Lebens-Lauf. Die Geschichte eines Trailrunners

Aktualisiert am 03.08.2018MichaelMichael

In Läuferkreisen würde man Reinhard Wohlfahrter aus dem Pitztal wohl als Spätzünder bezeichnen. Er begann erst als Vierzigjähriger zu laufen und absolviert nun Trailruns, gegen die ein normaler Marathon wie ein Nachmittagsspaziergang aussieht. Früher sei er eher faul gewesen, sagt Reinhard.

Schmal, steil und ausgesetzt. Die Felswände des Pitztals rücken immer näher. Kurz vor dem Talschluss stelle ich das Auto ab und treffe Reinhard Wohlfahrter bei der Talstation der Rifflseebahn. Als Installateur im Brotberuf kennt er die meisten Winkel des Pitztals sehr gut: Hotels, Hütten und private Häuser. Die imposante Natur vor seiner Haustür war ihm früher egal. Das sei inzwischen anders, erzählt er mir. Aber woher dieser Sinneswandel? „Ich bin erst durchs Trailrunning draufgekommen, wie schön es bei uns hier ist“, sagt er. Vor mir steht ein ausgezehrter Mittfünfziger in enger Sportkleidung. Kein Gramm Fett und Wadeln aus Stahl. Der Mann läuft sechzehn Stunden am Stück, überwindet dabei hundert Kilometer und über 5.000 Höhenmeter. So geschehen zum Beispiel bei einem Trailrunning-Event auf der Zugspitze. „Da ist es mir super gegangen. Kein Muskelkater, nichts. Aber total müde halt. Der Körper ist leer.“

Wir steigen in die Gondel ein und fahren zum Rifflsee in 2.232 Metern Höhe. Von dort wollen wir gemeinsam den Fuldaer Höhenweg bis zum Taschachhaus entlanggehen und Fotos mit Reinhard schießen. Dass wir das ausgerechnet hier tun, hat einen triftigen Grund: Der Höhenweg ist nämlich Teil des „Pitz Alpine Glacier Trail“, einer Trailrunning-Veranstaltung der Extraklasse. Der Steig bietet tatsächlich einen spektakulären Ausblick auf den Taschachferner, welcher von Tirols höchstem Berg – der Wildspitze – talwärts fließt.

„Genau zehn Minuten. Länger habe ich es nicht geschafft.“

Er sei in seinem früheren Leben eigentlich eine „faule Sau“ gewesen, erzählt mir Reinhard während der Gondelfahrt. Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, dass dieser ausgezehrte Sportler jemals bewegungsfaul gewesen ist. „Ich bin 200 Meter mit dem Auto gefahren. Da hatte ich zwölf Kilogramm mehr als jetzt“. Die Arbeit sei sein Hobby gewesen. Bis er dabei einmal sechs Meter tief vom Dach abstürzte und sich schwer verletzte. Was folgte, war ein halbes Jahr Krankenstand – viel Zeit zum Nachdenken, Tag und Nacht Schmerzen nach dem Unfall. „Ich habe mir gedacht: Was hätte ich jetzt eigentlich vom Leben gehabt, wenn ich tot wäre? Gar nichts! Nur gearbeitet!“ Also begann er nach der Reha langsam mit dem Laufen. „Mit genau zehn Minuten. Länger habe ich es nicht geschafft.“ Dann wurde es immer mehr, bis Reinhard beim ersten Gletschermarathon im Pitztal mitmachte. 2009 kam er durch den „Transalpine Run“ zum Trailrunning. Unglaubliche 127.000 Höhenmeter läuft Reinhard nun jedes Jahr. „Das Trailrunning ist eine Sucht“, sagt er. „Brutal!“

Unterwegs am Fuldaer Höhenweg taucht hinter einer Kurve unvermittelt der Taschachferner vor uns auf und streckt uns seine Gletscherzunge so trotzig und lang entgegen, als wolle er den Klimawandel aufhalten. Ist doch eigentlich schade, hier nur so schnell wie möglich vorbeizulaufen. Reinhard sieht das anders. Für ihn ist Trailrunning das intensivste Naturerlebnis überhaupt: „Wenn du in der Nacht unterwegs bist, am Berg oder so, wenn dann mit der Stirnlampe in die Berge rauf schaust und du siehst die Gämsen und die Steinböcke, wie ihre Augen runterleuchten, das ist gewaltig. Und wenn du zum Sonnenaufgang am Berg unterwegs bist, das ist Wahnsinn!“

„Beim Trailrunning ist es egal, ob du Konkurrent bist oder nicht.“

Wir wandern weiter. Reinhard läuft für die Fotos. Ein einsamer Sport? Auch da widerspricht mir Reinhard vehement: „Die Trailrunner sind eine Familie. Da ist es egal, ob du Konkurrent bist oder nicht. Da hilft jeder jeden.“ Er erzählt von seinen Problemen beim Trailrunning Event im Pitztal, an dem er nur wenige Tage davor teilgenommen hat. „Ich bin stehen geblieben und hab niedersitzen müssen wegen meinem Knie. Da fragen dann von zehn Leuten neun, was los ist. Und wollen helfen. Das ist einmalig! Einmal zum Beispiel bei einem Rennen in Südtirol hat sich eine Frau weh getan am Kopf. Da bin ich stehen geblieben und habe sie verarztet. Das ist mir wichtiger als ein guter Platz. Freundschaft zählt mehr als ein Sieg.“

Durchs Trailrunning hat sich auch Reinhards Horizont erweitert. Bei den Events trifft er Leute aus anderen Ländern und hält über Facebook Kontakt mit ihnen. Er erzählt mir von Alkoholikern und von Übergewichtigen, die jetzt Trailrunning machen. „Und wenn man mal nicht dieselbe Sprache spricht, wird mit Händen und Füßen geredet.“ Langsam wird mir die Sache unheimlich, denn nun juckt es auch mich schon in den Füßen und ich will loslaufen. Ob er sich als so etwas wie einen Trailrunning-Missionar sehe, frage ich ihn. „Bekehren will ich niemanden. Aber ich will anderen weitergeben, wie schön es ist. Weil vielleicht haben sich manche noch nie Gedanken darüber gemacht und fangen dann damit an. Es muss ja nicht gleich extrem sein. Hauptsache man tut was in der Natur.“

„Da liege ich dann vierzehn Tage im Liegestuhl.“

Wir kehren beim Taschachhaus ein. Wovon er träume? Einmal wolle er das Pitztal auf den Bergen umrunden, im Laufschritt natürlich. „Das wären fast hundert Kilometer nonstop. Ob das überhaupt möglich wäre, will ich mit einem Kollegen mal ausprobieren.“ Bevor ich mich von Reinhard verabschiede, will ich noch wissen, ob es nicht doch wenigstens vereinzelt Momente gibt, in denen sogar er mal nichts tut. Und tatsächlich gibt es die: „Im Urlaub fahren wir immer zwei Wochen ans Meer. Da liege ich dann vierzehn Tage im Liegestuhl und bin oft zu faul, um den Liegestuhl umzudrehen. So eine faule Sau bin ich. Aber wenn ich zuhause bin, dann muss ich einfach raus!“

Michael

Michael Gams ist in seiner Freizeit viel im Land unterwegs: Beim Wandern, Mountainbiken, Freeriden und Skitouren gehen entdeckt er die schönsten Plätze.

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