Einsteigen, umsteigen, aufsteigen

Aktualisiert am 24.02.2020AlexanderAlexander
U-Bahn-Station in Serfaus. Foto: Andreas Kirschner

Der Urlaub beginnt mit der Anreise. Ein Bericht über schmale Spuren mit breiter Wirkung, Mobilitäts-Flatrates, U-Bahnen in Orten auf 1400 Meter über dem Meer – und den Herausforderungen auf dem Weg zu smarten Verkehrslösungen.

„Wir müssen einfach lernen, Mobilität als Ressource zu sehen“, sagt Ekkehard Allinger-Csollich. Der oberste Verkehrsexperte Tirols blickt direkt vor seinem Büro im Amt für Verkehrsplanung im Herzen Innsbrucks auf den Radweg entlang des Inns. Direkt daneben: die B 171. Eine der Hauptverkehrsadern Innsbrucks, auf 160 Kilometern führt sie von Kufstein zum Arlberg. Keinen Kilometer Luftlinie entfernt: der Innsbrucker Hauptbahnhof. Allinger-Csollich ist von Verkehr aller Arten umgeben. Und er sagt: „Mobilität steht nicht unbegrenzt zur Verfügung. Deshalb müssen wir damit sorgsam umgehen. Wir müssen richtig wirtschaften.“

Tirol ist Besucher-Magnet, Reiseland, Heimat. Und in vielen Mobilitätsbereichen Impulsgeber und Vorreiter. Ekkehard Allinger-Csollich ist Anfang 50 und Optimist. Er weiß, dass auch kleine Änderungen große Auswirkungen haben können. Er berichtet von den 1980er-Jahren, als die Gästekarte eingeführt wurde – sie beinhaltet bis heute vielerorts die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs, im Winter von Skibussen, im Sommer häufig von Seilbahnen, teilweise sogar den Eintritt in Museen oder Schwimmbädern. „Das hat zu drastisch weniger Autoverkehr in den Tiroler Orten und dadurch auch zu mehr Lebens- und Urlaubsqualität geführt“, sagt Allinger-Csollich. Es ist ein kleines Beispiel, das Hoffnung macht. Herausforderungen gibt es noch genug.

Nur vier Prozent des Co2-Fußabdrucks eines Winterurlaubers entfallen auf die Nutzung der Bergbahnen. Mehr als die Hälfte auf Unterkünfte und Gastronomie, und 39 Prozent der Emissionen auf die An- und Abreise. Gewiss: Bei Flugreisen sieht die Bilanz deutlich schlechter aus. Aber wer den Fußabdruck verringern will, muss auch bei An- und Abreise ansetzen. Für die Verkehrsplaner in Tirol bedeutet das: attraktive Angebote neben dem Individualverkehr schaffen.

Tirol hat schon jetzt ein großes, öffentliches Infrastruktur-Netz, das bis in die letzten Winkel des Landes und bis in alle Täler reicht. Das Schienen- und Busstraßennetz des Bundeslandes umfasst rund 8.800 Kilometer, mehr als 40 Millionen Kilometer legen öffentliche Busse und Bahnen in Tirol im Jahr zurück. Dass der öffentliche Verkehr auf vielen Strecken das Auto überflüssig machen kann, ist keine bloße Vision – sie schlägt sich in Tirol in Zahlen nieder. Vor allem in den letzten zehn Jahren.

Das LIniennetz des VVT deckt im Winter wie im Sommer die Tiroler Täler ab.

Die „Öffi-Flatrate“ – eine Erfolgsgeschichte

Beim Schienenverkehr steigen die Zahlen der Zug- und Straßenbahnfahrer Jahr für Jahr. „Vor vier Jahren haben wir einen Flatrate-Tarif für den öffentlichen Nahverkehr eingeführt. Es war der Startschuss für ein äußerst erfolgreiches Verkehrsprojekt“, sagt der Verkehrsplaner. Das Ticket kostet 509 Euro und gilt für ein Jahr für sämtliche öffentlichen Busse, Bahnen und andere Verkehrsmittel im Tiroler Nahverkehr. Seit 2008 hat sich die Zahl der Inhaber von Jahrestickets fast verdreifacht. Von 50.000 Tirolern mit Dauerfahrkarte auf zuletzt über 125.000. Es bringt in Tirol nicht nur die Pendler auf Schiene und in Busse. „Besonders im Freizeitverkehr an den Wochenenden haben wir massive Zuwächse“, berichtet der Verkehrsplaner. Der Erfolg soll jetzt wiederholt werden. Mit dem Programm „Tirol auf Schiene“, das auf Besucher zielt. Der Anteil der mit dem Zug anreisenden Touristen soll kurzfristig verdoppelt werden. Kamen im Jahr 2013 noch fünf Prozent der Urlauber mit dem Zug, sollen es Ende 2020 zehn Prozent sein. Tirol soll zu Österreichs Bahnreiseland Nummer eins werden.

Zurzeit diskutiert Österreich das „1-2-3-Ticket“. Ebenfalls ein Flatrate-Ansatz, allerdings ein landesweiter. Für einen Euro pro Tag (also 365 Euro im Jahr) soll man ein Jahresticket für ein komplettes Bundesland erwerben können. Für das Doppelte – 730 Euro – erhält man ein Jahresticket für zwei Bundesländer. Drei Euro pro Tag und damit 1095 Euro jährlich würde ein Jahresticket für alle öffentlichen Verkehrsmittel in Österreich kosten. Zu den nutzbaren Verkehrsmitteln zählen dann auch die Innsbrucker Straßenbahnlinien 2 und 5. Die sind aus verkehrsplanerischer Sicht eine Besonderheit. Wo heute eine Straßenbahn fährt, verkehrte bis vor kurzem noch die Linie 0 – Österreichs meistfrequentierte Buslinie. Durch die Umstellung auf Schienenverkehr wurde die Anzahl der beförderten Personen noch einmal um 75 Prozent gesteigert. Die Maßnahme war Teil des Innsbrucker „Regionalbahnkonzepts“, das Investition von 300 Millionen Euro bis 2028 vorsieht.

Typisches Bild am Innsbrucker Hauptbahnhof schon heute: Reisende trinken noch in aller Ruhe einen Kaffee, studieren auf dem Handy ihre nächsten Verbindungen oder sprinten mit Wanderrucksäcken über den Südtiroler Platz, um einen Zug zu erwischen. Der Innsbrucker Hauptbahnhof gehört mit seinen rund 37.000 Reisenden pro Tag zu den meistfrequentierten Bahnhöfen Österreichs. Auch hier ist die Tendenz eindeutig: In den letzten fünf Jahren ist das Reisenden-Aufkommen um ein Drittel angestiegen.

Die Stubaitalbahn verbindet Innsbruck mit dem Stubaital. Foto: Innsbruck Tourismus / Christof Lackner

Wasserstoffantrieb für die Zillertaler Schmalspurbahn

Dass dieses neue Denken auch in den Tälern ankommt und funktioniert, zeigt das Beispiel Zillertal. Die Zillertaler Verkehrsbetriebe zeigen seit vielen Jahren, wie komfortabel eine Alternative zum Auto sein kann. Wenn Taktung und Angebot stimmen. Im Halbstundentakt fährt die Bahn Besucher und Pendler durch das Tal. 2,9 Millionen Passagiere beförderte sie im Jahr 2018 – ein Plus von 16 Prozent zum Vorjahr. Zum Vergleich: 2002 waren es noch 1,7 Millionen, im Jahr 1952 nutzten 600.000 Menschen jährlich die Zillertalbahn. Jetzt wird die Schmalspurbahn den Betrieb auf Wasserstoff umrüsten. 2023 sollen die entsprechenden Züge – vier Sonderanfertigungen für das noch aus Zeiten der Habsburger Monarchie stammende Schmalspur-Schienennetz – mit bis zu 450 Fahrgästen deutlich mehr Personen befördern können als bisher. Der Wasserstoff wird mit Öko-Strom aus dem regionalen Wasserkraftwerk erzeugt. Dieser wird dann ganz ähnlich wie der bisher verwendete Dieseltreibstoff an einer Tankstelle in die Züge gefüllt und in die Brennstoffzelle geleitet. Dort kommt der Wasserstoff mit Sauerstoff aus der Luft zusammen, verbindet sich und erzeugt mittels einer elektrochemischen Reaktion Energie. Die den Zug antreibt. Die neue Technologie wird jährlich rund 800.000 Liter Diesel und mehr als 2.100 Tonnen CO2 einsparen. Mit den neuen Zügen halten noch weitere Änderungen Einzug: Die Fahrzeiten werden ebenso wie die Takte kürzer, für Gäste und Besucher des Tals soll die Nutzung der Zillertalbahn zudem kostenlos werden. Stichwort: Gästekarte.

So wird die neue Wasserstoff betriebene Zillertalbahn aussehen. Foto: Zillertaler Verkehrsbetriebe AG

U-Bahn auf 1400 Metern Höhe

Erfolgreiche Konzepte noch attraktiver machen: Das ist eine Prämisse in Tirol, so auch unter der Erde von Serfaus. Dort wurde schon vor 40 Jahren der Autoverkehr aus dem Ort verbannt: Die Ortsstraße wurde untertunnelt, eine U-Bahn gebaut. Genauer gesagt: Eine Luftkissen-Standseilbahn, die kürzlich komplett renoviert wurde. Weil sie so viel genutzt wird. Heute macht sich das mit Blick auf den Verkehr bezahlt. Innerhalb des Ortes mit 1100 Einwohnern bewegt man sich zu Fuß, mit dem Rad oder eben mit der ortseigenen U-Bahn. 3000 Passagiere können seit der Sanierung stündlich transportiert werden – fast doppelt so viele wie zuvor. Es ist ein kleiner, bunter Mosaik-Stein im großen Bild der Tiroler Mobilitätslösungen.

Die höchstgelegene Luftkissenbahn der Welt. Foto: Andreas Kirschner

Eine der vier Haltestationen der U-Bahn. Foto: Andreas Kirschner

Zu denen gehört auch die Förderung des Fahrrads. Neben den innerstädtischen Radwegen in Städten und Dörfern jeder Größe stehen in Tirol rund 9000 weitere Kilometer an gut ausgebauten Radwegenetzen zur Verfügung. 2016 wurde in Tirol ein Radverkehrskonzept beschlossen, das jährlich Mittel in Höhe von vier Millionen Euro für Infrastruktur-Projekte von Gemeinden und Regionen bereitstellt. „Es ist unglaublich, wie das eingeschlagen ist. Der Innradweg oder der Zillertalradweg sind klassische Strecken, die heute sehr gut ausgebaut sind – und nicht nur von Besuchern, sondern auch von Pendlern viel genutzt werden“, sagt Ekkehard Allinger-Csollich. Die 83 Kilometer lange Kaiserradrunde – von Söll über Kufstein nach Walchsee und über Ellmau zurück – ist ein weiteres Projekt zur Radinfrastruktur, das von besagten Mitteln profitiert hat. Auch hier wieder: Maßnahmen setzen im Großen ebenso wie im Kleinen an.

Der Innradweg führt auf einer Strecke von 230 Kilometern durch Tirol.

Der Innradweg ist für Besucher wie für einheimische Pendler gleichermaßen attraktiv.

Wer seinen ökologischen Fußabdruck verkleinern möchte, kann die nächste Fahrt in den Urlaub mit Zügen und dem öffentlichen Tiroler Nahverkehr planen. Und wer sich in den Ferien gerne aufs Rad schwingt (ganz egal, ob E-Bike, Mountainbike oder Rennrad), kann dieses übrigens gerne zu Hause stehen lassen. Es gibt in Tirol eine flächendeckende Infrastruktur zum Verleih von Sportgeräten – im Sommer wie im Winter.

Alexander

Alexander Zimmermann ist so oft es geht am Berg – meist in Wander- oder Kletterschuhen. Im Winter allerdings ebenso gerne auf Alpinen oder Langlauf-Ski. Als Journalist und Stratege pendelt er zwischen München, Tirol, Hamburg und Heidelberg.

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