Franz Puckl – die Koasalauf-Legende

08.02.2019GastautorGastautor
Franz Puckls Fotoalbum. Foto: Axel Springer

Der 83-jährige Franz Puckl aus Going nimmt heuer zum 47. Mal am Koasalauf teil. Noch nie fand der Bewerb ohne ihn statt. Bei seinen Vorbereitungen erzählt Puckl, wie man so lange fit bleibt, wie man Langlaufskier lieber nicht behandeln sollte und was ihn der Sport gelehrt hat.

„Ein Freund von mir sagt, dass jeder Pokal eine Erinnerung ist“, meint Franz Puckl, als er zuhause stolz seine Langlauftrophäen präsentiert, die neben Lauf-, Fußballtrophäen und zahlreichen Auszeichnungen stehen: „Je älter man wird, desto wichtiger wird es, sich zu erinnern.“ In der Schreibmaschine klemmt ein angeschriebenes Blatt Papier, an den Wänden hängen Auszeichnungen, Medaillen und bunte und schwarzweiße Fotos. „Ich habe sehr viel zu tun“, erklärt er fast nebenbei: „Zum Teil habe ich als Pensionistenobmann heute mehr Arbeit als früher, als ich noch berufstätig war“, scherzt er. Puckl war Angestellter in einem Kitzbüheler Sportgeschäft – auf diese Weise verband er Beruf und Leidenschaft.

Unzählige Sport-Trophäen zieren Puckls Haus. Foto: Axel Springer

Mit dem Sport in die Welt hinaus

Stolz holt Franz Puckl eine Fotoschachtel hervor und zeigt auf Bilder, auf denen er mit vielen anderen Läufern eine Straße entlangrennt, während ihnen von der Seite aus Menschentrauben zujubeln. Seine Liebe zum Sport habe mit Fußball begonnen, sagt er und zeigt auf alte Mannschaftsfotos, auf denen er zu sehen ist. Bis zu seinem 36. Lebensjahr hat ihn der Ballsport nicht losgelassen und als er einsehen musste, dass es genug war, begann er mit dem Laufen. „Das war in Berlin“, erkennt Puckl entzückt auf einem Foto die deutsche Hauptstadt. „Da liegt Schnee neben der Laufbahn“, deutet Puckl nochmals aufs Foto. Auf einem anderen Bild rennt er über eine grüne Wiese. „Das war in der Schweiz“, erinnert sich Puckl, legt das Foto weg, deckt ein neues auf: „Und das in San Francisco!“ Mit dem Laufen bereiste der Tiroler die Welt.

„Wenn jemand Langlaufskier leihen wollte, haben wir einfach behauptet, dass wir keine haben“

Langlauf-Muffel

Als passionierter Skifahrer, musste er im Winter sportlich auch nicht kürzertreten. Er bediente zahlreiche Kunden im Sportgeschäft und war auch selber gerne auf der Piste. Für fast jeden Sport konnte sich der Verkäufer begeistern, nur bei einem war er unerbittlich: „Wenn im Jänner die Hauptsaison vorbei war, schloss der Chef mittags das Geschäft und ging mit Freunden Langlaufen – das konnte ich nicht verstehen“, erinnert sich Puckl, und erzählt von Späßen, die sie sich mit Touristen im Sportgeschäft hin und wieder erlaubt haben: „Wenn jemand Langlaufskier leihen wollte, haben wir einfach behauptet, dass wir keine haben“, lacht der Skifachmann: „Natürlich ‚suchten‘ wir dann und konnten im ‚letzten Eck‘ noch welche finden und die Touristen beruhigen.“ Langlaufen war einfach keine Sportart, die im alpinen Raum für Begeisterung sorgte. „Nur wenige stolzierten über die Loipen“, erinnert sich Puckl: „Heute ist das ganz anders.“

Franz Puckl hat noch keinen Koasalauf ausgelassen. Foto: Axel Springer

Die Stunde null

Wieso er eines Tages dennoch die Langlaufskier schulterte und sich zusammen mit seinem Chef und dessen Freunden auf den Weg machte, weiß er heute nicht mehr. Womöglich war es ein Wink des Schicksals. Wunderschönes Wetter soll an jenem Montag geherrscht haben, als Puckl auf finnischen Skiern den drei Freunden hinterhertrabte und immer wieder beobachtete, wie sie nach vorne glitten. „An diesem ersten Tag musste ich alles von Grund auf lernen und fiel erstmal 200 Meter zurück“, erinnert sich Puckl. Schon beim zweiten Mal stand er seinen Sportsfreunden in nichts nach: „Zwar war ich letzter, doch hielt ich die ganze Stunde lang das Tempo“, meint er stolz. Und schon beim dritten Mal zog er das Feld hinter sich her, wie er sagt. Sein Chef und dessen Freunde waren sichtlich beeindruckt. Sie waren froh, jemanden für das Langlaufen begeistert zu haben.

Der erste Koasalauf

Dann erzählte der Chef von einem neuen Langlaufevent, dem sogenannten Koasalauf, der am Sonntag stattfinde. Der solle ganze 72 Kilometer lang sein: Ob sie da denn nicht teilnehmen wollten? Die Strecke schreckte aber alle ab. Bisher seien sie höchstens zwölf Kilometer langgelaufen und jetzt so eine lange Strecke? Er beruhigte sie aber: Man könne auch „nur“ von Kitzbühel nach Kössen laufen, das wären 42 Kilometer. Die 30 weiteren nach St. Johann dürfe man sich sparen. Das Wetter war schön, das Langlaufen machte Spaß und aus der Stimmung heraus entschieden sie sich, das Abenteuer zu wagen und beim ersten Koasalauf der Geschichte, im Jahr 1973, mitzumachen.

Franz Puckl beim Koasalauf 1973. Foto: W. Angerer, Kitzbühel2

Klister, Wachs und ein Arzt

Schon am Samstag schlug das Wetter völlig um: Es begann zu schneien, zwischendurch gab es auch Regen und Wind. Vom schönen Wetter der vergangenen Woche war nichts mehr zu sehen. Unter diesen Bedingungen war noch niemand von ihnen langgelaufen. Was sollten sie nun machen? Wie waren die Skier zu behandeln? Ein Arzt aus Kitzbühel war der einzige, von dem sie glaubten, Hilfe bekommen zu können. Sie erklärten ihm, dass sie bisher die Skier geteert hatten und Klister sei auch drauf. Der Arzt überlegte kurz und sagte dann, dass sie den Klister mit Wachs abdecken sollten, das würde bei diesen Wetterbedingungen helfen. Außerdem sollen sie sich leicht anziehen, da man bei der Bewegung sowieso schwitzen würde.

Mit letzter Kraft

„Mit dem Trockenwachs zogen wir den Klister nur in die Länge und als wir starten wollten, merkten wir, dass auf unseren Skiern ein undefinierter Matsch klebte und sie gar nicht rutschen wollten“, erinnert sich Puckl und lacht über ihre Misere. Sie versuchten ihre Skier vor dem Rennen an einem Zaun abzuschaben, mussten aber bald feststellen, dass das nur wenig brachte. „Alle zogen an uns vorbei und wir stampften angestrengt hinterher“, sagt Puckl. Als die Sportler etliche Stunden später in Kössen ankamen, war fast niemand mehr an der Labestation: „Wir gehörten zur letzten Gruppe, und so wollte ich das nicht auf mir sitzen lassen.“ Ohne lange zu rasten, machte sich Puckl auf den Weg nach St. Johann. Seine Freunde versuchten ihn noch davon abzuhalten, doch er ließ sich nicht beirren. Mit vollem Einsatz zog er seine schwerfälligen Skier die Berge hoch und schob sich, unter Aufbietung seiner letzten Kräfte, mit den Stöcken die Strecke entlang. Schritt für Schritt näherte er sich seinem Ziel und konnte nach mehr als zehn Stunden mehr als nur stolz auf sich sein.

„Heutzutage lassen sie mich früher starten, weil ich der Puckl Franz bin.“

Franz Puckl bei den Vorbereitungen zum Koasalauf 2019. Foto: Axel Springer

Ins Langlaufen verliebt

Der Sport habe ihn vor allem eins gelehrt: Solange es geht, solle man dabei sein und erst am Ende dem Schmerz nachgeben. Nach diesem ersten Koasalauf im Jahr 1973 war Franz Puckl endgültig ins Langlaufen verliebt und reiste von nun an auch im Winter um die Welt. Schon zwei Jahre später nahm Puckl am legendären Wasalauf in Schweden teil. Seit seinem ersten Antreten beim Koasalauf in St. Johann in Tirol fand der Bewerb kein einziges Mal ohne seine Beteiligung statt. „Heutzutage lassen sie mich früher starten, weil ich der Puckl Franz bin. Die wollen nicht im Ziel auf mich warten“, scherzt der Pensionist.

Text: Haris Kovacevic

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