(Über-)Leben in der Fasnacht – von A wie Abstand halten bis Z wie Zottler

06.02.2020BenjaminBenjamin
Imster Schemenlaufen Foto: Tirol Werbung / Aichner Bernhard

In der Tiroler Fasnacht – im deutschsprachigen Raum besser bekannt unter Fasching oder Karneval – streifen seltsame Wesen durchs Land. Aber keine Angst: mit unserem Survival-Guide kann euch nichts mehr erschüttern.

A wie Abstand halten (siehe Wampelerreiten): Bei Faschingsumzügen geht es ganz schön rund. In der ersten Reihe fußfrei kann man in der feuchtfröhlichen Stimmung leicht Heu, Dreck oder eine Bierdusche abbekommen. Bei manchen Fasnachtsfiguren (siehe Charaktere) ist eine Interaktion mit dem Publikum sogar Pflicht: Meistens wird man entweder geneckt (siehe Hexen) oder abgefüllt (siehe Schnaps). Wer das nicht möchte, sollte sich das Spektakel lieber aus der zweiten Reihe anschauen.

Beim Wampelerreiten in Axams empfiehlt es sich, Abstand zu halten.

B wie Ball: Traditionellerweise statten die verschiedenen Brauchtumsgruppen den (Faschings-)Bällen ihrer jeweiligen Regionen einen Besuch ab. Die heurige Ballsaison ist schon fast zu Ende – trotzdem kann man zum Beispiel am Höttinger Nudlball am 8. Februar im gleichnamigen Innsbrucker Stadtteil eine typische Mitternachtseinlage erleben. Im Ort Aldrans bei Innsbruck findet am 21. Februar das alljährliche „Mullerschaug’n“ statt. Wenn man es schafft, sollte man unbedingt einen Ball in den sogenannten MARTHA-Dörfern besuchen (siehe Muller).

C wie Charaktere: Tiroler Fasnachtsbräuche haben ein großes Ensemble an verschiedenen Figuren mit den unterschiedlichsten Aufgaben. Die Figur Tuxer ist mit ihrer Tracht aus Lederhose, weißem Hemd und Maske eine archaische Version der Händler aus dem Zillertal, die früher durch Europa zogen. Klötzler sind durch hunderte Holzschindeln, die auf ihr Kostüm genäht sind, schon von weitem zu hören. Die Schleicher pirschen sich an ihr Publikum an und versuchen es mit lauten Schreien zu erschrecken. Die Symbolik der einzelnen Figuren ist einfach und faszinierend zugleich: Mythische Wesen und die Geister der Vorfahren sollen den Winter vertreiben und für ein fruchtbares Jahr sorgen.

Die Spiegeltuxer erinnern an die alten Händler aus dem Zillertal.

E wie Eingraben: Eine schaurige und zugleich komische Tradition gibt es alle fünf Jahre in Telfs im Tiroler Oberland. Wenn dort die Fasnacht (siehe Telfer Schleicherlaufen) endet, wird bei einem fiktiven Begräbnis unter Krokodilstränen und Geheul stellvertretend für die Fasnacht der sogenannte Naz eingegraben. Als das Ende der Fasnachtszeit gilt allgemein der Aschermittwoch, an dem nach katholischem Glauben eine vierzigtägige Fastenzeit vor Ostern beginnt.

F wie Fisser Blockziehen: Ein Gruppe verkleideter Männer zieht einen 35 Meter langen Baum auf Schlitten durch ein kleines Dorf – das „Blochziehen“ in Fiss klingt zugegeben nach einem Spin-Off des Horror-Klassikers „The Wicker Man“. Das Frühjahrs- und Fruchtbarkeitsfest hat aber in Wahrheit eine lange Tradition. Figuren wie Fuhrmänner, Bärentreiber oder Bajatzl sollen böse Dämonen, die durch Hexen und Schwoaftuifl symbolisiert werden, vertreiben und gute Geister und den Frühling heraufbeschwören. Am Ende des Umzugs wird das Holz der gezogenen Zirbe traditionellerweise versteigert. Aufgepasst: Das Blochziehen findet leider nur alle vier Jahre und erst wieder 2022 statt.

Beim Fisser Blochziehen wird ein 35 Meter langer Baum auf Schlitten durch das kleine Dorf Fiss gezogen. Foto: TVB Serfaus Fiss Ladis / Andreas Kirschner

G wie Goaslschnölln: Menschen, die mit riesigen Peitschen auf Tirols Straßen herumlaufen, haben zur Fasnachtszeit nicht unbedingt etwas Böses im Sinn. Goaslschnölln war wie einst das Jodeln ein analoges Kommunikationsmittel auf Almen. Durch das Knallen der Peitschen will man im Fasching aber vor allem den langen Winter vertreiben.

H wie Hexen: In fast jeder Tiroler Fasnacht spielen Hexen eine große Rolle. Sie sind es, die in der Regel vertrieben werden müssen, um auch den Winter loszuwerden. Besonders alte Tiroler Hexenmasken datieren zurück ins 18. Jahrhundert. Die meist von Männern dargestellten Figuren begleiten die Umzüge und Fegen die Füße der Zuseher. Auch hier gilt: wem seine Raulederschuhe lieb sind, sollte noch mal bei „Abstand halten“ nachlesen.

Die Hexen werden meist von Männern dargestellt.

I wie Imster Schemenlaufen: Weltkulturerbe der UNESCO ist das Imster Schemenlaufen. Das auch wirklich heuer (9. Februar 2020) stattfindende Fest ist zurecht ein Besuchermagnet: Rund 900 Männer verkleiden sich alle vier Jahre für den riesigen Umzug. Die wichtigsten Figurengruppen der Imster Fasnacht sind Roller und Scheller, die als Gegensatzpaar auftreten. Die „Kübelemajen“, „Sackner“ und „Spritzer“ bahnen den Hauptcharakteren einen Platz durch die Zuschauermenge. Was sich auf dem Bildschirm seltsam liest, macht vor Ort ein stimmiges Bild.

Beim Imster Schemenlaufen treten Roller (links) und Scheller (Mitte) als Gegensatzpaar auf.

K wie Kämpfen: In der Tiroler Fasnacht geht es mitunter rau zu. Gekämpft wird dabei aber nicht nur Mann gegen Mann wie beim Wampelerreiten. Die eigentliche Mission der Fasnachtsbräuche ist der Kampf von Gut gegen Böse, Frühling gegen Winter. Die Wurzeln mancher Bräuche reichen bis in vorchristliche Zeiten zurück: immerhin werden hier Geister beschwört, verkörpert, vertrieben und verzaubert.

L wie Larven: Die geschnitzten Holzmasken der Verkleideten, hierzulande „Larven“ genannt, sind oft nicht nur kostbare Familienerbstücke, sondern Handwerkskunst. Die Larven werden von Meistern ihres Fachs geschnitzt und bemalt („gefasst“, wie man unter Larvenschnitzern sagt). Die verschiedenen Fasnachtsgemeinden haben für ihre Zwecke unterschiedliche Masken. Die Larven zur Nassereither Fasnacht stammen beispielsweise vom Tiroler Künstler und Bildhauer Franz Josef Kranewitter.

M wie MullerundMatschgerer: In den (Stadt-)Gemeinden nordöstlich von Innsbruck gibt es einen eigenen Fasnachtsbrauch. Die Fasnachtszeit in den MARTHA-DörfernMühlau, Arzl, Rum, Thaur und Absam gehört nämlich den Mullern und Matschgerern. „Tuxer“, „Melcher“, „Zaggler“ oder „Zottler“ heißen die Figuren, die auf den Umzügen nach Hierarchien, Mustern und Choreografien gestaffelt auftreten. Wer das volle Programm der Tiroler Fasnacht kennenlernen will, der sieht sich die Muller und Matschgerer am besten auf einem der Bälle an. „Mullerschaug’n“ kann man in den genannten Dörfern auch in manchen Gasthäusern, denen die Brauchtumsgruppen Besuche abstatten.

In den MARTHA-Dörfern wird die Fasnacht mit Mullern und Matschgerern gefeiert.

N wie Nassereither Schellerlaufen: Das Schellerlaufen in der kleinen Oberländer Gemeinde ist etwas Besonderes. Nur alle drei Jahre findet der zum Immateriellen Kulturerbe der UNESCO ernannte Festumzug statt. Die bunten barocken Kleider und die unheimlichen und zugleich schönen Masken der Teilnehmer machen das Schellerlaufen zu einem der schönsten Fasnachtsumzüge in den Alpen. 450 Menschen der 2.000-Seelen-Gemeinde ziehen am Tag der Fasnacht durch die Gassen des Dorfes. Das nächste Schellerlaufen kann man in zwei Jahren wieder erleben.

Q wie Quote: Fasnacht in Tirol war jahrhundertelang eine reine Männerdomäne. Bis heute befinden sich selbst unter den weiblichen Fasnachtsfiguren fast ausschließlich Männer. Vereinzelt findet man auch Ausnahmen: In der Gemeinde Ellbögen zum Beispiel waren es die Frauen des Ortes, die die Tradition des Schellenschlagens wieder aufleben ließen.

S wie Schnaps: Dass es zur Fasnachtszeit gerne etwas flüssiger zugeht, ist kein Geheimnis. Wer allerdings vorhat, sich bei den Umzügen in der ersten Reihe zu positionieren, sollte lieber nicht mit dem Auto anreisen. Zahlreiche Fasnachtsteilnehmer haben ihren Flachmann gut gefüllt und gehen mit dem Inhalt nicht gerade geizig um: In den MARTHA-Dörfern werden die Zuseher der Umzüge „abgemullt“. Nach einem Schlag auf die Schulter bekommt man von der verkleideten Person einen Schluck Schnaps. Prost.

T wie Telfer Schleicherlaufen: Alle fünf Jahre schleichen mit Glocken behangene Männer durch die Marktgemeinde. 500 Fasnachtsteilnehmer bereiten sich auf das ebenfalls als Immaterielles Kulturerbe geltende Spektakel vor, das nur alle fünf Jahre stattfindet.

Alle fünf Jahre findet das als immaterielles Kulturerbe der UNESCO bekannte Telfer Schleicherlaufen statt.

U wie Unsinniger Donnerstag: An diesem Donnerstag vor dem Faschingsdienstag finden in zahlreichen ländlichen Tiroler Gemeinden Fasnachts- und Faschingsumzüge statt. Auch abseits der großen Umzüge kann man an allen Ecken und Enden des Landes erleben, wie man in Tirol (Fasching) feiert. Als Fasnachts-Entdecker erkennt man bald: es gibt nichts, was es nicht gibt.

W wie Wampelerreiten: Es sind weder Michelin-Männchen noch Mensch gewordene Marshmallows, die einem in der Gemeinde Axams in der Faschingszeit begegnen: Die sogenannten Wampeler („Wampe“ bedeutet ‚Bauch‘) mit ihren ausgestopften weißen Gewändern werden am Faschingssonntag von den Reitern zum Ringen herausgefordert. Im symbolischen Kampf zwischen Winter und Frühling müssen letztere die Wampeler vor einer Zuschauermenge auf den Rücken werfen. Bei diesem gefährlichen Spiel am 20. Februar kann man eigentlich nur Hals und Beinbruch wünschen.

Die sogenannten „Wampeler“ mit ihren ausgestopften weißen Gewändern werden am Faschingssonntag von den „Reitern“ zum Ringen herausgefordert.

Z wie Zottler: Einer der Klassiker der Tiroler Fasnachtsfiguren ist ein beliebtes Postkartenmotiv und ein nachvollziehbares Sinnbild des Winters: zerfranst, schlecht gelaunt und mit einer seltsamen Frisur. Kennen wir alle.

Benjamin

Benjamin Stolz liebt und lebt die Gegensätze des Alpenlandes. Als Tiroler mit Höhenangst, papiervernarrter Blogger und Stadtmensch vom Land ist er der Meinung, dass es in Tirol mehr zu entdecken gibt, als man glaubt.

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