Auf die sanfte Tour: Winterurlaub im Bergsteigerdorf Schmirn

Aktualisiert am 02.03.2020Sebastian HöhnSebastian Höhn
Almfläche der Zirmaalm unterhalb des Rauhen Kopfes im Schmirntal.

Was den Lärm der Zivilisation am besten dämpft, ist Schnee. Im Bergsteigerdorf Schmirn gibt es im Winter noch sehr viel davon, allerdings (fast) keinen Lärm, der sich dämpfen ließe. Eine Woche lang haben meine Frau und ich dieses verträumte Tal in den Tuxer Alpen mit Schneeschuhen erkundet – und zum ersten Mal ausprobiert, ob wir im Bergurlaub ohne Auto auskommen. Bericht einer Rucksack-Reise.

Es ist, als wollte man uns mit Salutschüssen verabschieden, an diesem letzten, eiskalten Morgen in Kasern, ganz hinten am Ende des Schmirntals. Eine Woche Winterurlaub liegt hinter uns. In einem abgelegenen Seitental der Tuxer Alpen, dessen Ruhe und Ursprünglichkeit wir in uns aufgesogen haben. Umso irritierter sind wir zunächst über das ferne, dumpfe Donnern. Je weiter wir Richtung Talschluss wandern, desto vernehmbarer wird es. Dann ist ein Hubschrauber zu sehen, der an einem Berggipfel kreist. Wir erinnern uns: Auf der anderen Seite verbirgt sich der Hintertuxer Gletscher mit seinen Skipisten, und es gab eine Menge Neuschnee. Also müssen dort die Lawinensprengmeister am Werk sein.

Dann ist die Abschiedskanonade vorbei und nur wenig später blinzelt die aufgehende Sonne hinter dem Berg hervor, an dem eben der Hubschrauber kreiste. Wir nehmen noch einmal die wiederhergestellte Ruhe in uns auf – und die Wärme der Sonnenstrahlen. Denn die -16 Grad an diesem Morgen haben unseren Fingern und Zehen zugesetzt. Schmirn, das haben uns die Leute im Ort berichtet, kann ein echtes Kälteloch sein.

Zum Abschied zeigte sich Kasern nochmal von seiner schönsten Seite.

Sieben Tage vorher. Meine Frau und ich sitzen im Zug von Berlin in Richtung Innsbruck. Eine Woche Schneeschuhwandern liegt vor uns. Wir freuen uns auf verschneite Berge, die Ruhe eines touristisch wenig erschlossenen Tals und hoffen auf winterliche Temperaturen.

Bisher sind wir fast immer mit dem Auto in die Berge gefahren. Weil wir in den abgelegenen Tälern, in die es uns oft verschlägt, flexibel sein wollen. Dieses Mal aber fahren wir mit der Bahn, vor Ort werden wir den öffentlichen Nahverkehr ausprobieren. Schon länger denken wir darüber nach, das eigene Auto endgültig abzuschaffen. Vor allem aus Klimaschutzgründen, aber auch, weil es uns auf den oft übervollen Straßen zu anstrengend wird und wir die Zeit in der Bahn viel sinnvoller zum Arbeiten oder Lesen nutzen können. Nun fragen wir uns: Wird uns das Auto vielleicht doch fehlen? Kommen wir mit dem übersichtlichen Busfahrplan zurecht. Und: Erspart uns insbesondere die Deutsche Bahn Verspätungen, Zugausfälle und sonstige Abenteuer?

Als wir in Steinach am Brenner mit der S-Bahn aus Innsbruck ankommen, haben wir eine höchst angenehme Anreise hinter uns, ohne eine einzige Minute Verspätung. Beim örtlichen Tourismusverband Wipptal händigen uns die Mitarbeiterinnen die Schneeschuhe aus, die unsere Gastgeberin vorab für uns bestellt hat. Was uns dabei positiv überrascht: Mit der Gästekarte erhalten wir die Leih-Ausrüstung die ganze Woche lang kostenlos. Das haben wir noch nicht erlebt. Obendrauf gibt es zwei paar Grödel (Halbsteigeisen). Überhaupt wird uns autolosen Urlaubern die Gästekarte immer sympathischer. Denn die Damen im Tourismusbüro erzählen uns, dass sie seit Anfang des Jahres auch als Fahrkarte für den gesamten ÖPNV in der Region gilt – bis hinunter nach Innsbruck und hinauf zum Brenner.

Steinach im Wipptal ist von Innsbruck aus in 20 Minuten mit der S-Bahn erreichbar. Von dort geht es mit den Bussen des VVTs in die Seitentäler.

Mit der Gästekarte ist der Verleih von Schneeschuhen im Wipptal kostenlos.

Kurz darauf sitzen wir im Postbus, der sich oberhalb von St. Jodok die steilen Serpentinen ins zunehmend verschneite Schmirntal hinaufarbeitet. St. Jodok, das Schmirntal und das benachbarte Valsertal gehören zu den Bergsteigerdörfern der Alpenvereine, die nach der Devise „Weniger ist mehr“ den Einklang zwischen Mensch und Natur in den Mittelpunkt stellen. 2019 kam auch das gegenüberliegende Gschnitztal dazu.

Dann sind wir endlich da. Ortsteil Toldern, eine Handvoll Höfe, ein Gasthaus und ein freier Blick auf den majestätischen Olperer (3.476 Meter), dessen markante Gipfelwand gerade im warmen Abendlicht erstrahlt. Mehr gibt es hier nicht. Keine Bergbahnen, kein Skigebiet, keine Hotelburgen. Dafür unglaublich viel Ruhe. Und eine Gastgeberin, die uns schon auf der Straße entgegenläuft, um uns zu begrüßen.

In den ersten Tagen kommen wir ganz ohne den Postbus aus. Wir entdecken die Möglichkeiten, die sich direkt vor unserer Tür bieten. Und die sind zahlreich. Auf Schneeschuhen laufen wir durch das Wildlahnertal dem Olperer entgegen und hinauf zur Isse-Alm, entdecken den einsamen Weiler Kasern mit dem zu Eis erstarrten Schragerwasserfall, wandern ein Stück in Richtung Mader-Ochsenalm hinauf. Die schönste Tour allerdings führt uns auf den Rauhen Kopf (2.150 Meter). Durch dichten Nadelwald und offenes Almgelände geht es auf diesen Vorgipfel der Hohen Warte, von dem sich ein wunderschöner Blick in die westlich gelegenen Stubaier Alpen mit dem alles überragenden Habicht bietet. Höher gehen wir nicht, denn weiter oben liegt die Lawinengefahr bei Stufe 3.

Auf dem Weg zur Isse-Alm im Wildlahnertal.

Auf der Zirmaalm unterhalb des Rauhen Kopfes.

Blick vom Rauhen Kopf über das Schmirntal bis in die Stubaier Alpen.

Nicht nur für Schneeschuhwanderer ist das Schmirntal eine ideale Destination, auch Skitourengeher fühlen sich in dem schneebegünstigten Tal pudelwohl.

Mehrmals begegnen uns kleine Gruppen von Skitourengehern. Beim Abendessen im Gasthaus Olpererblick erzählt uns die junge, gut gelaunte Wirtin Kati Früh, das Schmirntal und seine Nachbartäler würden immer beliebter für Skitouren. Das liege auch daran, dass hier besonders viel Schnee falle. Innerschmirn, heißt es, profitiere in Sachen Niederschlag von seiner Nähe zu den Zillertaler Alpen. „Bei uns im Betrieb ist deshalb im Winter mehr los“, sagt Kati. Im Sommer sei es vergleichsweise ruhig, weil viele Wanderer auf den Berghütten einkehrten. Das Gasthaus ist Mitglied bei den „Tiroler Genussregionen“ und hat sich dem Tiroler Grauvieh verschrieben. Eine alte Rinderrasse, die den Sommer auf den umliegenden Almen verbringt. „Ich sehe es auch als meine Aufgabe an, die Leute von ihrem Stress herunterzuholen“, sagt Kati. Hektik und Ungeduld auf 1.500 Metern Höhe – das dürfe es eigentlich gar nicht geben.

In unsere kleine, hübsche Ferienwohnung sind es vom Gasthaus nur wenige Schritte. Sie befindet sich direkt im Wohnhaus von Familie Salchner, unseren überaus herzlichen Gastgebern. In der zweiten, größeren Ferienwohnung ein Stockwerk höher haben sich gerade einige Skitourengeher einquartiert. Die Betten und Möbel verströmen den beruhigenden Duft von Zirbenholz. Sie stammen aus eigener Herstellung – Gerhard Salchner betreibt direkt neben dem Haus eine Tischlerei. Aus dem Küchenfenster blicken wir auf einige der schönen alten Höfe in der Nachbarschaft und talauswärts auf die Berge des Wipptals, das uns von hier aus sehr fern erscheint.

Schmirn-Toldern, Blick von der Pension Gertraud.

Die Menschen, die uns begegnen, sind hilfsbereit. Als es mal einen ganzen Tag regnet, nimmt uns Kati vom Gasthaus mit dem Auto nach Innsbruck mit. Auf dem Rückweg von einer Wanderung steigen wir in das Auto von anderen Urlaubern ein, nachdem meine Frau an der Straße kurzerhand den Daumen rausgestreckt hat. Und der Rufbus-Fahrer, der an drei Tagen in der Woche für Gästekarteinhaber kostenlos fährt, macht eine Ausnahme und bringt uns Zwei außerplanmäßig nach St. Jodok. Nachdem der Regen wieder in Schnee übergegangen ist und wir die Naturrodelbahn in Toldern ausprobieren wollen, werden uns zudem von allen Seiten Schlitten angeboten. Wir stellen wieder einmal fest: Wer ohne Auto unterwegs ist, kommt viel mehr mit Einheimischen in Kontakt – und muss sich obendrein keine Gedanken über Schneeketten und geräumte Straßen machen.

Auf der Naturrodelbahn oberhalb von Toldern.

Am letzten Abend, während draußen der Neuschnee auf 40 Zentimeter anwächst, laden uns Gertraud und Gerhard Salchner zum Abschied in ihre Wohnküche ein. Es gibt – natürlich – Zirbenschnaps und das wärmende Gefühl, nicht nur als zahlende Gäste, sondern vor allem als Menschen willkommen zu sein.

Nachdem uns am nächsten Tag die Lawinensprengmeister vom Hintertuxer Gletscher auf ihre Art verabschiedet haben, sitzen wir gut erholt wieder im Zug Richtung Berlin und warten in Innsbruck auf die Abfahrt. Wir fragen uns: Hat uns in den vergangenen Tagen einmal ernsthaft das Auto gefehlt? Klare Antwort: nein. Zuerst reichten uns die Schneeschuhe. Danach mussten wir uns auf den durchaus lückenhaften Busfahrplan einstellen. Aber wir fanden immer eine Antwort auf unsere Mobilitätsbedürfnisse.

Die Abreise beginnt mit dem Bus.

Eine Lautsprecherdurchsage holt uns aus unserer Rückschau in die Gegenwart zurück: Die Lok müsse getauscht werden, der Zug werde so bald nicht abfahren. Es ist der Auftakt zu einem kleinen Abenteuer, mit dem wir nicht mehr gerechnet haben. Im nächsten Bahnhof dasselbe wieder: Nun muss die Ersatz-Lok ersetzt werden. Lange wissen wir nicht, ob und wie es weitergeht. Als wir nach mehr als einer Stunde wieder rollen und der Zugchef mit immer neuen Hiobsbotschaften bezüglich der Anschlüsse in München aufwarten muss, fängt er die Ärgernisse mit humorvollem Fatalismus auf: Die Strecke durch das Inntal sei seine Pechroute, immer habe er hier schlechte Nachrichten zu verkünden. Wir Fahrgäste sollten doch einmal erwägen, mit ihm Richtung Salzburg zu fahren. Da laufe immer alles glatt.

Am Ende bekommen wir in München unerwartet eine schnelle Verbindung nach Berlin, die die Verspätung zusammenschmelzen lässt. Der Tirol-Urlaub ohne Auto hat gut funktioniert. Das schöne Salzburg kann warten.

Fotos: Sebastian Höhn

Sebastian Höhn

Der Berliner Journalist und Fotograf sieht Tirol aus den Augen des Urlaubers, auf den die Berge eine geradezu magische Anziehungskraft haben. Wandern und Bergsteigen sind für ihn das reine Glück. Da findet der Großstädter in seine Mitte zurück.

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