Der Lawinensprenger von Innsbruck

Aktualisiert am 14.12.2018KlausKlaus
Werner Haberfellner vor der Station der Sprengseilbahn.

Schneefall in der Tiroler Landeshauptstadt, plötzlich ein dumpfer Knall. Innsbruckern ist dieses morgendliche Geräusch wohlbekannt. Die Lawinenkommission sprengt auf der Nordkette Schneebretter ab.

Zwischen zwei und acht Minuten. So lange brennt die Zündschnur, bis der Sprengstoff Emulex AV in die Luft fliegt. Mit einer speziellen Seilbahn werden die 2,5-Kilo-Pakete in die steilen Hänge der Nordkette befördert. „Wir warten, bis es ‚Bums‘ macht, dann reißt es alles mit“, sagt Werner Haberfellner von der Innsbrucker Lawinenkommission. Gemeinsam mit einem Sprengmeister löst er gezielt Lawinen aus und verhindert so, dass sich große Schneemengen an Gefahrenstellen ansammeln. Erst dadurch wird ein sicherer Skibetrieb auf den Pisten über Innsbruck möglich.

„Wenn der Wind richtig weht, klirren in manchen Stadtteilen die Fensterscheiben.“

Werner Haberfellner von der Innsbrucker Lawinenkommission.

Die Sprengseilbahn auf dem Hafelekar.

Große Verantwortung

Haberfellner sitzt im Büro der Innsbrucker Lawinenkommission auf 1.905 Metern Seehöhe, das in der Bergstation der Seegrube untergebracht ist. Ein großer Monitor auf seinem Schreibtisch zeigt meteorologische Daten an. Der Experte ist seit 15 Jahren Teil des kleinen Zirkels, der die Entscheidungen über Straßen-, Weg- und Pistensperren auf der Nordkette trifft. Jeden Morgen erstellt die Kommission ein Gutachten, das an die Behörden im Land geschickt wird. Und wenn nötig, wird gesprengt.

„Wenn der Wind richtig weht, klirren in manchen Stadtteilen die Fensterscheiben. Vor sieben in der Früh fangen wir deshalb nicht mit dem Sprengen an. Die Explosionen sind unten in Innsbruck zum Teil lauter als hier oben“, sagt Haberfellner. Neben der Sprengseilbahn arbeitet die Lawinenkommission auch mit fix installierten Gaskanonen, die per Knopfdruck gezündet werden können. „Gazex“ nennt sich dieses System, das etwa auf dem Grat über dem Funpark installiert ist.

Die Nordkette

Im Norden von Innsbruck wacht die Inntalkette über die Stadt, im allgemeinen Sprachgebrauch wird sie schlicht Nordkette genannt. Im Winter ist die 1.900 Meter hohe Seegrube das Stadt-Skigebiet der Innsbrucker. Wer möchte, fährt noch 300 Höhenmeter weiter auf das 2.334 Meter hohe Hafelekar. Die berühmt-berüchtigte Hafelekarrinne zählt zu den steilsten Skirouten Europas – mit einem Gefälle von 70% ist diese Abfahrt nur echten Könnern vorbehalten.

Die „Sprengwürste“ werden über dem Hang zur Explosion gebracht.

Kein Job für Jedermann

„Die Computer-Daten und die moderne Technik helfen uns zwar sehr, am allerwichtigsten ist und bleibt aber die Erfahrung. Man muss in diesen Job hineinwachsen und auch selber mit Skiern unterwegs sein“, sagt Haberfellner. Neben der Sicherung des Skigebiets fungiert sein Team auch als Pistenrettung. „Wenn es brennt, müssen wir da sein. Das funktioniert gut und wir sind stolz darauf, dass kein Verletzter lange liegen bleiben muss. Wir haben doch ein recht extremes Gelände hier“.

Egal ob bei Sturm, Schneefall oder großer Kälte: Werner Haberfellner ist immer auf dem Berg anzutreffen. Regionalmedien bezeichnen ihn sogar als den „Schutzengel der Stadt“. Der Grund: An wenigen Orten der Welt sind sich urbanes Leben und raue Natur so nahe wie in Innsbruck. Bevor es die Lawinenverbauungen hoch über der Stadt gab, sind Schneebretter immer wieder gefährlich nahe an die Siedungsgebiete gerutscht. Die Sprengungen der Lawinenkommission helfen dabei, das Risiko einer Katastrophe zu minimieren.

Die Nordkettenbahnen

Die Innsbrucker Nordkettenbahnen sind ein technisches und architektonisches Meisterwerk, deren Stationen nach Plänen der Stararchitektin Zaha Hadid gebaut wurden. In nur zwanzig Minuten gelangt man vom Stadtzentrum in hochalpines Gelände. Die erste Sektion führt zum Stadtteil Hungerburg. Von dort geht es weiter zur 1.905 Meter hohen Seegrube bis zur Bergstation Hafelekar auf 2.296 Metern.

Die Lawinenhand warnt davor, dass man die gesicherte Piste verlässt.

Werner Haberfellner auf der alten Sprengseilbahn, die noch per Hand betrieben wurde.

Der beste Arbeitsplatz der Welt

Die Einrichtung einer Lawinenkommission ist für alle Tiroler Gemeinden verpflichtend, in denen eine potenzielle Gefahr von Lawinenabgängen besteht. Im gesamten Bundesland gibt es insgesamt 252 solcher Kommissionen, ein Großteil davon tritt jedoch nur bei Bedarf zusammen. Innsbruck hat auf Grund seiner geografischen Lage hier eine Sonderstellung und verfügt über ein hauptberufliches Experten-Gremium.

Wegen seines Jobs ist Werner Haberfellner jeden Tag der erste auf dem Berg. Damit ist auch ein ganz besonderes Privileg verbunden. „Wenn wir einen halben Meter Neuschnee haben, es noch dunkel ist und wir am Kar oben stehen. Dann kommt die Sonne raus und alle Gipfel werden angeleuchtet. Und dann machen wir eine Kontrollfahrt. An solchen Tagen würden manche Leute viel Geld dafür zahlen, dass sie da mitfahren dürfen“ schwärmt der Bergfex.

Alle Fotos: Bert Heinzlmeier

Klaus

Nach beruflichen Jahren in Übersee erkundet Klaus Brunner mit Kamera und Mikrofon seine alte Heimat Tirol. Home is where your heart is.

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