich ein Team, sie betreiben gemeinsam eine Bikeschule in Sölden und vermieten Zimmer. Vreni leitet Fahrtechnik-Kurse, macht die Buchhaltung und ist seit November 2015 auch Mama. Ihre Tochter heißt Hedi.
Wir schrauben uns auf der Schotterstraße Höhenmeter um Höhenmeter nach oben, Vreni gibt das Tempo vor. Der Fotograf rauscht auf seinem E-Bike an uns vorbei. In einer Kehre hält Vreni an. Sie schaut hinunter auf die von Dreitausendern umzingelte Häuseransammlung im Tal. Liebe auf den ersten Blick sei das mit Sölden nicht gewesen, gibt sie zu: „Sölden habe ich eigentlich immer hässlich gefunden, weil die Hauptstraße mitten durchs Dorf führt. Da hat mein Freund gefragt: Bist Du immer so oberflächlich? Jetzt ist Sölden für mich ein Paradies, weil man hier so viel machen kann: Im Winter geht man vor der Tür Skifahren, im Sommer Mountainbiken oder Wandern. Obwohl es ein Dorf ist, ist immer was los. So viele Nationalitäten, so viele Leute – das gefällt mir.“

Wenn ihr etwas fehle, dann wohl das Meer und das Großstadtleben. Vreni ist in der Küstenstadt Den Haag aufgewachsen: „In Den Haag oder auch in Amsterdam gibt es viel mehr kleine Cafés und Restaurants, aber die könnten hier gar nicht überleben. Das verstehe ich natürlich auch.“ Dafür gebe es rund um Sölden eben die Almen, wo man auch guten Kaffee bekommt – und gutes Essen.

Vreni beim Kaffeplausch auf der Alm.

Knödelsuppe zur Stärkung vor der Abfahrt am Kleble Alm Trail.

Lehrstunde am Mountainbike

Als Vreni 2013 von Innsbruck nach Sölden übersiedelte, begann sie, die einheimischen Kinder vom Union Radiclub Ötztal zu trainieren. Anfangs waren es sieben Kinder, mittlerweile sind es 70, 80 Kinder pro Woche. „Und so hat sich meine große Liebe fürs Radeln entwickelt,“ erzählt sie mir beim Kaffee auf der Kleble Alm. „Irgendwann wollte ich natürlich auch ein Erlebnis für die Kinder. Dann bin ich einfach mal die Piste da drüben mit ihnen abgefahren.“ Vreni zeigt auf einen Grasstreifen auf der gegenüberliegenden Talseite. Dort verläuft im Winter eine Skipiste. „Ich habe die Kinder gefragt, ob sie das cool fänden. Ein Mädchen sagte dann zu mir: Volle cool!“ 2013 war auch das Jahr, in dem die Bergbahnen Sölden die „Bike Republic“ gründete und begann, spezielle Lines für Mountainbiker anzulegen. Im Sommer sind schon mal um die vierzig Trail-Bauer zugleich an der Arbeit.

Wir verabschieden uns von der Almwirtin, Vreni zieht sich Knieschoner, Handschuhe und Helm an. Ich bringe Trail-Erfahrung mit, unser Fotograf nicht. Vreni erklärt ihm, wie es geht und gerät dabei ins Schwärmen: „Ein brutal gutes Gefühl ist, wenn man Spitzkehren fährt und den Trail lässig runterkommt, ohne den Fuß abzusetzen. Das gelingt mir nicht immer, aber wenn es gelingt, ist es ein geiles Gefühl.“ Nach einigen Versuchen rollt auch der Fotograf mit seinem vollgefederten E-Mountainbike bergab über Wurzelabsätze und Stufen – zwar deutlich langsamer als Vreni, aber es macht ihm sichtlich Spaß. Vreni schaut zu. „Als Bikeguide sorge ich mit Tipps und Tricks dafür, dass die Leute mit mehr Spaß runterfahren und sagen: ‚Wow, das ist lässig‘. Das ist dann auch für mich ein Wow-Moment. Als Lehrerin musst Du dich selbst zur Seite stellen und fragen: Was wäre das Beste für denjenigen, um es zu lernen? Und das macht mir sehr viel Spaß.“

Am Ende des Trails wartet noch eine letzte Schlüsselstelle: Ein steiler Felsabsatz. Auch Vreni stoppt kurz, schaut sich die Passage an und schiebt das Rad nochmal ein paar Meter zurück. Dann fährt sie los und meistert die Felsstufe scheinbar mühelos. Eine fliegende Holländerin eben.

Fotos: Bert Heinzlmeier, Tirol Werbung

Eine(r) von 739 Tausend
Michael

Michael Gams ist in seiner Freizeit viel im Land unterwegs: Beim Wandern, Mountainbiken, Freeriden und Skitouren gehen entdeckt er die schönsten Plätze.

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