Vom Glück, etwas mit den Händen zu machen – Buchbinder Bernhard Sanders im Portrait

Aktualisiert am 19.11.2019FabienneFabienne

Eigentlich besuchen wir Bernhard Sanders in seiner Innsbrucker Werkstätte, um mit ihm über Accessoires zu sprechen, die er für den Tirol Shop gefertigt hat. Stattdessen erfahren wir jede Menge über das Leben im Allgemeinen, das Handwerk im Speziellen und zu guter Letzt doch auch noch etwas über jene Taschen und Gürtel, die er exklusiv für die Tirol Kollektion produziert.

Handwerker mit Hang zum philosophisch-intellektuellen Kabarettisten

„Sanders Books and Belts“ steht auf dem unprätentiösen Schild an der Tür zur Werkstatt im historischen Stadteil Wilten. Sie ist die Wirkungsstätte von Bernhard Sanders, dessen genaues Berufsbild mit „Buchbinderei, Kartonagewaren und Etuierzeugung“ beschrieben wird, nach einer Zusatzausbildung darf er offiziell auch noch den Titel eines Taschners führen. Bernhard Sanders. Mitvierziger, weißgraue Haare und ebensolcher Bart, kehliges Lachen. Ehemaliger Schauspielanwärter mit Ambitionen zum Berufsmusiker, heute Handwerker aus Leidenschaft mit Hang zum philosophisch-intellektuellen Kabarettisten. Ein Mann, der altruistische Werte aus der „guten alten Zeit“ mit modernem Pragmatismus in einer Person vereint.

Fast wäre seine Bühne eine andere geworden

„Meine Eltern haben die Werkstatt 1974 gegründet, meine beiden Schwestern und ich durften hier immer basteln. Das war schon toll, als Kind so eine Spielwiese zum Austoben zu haben“, beginnt Bernhard seine Ausführungen. Eben jenes frühe Eintauchen in den elterlichen Betrieb war es dann wohl auch, welches dieses Feuer für handwerkliche Tätigkeiten in ihm entfacht hat. Jedenfalls entschied er sich aus freien Stücken, wie der Vater eine Laufbahn als Buchbinder einzuschlagen. „Das ist wirklich ein Glück, dass mir das so eine Freude bereitet, etwas mit den Händen zu machen. Natürlich hat es immer wieder auch Reibung mit meinem Vater gegeben, aber nie so viel, die mich im Widerstand gegen ihn verbrannt hätte“, erzählt Bernhard. Kurzzeitig sei er nach einem dieser Konflikte, „die es halt braucht zum Erwachsenwerden“ schon nahe daran gewesen, alles hinzuwerfen und stattdessen die künstlerisch-kreativen Ideen, derer es im postadoleszenten Alter schier unzählige gab, schauspielend- oder musizierenderweise auf eine Bühne bringen zu wollen. Dem war dann aber doch nicht so. Heute führt er den Betrieb in zweiter Generation und seine Bühne heißt jetzt Manufaktur Sanders.

Foto: Manuel Pale / Büro Maisengasse

Unikate aus Papier, Pappe, Leder und Leinen

„Wir haben unsere Programm im Laufe der Zeit immer wieder mal verbreitert, ausgelichtet, verändert und konzentriert“ – das Portfolio reicht vom händischen Binden von Büchern über das Fertigen von schmucken Etuis und Schatullen bis hin zum Nähen von trendigen Taschen und klassischen Gürteln. Also kurzgesagt die Herstellung von schönen Dingen aus Papier, Pappe, Leinen und Leder – „Ich hab mir als Kind schon immer Gedanken darüber gemacht, wie etwas hergestellt worden ist und ob ich das auch könnte? Gute Gestaltung bedeutet doch in erster Linie materialgerechtes Arbeiten. Als Handwerker gilt es zu lernen, wie ein Material verarbeitet gehört, oder besser gesagt, wie ein Material verarbeitet werden will“, so Bernhard Sanders.

Foto: Manuel Pale / Büro Maisengasse

Vielseitige Spezialwerkstätte statt Bauchladen

Im Laufe seiner Karriere entwickelte sich die Liebe zum Werkstoff Leder immer stärker –ein Grund, warum er im zweiten Bildungsweg in der Berufsschule Lilienfeld auch noch das Handwerk des Taschners erlernte und seitdem auch Lederwaren wie Gürtel oder Taschen fertigt. Was sich auf den ersten Blick nach einem ziemlichen Bauchladen an Produkten anhören mag, fügt sich in Bernhard Sanders „Spezialwerkstätte für Schönes“ zu einem stimmigen Ganzen. Die verbindende Klammer ist die hohe Präzision und spürbare Liebe, mit welcher die einzelnen Stücke gefertigt werden. Großteils erfolgt dies per Hand, aber es gibt auch die unterschiedlichsten Geräte und Maschinen – teils hundert Jahre alt, teils brandneu – mit denen die Arbeit rationeller gestaltet werden kann. „Wir sind ja nicht im Mittelalter“, fügt der handwerkliche Tausendsassa hinzu.

Foto: Manuel Pale / Büro Maisengasse

Foto: Manuel Pale / Büro Maisengasse

Minderheitenprogramm als Basenpulver für eine übersättigte Gesellschaft

Trotz Zuhilfenahme von Gerätschaften bleibt es aber bei sehr überschaubaren Stückzahlen, in der beschaulichen Werkstatt werden nahezu ausschließlich Auftragsarbeiten für Buchbinderei und Lederwarenerzeugung umgesetzt. „Mir ist vollkommen klar, dass wir hier ein Minderheitenprogramm machen, aber im Grunde haben wir es doch weithin mit einer Übersättigung und Übersäuerung zu tun, da brauchen die Leute ein bissl ein Basenpulver, und dann kommen sie zu uns“, so Sanders. Es gäbe aber auch Leute, die in die Werkstatt kommen und sagen, sie hätten im Internet etwas gesehen, das billiger ist – wer mit so einer Einstellung zu Bernhard Sanders geht, hat das Wesen seiner Produkte wohl noch nicht ganz verstanden … „Das ist schon nicht immer ganz einfach, einerseits die Möglichkeiten des Handwerks, diese Energie und Kraft, die man daraus in sich selbst findet, und andererseits dieser Druck von außen – die Welt, die Industrie. Globalisierung, Pinterest, Amazon ….  Nicht ständig hinterfragt zu sein von schneller, höher, billiger“ bringt der Buchbindermeister das Dilemma einer kleinen Manufaktur auf den Punkt. „Aber zum Glück hab‘ ich mir eine atmungsaktive Imprägnierung zugelegt“, fügt er schmunzelnd hinzu.

Foto: Manuel Pale / Büro Maisengasse

Kleine Firma mit internationalem Standard

Dass er immer wieder auch unter seinem eigenen Perfektionismus leidet, ist mit Blick auf die in der Werkstatt ausgestellten Stücke gut nachvollziehbar. „Manche Menschen haben schon eine interessante Einstellung – alles, was gut gemacht ist, kommt von der Maschine, und alles, was schlampig ist, kommt vom Handwerker. Wenn der aber seine Sache gut macht, dann sagen sie „wow, das ist so toll, das schaut ja aus, als hätte es eine Maschine gemacht“ Paradox, oder?!“  Um die Grenzen des Handwerks wissend, kann es Bernhard Sanders manchmal selbst kaum glauben, was in dieser Werkstatt immer wieder tatsächlich entsteht: „Dinge, bei denen man sich im Nachhinein fragt, wie das eigentlich möglich war – hier in dieser kleinen Firma, nach internationalem Standard gefertigt für richtig namhafte Kunden im In- und Ausland.“ Um Namen auszuplaudern, ist Bernhard Sanders viel zu diskret und auch zu vornehm, aber wir wissen, dass seine Klientel von Einzelpersonen, die auf der Suche nach dem Besonderen sind, über Vorzeigebetriebe der heimischen Hotellerie und Gastronomie bis hin zu international tätigen Konzernen reicht.

Foto: Manuel Pale / Büro Maisengasse

Bernhard Sanders x Tirol

Seit dem Spätherbst 2019 gibt es ausgewählte Stücke aus dem Hause Sanders auch im Tirol Shop. Die Produkte wurden eigens für die Tirol Kollektion entworfen. „Eine Zusammenarbeit mit der Marke Tirol, das stand eigentlich schon seit Jahren auf meiner Langzeitwunschliste“, gibt Bernhard Sanders zu bekennen. Denn zu Tirol – sowohl zum Land selbst als auch zur Marke – habe er seit seiner Kindheit eine enge Bindung. „Ich identifiziere mich total damit, das ist eine wirklich gelungene Marke. Aufgeladen, gewachsen, nicht modisch, sie vermittelt Stabilität und Selbstbewusstsein, und Liebe zur Heimat – auch wenn das jetzt ein bissl kitschig klingen mag“, so Sanders. Und stolz sei er auch, als „Minibetrieb“, wie er es selbst nennt, für Tirol eine eigene Kollektion zu produzieren.

Im Mittelpunkt steht eine kleine Auswahl an Gürteln und Taschen, die er übrigens gemeinsam mit seiner Schwester Lisa fertigt. Die Stücke sind dabei aufs Wesentliche reduziert – „das Material spricht für sich allein, da braucht es keine Inszenierung oder handwerkliche Darbietung“, erklärt der Meister.

Foto: Manuel Pale / Büro Maisengasse

Keine Lust auf Unorte

In Sachen Mitarbeiterführung und Zusammenarbeit braucht er übrigens auch keine Inszenierung. Bernhard legt echten Wert darauf, wie es den Menschen geht, die bei ihm arbeiten – vier Mitarbeiterinnen sind es und eben seine Schwester Lisa. Er redet viel von Entwicklungschancen, gegenseitiger Wertschätzung und intuitivem Zusammenarbeiten. „Unser Team fühlt sich an wie eine Gruppe Delfine, die leicht versetzt und doch gleichförmig, spielerisch aber doch effizient dahingleitet. Das überträgt sich auch auf die Produkte, das sind keine zerredeten Dinge“, sagt er.

Und dann erzählt Bernhard uns auch noch davon, dass er sogar mit dem Rad einen Umweg in Kauf nimmt, wenn er dafür einen schöneren Weg entlangfahren kann. „Ich will nicht an Unorten sein, arbeiten oder leben. Auch wenn ich es dort billiger kriege, will ich da nicht hin“, sagt er. Und wir glauben es ihm aufs Wort.

Fabienne

Fabienne ist Tirol Werberin aus Leidenschaft. War früher ständig in der Welt unterwegs und hat sich gewundert, warum so viele Leute Urlaub in Tirol machen. Jetzt wundert sie nichts mehr, denn mit vielen bereisten Ländern im Gepäck bestätigt sie: es gibt wohl keinen schöneren Platz auf Erden als Tirol.

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