Tirol erklärt: Föhn

24.04.2019BenjaminBenjamin
Föhnwolken über dem Außerfern. (c) Tirol Werbung/Simon Toplak

Ein berühmter Fallwind bereitet vielen Tirolern Kopfschmerzen. Der Föhn, der meist vom Süden über Innsbruck weht, ist ein komplexes Phänomen, das tatsächlich den Körper beeinflusst. Wir haben mit zwei Experten darüber gesprochen.

Es gibt ihn in den Rocky Mountains, in Südamerika, in Japan, in der Antarktis und in den Alpen, generell überall, wo es Gebirge gibt. Die Rede ist vom Fallwind, der hierzulande Föhn genannt wird. Der warme, starke, meist trockene Wind weht manchmal tagelang in und in der Umgebung von Innsbruck. Seine Böen erreichen mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 150 km/h (der Rekord liegt bei über 200 km/h) Orkanwerte. Einige Bewohner der Föhngebiete klagen beizeiten über Kopfschmerzen und andere Beschwerden, mit Sicherheit über zerzauste Haare – sogar der Flugverkehr muss entsprechend angepasst werden.

Alexander Gohm und Christian Schubert beschäftigen sich aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Blickwinkeln mit dem Föhn: Der eine ist Meteorologe am Institut für Atmosphären- und Kryosphärenwissenschaften der Universität Innsbruck, der andere ist Psychologe und Arzt an der Innsbrucker Klinik.

Woher der Wind weht

Alexander Gohm hat sich in seiner Forschung auf alpine Windphänomene spezialisiert. „Wind ist die Folge einer Strömung, die versucht, einen Druckunterschied auszugleichen“, erklärt er. Um den Föhn ansatzweise zu verstehen, muss man bei den Basics beginnen. Vom Mittelmeer treffen großräumige und oft feuchte Strömungen auf die Alpen. Beim sogenannten „hochreichenden Südföhn“ blockiert der Alpenhauptkamm diese Strömung auf der Luvseite (in diesem Fall der südlichen Seite) – die Luft wird zum Absteigen in die nördlichen Täler (also beispielsweise ins Inntal) gezwungen. Dabei erwärmen sich die Luftmassen. Diesen Effekt erklärt Gohm mit einer Fahrradpumpe: „Wenn ich eine Fahrradpumpe zusammenquetsche, dann merke ich, dass sie mit der Zeit warm wird.“ Durch das Absinken ins Tal wird die Luft aufgrund des steigenden Luftdrucks komprimiert und adiabatisch (also ohne Wärmeaustausch) erwärmt. Aus diesem Grund steigt die Temperatur des Windes rund einen Grad Celsius pro hundert Höhenmeter.

Dieser Prozess ist nur einer von vielen, der die Erwärmung bei Föhn und somit den Temperaturunterschied zwischen Alpennord- und Alpensüdseite erklärt. Niederschlag kann etwa ein anderer begünstigender Faktor sein: In manchen Fällen ist die großräumige Strömung, die vom Süden auf die Alpen trifft, sehr feucht. Wenn sie schließlich auf der Luvseite zum Aufsteigen gezwungen wird, kondensiert der Wasserdampf, was dort zu Wolkenbildung und Niederschlag führt. Die dabei freigesetzte Wärme verursacht beim Absinken im Lee höhere Temperaturen in den Tälern der Alpennordseite. Auf diese Weise erwärmt sich der Föhn allerdings nur bei ausreichendem Niederschlag.

So entsteht der Föhn.

Innsbrucks größte Badewanne

Wann der Föhn letztlich in Innsbruck zu spüren ist, ist schwer zu sagen. Am Himmel können schon längst die auf Föhn-Bedingungen hindeutenden Zigarrenwolken oder Föhnfische zu sehen sein, obwohl es im Tal windstill ist. Grund dafür ist ein Kaltluftsee im Inntal. Alexander Gohm versucht, das Phänomen zu vereinfachen: „Mit dem Kaltluftsee ist es wie mit einer mit Wasser gefüllten Badewanne.“ Der Föhn strömt vom Brenner durch das Wipptal, einer natürlichen Lücke im Gebirge (in der Fachsprache „Föhnschneise“ genannt), seitlich in das Inntal und schöpft den See aus. Die Durchmischung der warmen Föhnluft und des Kaltluftsees bereitet vor allem Piloten Kopfschmerzen. Turbulenzen toben über der Stadt und die Windrichtung kann sich plötzlich ändern. In Föhnzeiten muss das Flughafenpersonal nahenden Flugzeugen oft kurzfristig mitteilen, von welcher Seite gelandet werden darf. Sogenannte Fractus, also zerfetzte Wolken oder „Rotorwolken“, deuten auf diesen prekären Zustand hin. Im Raum Innsbruck bilden sich Rotorwolken oft vor der Nordkette. Dort gibt es eine starke Aufwindzone, einen „hydraulischen Sprung“, der in etwa mit einem Hindernis in einem Fluss zu vergleichen ist, über das sich das stromabwärts fließende Wasser sprungartig hinwegsetzt. „Wie in einer Waschmaschine“ kann es so in einer Rotorwolke sein.

Die über dem Kammniveau schwebenden Föhnfische (Cumulus lenticularis) entstehen durch Wellenbewegungen in der Atmosphäre. Im Wellenberg, dem Höhepunkt, expandiert die Luft, kühlt ab und kondensiert – es bilden sich Wolken. Die Strömung über den Alpen gibt ihnen schließlich ihre Form.

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Mit dem Forschungsprojekt PIANO versucht Alexander Gohm, den Föhn in großem Stil zu untersuchen. Für den Alltag im Inntal ist es wichtig, mehr über dieses Naturphänomen herauszufinden. „Das Ziel des Projektes ist es, die Prozesse, die zum Durchbruch und zum Zusammenbruch des Föhns beitragen, besser zu verstehen.“

Was ist dran an Wetterfühligkeit?

Auch für Christian Schubert ist der Föhn ein komplexes dynamisches System. Mit einem eigens entwickelten Forschungsdesign, der „integrativen Einzelfallstudie“, untersucht er den Einfluss komplexer Phänomene auf den Menschen, kurz: Schubert will unter anderem herausfinden, wie Föhn sich auf das Immunsystem und die Entstehung von Krankheiten auswirkt. Im Föhn bündeln sich Unterschiede in Windgeschwindigkeit, Temperatur, Luftdruck und Luftfeuchtigkeit. „Von diesen vier Wetterelementen wissen wir, dass sie eine Auswirkung auf Körper und Psyche haben“, erläutert Schubert. Bis dato haben andere Tiroler Wissenschaftler herausgefunden, dass die Eigenschaften des Föhns etwa die Selbstmordrate bei depressiven Menschen und die Herzinfarktrate erhöhen können. Auch der Allgemeinzustand empfindlicher Personen dürfte durch den Föhnwind beeinträchtigt sein.

Belastend für Psyche und Körper kann nicht nur die Intensität des Wetters sein, sondern zum Beispiel auch die hochfrequenten Schwankungen des Luftdrucks, wie sie während Föhnperioden vorkommen. Christian Schubert weiß: „Der Körper muss in diesen Situationen mitschwingen. Wenn sich Wetterphänomene stark verändern, dann verändern auch wir uns und müssen uns resonant an diese Bedingungen anpassen.“ Ein Rätsel der Forschung ist die Frage, wie diese Wetterphänomene genau auf den Menschen wirken – noch ist nicht klar, ob das Wetter über das Immunsystem die Psyche oder über die Psyche das Immunsystem verändert und welche Wechselwirkungen hierbei bestehen.

Wetterfühlige Menschen, die in Föhnzeiten über Kopfschmerzen und andere Beschwerden klagen, nimmt Schubert ernst. Die fundierte Erforschung des Zusammenhangs zwischen Föhn und Gesundheit ist noch relativ jung. Dennoch ist Schubert überzeugt, dass handfeste Ergebnisse den Umgang mit der weitverbreiteten Wetterempfindlichkeit positiv verändern könnten. Bis dahin hilft wohl nur der Trost, dass man mit Kopfschmerzen an Föhntagen nicht der einzige ist.

Benjamin

Benjamin Stolz liebt und lebt die Gegensätze des Alpenlandes. Als Tiroler mit Höhenangst, papiervernarrter Blogger und Stadtmensch vom Land ist er der Meinung, dass es in Tirol mehr zu entdecken gibt, als man glaubt.

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