Koasa-Bezwinger oder das Happy End der Nordic-Team-Tirol-Saga

Aktualisiert am 04.03.2019AlexanderAlexander

Fünf Monate lang haben wir auf ein Ziel hintrainiert: auf die Teilnahme am Koasalauf. Jetzt ist der große Tag gekommen. Am letzten der fünf Wochenenden des Nordic Team Tirol geht es in die Kitzbüheler Alpen nach Hochfilzen und Sankt Johann. Werden die Langlaufskills für 50 Kilometer reichen? Wird es jeder ins Ziel schaffen? Und welche Rolle spielen dabei Sekt, Cola und Kaffee? Ein Erlebnisbericht über Qualen und Freude.

Bei Kilometer 45 fange ich an zu lächeln. Bislang schwankte mein Gesichtsausdruck zwischen latenter Qual und masochistischem Spaß. Jetzt: Glück. Einfach nur Glück. Denn ich weiß, jetzt muss ich es nur noch fertig laufen. Noch fünf Kilometer. Ein Klacks. Gleich bin ich da. Gleich ist es geschafft. Die letzten hundert Meter rennen die anderen Nordic-Team-Tirol-Mitglieder neben mir her. Sie haben bereits auf der Zielgeraden gewartet. Sie jubeln, klatschen, feuern an. Und dann kommt Meike mit der Flasche. Sektdusche beim Überqueren der Ziellinie. Wer braucht schon einen Podestplatz, wer braucht schon eine Bestzeit? Was sich bei uns Bahn bricht, sind pure Glücksgefühle. Das Nordic Team Tirol hat fünf Monate lang auf diesen Tag, auf diesen Moment hingearbeitet. Und nun liegen wir uns freudestrahlend in den Armen. Wir haben ihn bezwungen, den Koasalauf, im 50 Kilometer Skating. 50 Kilometer – das ist vom Marienplatz in München bis zum Ortseingang Bad Tölz, vom Ortsausgang Kitzbühel bis nach Zell am See.

Auf den letzten Metern vor dem Ziel gibt es eine Sektdusche und lauten Jubel von Meike, Kaddi und dem restlichen Nordic Team Tirol.

Zwei Tage zuvor: Das fünfte und damit letzte unserer gemeinsamen Wochenenden nimmt seinen Anfang in Hochfilzen. Zumindest für einen Großteil des Nordic Team Tirol. Für mich beginnt es im Zug. Auf der Strecke von Hamburg nach München wird Sitzplatz 22 im Wagen 21 deutlich länger zu meinem temporären Zuhause, als ich es erwartet und erhofft habe. „Unfall mit Personenschaden“ heißt es kurz nach Hannover. Eine siebenstündige Verspätung ist das Ergebnis. Statt abends um halb neun komme ich nachts um halb vier in München an. So war das nicht geplant. Und auch die Fahrt nach Hochfilzen am nächsten Morgen dauert doppelt so lange wie erwartet. Ob das ein schlechtes Omen ist? Will mich eine höhere Macht von der Teilnahme beim Koasalauf abhalten? Was die letzten beiden Trainingseinheiten vor dem Rennen angeht, ist dieser Plan jedenfalls aufgegangen. Die verpasse ich nämlich ebenso wie das gemeinsame Abendessen am Freitag mit anschließender nächtlicher Rodelabfahrt. Etwas neidisch sitze ich in meinem ICE-Gefängnis und schaue mir die Geschichten von Fabian und Laura auf Instagram an. Genau so habe ich mir die Vorbereitung auf eines der aufregendsten Wochenenden der letzten Jahre vorgestellt. NICHT!

Eine schwere Entscheidung

Ich mache es kurz: Am Samstagnachmittag, weniger als 24 Stunden vor dem Start unseres 50-Kilometer-Skating-Rennens, komme ich endlich an. Aber wer ein echter Volkslangläufer werden (oder vielleicht sogar: sein) möchte, darf sich davon nicht aus der Ruhe bringen lassen. Positive Resignation lautet mein Motto. Immerhin geht es mir besser als Christian. Er ist zu krank, zu angeschlagen um teilzunehmen. Das entscheidet er am Samstagnachmittag, als wir im Wettkampfbüro des Koasastadions in Sankt Johann unsere Starterpakete abholen – bestehend aus dem Leiberl mit Startnummer, dem Chip zur elektronischen Zeiterfassung, Zinktabletten und Energy-Gels gegen den Hunger und für die Extraportion Power während des Rennens. Er versucht, es sich nicht anmerken zu lassen, aber die Entscheidung ist eine schwierige für ihn. „Es fühlt sich so an, als hätte man es einfach nicht geschafft“, sagt er mir später.

„Na, na – des werd scho.“

Über fünf Monate trainieren wir – neben unserer Arbeit, unseren Jobs, unseren Familien, unserem Studium – auf dieses Ziel hin. Und dann nicht antreten zu können, das schmerzt. Wie emotional angespannt wir in dieser Phase sind, merkt man auch an Laura. Sie lag die komplette letzte Woche flach. Erkältung. Und jetzt? Antreten – ja oder nein? 28 Kilometer oder doch 50? Jetzt steht sie im Wettkampfbüro und muss sich entscheiden. Man kann ihr den inneren Kampf mühelos im Gesicht ablesen. „Ich bleib’ bei den 50“, sagt sie schlussendlich. Gequält, aber doch mit einem Lächeln.

Das mit der Absprungchoreographie müssen wir noch üben. Einen Tag vor dem großen Wettkampf holen wir unsere Startnummern ab.

Streckenbesichtigung mit Urban

Dann geht es zur Streckenbesichtigung mit unserem Cheftrainer Urban Lentsch. Wir stehen direkt am Start und betrachten uns den Teil der Loipe, den man von hier sehen kann. Es sind etwa 400 der insgesamt 50.000 Meter, die wir am nächsten Tag zurücklegen werden. Oder vorsichtig ausgedrückt: zurücklegen wollen. „Da vorn geht’s dann glei aufe, dann kimmt nochmal a steiles Stück durch den Wald, und dann geht es fast nur noch gradaus“, sagt Urban. Das klingt so locker-flockig, wenn er darüber spricht.

Und knappe 400 Höhenmeter auf die komplette Distanz sind ja eigentlich nicht so wild, doch wenn ich mir das Höhenprofil auf der Homepage des Koasalaufs anschaue, wird mir angst und bange. Das sieht nicht aus wie ein Höhenprofil, sondern eher wie der Querschnitt durch das Himalaya-Massiv. Riesige Anstiege gefolgt von bedrohlich steilem Gefälle. Ich konfrontiere den Cheftrainer mit meinen beunruhigenden Gedanken. „Na, na – des werd scho.“ Urban hat einfach die Ruhe weg. Zum Glück, denn genau diese Ruhe können wir jetzt gut gebrauchen. Ruhig – zumindest für die Verhältnisse des Nordic Team Tirol – geht es dann auch beim Abendessen zu. Die Anspannung ist greifbar. Ob vielleicht der Koasalauf-Flachmann sie eliminieren kann? Ich probiere es mit einem Schluck. Und einem zweiten. Und einem dritten. Nein, Anspannung und Nervosität sind noch immer da.

Streckenbesichtigung: Urban zeigt uns die wichtigsten Stellen der Loipe und macht gleichzeitig Mut. Den schlimmsten Anstieg haben wir nach den ersten fünf Kilometern bereits hinter uns.

„Macht euch keine Sorgen. Ein paar Kilometer vor dem Ziel warten wir mit einem echten Power-Getränk auf euch“, sagt Raphi. „SeCoKa. Sekt, Cola und Kaffee!“ Mir fallen sofort drei Dinge ein. Erstens: Eklig! Zweitens: Ich mache mir noch immer Sorgen. Drittens: Wer denkt sich so eine flüssige Abartigkeit aus? Aber gut, unsere Trainer werden schon wissen, was sie machen. Zurück ins Hotel, die abendlichen Kicker- und Billard-Partien dort laufen eher unter dem Motto „Kurz vor dem Wahnsinn wird es nochmal lustig“. Dann gehe ich ins Bett, um mich drei Stunden lang herumzuwälzen und dann in einen schlafähnlichen Lethargie-Zustand zu verfallen.

Ah, ha, ha, ha stayin’ alive

Ein schrilles Klingeln durchschneidet den Raum. Das Geräusch eines Weckers ist an Wettkampftagen viel unbarmherziger als sonst. So wie zu Schulzeiten, wenn eine Französisch- oder Mathe-Klausur anstand. Ein kurzes Frühstück, dann zwänge ich mich im Zimmer in meinen Rennanzug, stecke den Chip für die Zeitmessung unter den Schneeschutz des Langlaufschuhs, lege meine Startnummer an, rücke vor dem Spiegel das Stirnband zurecht, setze die Brille auf, frage mich, weshalb ich das eigentlich mache, und gehe zum Teambus. Los geht’s von Hochfilzen nach St. Johann ins Koasastadion. Unser Trainer Steve mutiert kurzerhand zum Busfahrer. Und zum DJ. Er schließt sein Handy an und dreht die Musik auf. Bee Gees. Stayin’ Alive. Wirklich, Steve?

Das nun folgende Prozedere kennen wir bereits von unserer Generalprobe beim 36-Kilometer-Ski-Trail im Tannheimer Tal. Die frisch gewachsten Skier abholen, ein paar Bewegungseinheiten, um warm zu werden, dann auf die Bretter, einlaufen und mit dem Material vertraut machen. Raphi winkt uns zusammen. Eine Motivationsrede des Trainers. Und was für eine: „Jetzt stehen wir hier – in Lycra gepackt. Optisch sind wir schon mal Sieger. Das heute ist euer Tag. Schweiß, Blut und Tränen der letzten Monate – das ist alles für heute gewesen. Genießt’s es, gebt Gas. Wir sehen uns auf der Ziellinie wieder!“ Ich habe Gänsehaut. Klar, hat ja auch noch unter 0 Grad. Aber ernsthaft: So eine Ansprache gibt nochmal einen echten Motivationsschub. Wir legen die wärmenden Jacken und Westen ab. Jetzt wird es ernst.

Ein Meer aus 350 Läufern setzt sich in Bewegung

Der Countdown läuft. Rechts neben mir stehen Laura, Meike und Kaddi, links von mir Fabian. 3, 2, 1 – die Schützen geben den Startschuss ab. Mit Doppelstockschub geht es los. Über 350 Menschen setzen sich gleichzeitig in Bewegung. Weitere 350 folgen drei Minuten später in der zweiten Starterwelle. Es ist ein unglaubliches Bild, dieses Meer aus Langläufern. Meer trifft es irgendwie ganz gut, denn auf den ersten hundert Metern wird man wie von einer Welle mitgetragen; all diese Eindrücke, die Anfeuerungsrufe aus den Lautsprechern, die läutenden Kuhglocken und das Klatschen der Zuschauer links und rechts der Loipe.

Gleich wird es ernst: Laura und ich haben bereits die Startpositionen eingenommen. Gleich folgt der Startschuss, dann werden sich über 350 Läufer auf einmal in Bewegung setzen.

„Das ist unser Tag“

Es ist, wie Raphi es versprochen hat: Das ist unser Tag. Leider trägt mich die Welle nicht auch automatisch den Anstieg hinauf, der bei Kilometer 2 folgt. Und der hat es in sich. Über 100 Höhenmeter sind auf einem knappen Kilometer Distanz zu bewältigen. Ein wildes und mal mehr, mal weniger koordiniertes Arbeiten von hunderten von Stöcken und Langlaufskiern.

 

Schlimmer als der Anstieg wird dann jedoch leider die Abfahrt. Statt die Langlaufskier in der Kurve umzusetzen, versuche ich über die nicht vorhandenen Kanten zu fahren – und lande nach einigen Purzelbäumen neben der Loipe. Hoffentlich hat’s keiner gesehen. Pech gehabt, direkt hinter mir höre ich ein Schneemobil. Es zieht einen großen Anhänger – darauf sitzt Charly und lacht. Charly ist unser Fotograf und begleitet uns seit dem ersten Wochenende. Wie in einer guten Ehe: in guten wie in schlechten Zeiten. Beim Zieleinlauf, aber auch bei jedem Sturz ist er an Ort und Stelle. Wie ein Sport-Paparazzo hält er meinen Sturz im Bild fest. „Geht scho, Alex. Auf geht’s, fast geschafft“, ruft er mir aufmunternd zu. Ich grinse. Wir sind bei Kilometer 5. Dann folgt ein sonores Brummen, das Schneemobil zieht vorbei, um die anderen Läufer des Nordic Team Tirol im Feld zu suchen. Ich bin motivierter als vor zwei Wochen in Tannheim, ganz in meinen Rhythmus komme ich dennoch nicht.

„Ich habe eine wichtige Lektion gelernt: Informiere dich schon vor dem Rennen über den Schlussläufer – er könnte dein wichtigster Verbündeter werden.“

Drei Kilometer später höre ich einen sehr gleichmäßigen und rhythmischen Stockeinsatz hinter mir. Ich drehe mich um. „Bist du der Schlussläufer?“ „Ja, bin ich.“ „Dann bist du also der Martin. Servus Martin, ich bin Alex.“ Beim Ski Trail im Tannheimer Tal habe ich eine wichtige Lektion gelernt: Informiere dich schon vor dem Rennen über den Schlussläufer – er könnte dein wichtigster Verbündeter werden. Für eine lange Zeit. Während wir dahinlanglaufen, reden wir über den Sport, über unser Projekt und – wenn man vom Teufel spricht – über Urban Lentsch, der mir in der aus drei Läufern bestehenden Spitzengruppe schon wieder entgegenkommt und sogar noch Puste für ein freudiges „Servus Alex. Geht scho!“ hat. Um es vorweg zu nehmen: Urban wird mit weniger als einer halben Sekunde Abstand zum Erstplatzierten Dritter werden.

So eine siegessichere Pose bei Kilometer 23? Hoffentlich ist das keine maßlose Selbstüberschätzung.

Doch bei Kilometer zwölf muss ich Abschied nehmen von Martin – ich überhole eine rote Startnummer und bin somit nichtmehr amtierender Letzter. „Wir sehen uns beim nächsten Anstieg sicher gleich wieder“, rufe ich im Vorbeilaufen. Einen Platz gutzumachen gibt Motivation und Energie. Jetzt läuft’s. Runder, rhythmischer, flüssiger, schneller. Bald treffe ich auf Marlene und wir laufen gemeinsam für etwa zehn Kilometer, unterhalten uns, genießen die Landschaft und trinken an einer Verpflegungsstation gemeinsam einen Tee. Bei Kilometer 25 trennen sich unsere Wege. Sie biegt auf die letzten drei Kilometer der 28-km-Strecke ein, für mich beginnt die zweite Hälfte des Rennens.

Später fällt mir auf, dass ich in keinem Moment darüber nachgedacht habe, die kürzere Distanz zu wählen. Ein gutes Zeichen oder maßlose Selbstüberschätzung? Ich versuche, nicht weiter über diese Frage nachzudenken und das Rennen zu genießen. Das ist nicht immer einfach, die Beine werden schwerer, die Schulter beginnen zu brennen und ich merke schon unter den Handschuhen, dass ich die eine oder andere Blase von den Stöcken bekomme.

Unsere Heiligtümer: Auf die Stöcke müssen wir insbesondere beim Start gut aufpassen, denn wenn einer kaputt gehen sollte, wird es schwierig, die 50 Kilometer durchzustehen.

Die nächsten Kilometer sind eine Gratwanderung zwischen extremer sportlicher Belastung (meine Uhr zeigt später einen Maximalpuls von 204) und meditativer Bewegungstherapie. Denn wenn man mal im Flow ist, läuft es sich fast wie von alleine, und man schaut sich die verschneiten Berge, plätschernden Bäche und die immer wieder am Rand der Loipe stehenden Zuschauer an.

Plötzlich tauchen eben dort zwei bekannte Gesichter auf: Raphi und Steve. In ihren Händen eine große Flasche SeCoKa. Nach 48 Kilometern schmeckt selbst SeCoKa gut. Ob es das Getränk ist oder die Tatsache, dass sich das Ziel in Sichtweite befindet – die letzten 2000 Meter scheine ich eher über dem Schnee zu schweben. Da läuft es fast von alleine. Die Müdigkeit in den Beinen ist verschwunden, Glück, Freude und sogar ein bisschen Stolz brechen sich Bahn. Und was dann passiert: Siehe erster Absatz.

Bereits 50 Minuten vor mir kam Fabian als erstes Teammitglied über die 50 Kilometerdistanz im Ziel an. Mit 2:55 Stunden liegt er exakt eine Stunde hinter dem Sieger. Ich bleibe mit meinen 3:44 Stunden deutlich unter meinem selbstgesteckten Ziel von viereinhalb Stunden. Die anderen beiden persönlichen Ziele waren ähnlich wie im Tannheimer Tal: überleben und ankommen.

Das Fazit

Jetzt ist es also geschafft, das Ende einer Saga. Das Experiment „Nordic Team Tirol. Vom Newbie zum Langläufer“ ist geglückt, und wir liegen uns freudestrahlend in den Armen. Zeit, ein Fazit zu ziehen: Auch wenn es immer wieder schwierige Momente gab – physisch und psychisch – hat in all diesen Wochen immer eines überwogen: der Spaß. Der Spaß am Langlaufen, an unseren Trainingswochenenden, an den eigenen Entwicklungen und Erfolgen und an der gemeinsamen Zeit mit dem Team und den drei weltbesten Trainern. Danke, Nordic Team Tirol, Danke Urban, Raphi und Steve. Koasa 2020 – wir sehen uns wieder!

Vom Langlauf-Newbie zum Pro: das Nordic Team Tirol
Alexander

Alexander Zimmermann ist so oft es geht am Berg – meist jedoch in Wander- oder Kletterschuhen. Auf Alpinen Ski steht er seit er fünf ist, jetzt feiert er Langlauf-Premiere. Als Journalist und Stratege pendelt er zwischen München, Hamburg und Heidelberg.

Zum Autor »

Keine Kommentare

nach oben
nach unten