Grenzenlose Freiheit: Segelfliegen in Tirol

31.08.2018KlausKlaus

Es gibt Dinge, die man im Leben einmal getan haben muss: Ein Roadtripp mit Freunden, einen hohen Berg besteigen oder einen Baum pflanzen zum Beispiel. Ein Segelflug in den Alpen sollte auf dieser Liste ebenfalls ganz weit oben stehen. Kaum etwas fühlt sich so sehr nach Freiheit an.

Wir haben den Termin wetterbedingt immer wieder verschoben. Auch heute hängen dicke Wolken über der Innsbrucker Nordkette. Christian Senn ruft mich mit freudiger Stimme an und sagt, dass für das Außerfern einige Sonnenfenster gemeldet sind. Mir wird etwas mulmig und ich mache mich auf den Weg ins 100 Kilometer entfernte Reutte. Christian ist der Obmann des Segelflugvereins Außerfern und fliegt seit 20 Jahren kreuz und quer durch die Alpen.

Im Bezirk hinter dem Fernpass angekommen, kämpfen die Sonnenstrahlen gegen die Regenwolken an. Noch ist unklar, wer gewinnt. Christian Senn macht deshalb anstelle eines Segelflugzeugs den Motorsegler für uns bereit – eine rot-gelb-weiße Schönheit namens „Rotax Falke“ mit 15 Metern Spannweite und 100 PS. „Normalerweise ziehen wir mit dem Motorsegler die Segelflugzeuge in die Luft. Zum Segelfliegen ist es für einen Neuling heute aber zu turbulent“, erklärt Christian.

Der Motorsegler „Rotax Falke“ zieht die Segelflugzeuge in die Luft und wird für Ausflüge mit Touristen verwendet. Foto: Philip Preindl

Egal ob Motorsegler oder Segelflugzeug: Christian Senn ist ein routinierter Pilot.

Tiroler Karibik

Kaum sind wir in der Luft, tauchen die Burg Ehrenberg und die 400-Meter-Brücke „highline179“ auf. In dem Moment entdecke ich das „Speibsackerl“ (dt. Brechbeutel) in der Ablage, das offensichtlich einer großen deutschen Airline entwendet wurde. Doch von Übelkeit ist zum Glück keine Spur– ganz im Gegenteil. Mir bleibt die Spucke weg, so beeindruckend ist der Ausblick. Der Lech ist einer der letzten Wildflüsse Mitteleuropas und er bahnt sich ungezähmt und türkis seinen Weg durchs Lechtal. Nicht weit davon schillern der Heiterwanger See und der Plansee in blaugrün. Aus der Luft sieht das aus wie ein Stück Karibik inmitten in den Alpen. Wir machen eine Schleife ins benachbarte Füssen und erblicken die Königsschlösser Neuschwanstein und Hohenschwangau. Bis nach Wien segelt Christian Senn manchmal über den Alpenbogen.

Segelflugzeuge funktionieren im Prinzip wie die Papierflieger, die man als Kind in der Schule bastelt. Zum Starten brauchen sie fremde Hilfe, etwa eine Seilwinde oder ein Motorflugzeug. Einmal im Himmel, machen sich die Piloten die Thermik zu Nutze. Das Segelflugzeug kreist in der aufsteigenden, warmen Luft nach oben – im Fachjargon heißt das „kurbeln“. Bei geeignetem Wetter sind Streckenflüge über hunderte Kilometer möglich, vereinzelt wird sogar die Tausender-Marke geknackt. Der Alpenraum ist besonders gut zum Segelfliegen geeignet und für viele Piloten aus dem Flachland ist es ein Traum, einmal in Tirol zu fliegen.

Segelfliegen ist sehr wetterabhängig. Mit Motorunterstützung ist ein Ausflug jedoch fast immer möglich.

Fliegen für jedermann

Waghalsige Pioniere haben bereits 1953 den Flugplatz im Außerfern errichtet. Heute hat der Segelflugverein 45 Mitglieder, einen eigenen Hangar, einen Campingplatz und ein Café an der Landepiste. Der Verein finanziert sich vor allem durch den Gastflugbetrieb. Vereinsfremde Piloten bezahlen für die Nutzung der Infrastruktur und die Mitglieder arbeiten ehrenamtlich am Flugplatz. Dadurch können die einheimischen Flieger kostengünstig ihrer Leidenschaft nachgehen. Auch der Mitflug für Passagiere ist mit 50 bis 110 Euro recht günstig kalkuliert.

Dem Verein ist es ein großes Anliegen, dass das Segelfliegen für jedermann leistbar ist. Selbst die Fluglehrer arbeiten in Reutte unentgeltlich und dadurch kostet die Ausbildung nur etwa 1.200 Euro. Bis ein Pilot alleine fliegen darf, muss er jedoch eine intensive Ausbildung mit 50 Flügen im Doppelsitzer durchlaufen und jede Menge Theorie büffeln: Aerodynamik, Flugrecht, Instrumenten- und Wetterkunde.

Das Wettersteingebirge aus der Vogelperspektive. Foto: Philip Preindl

Die Landepiste in Reutte-Höfen ist direkt am Lech gelegen. Das helle Gestein im Bachbett sorgt für die türkise Farbe. Foto: Philip Preindl

Eine Stunde grenzenlose Freiheit

Zum Abschluss kommt das Highlight unseres Ausfluges: Entlang des Wettersteingebirges fliegen wir ganz nah an der Zugspitze vorbei und beobachten die spektakulären Bauarbeiten auf 3.000 Metern. Mit einem Kran wird derzeit an einem neuen Gipfelrestaurant gearbeitet. Bald ziehen im Norden bedrohlich schwarze Wolken auf. Christian fliegt dem Regen einfach davon und legt eine perfekte Landung in Reutte hin. Ich schaue überrascht auf die Uhr: Wir waren mehr als eine Stunde unterwegs, die Zeit verging wahrlich „wie im Flug“. So fühlt sich also die Freiheit an. Ich weiß jedenfalls schon, was ich meiner Frau zum nächsten Geburtstag schenke.

Segelfliegen und Motorsegeln in Tirol

Die Flugsaison dauert von April bis November. Bei folgenden Segelflieger-Vereinen könnt ihr mitfliegen oder den Pilotenschein machen:

Segelflugverein Außerfern

Innsbrucker Segelflug Vereinigung

Fliegerclub Langkampfen Kufstein

Fliegerclub St. Johann in Tirol

Fliegerclub Lienzer Dolomiten

 

Klaus

Nach beruflichen Jahren in Übersee erkundet Klaus Brunner mit Kamera und Mikrofon seine alte Heimat Tirol. Home is where your heart is.

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2 Kommentare

Lea

Hey Klaus, coole Fotos! Reutte ist sicher ein super Gebiet für Anfänger. In Innsbruck kann man auch als Laie (mit oder ohne Kurs) Segelfliegen - direkt vom Flughafen Innsbruck aus geht es mit einem der Eigenstarter von Mountains Soaring (http://www.mountain-soaring.com) zum Beispiel zur Zugspitze oder durchs Karwendel oder auch einfach „nur“ über die Nordkette. Ein Eigenstarter ist somit die dritte Möglichkeit in die Luft zu kommen - zB mit einer Stemme oder einem Arcus. Sobald man „oben“ ist, fährt man den Motor wieder ein und es übernimmt die Thermik. Die Jungs fliegen damit sogar bis nach Venedig oder Frankreich wenn das Wetter es zulässt. Vielleicht wollt ihr das in die Liste mit aufnehmen? Lg Lea

Klaus

Super, vielen Dank für deine Ergänzung Lea! Herzliche Grüße aus dem Tirol Haus.

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