Der Tiroler Hütten-Crashkurs

Aktualisiert am 29.07.2019BenjaminBenjamin
Illustration: Bertram Haid

Berghütten sind keine Hotels. Gerade deshalb kann man sich dort gut auf das Wesentliche besinnen und dabei noch etwas lernen – zum Beispiel über Energiesparen oder Kartenspielen.

Holzbalken knarzen, statt dem Laptop auf dem Schoß liegen ein paar Brettspiele auf der Kommode und nach Sonnenuntergang leuchtet nur der Mond zum Fenster herein – eine Übernachtung auf einer Tiroler Berghütte gehört zu einer gelungenen ausgedehnten Wanderung, auf der man mehr sehen und erleben will, einfach dazu.

Bevor man allerdings einen Trip in die Alpen wagt, gibt es einige Dinge, die man dabei beachten muss. Ist eine Hütte so etwas wie ein Hotel auf dem Berg, hat man dort W-Lan und genießt die Vorzüge des urbanen Lebens? Die Antwort lässt sich erahnen. Trotzdem ist eine Nacht unter einem einfachen Dach oft genau das, was vielen im stressigen Arbeitsalltag fehlt: Ein analoges Tête-à-Tète mit der Natur, der Landschaft und einem klaren Sternenhimmel. Dieser Hütten-Crashkurs zeigt, worauf man sich einlassen muss.

Watten statt W-Lan

Einen Internetempfang haben nur die wenigsten echten Berghütten in Tirol. Selbst mit dem Handynetz kann es auf den besonders abgelegenen Herbergen schwierig werden. Was soll man also tun, wenn man den Tag gerne mit einer Netflix-Serie oder (weniger entspannend) mit einem schnellen E-Mail-Check ausklingen lassen will? Die Zauberwörter für den geselligen Hüttenbesucher sind in diesem Fall „Watten“, „Schnellen“ und „Schnapsen.“ Was vielleicht nach einem martialischen Vergnügen gepaart mit viel Alkohol klingt, sind in Wirklichkeit harmlose Kartenspiele, die durchaus süchtig machen können. Die Regeln für die Spiele, die man in Tirol gerne in geselliger Runde spielt, sind schnell erklärt. Auf „Watter“-Runden in langen Nächten sind schon viele Freundschaften entstanden. Der einzige Gegner bleibt am Ende die Müdigkeit nach einem langen Wandertag.

Nur Bares ist Wahres

Aus den oben genannten Gründen ist es auf Hütten auch meistens nicht möglich, mit Bankomat- oder Kreditkarte zu bezahlen. Für einen Trip ohne Diskussionen mit Hüttenwirten oder verzweifelten Verpflichtungen zum Tellerwäscher lohnt es sich, genügend Bargeld mitzunehmen. Alpenvereinsmitglieder mit einem gültigen Ausweis erhalten auf den zahlreichen Hütten des Vereins übrigens Ermäßigungen.

Auch wenn es dort nicht unbedingt Internet gibt, kann man Schlafplätze in den Hütten oft per Mail oder einfach telefonisch reservieren – auf Booking.com oder Airbnb sucht man die Alpenhäuser meist vergeblich. Reservierungen sind auf den Hütten erwünscht, um den begrenzten Platz optimal nützen zu können. Die Hüttensaison variiert je nach Höhenlage und Witterungsverhältnissen: So sind tiefer gelegene Hütten meist von Ende Mai/Anfang Juni bis Anfang Oktober, die höher gelegenen von Ende Juni/Anfang Juli bis Mitte/Ende September geöffnet.

Sei dein eigener Müllmann

Auf Hütten herrschen andere Gesetze – hier auf den Bergen müssen sich die Menschen der Natur anpassen und nicht umgekehrt. Deshalb wird dort sorgsam mit der Umwelt umgegangen. Die meisten Hütten erzeugen die Energie, mit der sie in Betrieb gehalten werden, selbst. Dadurch, dass der Strom von kleinen Kraftwerken oder Solarzellen auf den Dächern kommt, müssen Gäste wie Hüttenbetreiber ihren Stromverbrauch einschränken. Die Bitte, sein Smartphone, das Tablet und drei Powerbanks aufzuladen, kostet so manchem Hüttenwirt nur ein mildes Lächeln.

Sogar für die routinierten Fahrer der Müllabfuhr sind nur einen Meter breite Pfade eine Nummer zu schwer. Auf vielen Berghütten ist man deshalb sein eigener Müllmann und wird höflich gebeten, die Überreste der Jause wieder selbst ins Tal zu bringen – Müll trennen nicht vergessen! Auf den Berghütten gibt es zwar fließendes Wasser, jedoch oft nicht genug Duschen – lange Duschgänge sollte man deshalb aus Rücksicht auf die Ressourcen und die anderen Gäste lieber vermeiden. Mit einer morgendlichen Katzenwäsche am Waschbecken fühlt man sich sowieso mehr nach Indiana Jones auf Entdeckungsreise.

Kleine Karte, große Halle

Das Leben auf einer Hütte ist bescheiden. Weil viele alpine Herbergen zu Fuß oder sogar mit Hubschraubern mit dem Wichtigsten versorgt werden müssen, gibt es meist nur eine kleine, aber feine Speisekarte. Das hat aber Vorteile: durch das limitierte Sortiment an Schmankerln lernt man einfache Lebensmittel mehr zu schätzen. Würschtl mit Senf oder ein Bergkäsebrot ist ohnehin etwas, in das man nach einer langen Wanderung mit schlottrigen Knien gerne beißt. Eine volle Mahlzeit (oft in Form einer Halbpension) bekommt man auf Berghütten natürlich auch. Alpenvereinsmitglieder erhalten auf vielen Hütten ein vergünstigtes Bergsteigeressen.

Zum Schlafen legen sich die Gäste der Berghütten meist in einen großen Raum (Mehrbett-Zimmer sind meistens auch vorhanden). Im sogenannten „Matratzenlager“ kann man sich in seinen selbst mitgebrachten Hüttenschlafsack (ein dünner Beutel aus Leinen) kuscheln und eine der bereits vorhandenen, jedoch nicht nach jedem Gast gewaschenen Wolldecken überwerfen. Für Menschen mit leichtem Schlaf und gegen Schnarchnasen lohnt es sich, ein Paar Ohrenstöpsel einzupacken. Auch eine Taschenlampe ist keine Fehlinvestition, will man beim nächtlichen Toilettengang mit einer Festbeleuchtung doch ungern alle anderen aufwecken.

Trotz der Einschränkungen kann man die Tiroler Berghütten auch als klassische Gasthäuser in den Alpen bezeichnen. Man bekommt etwas zu essen und einen Schlafplatz. Ob es für die Vierbeiner, die die Tour begleiten, auch einen Platz im Trockenen gibt, muss zuerst mit dem Wirt abgeklärt werden.

Die Do’s and Don’ts auf Berghütten

Bitte

  • Bargeld mitnehmen
  • den Alpenvereinsausweis einpacken (wenn vorhanden)
  • Rücksicht auf die anderen Gäste nehmen
  • Strom sparen
  • den Wirt fragen, ob der Hund mit darf

Bitte nicht

  • zu lange Duschen
  • den eigenen Müll liegen lassen
  • lärmen
  • ohne zu fragen diverse elektronische Geräte aufladen

Kleine Checkliste für den Hüttenbesuch

  • Hüttenschlafsack
  • Taschenlampe und/oder Stirnlampe
  • Müllsäcke
  • Ohrenstöpsel
  • Handtuch
  • warme Kleidung (besonders Socken und Mütze)
  • Hausschuhe
  • Offenheit und ein gelassenes Gemüt :)

Hier findet ihr weitere Packtipps für den Hüttenrucksack

Illustrationen: Bertram Haid

Benjamin

Benjamin Stolz liebt und lebt die Gegensätze des Alpenlandes. Als Tiroler mit Höhenangst, papiervernarrter Blogger und Stadtmensch vom Land ist er der Meinung, dass es in Tirol mehr zu entdecken gibt, als man glaubt.

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4 Kommentare

Chris

Ich habe im Notfall keinen Mobilfunkempfang um Hilfe zu rufen und die Hütten keine Richtfunkverbindungen ins Tal?
Dann verschiebe ich meinen nächsten Urlaub lieber auf 2030.

Theresa

Einen Notruf kann man am Berg auch ohne Empfang absetzen.

Armin

Der Komfort ist dem Menschen ein Wolf ...

Martin

Das hier beschriebene sollte auf jeder "echten" Hütte, auch außerhalb Tirols, selbstverständlich sein. Viele im städtischen Gebiet aufgewachsenen wissen die Einfachheit der Berghütten nicht zu schätzen. Das das Mobiltelefon mitunter keinen Empfang hat stört mich nicht. Im Notfall kann ich auch über Amateurfunk um Hilfe rufen.

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