„Der Kopf kann Pause machen“: Ein Interview über den Ausbruch aus dem Alltag

Aktualisiert am 02.09.2019Sebastian HöhnSebastian Höhn
Ausbruch aus dem Alltag auf einem Bergbauernhof

Freiwilligenarbeit auf Almen, bei der Heuernte auf Bauernhöfen oder bei Bergwaldprojekten der Alpenvereine stehen hoch im Kurs. Mal geht es dabei um wenige Tage, um einige Wochen, mal um mehrere Monate. Seit Jahren steigt die Nachfrage nach solchen Angeboten. Was steckt dahinter? Ein Gespräch mit der Berliner Glücksforscherin und Psychologin Dr. Judith Mangelsdorf über Ausbrüche aus dem Alltag, Digitalisierung und die Heugabel, die dem Kopf beim Abschalten hilft.

Frau Mangelsdorf, treibt die heutige Arbeits- und Lebenswelt die Menschen verstärkt in die Sinnsuche?

Wir haben innerhalb der Arbeitswelt einen großen Trend, nämlich die Funktionalisierung. Abläufe werden digitalisiert und damit auch entmenschlicht. Das führt dazu, dass in den Berufsfeldern viel weniger Raum ist, Fragen nach dem Sinn zu stellen. Wer bin ich eigentlich als Mensch? Welchen Unterschied mache ich? Das zweite ist das Generation-Y-Thema: In dieser Altersgruppe herrscht ein ganz anderes Denken. Früher ging es mehr um Karriere und Geldverdienen. Aber diese Generation stellt sehr konkret die Frage nach dem Sinn und ordnet diesen innerhalb der Karriere ein. Einige geben möglicherweise sogar einen Job auf, um zu schauen: Was erfüllt mich, was macht Sinn? Es ist eben die Generation „why?“.

Welche Bedürfnisse bringen Menschen dazu, auf Zeit aus ihrem Alltag auszusteigen?

Es gibt drei psychische Grundbedürfnisse: Bindung, Kompetenzerleben und Autonomie. Dazu gesellt sich noch die Frage nach dem Sinn. Wir machen uns oft auf den Weg, wenn eines dieser Grundbedürfnisse nicht gestillt ist. Wenn ich acht Stunden täglich in einem Büro arbeite und nicht weiß warum, höre ich irgendwann auf. Es geht um Selbstwirksamkeit, also das Bedürfnis, etwas bewirken zu können. Ist das nicht der Fall, habe ich gute Gründe, aus dem bisherigen Arbeitsumfeld auszusteigen.

Würden sie das konkret empfehlen?

So ein Ausstieg ist eine Möglichkeit, aber nicht für jeden in jeder Lebenssituation umsetzbar. Die Frage ist auch: Wie kann ich meine Bedürfnisse in meinem Alltag besser befriedigen? Wenn ich einen Job habe, der mich nicht befriedigt, kann ich das zum Beispiel durch ehrenamtliches Engagement ausgleichen. Viele haben allerdings gar nicht den Raum, sich diese Frage zu stellen.

Die Familie Lindner hat in Gramais mit dem Aufbau einer Bergsteigerschule einen Neuanfang gewagt. Foto: Tirol Werbung / Bert Heinzlmeier

Sehen Sie trotzdem einen Trend zu solchen „Ausbrüchen“ aus dem Alltag?

Ja, es gibt insgesamt einen Trend zu mehr sozialem Engagement und einer größeren Bereitschaft, den Preis zu zahlen, den ein Ausstieg mit sich bringt – zum Beispiel, nicht mehr der erste auf der Karriereleiter zu sein. Das hat aber auch wieder mit der Frage zu tun, inwieweit wir so etwas umsetzen können, wo wir in unserem Leben stehen. Wenn ich Familie habe, Kinder, ein Haus, dann ist das für mich deutlich schwieriger als für eine alleinstehende Person.

Andere Menschen brechen zu einer Fernwanderung auf dem Jakobsweg auf, gehen für ein Retreat ins Kloster oder nehmen gleich ein Sabbatical, um die Welt zu bereisen. Steht das alles im selben Kontext?

Es hat häufig einen gemeinsamen Kern: nämlich, sich selbst neu begegnen zu wollen. Es geht bei solchen Unternehmungen oft um das Verhältnis zwischen dem Leben, das ich tatsächlich führe und jenem, das ich führen möchte. Wenn ich vor dem Schreibtisch sitze und alles direkt vor mir habe, ist es viel schwieriger, das Gesamtbild zu sehen. Distanz ist gefragt, Reflexion über das eigene Leben. Das kann einen Ausbruch aus der durchdigitalisierten und von Beschleunigung geprägten Welt erfordern. Es würde ja kaum jemand seinen Computer auf den Jakobsweg mitnehmen wollen.

Woher kommt die offenkundige Beliebtheit von Almen und Bergbauernhöfen? Ist es einfach nur die Nähe zur Natur?

Ich finde es schwierig einzuschätzen, was sich davon auf Almen und Bergbauernhöfe bezieht. Wir können aber sehen, denke ich, dass es einen starken Wunsch gibt, raus aus der Stadt und rein in die Natur zu kommen. Immer mehr Menschen leben in Städten, fahren viel Auto, sind digital vernetzt.

Die stundenlange Arbeit im Heu oder im Stall scheint viele Menschen, die sonst am Schreibtisch sitzen, zufrieden zu machen. Kann so eine „handfeste“ Tätigkeit eine Formel für anhaltendes Glück sein?

Durchaus, so lange ich sie ausübe. Wenn ich es nur einmal im Jahr mache, wird sich der Effekt mit der Zeit allerdings auswaschen. Es geht dabei um das Erleben von Selbstwirksamkeit. Viele von uns haben einen Alltag, der mit vielen Arbeitsstunden verbunden ist, in denen wir aber nur Daten von A nach B schieben. Alle, die so einen Schreibtischjob haben und dann zum Beispiel mal einen Raum streichen müssen, kennen das: Man sieht plötzlich, was man getan hat. Das ist sehr befriedigend. Körperliche Arbeit entspricht viel mehr der physiologischen Grundidee vom Menschsein. Wir sind darauf ausgelegt, am Tag 20.000 bis 40.000 Schritte zu gehen. Die wenigsten schaffen 6.000. Wir sind deshalb ständig körperlich unterfordert. Bei physischer Beanspruchung kommt es zu Serotonin- und Dopamin-Ausschüttungen, die sich bei Schreibtischarbeit bei weitem nicht so herstellen lassen. Bewegung und Sport machen glücklich. Die Frage lautet also, wie ich diesen Effekt in den Alltag integrieren kann.

Am Ende eines Arbeitstages auf einem Bergbauernhof sieht man, was man getan hat. Foto: Sebastian Höhn

Freiwilligenarbeit auf dem Bauernhof

Wir haben für euch Projekte gesammelt, bei denen ihr auf einer Alm oder einem Bergbauernhof mithelfen könnt und einen Freiwilligen auf einem Bergbauernhof besucht.

Manchen Aussteigern wird immer wieder vorgehalten, dass sie nur vor sich selbst flüchten. Besteht diese Gefahr auch bei längeren Freiwilligenprojekten?

Psychologisch betrachtet, würde ich sagen: Das Gegenteil ist wahr. Eher ist es doch der Alltag, der es unmöglich macht, sich mit eben jenem auseinanderzusetzen. Weil wir ständig funktionieren müssen. Es ist eine spannende Frage, warum es zu solchen Vorwürfen kommt. Das bedeutet, dass sich diese Leute zurückgelassen fühlen, dass Konventionen infrage gestellt werden. Den Preis zahlen ja eher die Menschen, die zurück bleiben. Vor sich selbst zu flüchten – nein, das ist paradox. Das einzige, was ich mitnehme, bin doch ich selbst. Prinzipiell unterscheiden sich Menschen in ihren Grundbedürfnissen. Die einen wollen Stabilität, andere brauchen das Neue. Innerhalb dieser Bandbreite gibt es keine Wahrheit. Spannend ist es, für sich selbst zu beantworten: Was brauche ich?

Gibt es verschiedene Typen von (Kurzzeit-)Aussteigern?

In jedem Fall gibt es verschiedene Gründe, auszusteigen. Wenn ich als Psychologin und Trainerin mit Menschen arbeite, ist es spannend zu sehen, was nach einer Veränderung anders ist im Leben. Viele haben ein stärkeres Erlebnis von Sinnhaftigkeit.

Für wen eignet sich Ihrer Meinung nach ein Arbeitsaufenthalt auf einer Alm oder einem Bergbauernhof besonders, für wen weniger?

Diese Art von Auszeit bedeutet ja im Allgemeinen, dass man viel Zeit mit sich allein verbringt, möglicherweise auch mit Tieren. Man sollte keine Angst davor haben, sich selbst zu begegnen und auch Stille aushalten können. Es gibt heute genügend Leute, die bei dem Anschlagstempo, das wir haben, gar nicht gut in Stille arbeiten können. Man sollte also die Fähigkeit haben, Ruhe zuzulassen.

Hirten auf Zeit: Janis und Sarah aus München verbringen jeden Sommer mit ihren Kindern auf einer Alm in Tirol. Foto: Sebastian Höhn

Könnte es sonst Probleme geben?

Das könnte sein, ja. Bei Achtsamkeitstrainings gibt es den berühmten Achtsamkeitstag, wo die Teilnehmer den ganzen Tag schweigend verbringen. Für viele Menschen ist das schwierig, weil sie auf ihre Gedanken zurückgeworfen werden. Das gleiche könnte auch auf einer Alm passieren.

Ist die harte Arbeit etwa bei der Heuernte dafür geeignet über das eigene Leben oder den Job nachzudenken? Oder sollte es eigentlich darum gehen, gerade nicht nachzudenken?

Sowohl als auch. Prinzipiell denken wir die ganze Zeit, und wir denken sehr viel. Diese Arbeit bietet die Möglichkeit, währenddessen eben nicht zu denken und danach neu zu denken. Ideal ist es, erst einmal den Kopf freizubekommen. Bei Kloster-Retreats gibt es oft eine ähnliche Struktur: Zeiten der Meditation und Kontemplation auf der einen Seite und dann wieder gemeinsame Gespräche.

Ist es mit dem Nachdenken beim Wandern nicht ähnlich? Beides zugleich scheint oftmals nicht recht zu funktionieren.

Ja, das Ideal ist die Achtsamkeit. In dem Moment bin ich einfach und mache das, was gefragt ist. Einen Fuß vor den anderen zu setzen oder mit der Heugabel zu arbeiten. Nicht zu grübeln birgt gerade einen starken Erholungseffekt. Mit der Zeit können neue Lösungen entstehen. Der Kopf kann einmal Pause machen.

Dr. Judith Mangelsdorf

Die Psychologin und Mathematikerin ist Institutsleiterin der „Deutschen Gesellschaft für Positive Psychologie“ in Berlin. Die Einrichtung verbindet aktuelle Forschung mit praktischer Anwendung z.B. in der Weiterbildung von Psychologinnen und Psychologen und arbeitet mit Universitäten zusammen. Judith Mangelsdorf hat in Potsdam und Philadelphia studiert und an der Freien Universität Berlin zum Thema posttraumatisches Wachstum promoviert.

Sebastian Höhn

Der Berliner Journalist und Fotograf sieht Tirol aus den Augen des Urlaubers, auf den die Berge eine geradezu magische Anziehungskraft haben. Wandern und Bergsteigen sind für ihn das reine Glück. Da findet der Großstädter in seine Mitte zurück.

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