Teufel, Krampusse und Perchten in Tirol

Aktualisiert am 03.12.2018KlausKlaus
"Peaschtl" in Rattenberg. Foto: Lea Neuhauser

Glocken, Gänsehaut und finstere Gestalten. So beginnt der Winter in Tirol. Die Krampusläufe blicken auf eine jahrhundertealte Geschichte zurück und sind heute so beliebt wie nie zuvor.

DAM DAM DADA DADA DAM… dieser schaurige Rhythmus schallt am Nikolaustag in der Region um Rattenberg durch die Straßen. Dann sind nämlich die „Peaschtl“ unterwegs. Bei den Schulkindern sorgt das für Herzklopfen und Erwachsene freuen sich auf den „Hexentanz“ am Abend. Die wichtigsten Utensilien der wilden Gesellen: Ausrangierte Benzintanks, auf denen sie mit Holzknüppeln trommeln.

Videomaterial: Alex Lutz/Perchtenpass Reith & David Knörnschild/Seidä Pass

Was hat es mit dem teuflischen Treiben auf sich? „Die Ursprünge sind komplex“, sagt der Brauchtumsexperte Karl C. Berger, er ist der Leiter des Tiroler Volkskunstmuseums. „Einerseits ist der Krampus der wilde Begleiter des heiligen Nikolaus. Er war fixer Bestandteil der Nikolausspiele der Gegenreformation, die von den Jesuiten eingeführt wurden. Der Krampus hatte eine erzieherische Funktion und die Theateraufführungen sollten die Menschen wieder auf den richtigen, katholischen Weg führen“.

Die Geschichte des Krampus

Wenn ihr mehr über die geschichtlichen Hintergründe des Brauchs wissen wollt, hört euch das Interview mit dem Brauchtumsforscher Karl C. Berger an.

Darüber hinaus gibt es im Alpenraum aber auch die alte Sagenfigur der „Perchta“.  Sie steht im Zusammenhang mit dem Fest der Erscheinung des Herren. Als Gestalt ist sie im Spätmittelalter entstanden, Teile der Sagenmotive haben aber nicht-christliche Züge. In den Rauhnächten zwischen dem 25. Dezember und dem 6. Jänner gab es verschiedene Bräuche, bei denen oft Masken und Verkleidungen zum Einsatz kamen. Dadurch konnten sich die Teilnehmer einmal im Jahr ungestraft „daneben benehmen“, etwa Lebensmittel heischen oder mit Alkohol über die Stränge schlagen. „Vermutlich hat sich der Krampus irgendwann mit dem Perchtenbrauchtum vermischt“, sagt Berger.

Ein uralter Brauch findet über Social Media internationale Verbreitung. Foto: Lea Neuhauser

„Hex“, „Läufer“ und „Tamperer“ im Tiroler Unterland. Foto: Lea Neuhauser

Ruß statt Rute heißt es in Rattenberg und Umgebung. Foto: Lea Neuhauser

Die bösen Geister vertreiben

„Wir vertreiben die bösen Geister des Winters“, sagt Martin Knapp zum Hintergrund des Brauchs. Martin ist seit 10 Jahren Mitglied im „Seidä Pass“ aus Kramsach und sorgt als „Tamperer“ für den Rhythmus. Größtenteils sind es junge Männer, die sich in „Passen“ organisieren und viel Herzblut in ihr Hobby stecken. Die schweren Kostüme werden in mühevoller Kleinarbeit aus getrockneten Mais-Bratschen zusammengenäht. Ihre handgeschnitzten Masken, die so genannten „Larven“ können bis zu tausend Euro kosten.

Zwei Tage im Jahr schlüpfen die Männer in die Rolle des „Peaschtl“. „Danach brauche ich immer ein paar Tage frei und ich gehe in die Sauna“, schmunzelt Martin Knapp. Im Gegensatz zu anderen Regionen verläuft der „Teufeltag“ in Martins Heimat ganz ohne Schläge und Ruten ab. „Die Zuschauer werden mit Ruß beschmiert. Vor allem steht aber das Trommeln im Vordergrund. Und natürlich die Show beim Hexentanz.“ Das Repertoire an Rhythmen wird bei den Unterländer Perchten von Jahr zu Jahr ausgefeilter.

Der Krampus

Der „Krampus“ ist eine Figur der Adventszeit im Alpenraum und der Begleiter des heiligen Nikolaus. In manchen Regionen hat sich die Figur des Krampus mit jener der „Percht“ vermischt. Die ersten Perchten sind in Tirol im 17. Jahrhundert nachweisbar, Krampusse bzw. Kleibeife in den Nikolausspielen des 18. Jahrhunderts. Die Deutung, dass die Perchten die bösen Wintergeister vertreiben, gibt es erst seit dem späten 19. Jahrhundert. Je nach Region existieren bis heute unterschiedliche Formen beim Ausüben des Brauchs. In Tirol spricht man von Teufeln, Perchten, Krampal oder Kleibeifen. Krampusläufe haben heutzutage vielerorts einen gewissen Show-Charakter und sind bei Groß und Klein beliebt.

 

Mit den Glocken sollen die Wintergeister verjagt werden. Foto: Lea Neuhauser

Krampusse im Zillertal. Foto: Bernhard Aichner

Traditionelle Krampusmasken in Igls. Foto: Bernhard Aichner

„Ich respektiere die Wurzeln, aber ich sehe auch die Möglichkeit, darauf aufzubauen“

Überall ein bisschen anders

Jeder Ort hat seine Eigenheiten in Bezug auf Masken, Gewänder und Ablauf. Im Tiroler Oberland sind die „Tuifl“ schon ab Mitte November unterwegs. In Haiming haben sich zusätzlich zu den Fellgewändern rote Hosen etabliert. „Das stammt von den alten Lebkuchen-Verpackungen, auf denen immer ein Krampus mit roten Füßen dargestellt wurde“, erklärt Simon Wegleiter von den Haiminger Krampussen.

Im Osttiroler Matrei wiederum sorgen die „Kleibeife“ mit ihren schweren Glocken und riesengroßen Masken für Angst und Schrecken. Ihr erklärtes Ziel: die Zuseher auf den Rücken zu werfen. Eine Eigenheit stellt das „Tischzoichn“ dar. Besonders mutige setzten sich hinter einen massiven Holztisch und versuchen, diesen gegen die anstürmenden Kleibeife zu verteidigen. Die Kommerzialisierung des Brauchs wird in Matrei skeptisch gesehen, so ist etwa Pyrotechnik völlig verpönt.

In Nordtirol sind Rauch und Feuer hingegen vielerorts nicht mehr wegzudenken. „Ich respektiere die Wurzeln, aber ich sehe auch die Möglichkeit, darauf aufzubauen und es weiterzuentwickeln“, sagt Martin Knapp. Auch in seiner Region gibt es traditionellere Gruppe, die es ablehnen, dass so manche Maske heute mehr an „Herr der Ringe“ als an alpinen Brauchtum erinnert. Als die Wiege der „Peaschtl“ gilt Breitenbach am Inn und die dortigen Passen sind besonders traditionsbewusst.

In Osttirol ist am Nikolaustag der „Klaubauf“ unterwegs. Foto: Osttirol Werbung/Zlöbl

Krampus in Wenns/Pitztal. Foto: Klaus Kranebitter

Die Haiminger Krampusse tragen rote Hosen unter dem Fell. Foto: Krampusgruppe Haiming/Benjamin Pohl

„Wir waren extrem überrascht vom großen Interesse“.

Für den Brauchtumsforscher Karl Berger ist die Diskussion ein Spiegelbild des Zeitgeistes. „Der Brauch steht im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne. Einerseits betonen die Gruppen das Regionale. Andererseits nehmen viele von ihnen internationale Elemente auf, etwa aus der Heavy Metal-Kultur oder aus Filmen. Auch Social Media ist ein riesen Thema für die meisten Gruppen“, sagt Karl Berger.

Martin Knapp kann das bestätigen. Unglaubliche acht Millionen mal wurde das Facebook-Video aufgerufen, auf dem sein „Seidä Pass“ in Rattenberg einmarschiert. Alpines Brauchtum wurde plötzlich in aller Welt „geliked“ und die Gruppe wurde mit Anfragen überhäuft. Als kurioser Nebeneffekt wurde der Pass sogar auf die Fashion Week nach Paris eingeladen, nachdem das Video die Aufmerksamkeit eines Modedesigners erregt hatte. „Wir waren extrem überrascht vom großen Interesse. Aber es ist toll, unseren Brauch auch international bekannt zu machen“, sagt Martin Knapp.

Das ganze Video könnt Ihr Euch hier ansehen.

Klaus

Nach beruflichen Jahren in Übersee erkundet Klaus Brunner mit Kamera und Mikrofon seine alte Heimat Tirol. Home is where your heart is.

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2 Kommentare

Michael Hofmann

Ich finde das ist ein sehr schöner Brauch und eine tief verwurzelte Tratition, ich möchte es mir sehr gerne einmal live anschauen.

Seamus McDermott

An absolutely necessary institution, operated in the public interest to assure the good behaviour of all children, large and small. Gods work is truly our own. ;-)

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