Eulenblick – Wie ein Naturpark-Ranger Augen öffnet

Aktualisiert am 27.02.2019BenjaminBenjamin

Der Naturpark-Ranger Sebastian Pilloni zeigt mit geführten Schneeschuhwanderungen im Karwendelgebirge, dass man mit einem geübten Blick kinderleicht die Tiere der Alpen entdecken kann.

Der winterliche Achensee hat viele Gesichter – zerbrochene Eisschollen, hellgraue und türkisgrüne Wellen lösen sich ab, bis die längliche Wasseroberfläche einfach endet. An diesem hinteren Ufer liegt der verschlafene Ort Achenkirch und rundherum ein steinernes Naturparadies, dessen Felsen und Gipfel sich teils aus der dick verschneiten Umgebung, teils aus dem See zu heben scheinen.

Am Parkplatz vor einem Hotel wartet Sebastian Pilloni, studierter Biologe und Ranger im Naturpark Karwendel. An drei Tagen pro Woche ist er mit Gruppen von Wanderern unterwegs. Das Ziel: die Tier- und Pflanzenwelt des Karwendels entdecken und Bewusstsein schaffen, denn Sebastian Pilloni weiß: „Wir haben die Natur nur einmal.“

Mit geübtem Blick leicht zu sehen: Gämsen im Naturpark Karwendel. Foto: S.Hölscher

Der Wald ist ein Stempelkissen

Durch zehnjährige Berufserfahrung weiß Pilloni, wo sich die Tiere der Umgebung Sommer wie Winter aufhalten und dass man sie bei fast jedem Spaziergang tatsächlich entdecken kann. Mit einem Fernrohr im Rucksack geht er voran, weg von Achenkirch, weg vom See, in Richtung eines Steilhanges. Die Landschaft ist von einer dicken Schneeschicht überzogen. „Im Winter denkt sich jeder, dass man im Wald nichts sieht“, erzählt Pilloni. Das ist ein Irrtum. Ein „Stempelkissen“ sei der verschneite Waldboden, auf dem Spuren Geschichten erzählen von den Lebewesen, die sich dem unaufmerksamen Auge leicht entziehen.

„Im Winter denkt sich jeder, dass man im Wald nichts sieht.“

Tiere hinterlassen nicht nur Trittsiegel, also Fußspuren, sondern auch Fraß- und Losspuren, jeweils Indizien für die Nahrungsaufnahme und Ausscheidung. Vor einer Fichte bleibt Sebastian Pilloni plötzlich stehen. Auf dem Boden darunter liegen die zerfledderten Stücke eines Fichtenzapfens. „Hier sind viele Tierspuren“, erklärt er. Die Unordnung stammt von einem Eichhörnchen, das sich an den Samen des Baums bedient hat. Im Winter kämpfen die oft verniedlichten Nager um das nackte Überleben. Im Alleingang fressen Eichhörnchen, wenn es sein muss, auch kleine Vögel oder Eier. „Das ist halt die Natur. Wir essen schließlich auch Tiere und Eier.“

Rund um den Achensee gibt es auch im Winter viel zu entdecken. Foto: Lisa Hörterer

Die Leute fahren immer vorbei

Mitten im Wald wird der Weg von einer breiten Langlaufroute gekreuzt. Die hier früher stehenden Bäume sind gefällt, der Waldboden von einer Pistenraupe planiert. Pilloni nimmt es nicht tragisch. „Die Gebiete, in denen die Natur schon kaputt ist, können weiterhin und sogar noch intensiver genutzt werden.“ Die Natur und die Tiere würden sich den Veränderungen anpassen. Wichtig ist aber, dass die unberührte Natur „beschützt und bewahrt“ wird.

Die Tiere wissen genau, dass sich auf der Piste Menschen aufhalten, die mit dünnen Skiern und nach vorne gerichteten Blicken vorbeiziehen. Pilloni deutet auf den Hang über der Loipe. „Dort oben ist eine Gams. Dort sind immer welche. Die Leute fahren immer vorbei. Auch die, die da schon seit 50 Jahren wohnen, haben dort wahrscheinlich noch nie eine Gams gesehen.“ Von hier sieht das Tier aus wie ein brauner Fleck. Drüben beim Wasserfall soll man näher herankommen.

Sebastian Pilloni kennt den Naturpark Karwendel wie seine Westentasche. Foto: Lisa Hörterer

Naturpark Karwendel

Der größte Naturpark Österreichs beherbergt auf seinen 727 km2 zahlreiche Tier- und Pflanzenarten, Urwälder und Wildflüsse. Das geschützte Gebiet ist Teil von Natura 2000 und stellt Besuchern mehr als 50 (Alm-)Hütten zur Verfügung. Infos zu den Ranger-Führungen gibt es hier.

Es ist Übungssache

Welche Tiere man bei einer Winterwanderung sieht, hängt von verschiedenen Umweltfaktoren ab. Auf einer Tour mit Sebastian Pilloni ist es trotzdem sehr wahrscheinlich, die Lebewesen in freier Wildbahn zu entdecken. Hirsche, Gämse, Steinböcke, Füchse und Adler, die über den Bergkämmen ihr Jagdrevier durchgleiten, sind den Gruppen schon vor die Linse geraten und das, obwohl Sebastian Pillonis Touren nur über gekennzeichnete Wege führen. „Wenn man Tiere beobachten will, muss man einfach die Augen aufmachen, und sich nicht in die ruhigsten Naturschutzgebiete begeben.“ Pilloni ist auch Naturpädagoge und zeigt seinen Gruppen, wie und wohin man schauen muss, um selbst von der Straße aus Tiere zu entdecken.

Murmeltierspuren im Schnee. Foto: Sebastian Pilloni

Bei einem Wasserfall baut Pilloni sein Fernrohr auf. Er hat etwas entdeckt. Als er das Rohr eingerichtet hat, erkennt auch das ungeübte Auge, dass über einem Schneefeld ein Gamsbock hervorlugt. Unbewegt starrt er in die Richtung des Beobachterpostens. Auf der Loipe knipsen ein paar Touristen Selfies und merken nichts davon. „Es ist Übungssache“, weiß Sebastian Pilloni. „Wenn man nicht auf einen Bereich schaut, sondern einfach durchfokussiert, kann man mit diesem Eulenblick viel leichter Bewegungen registrieren.“

„Mit dem Eulenblick kann man viel leichter Bewegungen registrieren.“

Als es schon fast zu Dämmern beginnt, kommt ein Mann vorbei, den Sebastian Pilloni auch durch das Fernrohr blicken lässt. Der Mann ist neugierig, schaut, staunt und spaziert weiter. Respekt vor der Natur und ein aufmerksamer Blick auf die vermeintlich schlafende Tierwelt des Winters – das ist es, was man schon an einem Nachmittag von einem der Naturpark-Ranger des Karwendelgebirges lernen kann.

Benjamin

Benjamin Stolz liebt und lebt die Gegensätze des Alpenlandes. Als Tiroler mit Höhenangst, papiervernarrter Blogger und Stadtmensch vom Land ist er der Meinung, dass es in Tirol mehr zu entdecken gibt, als man glaubt.

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