Helfer im Heu

Aktualisiert am 09.08.2019Sebastian HöhnSebastian Höhn

Wenn im Juli und August die Mahd der Bergwiesen ansteht, stellen sich viele Bauernfamilien in Tirol auf die arbeitsreichsten Wochen des Jahres ein. Manche von ihnen sind zunehmend auf freiwillige Helfer angewiesen. Auf Menschen wie Michael Schüller, der seinen Job als Controller gekündigt hat, um einem Bergbauern bei der Heuernte zu helfen – und sein eigenes Leben neu zu ordnen.

Er hantiert so routiniert in der Küche, als wäre es seine eigene. Michael Schüller kocht Nudeln, brät Speck, wäscht Salat. Dabei ist er gerade erst nach langer Autofahrt aus Deutschland angekommen, wo er seine Freundin über’s Wochenende besucht hat. Josef Plangger deckt derweil den Tisch. „Ich bin keine gute Hausfrau“, sagt er entschuldigend. Ein Grinsen huscht über sein sonnengegerbtes Gesicht. Er freut sich auf das Mittagessen.

Für Bergbauer Josef ist er ein richtiger Glückstreffer, dieser Michael aus Augsburg. 26 Jahre jung, kräftig, anpackend. Sie kennen sich erst seit zwei Wochen und sind doch schon ein eingespieltes Team. Josef hatte, wie jedes Jahr, einen Helfer oder ein Pärchen für die Heuernte auf seinem Hof gesucht, hoch über Nauders am Reschenpass. Zwei Wochen im Sommer, vielleicht drei. Aber Michael wollte gleich den ganzen Juli bleiben und den August noch obendrauf. „Zwei Monate. Das hat’s noch nie gegeben“, sagt Josef.

Josef Plangger ist auf dem Stableshof jeden Sommer auf die Hilfe von Freiwilligen angewiesen.

Zwei Monate Auszeit: Michael Schüller aus Augsburg unterstützt Josef auf dem Hof.

Freiwillige wie Michael werden für viele Bergbauern in Tirol und anderen Alpenregionen immer wichtiger. Oft sind sie sogar unverzichtbar geworden, auch, um die Kulturlandschaft zu erhalten. Denn die Heuernte an den steilen Berghängen ist noch immer großteils Handarbeit, und die Zahl der helfenden Hände in den Bauernfamilien ist über die Jahre kleiner geworden.

Siebzehn Hektar Wiesen, die Fläche von 24 Fußballfeldern, gehören zum Stableshof. Auf 1.800 Metern Höhe gelegen, zählt er zu den höchstgelegenen Bergbauernhöfen Österreichs. Dafür befinden sich die Wiesen großteils an steilen Hängen und müssen an manchen Stellen sogar mit der Sense gemäht werden. „Am Anfang habe ich mich gefragt, wie das jemals zu schaffen sein soll“, sagt Michael.

Der Stableshof oberhalb von Nauders ist einer der ältesten und höchst gelegenen Bergbauernhöfe in Tirol.

Kaum ist das Geschirr vom Mittagessen abgewaschen, stehen Josef und Michael wieder auf der Wiese. Josef an der Mähmaschine, die er auf ihren breiten Stachelwalzen am Hang entlang schiebt. Michael mit der Heugabel in der Hand: Er lockert das von der Maschine frisch geschnittene Gras auf, damit mehr Luft herankommt. Nur so kann es innerhalb weniger Tage trocknen und nach nochmaligem Wenden in den Heustadel gebracht werden. Vor dem nächsten Regen, das ist wichtig. Das von duftenden Kräutern und unzähligen Bergblumen durchsetzte Heu dient Josefs 20 Rindern, die sich zur Zeit auf mehreren Almen befinden, im Winter als Futter.

Im steilen Gelände benötigt Josef eine Spezial-Mähmaschine.

Wiese für Wiese: Eine Fläche von 24 Fußballfeldern wird Michael in diesem Sommer bearbeiten.

Teilweise sind die Wiesen rund um den Stableshof so steil, dass Sie nur per Hand gemäht werden können.

Schnell sind Josef und Michael ein eingespieltes Team.

Michael ist über den Verein „Freiwillig am Bauernhof“, der vom Maschinenring und der Landwirtschaftskammer getragen wird, auf den Stableshof gekommen. Der 26-Jährige ist einer von 400 freiwilligen Helferinnen und Helfern, die der Verein an mehr als 130 Betriebe in Nord- und Osttirol allein dieses Jahr bis Anfang August vermittelt hat. Kost und Logis erhalten sie gratis. Hinzu kommen Freiwillige anderer Organisationen wie etwa der Alpenvereine. Laut Martin Egger vom Maschinenring steigt die Zahl der vermittelten Einsätze seit Jahren stark. „Dieses Jahr haben sich 50 Personen mehr angemeldet als zum gleichen Zeitraum im Vorjahr“, sagt er. Es interessierten sich viele Menschen unterschiedlicher Herkunft für die Arbeit insbesondere auf kleinen Bauernhöfen im alpinen Gelände. Egger erklärt dies vor allem mit einem „Bedürfnis nach sinnstiftenden, geerdeten Tätigkeiten“.

Freiwilligen-Projekte auf Tiroler Almen und Bauernhöfen

Ihr möchtet es Michael gleich tun und auf einer Alm oder einem Bergbauernhof helfen? Wir haben für euch gemeinnützige Projekte auf der Alm gesammelt, bei denen ihr zum Erhalt der Tiroler Kulturlandschaft beitragen könnt.

Beim Heuwenden führt Michael oft stundenlang die selben Handgriffe aus. Was eintönig wirkt, öffnet aber den Geist. „Bei dieser Arbeit kommen jede Menge Themen hoch“, sagt Michael, während er das Heu auf seiner Heugabel tanzen lässt. Ein großes Thema: seine berufliche Zukunft. Michael, studierter Betriebswirt, hat vor seiner Auszeit auf dem Hof einen unbefristeten Job als Controller in einem großen IT-Unternehmen gekündigt. Ein Schritt, der Mut erforderte, wie er sagt. „Ich habe schon neue Jobangebote bekommen, aber ich wollte mich nicht entscheiden, bevor ich hier oben gewesen bin“, erklärt Michael, den man sich in diesem Moment, mit Strohhut auf dem Kopf und Bergschuhen an den Füßen, nur schwer in Anzug und Krawatte vorstellen kann.

Es sei ihm wichtig gewesen, für längere Zeit vom Schreibtisch wegzukommen und etwas Handfestes zu tun. Michael erzählt, dass beide Elternteile auf einem Bauernhof aufgewachsen seien. „Ich möchte wissen, wie unsere Vorfahren gearbeitet haben“, sagt er. „Da die Höfe bei uns fast nur maschinell bewirtschaftet werden, kriegt man das dort nicht mit.“ Was man auf einem Bergbauernhof sehr schnell mitbekomme, sei die Menge an Arbeit, die in einem Stück Fleisch oder Käse stecke. „Dafür bräuchte es mehr Wertschätzung in der Gesellschaft.“

Die Zeit auf dem Hof hilft Michael dabei, seine berufliche Zukunft zu klären.

Josef – oder Sepp, wie der Helfer aus Bayern ihn einfach nennt – ist diese Arbeit seit frühen Kindheitstagen gewöhnt. Der 56-Jährige ist auf dem Stableshof, dem Hof seiner Familie, aufgewachsen. Genau genommen in dem 400 Jahre alten Bauernhaus, das ein paar Meter höher am Hang steht und gerade für zwei Ferienwochen von einer Familie aus Berlin bewohnt wird. Er freut sich, dass Kinder da sind. Seine eigenen drei Kinder sieht Josef meist nur am Wochenende, von seiner Frau lebt er seit Jahren getrennt. Der 14-jährige Sohn Bernhard ist gerade da und hilft im Heu. Die zwei älteren Schwestern sind in der Ausbildung. Eine will Frisörin werden, die andere landwirtschaftliche Facharbeiterin. Ein Hoffnungsschimmer für die Hofnachfolge? Josef wiegt den Kopf hin und her. „Sie hat große Freude an der Landwirtschaft. Aber es ist heute sehr schwer, einen Partner zu finden, der das hier alles mitmacht.“ Josef weiß, wovon er spricht.

Das hier alles – damit meint er vor allem die Arbeit. Michael und Josef sind an manchen Tagen 13 Stunden mit dem Heumachen beschäftigt. In der Zeit der Arbeitsspitzen zwischen Ende Juni und Anfang August kommen manchmal auch Verwandte und helfen. Im September steht dann auf den unteren Wiesen eine zweite Mahd an. Trotz der vielen Arbeit weiß Josef manchmal nicht, wie er über die Runden kommen soll. Als Bergbauer erhält er Zuschüsse aus EU- und Landes-Töpfen, konkret eine Ausgleichszulage sowie Bio- und Flächenförderung. Aber viel ist es nicht. „Wenn ich das nicht hätte, könnte ich gleich zusammenpacken“, sagt er. Umso dankbarer sei er deshalb über die zusätzliche Hilfe von Freiwilligen wie Michael. Und ans Aufgeben – nein, daran habe er noch nie gedacht, sagt Josef. Wenn er nicht weiterwisse, schenke ihm sein Glauben Kraft.

Josefs Motivation: „Ich möchte erhalten, was ich von meinen Vorfahren übernommen habe.“

Die nächste Fuhre Heu wird aufgeladen…

…und in der Scheune eingelagert.

Auch die Urlauber aus Berlin packen mit an.

Zwei Tage sind die beiden Männer mit der ersten Wiese beschäftigt, dann ist das Heu dank ausbleibendem Regen bereits trocken. Während Michael das Heu mit einem großen Rechen den Hang herunterzieht und Josef den „Muli“ holt, um es einzuholen, flitzen vier kleine Kinder auf die Wiese und rollen sich lachend den Hang hinunter. Es sind die Gästekinder aus Berlin, die von einem Ausflug zurückkommen. Ihre Eltern stoßen dazu, greifen sich kurzerhand zwei Rechen und helfen mit. Sie hätten das schon an einem der ersten Urlaubstage gemacht, erzählt Juliane Grebin, die Mutter. „Man sieht zwei Menschen auf einer riesigen Wiese und denkt sich: Die können Hilfe gebrauchen.“

Nach der Arbeit wartet das Vergnügen.

Wer hart arbeitet, hat sich eine Pause verdient.

Am Abend lassen sich Josef und Michael in der Küche erschöpft auf die Stühle fallen. Eine Wiese haben sie heute geschafft. Eine von vielen. „Ich möchte erhalten, was ich von meinen Vorfahren übernommen habe“, sagt Josef. „Das bin ich ihnen schuldig. Und meinen Kindern auch.“

Michael zieht das trockene Heu mit einem breiten Rechen den Hang hinunter.

Am Abend ist der Hunger groß.

Am frühen Morgen wartet am Stableshof schon die nächste Wiese.

Urlaub auf dem Stableshof in Nauders

Einsam und ursprünglich: Josefs Stableshof ist ein Bilderbuch-Ort für einen Urlaub auf dem Bauernhof in Tirol.

Fotos: Sebastian Höhn

Sebastian Höhn

Der Berliner Journalist und Fotograf sieht Tirol aus den Augen des Urlaubers, auf den die Berge eine geradezu magische Anziehungskraft haben. Wandern und Bergsteigen sind für ihn das reine Glück. Da findet der Großstädter in seine Mitte zurück.

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1 Kommentar

Christoph Petry

Hallo ich bin selbst Landwirt in Deutschland in der Pfalz und würde gerne mal in Tirol helfen bei der Heuernte !

Wo bekomme ich da Kontakte

Vielen Dank für ihr bemühen

Mit freundlichen Grüßen
Christoph Petry

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