Wie das Stahlseil in die Wand kam

22.08.2019Simon SchöpfSimon Schöpf
Der Klettersteigbau kann beginnen

Klettersteig-Gehen kann (fast) jeder lernen, aber Klettersteig-Bauen? Eher weniger. Ein Erfahrungsbericht von einer Großbaustelle mitten in der Steilwand.

Schwungvoll wirft Ewald die Benzinbohrmaschine an, ein Geräusch wie ein startender Rasenmäher, Rauchwolke inklusive. Setzt den 22mm-Stahlbohrer gefühlvoll am Granit an, justiert kurz nach, ein Geräusch wie beim Weltuntergang. Dass Alex ein paar Meter daneben mit der Flex funkensprühend einen Stahltritt bearbeitet, passt nur allzu gut in die Szene. Man könnte meinen, man sei auf einer Großbaustelle gelandet, würden die Bauarbeiter nicht an zwei Seilen gesichert mitten in einer Felswand hängen. Ewald Holzknecht und Alex Riml sind zwei der versiertesten Klettersteigbauer Tirols, und hier, unweit des Piburger Sees im vorderen Ötztal, entsteht ihr neuestes Werk: ein leichter Übungsklettersteig im Schwierigkeitsgrad A.

Ewald Holzknecht und Alex Riml richten den neuen Klettersteig am Piburger See ein

Wir werfen einen Blick in den Klettersteig-Baukasten

Ewald und Alex an ihrem Arbeitsplatz

„Ideal für die ersten Versuche in der Vertikalen“, sagt Alex, „und ideal für uns als Bergführer, um den Leuten die notwendige Technik für größere Unternehmungen näherzubringen“. Kurzer Zustieg, feine Lage, perfekt gewartet – die neue Via Ferrata bei Piburg ist eine von über hundert ihrer Art in ganz Tirol, allesamt öffentlich zugänglich und kostenfrei zu nutzen. Der Klettersteigsport boomt seit Jahren. Für viele ist das Stahlseil eine allzu willkommene Unterstützung bei den ersten Schritten in der Vertikalen oder sogar Hauptaugenmerk eines ganzen Sommerurlaubs. Die Karabiner sind prompt ins Seil geclippt, das Topo verinnerlicht, die Seilbrücke ausbalanciert. Doch wie viel Arbeit steckt eigentlich hinter der Erstellung eines solchen Steiges? Wer sind die Leute hinter der Bohrmaschine? Wer bezahlt das Material? Fragen, über die man sich meistens keine Gedanken macht, aber für genau diesen Blick hinter die Kulissen sind wir hier, im Rauch der Benzinbohrmaschine über Piburg.

Bohren gegen die Bürokratie

Wo also fängt ein neuer Klettersteig an? Beim ersten Bohrloch oder mit einem Formular auf der Bezirkshauptmannschaft? „Vor 30 Jahren haben mein Vater und mein Onkel den ersten Klettersteig im Tal eröffnet, den Lehner Wasserfall. Ein bisschen mithelfen hab ich schon dürfen. Damals ist nicht lang gefragt worden, und bald hat es dann geheißen: ‚Wie kann man sowas nur einbohren? Das interessiert doch keinen!‘. Und schau mal heut auffi zum Wasserfall, wie viel da jeden Tag Leut‘ gehen!“

Es hat sich also einiges geändert in den letzten Jahrzehnten, aus einer Beschäftigung für Bergverrückte wurde ein Breitensport. Maßgeblich geändert hat sich entsprechend auch die Reglementierung für die Erstellung neuer Klettersteige. Alex holt aus: „Als erstes kommt die Potentialanalyse, gibt es überhaupt eine Nachfrage? Dann müssen die Grundeigentümer zustimmen, anschließend kommt die Behörde. Besonders wichtig ist es, die Naturschutzabteilung von Beginn an einzubinden, und mit dem Sachverständigen eine mögliche Route abzuklären. Weiters braucht es eine forstrechtliche Genehmigung, ein biologisches Gutachten und eventuell eine ökologische Begleitplanung, die geben dir dann die genaue Linie vor. Schützenswerte Moose, Flechten oder Vogelbrutstätten dürfen natürlich nicht angetastet werden. Und natürlich noch das geologische Gutachten.“ Tiefes Durchatmen.

Auf die Frage, was denn nun mehr Aufwand sei, die mühselige Bürokratie oder die schweißtreibende Arbeit am Fels, müssen Alex und Ewald nicht lange überlegen: „Die Bürokratie!“ Bemerkenswert für eine Arbeit, die so viel an Erfahrung und Expertise benötigt, dass sie nur von einer Hand voll Profis in ganz Tirol angeboten werden kann.

Ewald setzt in exponiertem Gelände die Bohrmaschine an

Neue Tritte und Griffe entstehen

Vor dem Bohren muss aber zunächst das Bürokratische geklärt sein

Die Kunst der gelungenen Linie

Gut und gerne ein ganzes Jahr und bis zu einem Drittel der Gesamtkosten kann der Bürokratieprozess in Anspruch nehmen. Ist die Zettelwirtschaft aber erstmal erledigt, folgt der kreative Teil der Errichtung: Die ideale Linienfindung, „die Kunst an der ganzen Geschichte. So ein Seil runterbohren, das kann ja jeder, aber einen Steig wirklich interessant zu machen, da brauchst du eben Fingerspitzengefühl und Erfahrung“, weiß Alex. Erfahrung mit dem Element Fels: Deshalb sind auch meist Bergführer mit dem Bau beauftragt, nur wer selber Kletterer ist kann auch ein gutes Gespür entwickeln. Die natürlichen Strukturen der Wand wie Bänder oder Risse sollen bestmöglich ausgenutzt werden; „Durch die Wand schwindeln“ nennt das Alex, nur so ergibt sich am Ende ein ästhetischer Steig, der in der Natur möglichst wenig auffällt und gleichzeitig die Sportler fordert.

„Der Auftraggeber gibt natürlich die Grundausrichtung vor, bei familienfreundlichen Klettersteigen gibt es mehr Tritte, bei sportlicheren Steigen gehen wir eher ins überhängende Gelände, da braucht man dann mehr Kraft zum Festhalten“, erklärt Ewald. In Tirol ist in den meisten Fällen der lokale Tourismusverband Auftraggeber, dieser stemmt dann auch die Kosten für Bau und Wartung des Steiges. Das Preisniveau bewegt sich hier schnell in Sphären eines neuen Mittelklasse-SUV’s. Dazu kommen laufende Kosten für Wartung und Reparaturen, das Anlegen der Zu- und Abstiege, die Infrastruktur wie zum Beispiel Toiletten und Infotafeln mit den Topos. Insgesamt ein ziemlicher Luxus, so ein Klettersteig.

„Aber als allererstes muss sowieso mal die Wand gesäubert werden“, sagt Ewald und setzt den Bohrer für das nächste Loch an. Lose Schuppen müssen abgeräumt, Moos und Erde aus der Wand entfernt werden, allein das grobe Putzen der Linie kann mehrere Tage Arbeit bedeuten. Und dass es sich dabei um körperliche Schwerstarbeit handelt, lässt sich nicht zuletzt an Ewald‘s und Alex‘ imposanten Bizepsumfang ablesen. Ganze Tage lang im Gurt hängen, bierkistenschwere Bohrmaschinen an die Wand pressen, ein 70 Kilogramm schweres Stahlseil schleppen – „durchaus einige Bergführer, die mal aushalfen, haben schon nach ein oder zwei Tagen aufgegeben, mit dem Kommentar ‚nie mehr wieder‘. Sein tuats scho a wilder T‘schach“, drückt es Alex auf gut Ötztalerisch aus. Man muss einem wie ihm einfach kompromisslos glauben.

Die Kunst der gelungenen Linie

Vom Klettersteig hat man einen schönen Blick auf den Piburger See

Während Ewald das nächste Loch vollendet, hat Alex bereits die Putzutensilien und den Zwei-Komponenten-Kleber in der Klebepistole vorbereitet, wortlos wird das Werkzeug getauscht. Neben der körperlichen Fitness braucht es also vor allem eines für einen gelungenen Klettersteigbau – ein perfekt eingespieltes Team von felsbegeisterten Vollprofis. Loch gereinigt, Kleber fixiert, Tritt angebracht – und erneut wirft Ewald den Bohrer an, wieder Rasenmäher, wieder Weltuntergang. So entsteht ein Klettersteig, Loch für Loch.

Zu den Personen

Alexander Riml: Der Bergführer aus Tumpen im Ötztal ist neben Canyoning- und Raftingguide auch Ausbildner für Industriekletterer und Höhenarbeiter sowie Ausbildner für alle Fachbereiche bei der Tiroler Bergrettung. Kurz: Experte für so ziemlich alles, was mit Bergen zu tun hat. Mehr unter www.activsport-alpin.at

Ewald Holzknecht: Seit 2005 Berg- und Skiführer und die sicherheitstechnische Instanz im Ötztal. Hat in Längenfeld einen Hochseilparcours errichtet und ist sommers wie winters ausgedehnt in den heimischen Bergen unterwegs. alpin-guide.at

Fotos: Simon Schöpf

Simon Schöpf

Simon krallt sich seit mehr als 15 Jahren proaktiv an die Felsen dieser Welt, von Neuseeland bis in die Lofoten. Aber am liebsten dann doch immer noch: Dahoam in Tirol. Ob gemütliches Sportklettern im Ötztal oder alpine Mehrseillängen im Wetterstein, quasi „a bissl zum Fürchten“: Die Abwechslung macht doch das Kraxeln so wunderbar!

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