Alles außer gewöhnlich: der Trinserhof im Gschnitztal

Aktualisiert am 23.04.2019IreneIrene
Der Trinserhof im Wipptal

Wer ein Hotelzimmer und Service von der Stange sucht, ist im Trinserhof ganz falsch. Hotelier Jörg Covi führt in dritter Generation dieses Haus, das seinen Charme und Reiz aus einer einzigartigen, höchstpersönlichen Mischung von Altmodischem und Zeitgemäßem schöpft.

Wenn es Hotel- oder Restaurantgäste aus- und nachdrücklich wünschen, dann bereitet ihnen Harry Covi auch einmal eine Paella zu. Schließlich hat er Teile seines Lebens als Koch in Spanien verbracht und weiß, was er tut. Aber eigentlich sind seine Spezialitäten und Kochvorlieben gutbürgerlicher, klassisch österreichischer Art: ein Zwiebelrostbraten, Salzburger Nockerln, Frittatensuppe…

„Am ehesten könnte man das ,Tiroler Landhausstil’ nennen“

Wir sitzen an einem tiefwinterlich ausgefallenen Frühlingstag in der Bibliothek des Trinserhofs. Harry Covi, der Chefkoch, sein älterer Bruder Jörg Covi, der das Hotel leitet, und Margit Covi, die 90-jährige Mutter der beiden, die „gar nichts mehr tut“, aber wunderbare Anekdoten zu erzählen hat. Draußen haben gerade binnen weniger Stunden 30 Zentimeter Neuschnee das Gschnitztal in eine dicke weiße Federdecke eingemummt, hier drin sitzen wir eingehüllt in eine Atmosphäre, die ihresgleichen sucht.

Der Trinserhof ist weder Bauernhaus noch Schlösschen (hat aber von beidem etwas), weder ganz rustikal noch ganz bürgerlich eingerichtet, altmodisch in manchen Details, absolut zeitgemäß mondän in anderen — ein eigentlich unmöglicher Hybrid, der in sich dennoch stimmig wirkt. „Am ehesten könnte man das ,Tiroler Landhausstil’ nennen“, definiert Margit die Mischung.

Weder Bauernhaus noch Schlösschen – der Trinserhof hat seinen ganz eigenen Stil.

Eine Mischung zwischen bäuerlichen und zeitgenössischen Details machen den Trinserhof aus.

Die handbemalten Teller erinnern an eine alte Bauernstube.

Margit und die sieben Männer

Jörg und Harry sind bereits die dritte Generation Covis im Trinserhof. Der Großvater, ein aus Südtirol gebürtiger Hotelier, kaufte das in den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts erbaute Hotel im Jahr 1941. Sohn Harald und dessen Ehefrau Margit führten ab den Fünfzigerjahren nicht nur das Hotel, sondern zogen auch fünf Söhne groß. „Mein Mann ist mit den Gästen auf die Berge“, erzählt die heutige Seniorchefin, „und ich habe mich da im Haus mit sieben Männern herumgeschlagen.“

Jörg, Jahrgang 1952, werden voraussichtlich irgendwann Jörgs Zwillingstöchter nachfolgen, auch wenn die beiden jungen Frauen zurzeit in völlig anderen Branchen arbeiten: Jennifer ist Tierärztin, Jessica Produkt- und Industriedesignerin.

Das Gschnitztal ist ein Seitental des Wipptals, unweit von Innsbruck, schon ganz nah am Brenner. Zwei Dörfer, Trins am Taleingang, Gschnitz ein paar Kilometer weiter Richtung Talschluss, eine Hochgebirgskulisse, die Bergsteiger mit der Zunge schnalzen lässt: Blaser, Habicht, Gschnitzer und Pflerscher Tribulaun. Trins „hat 1.200 Einwohner und liegt auf 1.200 Höhenmetern, das merkt man sich leicht“, lacht Jörg.

„Viele Gäste, die Hotels in der ganzen Welt kennen, sehnen sich regelrecht nach der Individualität, die sie bei uns bekommen.“

In wenigen Wochen werden Trins und Gschnitz offiziell in den exklusiven Kreis der „Bergsteigerdörfer“ aufgenommen. Dieses länderübergreifende Gütesiegel der Alpenvereine im Ostalpenraum steht für sanften, nachhaltigen Tourismus, für die Bewahrung alter dörflicher Infrastruktur und Architektur, für eine behutsame Land-, Forst- und Tourismuswirtschaft, kurz: für die Bedürfnisse von Einheimischen und Gästen, die sich der nur vermeintlich zwingenden Logik „größer, schneller, lauter, mehr“ entgegenstemmen.

Kunst, Krempel und viele Anekdoten

In dieser keineswegs altmodischen Zurück-Haltung führt auch Jörg Covi seinen Trinserhof mit „18 Zimmern, Tendenz fallend“.  Kleinere Räume legt er zu großzügigen Suiten zusammen, modernisiert und renoviert in eigenhändiger, geduldiger Kleinarbeit nach und nach sämtliche Räumlichkeiten. Und vor allem richtet er jedes einzelne Zimmer individuell ein, großteils mit Schätzen aus dem schier unendlichen Bestand des Großvaters, der ein leidenschaftlicher Sammler von bäuerlichen Gerätschaften, Möbeln, Kunst und Krempel jeder Art war.

Vater und Tochter haben gemeinsam das Buch „Hotel Trinserhof – Zeitreise“ geschrieben.

Die Bar ziert nicht nur ein Filmplakat des Hollywood-Schinkens „The Last Valley“ („Das vergessene Tal“), der 1969 im Gschnitztal gedreht wurde und u.a. Superstar Omar Sharif als Gast in den Trinserhof führte. Da hängt auch ein heute sehr wertvolles Original des Tiroler Werbegrafikers Heinrich C. Berann (1915—1999), der vor allem mit seinen Panoramakarten weltberühmt wurde. Hier schmückt ein Paar Holzskier von Anno Schnee eine Zimmerwand, dort gibt ein großes Messing-Teleskop einem anderen Gästezimmer den Namen „Fernsehzimmer“, weil man mit dem Gerät eben gut in die Ferne schauen kann.

Jeden Tag etwas Neues

Das Einzelzimmer mit dem bäuerlich geschnitzten und bemalten Himmelbett und dem zerzausten Teddybären finden nach Jörgs Erfahrung besonders allein reisende Frauen entzückend.

Das Einzelzimmer ist besonders bei alleinreisenden Damen beliebt.

Und hin und wieder steuert Designerin Jessica einen Schemel oder ein anderes Stück aus einer ihrer Kleinmöbelkollektionen zur Ausstattung eines Zimmers bei und schafft so reizvolle Brüche zwischen Alt und Neu, dem aus der Zeit Gefallenen und dem unserer Zeit Gemäßen.

Modernes Design trifft auf Tradition.

Jörg hat zu jedem Zimmer, jedem Möbelstück, jedem schmückenden Accessoire eine Geschichte zu erzählen und festgestellt, dass „gerade auch vielen jungen Leuten offenbar gefällt, dass bei uns nichts von der Stange ist. Viele Gäste, die Hotels in der ganzen Welt kennen, sehnen sich regelrecht nach der Individualität, die sie bei uns bekommen.“

Ist es mehr Lust oder mehr Last, ein derart traditionsreiches Haus zu führen? Jörg Covi reagiert fast erstaunt: „Last? Nein, so habe ich das nie gesehen. Es ist spannend, weil man interessante Menschen trifft. Und es passiert jeden Tag etwas Neues.“

Irene

Die Journalistin, Autorin und Moderatorin Irene Heisz schreibt am BlogTirol scharfsinnig und mit dem ihr typischen Augenzwinkern über Tirol, die Tiroler und deren kuriose Eigenheiten.

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1 Kommentar

Dean HATZL

sicher hundert mal vorbeigefahren.

Sehr interessanter Artikel.

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