„Unser Wellnessbereich ist die Natur“: der Alpengasthof Praxmar

08.01.2020IreneIrene

Luis Melmer und seine Familie bewirtschaften im Lüsenstal nahe Innsbruck ein Paradies für Menschen, die nicht auch noch in ihrer Freizeit Hektik und Stress brauchen.

So weit können lächerliche 30 Kilometer oder 40 Autominuten sein. So weit entfernt von jeder Hektik des täglichen Lebens in einer Stadt wie Innsbruck. Es ist ein gleißend sonniger Nachmittag im Spätwinter oder Vorfrühling, wie man’s nimmt. Wir stehen auf einem Balkon des Alpengasthofs Praxmar, rund um uns mächtige Gipfel, tief unter uns das Lüsenstal.

Blick vom Balkon des Alpengasthof Praxmar auf die mächtigen Gipfel im Lüsenstal.

„Du bist hier wirklich der König in deinem Reich!“

Alois „Luis“ Melmer ist Chef in 22. Generation.

Alois „Luis“ Melmer, der Seniorchef, erzählt versonnen: „Ich beobachte das sehr oft: Viele kommen mit einem schweren inneren Rucksack bei uns an. Wenn sie dann ein paar Tage hier verbringen, sind sie merklich erleichtert. Es gelingt ihnen, den Rucksack zu leeren oder zumindest wegzustellen, weil sie für kurze Zeit das sein können, was wir Menschen eigentlich von Natur aus sind. Unser Wellness-Bereich ist die Natur.“

In dieser Kulisse lässt es sich leicht den inneren Rucksack ablegen.

Luis und ich schauen ins Land, ähnlich ruhig und zufrieden wie die Skitourengeher, die sich in kurzen Ärmeln auf der Gasthaus-Terrasse fläzen und mit herzhaften Spezialitäten für sportliche Leistungen belohnen. Luis deutet hierhin und dorthin: „Da hinten geht die Rodelbahn hinauf. Da unten siehst du den Fischteich, da drüben ist unser Zirbenwald.“ „Du bist hier wirklich der König in deinem Reich!“, sage ich beeindruckt. Luis zögert: „Ja, irgendwie schon. Aber ich hör’ das nicht gern, ich hab’ das alles nur geerbt.“

Seit 22 Generation am Hof

Abgesehen davon, dass das mit dem Erben für Monarchien nicht unüblich ist, stimmt Luis’ Einwand, aber nur zum Teil. Luis Melmer bewirtschaftet den Alpengasthof Praxmar in der 22. Generation, in seine Regentschaft allerdings fiel eine Entscheidung, die, wäre sie anders ausgefallen, das Tal massiver verändert hätte als alles, was hunderte Jahre zuvor war.

Alois‘ Entscheidung beeinflusste die Veränderung des Tales massiv.

Doch der Reihe nach: Das Lüsenstal ist ein Seitental des Sellraintals, das seinerseits ein Seitental des Inntals ist. Praxmar, auf 1700 Metern Seehöhe gelegen und über eine gut ausgebaute Straße zu erreichen, ist nicht einmal ein Weiler, sondern bloß eine Rotte, also eine sehr kleine Siedlung, die aus einzelnen locker hingeworfenen Gebäuden besteht.

„Es gab allerdings ein Problem und das war ich.“

Luis’ Mutter musste den Hof mit kaum 18 Jahren in der Zwischenkriegszeit übernehmen. 1941 kam ein junger Berufsjäger ins Spiel: Luis’ Vater. Die Melmers bekamen zwei Töchter, 1946 Luis und dann noch weitere drei Kinder. Die Nachkriegsgeschichte von Praxmar liest sich wie viele dieser Geschichten in Tirol: Die Touristen kamen nach und nach wieder, es ging stetig aufwärts, Melmer senior war „sehr dynamisch und hat 1961 einen Lift gebaut, vorher war ja überhaupt nix da“. Der kleine Luis wurde mit zehn Jahren in ein damals hochrenommiertes Jesuiteninternat in Vorarlberg geschickt. „Ich weiß nicht, was sich der Vater dabei gedacht hat, aber jedenfalls war ich nicht glücklich dort.“ Was zur Folge hatte, dass der Bub, sobald der Lift in Betrieb war, nicht mehr in die Schule ging, sondern lieber Gästen in die Liftsessel half.

Der damalige Alpengasthof.

Der Alpengasthof beherbergt so einige Schätze.

Alois rettete religiöse Unikate aus der alten Kapelle.

Als andere Tiroler Skigebiete in den Achtzigerjahren massiv ausgebaut wurden, erste Schneekanonen installiert und die Gletscher nach und nach erschlossen wurden, stand auch in Lüsens-Praxmar eine folgenschwere Entscheidung an: „Mein Vater wollte das ganze Gebiet erschließen. Der Plan war fix und fertig, ein großer Liftbetreiber als Investor an Bord. Es gab allerdings ein Problem und das war ich.“

Protestmarsch auf Tourenskiern

Der junge Luis veranstaltete mit einer Clique von Gleichgesinnten eine Protest-Skitour auf die Lampsenspitze, um den großen Ausbau zu verhindern. Der Konflikt im Hause Melmer schaffte es damals sogar in die regionale Zeitung. Gescheitert ist das Ganze letztlich daran, dass sich der Besitzer der für Parkplätze nötigen Flächen weigerte, diese herzugeben.

Sein Protestmarsch schaffte es in die regionalen Zeitung.

Noch Anfang der Nullerjahre dieses Jahrtausends „haben mich alle ausgelacht und mir prophezeit, dass ich mit ,meinen Rucksacktouristen’ nicht überleben werde“, erinnert sich Luis. Heute ist allerdings er derjenige, der gut lachen hat. Der sanfte Tourismus erlebt einen Boom, für Skitourengeher, Rodler, Langläufer und Schneeschuhwanderer ist Lüsens ein Paradies. Zur Wildfütterung nimmt Luis gern Gäste mit; und „viele Kinder verbringen sowieso lieber den ganzen Tag im Stall bei den Haflingern oder meinem Grauvieh als auf den Skiern.“

Das Grauvieh Kälbchen ist Anziehungsmagnet für Kinder.

Auch Haflinger beherbergt der Alpengasthof.

„Wir sind „heute da, wo wir immer hin wollten.“

Obwohl es in Praxmar „acht Monate Winter und ein Vierteljahr kalt“ ist, entwickelt sich auch die Sommersaison mit der stetig wachsenden Zahl von Wanderern, Bergsteigern sowie Mountainbikern prächtig. Nicht zu vergessen das Spektakel Hirschbrunftwoche, das jeden Herbst für ein ausgebuchtes Haus sorgt. Die Landwirtschaft, das Wirtshaus, Gästezimmer für 60 plus zwei Matratzenlager für weitere 40 Personen und dazu acht Ferienwohnungen wollen bewirtschaftet sein — Arbeit ohne Ende für Luis, seine Ehefrau Maria und die Töchter Renate und Andrea. Oder wie es Luis ausdrückt: „Wir sind „heute da, wo wir immer hin wollten. Und ich genieße jeden Tag.“

Alois und seine Tochter.

24. Generation in den Startlöchern

Letzteres am intensivsten in der Landwirtschaft und bei allen Arbeiten in der Natur, wo er auch Zeit zum Nachdenken findet. Luis holt zu einer leidenschaftlichen Ansprache aus, um eindringlich zu präzisieren, was ihn umtreibt: „Es ist ja keine Frage: Der Tourismus hat binnen weniger Jahrzehnte für großen Wohlstand auch in den entlegensten Tälern geführt. Aber der Mensch kommt und geht, die Berge bleiben. Qualitativ gibt es selbstverständlich immer etwas zu verbessern, aber quantitativ sind wir, glaube ich, an einer Grenze angelangt, die man akzeptieren muss. Ich würde zum Beispiel in Personalunterkünfte investieren, bevor ich ein Skigebiet noch größer ausbaue. Das verstehe ich unter Nachhaltigkeit.“

Und wie, apropos Nachhaltigkeit, geht es mittelfristig mit dem Alpengasthof Praxmar weiter? Das Gasthaus hat Luis bereits an seine Töchter überschrieben, den Hof wird er demnächst übergeben. Und auch Luis’ Teenager-Enkelin besucht bereits die Hotelfachschule. Luis lacht: „Wenn ich die 22. Generation bin, mache ich mir also zumindest bis zur 24. Generation keine Sorgen.“

Irene

Die Journalistin, Autorin und Moderatorin Irene Heisz schreibt am BlogTirol scharfsinnig und mit dem ihr typischen Augenzwinkern über Tirol, die Tiroler und deren kuriose Eigenheiten.

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1 Kommentar

Vera petrovic

Kriskot di gefelt mih super aba sjne frage brauhen zi filajht mitarbajterin fir somer sezon

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